• S.

    VII

    „Ja, aber die Ärzte, die Ärzte! Ich bringe Sie
    nicht dazu, auf das eigentliche Thema unserer Unter-
    redungen einzugehen. Sie weichen mir noch immer
    aus. Es handelt sich doch darum, ob man nicht den
    Ärzten das ausschließliche Vorrecht auf die Ausübung
    der Analyse zugestehen muß, meinetwegen nachdem
    sie gewisse Bedingungen erfüllt haben. Die Ärzte
    sind ja gewiß nicht in ihrer Mehrheit die Kurpfuscher
    in der Analyse, als die Sie sie geschildert haben. Sie
    sagen selbst, daß die überwiegende Mehrzahl Ihrer
    Schüler und Anhänger Ärzte sind. Man hat mir
    verraten, daß diese keineswegs Ihren Standpunkt
    in der Frage der Laienanalyse teilen. Ich darf na-
    türlich annehmen, daß Ihre Schüler sich Ihren For-
    derungen nach genügender Vorbereitung usw. an-
    schließen, und doch finden diese Schüler es da-
    mit vereinbar, die Ausübung der Analyse den
    Laien zu versperren. Ist das so; und wenn, wie er-
    klären Sie es?“

    „Ich sehe, Sie sind gut informiert, es ist so. Zwar

  • S.

    104

    nicht alle, aber ein guter Teil meiner ärztlichen Mit
    arbeiter hält in dieser Sache nicht zu mir, tritt für
    das ausschließliche Anrecht der Ärzte auf die ana-
    lytische Behandlung der Neurotiker ein. Sie ersehen
    daraus, daß es auch in unserem Lager Meinungs-
    verschiedenheiten geben darf. Meine Parteinahme ist
    bekannt und der Gegensatz im Punkte der Laien-
    analyse hebt unser Einvernehmen nicht auf. Wie ich
    Ihnen das Verhalten dieser meiner Schüler erklären
    kann? Sicher weiß ich es nicht, ich denke, es wird
    die Macht des Standesbewußtseins sein. Sie haben
    eine andere Entwicklung gehabt als ich, fühlen sich
    noch unbehaglich in der Isolierung von den Kollegen,
    möchten gerne als vollberechtigt von der Profession
    aufgenommen werden und sind bereit, für diese
    Toleranz ein Opfer zu bringen, an einer Stelle, deren
    Lebenswichtigkeit ihnen nicht einleuchtet. Vielleicht
    ist es anders; ihnen Motive der Konkurrenz unter-
    zuschieben, hieße nicht nur sie einer niedrigen Ge-
    sinnung zu beschuldigen, sondern auch, ihnen eine
    sonderbare Kurzsichtigkeit zuzutrauen. Sie sind ja
    immer bereit, andere Ärzte in die Analyse einzu-
    führen, und ob sie die verfügbaren Patienten mit
    Kollegen oder mit Laien zu teilen haben, kann für
    ihre materielle Lage nur gleichgültig sein. Wahr-
    scheinlich kommt aber noch etwas anderes in Be-
    tracht. Diese meine Schüler mögen unter dem Ein-
    fluß gewisser Momente stehen, welche dem Arzt in

  • S.

    105

    der analytischen Praxis den unzweifelhaften Vorzug
    vor dem Laien sichern.

    „Den Vorzug sichern? Da haben wir’s. Also ge-
    stehen Sie diesen Vorzug endlich zu? Damit wäre ja
    die Frage entschieden.“

    Das Zugeständnis wird mir nicht schwer. Es mag
    Ihnen zeigen, daß ich nicht so leidenschaftlich ver-
    blendet bin, wie Sie annehmen. Ich habe die Er-
    wähnung dieser Verhältnisse aufgeschoben, weil ihre
    Diskussion wiederum theoretische Erörterungen nötig
    machen wird.

    „Was meinen Sie jetzt?“

    Da ist zuerst die Frage der Diagnose. Wenn
    man einen Kranken, der an sogenannt nervösen
    Störungen leidet, in analytische Behandlung nimmt,
    will man vorher die Sicherheit haben, – soweit sie
    eben erreichbar ist, – daß er sich für diese Therapie
    eignet, daß man ihm also auf diesem Wege helfen
    kann. Das ist aber nur der Fall, wenn er wirklich
    eine Neurose hat.

    „Ich sollte meinen, das erkennt man eben an
    den Erscheinungen, an den Symptomen, über die er
    klagt.“

    Hier ist eben die Stelle für eine neue Kompli-
    kation. Man erkennt es nicht immer mit voller Sicher-
    heit. Der Kranke kann das äußere Bild einer Neu-
    rose zeigen, und doch kann es etwas anderes sein,
    der Beginn einer unheilbaren Geisteskrankheit, die

  • S.

