S.
[27]
IV
Der erste Fall, den wir betrachten, sei der einer
infantilen hysterischen Tierphobie, also z. B. der gewiß
in allen Hauptzügen typische Fall der Pferdephobie
des „Kleinen Hans“.1 Schon der erste Blick läßt uns
erkennen, daß die Verhältnisse eines realen Falles
von neurotischer Erkrankung weit komplizierter sind
als unsere Erwartung, solange wir mit Abstraktionen
arbeiten, sich vorstellt. Es gehört einige Arbeit dazu,
sich zu orientieren, welches die verdrängte Regung,
was ihr Symptomsatz ist, wo das Motiv der Ver-
drängung kenntlich wird.Der kleine Hans weigert sich, auf die Straße zu
gehen, weil er Angst vor dem Pferd hat. Dies ist
der Rohstoff. Was ist nun daran das Symptom: die
Angstentwicklung, die Wahl des Angstobjekts, oder
der Verzicht auf die freie Beweglichkeit, oder mehreres
davon zugleich? Wo ist die Befriedigung, die er sich
versagt? Warum muß er sich diese versagen?1)Siehe: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. (Ges.
Schriften, Bd. VIII.)S.
28
Es liegt nahe zu antworten, an dem Falle sei
nicht so viel rätselhaft. Die unverständliche Angst
vor dem Pferd ist das Symptom, die Unfähigkeit, auf
die Straße zu gehen, ist eine Hemmungserscheinung,
eine Einschränkung, die sich das Ich auferlegt, um
nicht das Angstsymptom zu wecken. Man sieht ohne
weiteres die Richtigkeit der Erklärung des letzten
Punktes ein und wird nun diese Hemmung bei der
weiteren Diskussion außer Betracht lassen. Aber die
erste flüchtige Bekanntschaft mit dem Falle lehrt uns
nicht einmal den wirklichen Ausdruck des vermeint-
lichen Symptoms kennen. Es handelt sich, wie wir
bei genauerem Verhör erfahren, gar nicht um eine
unbestimmte Angst vor dem Pferd, sondern um die
bestimmte ängstliche Erwartung: das Pferd werde ihn
beißen. Allerdings sucht sich dieser Inhalt dem Bewußt-
sein zu entziehen und sich durch die unbestimmte
Phobie, in der nur noch die Angst und ihr Objekt
vorkommen, zu ersetzen. Ist nun etwa dieser Inhalt
der Kern des Symptoms?Wir kommen keinen Schritt weiter, so lange
wir nicht die ganze psychische Situation des Kleinen
in Betracht ziehen, wie sie uns während der
analytischen Arbeit enthüllt wird. Er befindet sich
in der eifersüchtigen und feindseligen Ödipusein-
stellung zu seinem Vater, den er doch, so weit die
Mutter nicht als Ursache der Entzweiung in Betracht
kommt, herzlich liebt. Also ein Ambivalenzkonflikt,S.
29
gut begründete Liebe und nicht minder berech-
tigter Haß, beide auf dieselbe Person gerichtet.
Seine Phobie muß ein Versuch zur Lösung dieses
Konflikts sein. Solche Ambivalenzkonflikte sind sehr
häufig, wir kennen einen anderen typischen Ausgang
derselben. Bei diesem wird die eine der beiden mit-
einander ringenden Regungen, in der Regel die zärt-
liche, enorm verstärkt, die andere verschwindet. Nur
das Übermaß und das Zwangsmäßige der Zärtlichkeit
verrät uns, daß diese Einstellung nicht die einzig
vorhandene ist, daß sie ständig auf der Hut ist, ihr
Gegenteil in Unterdrückung zu halten, und läßt uns
einen Hergang konstruieren, den wir als Verdrängung
durch Reaktionsbildung (im Ich) beschreiben.
Fälle wie der kleine Hans zeigen nichts von solcher
Reaktionsbildung; es gibt offenbar verschiedene Wege,
die aus einem Ambivalenzkonflikt herausführen.Etwas anderes haben wir unterdes mit Sicherheit
erkannt. Die Triebregung, die der Verdrängung unter-
liegt, ist ein feindseliger Impuls gegen den Vater.
Die Analyse lieferte uns den Beweis hiefür, während
sie der Herkunft der Idee des beißenden Pferdes
nachspürte. Hans hat ein Pferd fallen gesehen, einen
Spielkameraden fallen und sich verletzen, mit dem er
„Pferdl“ gespielt hatte. Sie hat uns das Recht
gegeben, bei Hans eine Wunschregung zu konstruieren,
die gelautet hat, der Vater möge hinfallen, sich
beschädigen wie das Pferd und der Kamerad. BeziehungenS.