    106

    Vorbereitung eines zerstörenden Gehirnprozesses.
    Die Unterscheidung – Differentialdiagnose – ist nicht
    immer leicht und nicht in jeder Phase sofort zu
    machen. Die Verantwortlichkeit für eine solche Ent-
    scheidung kann natürlich nur der Arzt übernehmen.
    Sie wird ihm, wie gesagt, nicht immer leicht gemacht.
    Der Krankheitsfall kann längere Zeit ein harmloses
    Gepräge tragen, bis sich endlich doch seine böse
    Natur herausstellt. Es ist ja auch eine regelmäßige
    Befürchtung der Nervösen, ob sie nicht geisteskrank
    werden können. Wenn der Arzt aber einen solchen
    Fall eine Zeitlang verkannt hat oder im unklaren
    über ihn geblieben ist, so macht es nicht viel aus, es
    ist kein Schaden angestellt worden und nichts Über-
    flüssiges geschehen. Die analytische Behandlung dieses
    Kranken hätte ihm zwar auch keinen Schaden ge-
    bracht, aber sie wäre als überflüssiger Aufwand bloß-
    gestellt. Überdies würden sich gewiß genug Leute
    finden, die den schlechten Ausgang der Analyse zur
    Last legen werden. Mit Unrecht freilich, aber solche
    Anlässe sollten vermieden werden.

    „Das klingt aber trostlos. Es entwurzelt ja alles,
    was Sie mir über die Natur und Entstehung einer
    Neurose vorgetragen haben.“

    Durchaus nicht. Es bekräftigt nur von neuem,
    daß die Neurotiker ein Ärgernis und eine Verlegen-
    heit sind, für alle Parteien, also auch für die Analyti-
    ker. Vielleicht löse ich aber Ihre Verwirrung wieder,

  • S.

    107

    wenn ich meine neuen Mitteilungen in korrekteren
    Ausdruck kleide. Es ist wahrscheinlich richtiger, von
    den Fällen, die uns jetzt beschäftigen, auszusagen, sie
    haben wirklich eine Neurose entwickelt, aber diese
    sei nicht psychogen, sondern somatogen, habe nicht
    seelische, sondern körperliche Ursachen. Können Sie
    mich verstehen?

    „Verstehen, ja; aber ich kann es mit dem ande-
    ren, dem Psychologischen, nicht vereinigen.“

    Nun, das läßt sich doch machen, wenn man nur
    den Komplikationen der lebenden Substanz Rech-
    nung tragen will. Worin fanden wir das Wesen einer
    Neurose? Darin, daß das Ich, die durch den Einfluß der
    Außenwelt emporgezüchtete höhere Organisation des
    seelischen Apparats, nicht imstande ist, seine Funk-
    tion der Vermittlung zwischen Es und Realität zu er-
    füllen, daß es sich in seiner Schwäche von Trieb-
    anteilen des Es zurückzieht und sich dafür die Fol-
    gen dieses Verzichts in Form von Einschränkungen,
    Symptomen und erfolglosen Reaktionsbildungen ge-
    fallen lassen muß.

    Eine solche Schwäche des Ichs hat bei uns allen
    regelmäßig in der Kindheit statt, darum bekommen
    die Erlebnisse der frühesten Kinderjahre eine so
    große Bedeutung für das spätere Leben. Unter der
    außerordentlichen Belastung dieser Kinderzeit – wir
    haben in wenigen Jahren die ungeheure Entwicklungs-
    distanz vom steinzeitlichen Primitiven bis zum Teil-
     

  • S.

    108

    haber der heutigen Kultur durchzumachen und dabei
    insbesondere die Triebregungen der sexuellen Früh-
    periode abzuwehren – nimmt unser Ich seine Zu-
    flucht zu Verdrängungen und setzt sich einer Kinder-
    neurose aus, deren Niederschlag es als Disposition
    zur späteren nervösen Erkrankung in die Reife des
    Lebens mitbringt. Nun kommt alles darauf an, wie
    dies herangewachsene Wesen vom Schicksal behandelt
    werden wird. Wird das Leben zu hart, der Abstand
    zwischen den Triebforderungen und den Einsprüchen
    der Realität zu groß, so mag das Ich in seinen Be-
    mühungen, beide zu versöhnen, scheitern, und dies
    umso eher, je mehr es durch die mitgebrachte in-
    fantile Disposition gehemmt ist. Es wiederholt sich
    dann der Vorgang der Verdrängung, die Triebe reißen
    sich von der Herrschaft des Ichs los, schaffen sich
    auf den Wegen der Regression ihre Ersatzbefriedi-
    gungen und das arme Ich ist hilflos neurotisch geworden.

    Halten wir nur daran fest: der Knoten- und
    Drehpunkt der ganzen Situation ist die relative Stärke
    der Ichorganisation. Wir haben es dann leicht, unsere
    ätiologische Übersicht zu vervollständigen. Als die
    sozusagen normalen Ursachen der Nervosität kennen
    wir bereits die kindliche Ichschwäche, die Aufgabe
    der Bewältigung der Frühregungen der Sexualität und
    die Einwirkungen der eher zufälligen Kindheitser-
    lebnisse. Ist es aber nicht möglich, daß auch andere
    Momente eine Rolle spielen, die aus der Zeit vor

  • S.

    109

    dem Kinderleben stammen? Zum Beispiel eine angebore-
    ne Stärke und Unbändigkeit des Trieblebens im Es, die
    dem Ich von vornherein zu große Aufgaben stellt?
    Oder eine besondere Entwicklungsschwäche des Ichs
    aus unbekannten Gründen? Selbstverständlich müssen
    diese Momente zu einer ätiologischen Bedeutung
    kommen, in manchen Fällen zu einer überragenden.
    Mit der Triebstärke im Es haben wir jedesmal zu
    rechnen; wo sie exzessiv entwickelt ist, steht es
    schlecht um die Aussichten unserer Therapie. Von
    den Ursachen einer Entwicklungshemmung des Ichs
    wissen wir noch zu wenig. Dies wären also die Fälle
    von Neurose mit wesentlich konstitutioneller Grund-
    lage. Ohne irgend eine solche konstitutionelle, kon-
    genitale Begünstigung kommt wohl kaum eine Neu-
    rose zustande.

    Wenn aber die relative Schwäche des Ichs das
    für die Entstehung der Neurose entscheidende Mo-
    ment ist, so muß es auch möglich sein, daß eine
    spätere körperliche Erkrankung eine Neurose erzeugt,
    wenn sie nur eine Schwächung des Ichs herbeiführen
    kann. Und das ist wiederum im reichen Ausmaß der
    Fall. Eine solche körperliche Störung kann das Trieb-
    leben im Es betreffen und die Triebstärke über die
    Grenze hinaus steigern, welcher das Ich gewachsen
    ist. Das Normalvorbild solcher Vorgänge wäre etwa
    die Veränderung im Weib durch die Störungen der
    Menstruation und der Menopause. Oder eine kör-

  • S.

    110

    perliche Allgemeinerkrankung, ja eine organische
    Erkrankung des nervösen Zentralorgans, greift die
    Ernährungsbedingungen des seelischen Apparats an,
    zwingt ihn, seine Funktion herabzusetzen und seine
    feineren Leistungen, zu denen die Aufrechterhaltung
    der Ichororganisation gehört, einzustellen. In all diesen
    Fällen entsteht ungefähr dasselbe Bild der Neurose;
    die Neurose hat immer den gleichen psychologischen
    Mechanismus, aber, wie wir erkennen, die mannig-
    fachste, oft sehr zusammengesetzte Ätiologie.

    „Jetzt gefallen Sie mir besser, Sie haben endlich
    gesprochen wie ein Arzt. Nun erwarte ich das Zu-
    geständnis, daß eine so komplizierte ärztliche Sache
    wie eine Neurose nur von einem Arzt gehandhabt
    werden kann.“

    Ich besorge, Sie schießen damit über das Ziel
    hinaus. Was wir besprochen haben, war ein Stück
    Pathologie, bei der Analyse handelt es sich um ein
    therapeutisches Verfahren. Ich räume ein, nein, ich
    fordere, daß der Arzt bei jedem Fall, der für die
    Analyse in Betracht kommt, vorerst die Diagnose
    stellen soll. Die übergroße Anzahl der Neurosen, die
    uns in Anspruch nehmen, sind zum Glück psycho-
    gener Natur und pathologisch unverdächtig. Hat der
    Arzt das konstatiert, so kann er die Behandlung
    ruhig dem Laienanalytiker überlassen. In unseren
    analytischen Gesellschaften ist es immer so gehalten
    worden. Dank dem innigen Kontakt zwischen ärzt-
    lichen

  • S.