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zu einer beobachteten Abreise lassen ver-
muten, daß der Wunsch nach der Beseitigung des
Vaters auch minder zaghaften Ausdruck gefunden
hat. Ein solcher Wunsch ist aber gleichwertig mit
der Absicht, ihn selbst zu beseitigen, mit der mör-
derischen Regung des Ödipuskomplexes.Von dieser verdrängten Triebregung führt bis jetzt
kein Weg zu dem Ersatz für sie, den wir in der
Pferdephobie vermuten. Vereinfachen wir nun die
psychische Situation des kleinen Hans, indem wir
das infantile Moment und die Ambivalenz wegräumen;
er sei etwa ein jüngerer Diener in einem Haushalt,
der in die Herrin verliebt ist und sich gewisser
Gunstbezeugungen von ihrer Seite erfreue. Erhalten
bleibt, daß er den stärkeren Hausherrn haßt und ihn
beseitigt wissen möchte; dann ist es die natürlichste
Folge dieser Situation, daß er die Rache dieses Herrn
fürchtet, daß sich bei ihm ein Zustand von Angst vor
diesem einstellt – ganz ähnlich wie die Phobie des
kleinen Hans vor dem Pferd. Das heißt, wir können
die Angst dieser Phobie nicht als Symptom bezeichnen;
wenn der kleine Hans, der in seine Mutter verliebt
ist, Angst vor dem Vater zeigen würde, hätten wir
kein Recht, ihm eine Neurose, eine Phobie, zuzu-
schreiben. Wir hätten eine durchaus begreifliche
affektive Reaktion vor uns. Was diese zur Neurose
macht, ist einzig und allein ein anderer Zug, die
Ersetzung des Vaters durch das Pferd. Diese VerschiebungS.
31
stellt also das her, was auf den Namen
eines Symptoms Anspruch hat. Sie ist jener andere
Mechanismus, der die Erledigung des Ambivalenz-
konflikts ohne die Hilfe der Reaktionsbildung gestattet.
Ermöglicht oder erleichtert wird sie durch den Um-
stand, daß die mitgeborenen Spuren totemistischer
Denkweise in diesem zarten Alter noch leicht zu
beleben sind. Die Kluft zwischen Mensch und Tier
ist noch nicht anerkannt, gewiß nicht so überbetont
wie später. Der erwachsene, bewunderte, aber auch
gefürchtete Mann steht noch in einer Reihe mit dem
großen Tier, das man um so vielerlei beneidet, vor
dem man aber auch gewarnt worden ist, weil es
gefährlich werden kann. Der Ambivalenzkonflikt wird
also nicht an derselben Person erledigt, sondern gleich-
sam umgangen, indem man einer seiner Regungen
eine andere Person als Ersatzmann unterschiebt.Soweit sehen wir ja klar, aber in einem anderen
Punkte hat uns die Analyse der Phobie des kleinen
Hans eine volle Enttäuschung gebracht. Die Entstellung,
in der die Symptombildung besteht, wird gar nicht
an der Repräsentanz (dem Vorstellungsinhalt) der zu
verdrängenden Triebregung vorgenommen, sondern
an einer davon ganz verschiedenen, die nur einer
Reaktion auf das eigentlich Unliebsame entspricht.
Unsere Erwartung fände eher Befriedigung, wenn
der kleine Hans an Stelle seiner Angst vor dem
Pferd eine Neigung entwickelt hätte, Pferde zu mißhandeln,S.
32
sie zu schlagen, oder deutlich seinen Wunsch
kundgegeben hätte, zu sehen, wie sie hinfallen, zu
Schaden kommen, eventuell unter Zuckungen verenden
(das Krawallmachen mit den Beinen). Etwas der Art
tritt auch wirklich während seiner Analyse auf, aber
es steht lange nicht voran in der Neurose und
– sonderbar – wenn er wirklich solche Feindseligkeit,
nur gegen das Pferd, anstatt gegen den Vater gerichtet,
als Hauptsymptom entwickelt hätte, würden wir gar
nicht geurteilt haben, er befinde sich in einer Neurose.
Etwas ist also da nicht in Ordnung, entweder an
unserer Auffassung der Verdrängung oder in unserer
Definition eines Symptoms. Eines fällt uns natürlich sofort
auf: Wenn der kleine Hans wirklich ein solches Ver-
halten gegen Pferde gezeigt hätte, so wäre ja der
Charakter der anstößigen, aggressiven Triebregung
durch die Verdrängung gar nicht verändert, nur deren
Objekt gewandelt worden.Es ist ganz sicher, daß es Fälle von Verdrängung
gibt, die nicht mehr leisten als dies; bei der Genese
der Phobie des kleinen Hans ist aber mehr geschehen.