    III

    und nichtärztlichen Mitgliedern sind die zu befürch-
    tenden Irrungen so gut wie völlig vermieden worden.
    Es gibt dann noch einen zweiten Fall, in dem der
    Analytiker den Arzt zur Hilfe rufen muß. Im Ver-
    laufe der analytischen Behandlung können – am ehesten
    körperliche – Symptome erscheinen, bei denen man
    zweifelhaft wird, ob man sie in den Zusammen-
    hang der Neurose aufnehmen oder auf eine davon unab-
    hängige, als Störung auftretende organische Erkran-
    kung beziehen soll. Diese Entscheidung muß wieder-
    um dem Arzt überlassen werden.

    „Also kann der Laienanalytiker auch während
    der Analyse den Arzt nicht entbehren. Ein neues
    Argument gegen seine Brauchbarkeit.“

    Nein, aus dieser Möglichkeit läßt sich kein Ar-
    gument gegen den Laienanalytiker schmieden, denn
    der ärztliche Analytiker würde im gleichen Falle
    nicht anders handeln.

    „Das verstehe ich nicht.“

    Es besteht nämlich die technische Vorschrift, daß
    der Analytiker, wenn solch zweideutige Symptome
    während der Behandlung auftauchen, sie nicht seinem
    eigenen Urteil unterwirft, sondern von einem der
    Analyse fernestehenden Arzt, etwa einem Internisten,
    begutachten läßt, auch wenn er selbst Arzt ist und
    seinen medizinischen Kenntnissen noch vertraut.

    „Und warum ist etwas, was mir so überflüssig er-
    scheint, vorgeschrieben?“

  • S.

    112

    Es ist nicht überflüssig, hat sogar mehrere Be-
    gründungen. Erstens läßt sich die Vereinigung or-
    ganischer und psychischer Behandlung in einer Hand
    nicht gut durchführen, zweitens kann das Verhältnis
    der Übertragung es dem Analytiker unratsam machen,
    den Kranken körperlich zu untersuchen, und drittens
    hat der Analytiker allen Grund, an seiner Unbefan-
    genheit zu zweifeln, da sein Interesse so intensiv auf
    die psychischen Momente eingestellt ist.

    „Ihre Stellung zur Laienanalyse wird mir jetzt
    klar. Sie beharren dabei, daß es Laienanalytiker
    geben muß. Da Sie deren Unzulänglichkeit für ihre
    Aufgabe aber nicht bestreiten können, tragen Sie
    alles zusammen, was zur Entschuldigung und Er-
    leichterung ihrer Existenz dienen kann. Ich sehe aber
    überhaupt nicht ein, wozu es Laienanalytiker geben
    soll, die doch nur Therapeuten zweiter Klasse sein
    können. Ich will meinetwegen von den paar Laien
    absehen, die bereits zu Analytikern ausgebildet sind,
    aber neue sollten 'nicht geschaffen werden und die
    Lehrinstitute müßten sich verpflichten, Laien nicht
    mehr zur Ausbildung anzunehmen.“

    Ich bin mit Ihnen einverstanden, wenn sich zeigen
    läßt, daß durch diese Einschränkung allen in Betracht
    kommenden Interessen gedient ist. Gestehen Sie mir
    zu, daß diese Interessen von dreierlei Art sind, das
    der Kranken, das der Ärzte und – last not least –
    das der Wissenschaft, das ja die Interessen aller zu-
     

  • S.

    113

    künftigen Kranken miteinschließt. Wollen wir diese
    drei Punkte miteinander untersuchen?
    Nun, für den Kranken ist es gleichgültig, ob der
    Analytiker Arzt ist oder nicht, wenn nur die Gefahr
    einer Verkennung seines Zustandes durch die an
    geforderte ärztliche Begutachtung vor Beginn der Be-
    handlung und bei gewissen Zwischenfällen während
    derselben ausgeschaltet wird. Für ihn ist es ungleich
    wichtiger, daß der Analytiker über die persönlichen
    Eigenschaften verfügt, die ihn vertrauenswürdig machen,
    und daß er jene Kenntnisse und Einsichten sowie
    jene Erfahrungen erworben hat, die ihn allein zur
    Erfüllung seiner Aufgabe befähigen. Man könnte
    meinen, daß es der Autorität des Analytikers schaden
    muß, wenn der Patient weiß, daß er kein Arzt ist
    und in manchen Situationen der Anlehnung an den
    Arzt nicht entbehren kann. Wir haben es selbstver-
    ständlich niemals unterlassen, die Patienten über die
    Qualifikation des Analytikers zu unterrichten, und
    konnten uns überzeugen, daß die Standesvorurteile
    bei ihnen keinen Anklang finden, daß sie bereit sind,
    die Heilung anzunehmen, von welcher Seite immer
    sie ihnen geboten wird, was übrigens der Ärztestand
    zu seiner lebhaften Kränkung längst erfahren hat.
    Auch sind ja die Laienanalytiker, die heute Analyse
    ausüben, keine beliebigen, hergelaufenen Individuen,
    sondern Personen von akademischer Bildung, Dok-
    toren der Philosophie, Pädagogen und einzelne Frauen

    Freud, Laienanalyse

  • S.

    114

    von großer Lebenserfahrung und überragender Per
    sönlichkeit. Die Analyse, der sich alle Kandidaten
    eines analytischen Lehrinstituts unterziehen müssen,
    ist gleichzeitig der beste Weg, um über ihre persön-
    liche Eignung zur Ausübung der anspruchsvollen
    Tätigkeit Aufschluß zu gewinnen.

    Nun zum Interesse der Ärzte. Ich kann nicht
    glauben, daß es durch die Einverleibung der Psycho-
    analyse in die Medizin zu gewinnen hat. Das medi-
    zinische Studium dauert jetzt schon fünf Jahre, die
    Ablegung der letzten Prüfungen reicht weit in ein
    sechstes Jahr. Alle paar Jahre tauchen neue Ansprüche
    an den Studenten auf, ohne deren Erfüllung seine
    Ausrüstung für seine Zukunft als unzureichend erklärt
    werden müßte. Der Zugang zum ärztlichen Beruf ist
    ein sehr schwerer, seine Ausübung weder sehr be-
    friedigend noch sehr vorteilhaft. Macht man sich die
    gewiß vollberechtigte Forderung zu eigen, daß der
    Arzt auch mit der seelischen Seite des Krankseins
    vertraut sein müsse, und dehnt darum die ärztliche
    Erziehung auf ein Stück Vorbereitung für die Analyse
    aus, so bedeutet das eine weitere Vergrößerung des
    Lehrstoffes und die entsprechende Verlängerung der
    Studentenjahre. Ich weiß nicht, ob die Ärzte von einer
    solchen Folgerung aus ihrem Anspruch auf die Psycho-
    analyse befriedigt sein werden. Sie läßt sich aber
    kaum abweisen. Und dies in einer Zeitperiode, da
    die Bedingungen der materiellen Existenz sich für die

  • S.

    115

    Stände, aus denen sich die Ärzte rekrutieren, so sehr
    verschlechtert haben, da die junge Generation sich
    dazu gedrängt sieht, sich möglichst bald selbst zu er-
    halten.

    Sie wollen aber vielleicht das ärztliche Studium
    nicht mit der Vorbereitung für die analytische Praxis
    belasten und halten es für zweckmäßiger, daß die zu-
    künftigen Analytiker sich erst nach Vollendung ihrer
    medizinischen Studien um die erforderliche Ausbildung
    bekümmern. Sie können sagen, daß der dadurch ver-
    ursachte Zeitverlust praktisch nicht in Betracht kommt,
    weil ein junger Mann vor dreißig Jahren doch niemals
    das Zutrauen beim Patienten genießen wird, welches
    die Bedingung einer seelischen Hilfeleistung ist. Darauf
    wäre zwar zu antworten, daß auch der neugebackene
    Arzt für körperliche Leiden nicht auf allzu großen
    Respekt bei den Kranken zu rechnen hat, und daß
    der junge Analytiker seine Zeit sehr wohl damit
    ausfüllen könnte, an einer psychoanalytischen Poliklinik
    unter der Kontrolle erfahrener Praktiker zu arbeiten.

    Wichtiger erscheint mir aber, daß Sie mit diesem
    Vorschlag eine Kraftvergeudung befürworten, die in
    diesen schweren Zeiten wirklich keine ökonomische
    Rechtfertigung finden kann. Die analytische Ausbil-
    dung überschneidet zwar den Kreis der ärztlichen
    Vorbereitung, schließt diesen aber nicht ein und wird
    nicht von ihm eingeschlossen. Wenn man, was heute
    noch phantastisch klingen mag, eine psychoanalytische

  • S.

    116

    Hochschule zu gründen hätte, so müßte an dieser
    vieles gelehrt werden, was auch die medizinische
    Fakultät lehrt: neben der Tiefenpsychologie, die immer
    das Hauptstück bleiben würde, eine Einführung in
    die Biologie, in möglichst großem Umfang die Kunde
    vom Sexualleben, eine Bekanntheit mit den Krank-
    heitsbildern der Psychiatrie. Anderseits würde der
    analytische Unterricht auch Fächer umfassen, die dem
    Arzt ferne liegen und mit denen er in seiner Tätig-
    keit nicht zusammenkommt: Kulturgeschichte, Mytho-
    logie, Religionspsychologie und Literaturwissenschaft.
    Ohne eine gute Orientierung auf diesen Gebieten
    steht der Analytiker einem großen Teil seines Mate-
    rials verständnislos gegenüber. Dafür kann er die
    Hauptmasse dessen, was die medizinische Schule lehrt,
    für seine Zwecke nicht gebrauchen. Sowohl die Kennt-
    nis der Fußwurzelknochen, als auch die der Konsti-
    tution der Kohlenwasserstoffe, des Verlaufs der Hirn-
    nervenfasern, alles, was die Medizin über bazilläre
    Krankheitserreger und deren Bekämpfung, über
    Serumreaktionen und Gewebsneubildungen an den
    Tag gebracht hat: alles gewiß an sich höchst schätzens-
    wert, ist für ihn doch völlig belanglos, geht ihn nichts
    an, hilft ihm weder direkt dazu, eine Neurose
    zu verstehen und zu heilen, noch trägt dieses Wissen
    zur Schärfung jener intellektuellen Fähigkeiten bei,
    an welche seine Tätigkeit die größten Anforderungen
    stellt. Man wende nicht ein, der Fall liege so ähn-

  • S.

    117

    lich, wenn sich der Arzt einer anderen medizinischen
    Spezialität, zum Beispiel der Zahnheilkunde, zu-
    wendet. Auch dann kann er manches nicht brauchen,
    worüber er Prüfung ablegen mußte, und muß vieles
    dazulernen, worauf ihn die Schule nicht vorbereitet
    hatte. Die beiden Fälle sind doch nicht gleichzusetzen.
    Auch für die Zahnheilkunde behalten die großen
    Gesichtspunkte der Pathologie, die Lehren von der
    Entzündung, Eiterung, Nekrose, von der Wechsel-
    wirkung der Körperorgane ihre Bedeutung; den Ana-
    lytiker führt seine Erfahrung aber in eine andere
    Welt mit anderen Phänomenen und anderen Ge-
    setzen. Wie immer sich die Philosophie über die
    Kluft zwischen Leiblichem und Seelischem hinweg-
    setzen mag, für unsere Erfahrung besteht sie zunächst
    und gar für unsere praktischen Bemühungen.

    Es ist ungerecht und unzweckmäßig, einen Men-
    schen, der den andern von der Pein einer Phobie
    oder einer Zwangsvorstellung befreien will, zum Um-
    weg über das medizinische Studium zu zwingen. Es
    wird auch keinen Erfolg haben, wenn es nicht ge-
    lingt, die Analyse überhaupt zu unterdrücken. Stellen
    Sie sich eine Landschaft vor, in der zu einem gewissen
    Aussichtspunkt zwei Wege führen, der eine kurz und
    geradlinig, der andere lang, gewunden und um-
    wegig. Den kurzen Weg versuchen Sie durch eine
    Verbottafel zu sperren, vielleicht, weil er an einigen
    Blumenbeeten vorbeiführt, die Sie geschont wissen

  • S.

    118

    wollen. Sie haben nur dann Aussicht, daß Ihr Verbot
    respektiert wird, wenn der kurze Weg steil und müh-
    selig ist, während der längere sanft aufwärts führt.
    Verhält es sich aber anders und ist im Gegenteil der
    Umweg der beschwerlichere, so können Sie leicht den
    Nutzen Ihres Verbots und das Schicksal Ihrer Blumen-
    beete erraten. Ich besorge, Sie werden die Laien
    ebensowenig zwingen können, Medizin zu studieren,
    wie es mir gelingen wird, die Ärzte zu bewegen, daß
    sie Analyse lernen. Sie kennen ja auch die mensch-
    liche Natur.

    „Wenn Sie recht haben, daß die analytische Be-
    handlung nicht ohne besondere Ausbildung auszu-
    üben ist, daß aber das medizinische Studium die
    Mehrbelastung durch eine Vorbereitung dafür nicht
    verträgt, und daß die medizinischen Kenntnisse für den
    Analytiker großenteils überflüssig sind, wohin kommen
    wir dann mit der Erziehung der idealen ärztlichen
    Persönlichkeit, die allen Aufgaben ihres Berufes
    gewachsen sein soll?“

    Ich kann nicht vorhersehen, welcher der Ausweg
    aus diesen Schwierigkeiten sein wird, bin auch nicht
    dazu berufen, ihn anzugeben. Ich sehe nur zweierlei,
    erstens, daß die Analyse für Sie eine Verlegenheit
    ist, sie sollte am besten nicht existieren, – gewiß, auch
    der Neurotiker ist eine Verlegenheit, – und zweitens,
    daß vorläufig allen Interessen Rechnung getragen
    wird, wenn sich die Ärzte entschließen, eine Klasse

  • S.

    119

    von Therapeuten zu tolerieren, die ihnen die müh-
    selige Behandlung der so enorm häufigen psycho-
    genen Neurosen abnimmt und zum Vorteil dieser
    Kranken in steter Fühlung mit ihnen bleibt.

    „Ist das Ihr letztes Wort in dieser Angelegenheit,
    oder haben Sie noch etwas zu sagen?“
    Gewiß, ich wollte ja noch ein drittes Interesse in
    Betracht ziehen, das der Wissenschaft. Was ich da zu
    sagen habe, wird Ihnen wenig nahe gehen, desto mehr
    bedeutet es mir.

    Wir halten es nämlich gar nicht für wünschens-
    wert, daß die Psychoanalyse von der Medizin ver-
    schluckt werde und dann ihre endgültige Ablagerung
    im Lehrbuch der Psychiatrie finde, im Kapitel The-
    rapie, neben Verfahren wie hypnotische Suggestion,
    Autosuggestion, Persuasion, die aus unserer Un-
    wissenheit geschöpft, ihre kurzlebigen Wirkungen der
    Trägheit und Feigheit der Menschenmassen danken.
    Sie verdient ein besseres Schicksal und wird es
    hoffentlich haben. Als „Tiefenpsychologie“, Lehre vom
    seelisch Unbewußten, kann sie all den Wissen-
    schaften unentbehrlich werden, die sich mit der Ent-
    stehungsgeschichte der menschlichen Kultur und ihrer
    großen Institutionen, wie Kunst, Religion und Gesell-
    schaftsordnung beschäftigen. Ich meine, sie hat diesen
    Wissenschaften schon bis jetzt ansehnliche Hilfe zur
    Lösung ihrer Probleme geleistet, aber dies sind nur
    kleine Beiträge im Vergleich zu dem, was sich er-

  • S.

    120

    reichen ließe, wenn Kulturhistoriker, Religionspsycho-
    logen, Sprachforscher usw. sich dazu verstehen wer-
    den, das ihnen zur Verfügung gestellte neue For-
    schungsmittel selbst zu handhaben. Der Gebrauch der
    Analyse zur Therapie der Neurosen ist nur eine
    ihrer Anwendungen; vielleicht wird die Zukunft
    zeigen, daß sie nicht die wichtigste ist. Jedenfalls
    wäre es unbillig, der einen Anwendung alle anderen
    zu opfern, bloß weil dies Anwendungsgebiet sich
    mit dem Kreis ärztlicher Interessen berührt.
    Denn hier entrollt sich ein weiter Zusammenhang,
    in den man nicht ohne Schaden eingreifen kann.
    Wenn die Vertreter der verschiedenen Geisteswissen-
    schaften die Psychoanalyse erlernen sollen, um deren
    Methoden und Gesichtspunkte auf ihr Material an-
    zuwenden, so reicht es nicht aus, daß sie sich an die
    Ergebnisse halten, die in der analytischen Literatur
    niedergelegt sind. Sie werden die Analyse verstehen
    lernen müssen auf dem einzigen Weg, der dazu offen
    steht, indem sie sich selbst einer Analyse unterziehen.
    Zu den Neurotikern, die der Analyse bedürfen,
    käme so eine zweite Klasse von Personen hinzu, die
    die Analyse aus intellektuellen Motiven annehmen,
    die nebenbei erzielte Erhöhung ihrer Leistungsfähig-
    keit aber gewiß gerne begrüßen werden. Zur Durch-
    führung dieser Analysen bedarf es einer Anzahl von
    Analytikern, für die die etwaige Kenntnisse in der
    Medizin besonders geringe Bedeutung haben werden.

  • S.

    121

    Die Frage der Laienanalyse

    Aber diese – Lehranalytiker wollen wir sie heißen –
    müssen eine besonders sorgfältige Ausbildung er-
    fahren haben. Will man ihnen diese nicht verküm-
    mern, so muß man ihnen Gelegenheit geben, Er-
    fahrungen an lehrreichen und beweisenden Fällen zu
    sammeln, und da gesunde Menschen, denen auch das
    Motiv der Wißbegierde abgeht, sich nicht einer Ana-
    lyse unterziehen, können es wiederum nur Neurotiker
    sein, an denen – unter sorgsamer Kontrolle – die
    Lehranalytiker für ihre spätere, nichtärztliche Tätig-
    keit erzogen werden. Das Ganze erfordert aber ein
    gewisses Maß von Bewegungsfreiheit und verträgt
    keine kleinlichen Beschränkungen.

    Vielleicht glauben Sie nicht an diese rein theo-
    retischen Interessen der Psychoanalyse oder wollen
    ihnen keinen Einfluß auf die praktische Frage der
    Laienanalyse einräumen. Dann lassen Sie sich mahnen,
    daß es noch ein anderes Anwendungsgebiet der
    Psychoanalyse gibt, das dem Bereich des Kurpfuscher-
    gesetzes entzogen ist und auf das die Ärzte kaum
    Anspruch erheben werden. Ich meine ihre Verwen-
    dung in der Pädagogik. Wenn ein Kind anfängt, die
    Zeichen einer unerwünschten Entwicklung zu äußern,
    verstimmt, störrisch und unaufmerksam wird, so wird
    der Kinderarzt und selbst der Schularzt nichts für
    dasselbe tun können, selbst dann nicht, wenn das Kind
    deutliche nervöse Erscheinungen, wie Ängstlichkeiten,
    Eßunlust, Erbrechen, Schlafstörung produziert. Eine

  • S.

    122

    Behandlung, die analytische Beeinflussung mit er
    zieherischen Maßnahmen vereinigt, von Personen
    ausgeführt, die es nicht verschmähen, sich um die
    Verhältnisse des kindlichen Milieus zu bekümmern,
    und die es verstehen, sich den Zugang zum Seelen-
    leben des Kindes zu bahnen, bringt in einem beides
    zustande, die nervösen Symptome aufzuheben und
    die beginnende Charakterveränderung rückgängig zu
    machen. Unsere Einsicht in die Bedeutung der oft
    unscheinbaren Kinderneurosen als Disposition für
    schwere Erkrankungen des späteren Lebens weist
    uns auf diese Kinderanalysen als einen ausgezeich-
    neten Weg der Prophylaxis hin. Es gibt unleugbar
    noch Feinde der Analyse; ich weiß nicht, welche
    Mittel ihnen zu Gebote stehen, um auch der Tätig-
    keit dieser pädagogischen Analytiker oder analyti-
    schen Pädagogen in den Arm zu fallen, halte es
    auch für nicht leicht möglich. Aber freilich, man soll
    sich nie zu sicher fühlen.
    Übrigens, um zu unserer Frage der analytischen
    Behandlung erwachsener Nervöser zurückzukehren,
    auch hier haben wir noch nicht alle Gesichtspunkte
    erschöpft. Unsere Kultur übt einen fast unerträg-
    lichen Druck auf uns aus, sie verlangt nach einem
    Korrektiv. Ist es zu phantastisch zu erwarten, daß
    die Psychoanalyse trotz ihrer Schwierigkeiten zur
    Leistung berufen sein könnte, die Menschen für ein
    solches Korrektiv vorzubereiten? Vielleicht kommt

  • S.

    123


    noch einmal ein Amerikaner auf den Einfall, es sich
    ein Stück Geld kosten zu lassen, um die social workers
    seines Landes analytisch zu schulen und eine Hilfs-
    truppe zur Bekämpfung der kulturellen Neurosen aus
    ihnen zu machen.

    „Aha, eine neue Art von Heilsarmee.“

    Warum nicht, unsere Phantasie arbeitet ja immer
    nach Mustern. Der Strom von Lernbegierigen, der
    dann nach Europa fluten wird, wird an Wien vor-
    beigehen müssen, denn hier mag die analytische
    Entwicklung einem frühzeitigen Verbottrauma erlegen
    sein. Sie lächeln? Ich sage das nicht, um Ihr Urteil
    zu bestechen, gewiß nicht. Ich weiß ja, Sie schenken
    mir keinen Glauben, kann Ihnen auch nicht dafür
    einstehen, daß es so kommen wird. Aber eines weiß
    ich. Es ist nicht gar so wichtig, welche Entscheidung
    Sie in der Frage der Laienanalyse fällen. Es kann
    eine lokale Wirkung haben. Aber das, worauf es
    ankommt, die inneren Entwicklungsmöglichkeiten der
    Psychoanalyse sind doch durch Verordnungen und
    Verbote nicht zu treffen.