Um wieviel mehr, erraten wir aus einem anderen
Stück Analyse.Wir haben bereits gehört, daß der kleine Hans
als den Inhalt seiner Phobie die Vorstellung angab,
vom Pferd gebissen zu werden. Nun haben wir später
Einblick in die Genese eines anderen Falles von Tier-
phobie bekommen, in der der Wolf das Angsttier war,S.
33
aber gleichfalls die Bedeutung eines Vaterersatzes hatte.1
Im Anschluß an einen Traum, den die Analyse durch-
sichtig machen konnte, entwickelte sich bei diesem
Knaben die Angst, vom Wolf gefressen zu werden,
wie eines der sieben Geißlein im Märchen. Daß der
Vater des kleinen Hans nachweisbar „Pferdl“ mit ihm
gespielt hatte, war gewiß bestimmend für die Wahl
des Angsttieres geworden; ebenso ließ sich wenigstens
sehr wahrscheinlich machen, daß der Vater meines
erst im dritten Jahrzehnt analysierten Russen in den
Spielen mit dem Kleinen den Wolf gemimt und
scherzend mit dem Auffressen gedroht hatte. Seither
habe ich als dritten Fall einen jungen Amerikaner
gefunden, bei dem sich zwar keine Tierphobie aus-
bildete, der aber gerade durch diesen Ausfall die
anderen Fälle verstehen hilft. Seine sexuelle Erregung
hatte sich an einer phantastischen Kindergeschichte
entzündet, die man ihm vorlas, von einem arabischen
Häuptling, der einer aus eßbarer Substanz bestehen-
den Person (dem Gingerbreadman), nachjagt, um ihn zu
verzehren. Mit diesem eßbaren Menschen identifizierte
er sich selbst, der Häuptling war als Vaterersatz
leicht kenntlich und diese Phantasie wurde die erste
Unterlage seiner autoerotischen Betätigung. Die Vor-
stellung, vom Vater gefressen zu werden, ist aber
typisches uraltes Kindergut; die Analogien aus der1)Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. (Ges. Schriften,
Bd. VIII.)S.
34
Mythologie (Kronos) und dem Tierleben sind allgemein
bekannt.Trotz solcher Erleichterungen ist dieser Vorstellungs-
inhalt uns so fremdartig, daß wir ihn dem Kinde nur
ungläubig zugestehen können. Wir wissen auch nicht,
ob er wirklich das bedeutet, was er auszusagen scheint,
und verstehen nicht, wie er Gegenstand einer Phobie
werden kann. Die analytische Erfahrung gibt uns aller-
dings die erforderlichen Auskünfte. Sie lehrt uns, daß
die Vorstellung, vom Vater gefressen zu werden, der
regressiv erniedrigte Ausdruck für eine passive zärtliche
Regung ist, die vom Vater als Objekt im Sinne der
Genitalerotik geliebt zu werden begehrt. Die Ver-
folgung der Geschichte des Falles läßt keinen Zweifel
an der Richtigkeit dieser Deutung aufkommen. Die
genitale Regung verrät freilich nichts mehr von ihrer
zärtlichen Absicht, wenn sie in der Sprache der
überwundenen Übergangsphase von der oralen zur
sadistischen Libidoorganisation ausgedrückt wird.
Handelt es sich übrigens nur um eine Ersetzung der
Repräsentanz durch einen regressiven Ausdruck oder
um eine wirkliche regressive Erniedrigung der genital-
gerichteten Regung im Es? Das scheint gar nicht
so leicht zu entscheiden. Die Krankengeschichte des
russischen „Wolfsmannes“ spricht ganz entschieden
für die letztere ernstere Möglichkeit, denn er benimmt
sich von dem entscheidenden Traum an „schlimm“,
quälerisch, sadistisch und entwickelt bald darauf eineS.
35
richtige Zwangsneurose. Jedenfalls gewinnen wir die
Einsicht, daß die Verdrängung nicht das einzige Mittel
ist, das dem Ich zur Abwehr einer unliebsamen Trieb-
regung zu Gebote steht. Wenn es ihm gelingt, den
Trieb zur Regression zu bringen, so hat es ihn im
Grunde energischer beeinträchtigt, als durch die Ver-
drängung möglich wäre. Allerdings läßt es manchmal
der zuerst erzwungenen Regression die Verdrängung
folgen.Der Sachverhalt beim Wolfsmann und der etwas
einfachere beim kleinen Hans regen noch mancherlei
andere Überlegungen an, aber zwei unerwartete Ein-
sichten gewinnen wir schon jetzt. Kein Zweifel, die
bei diesen Phobien verdrängte Triebregung ist eine
feindselige gegen den Vater. Man kann sagen, sie wird
verdrängt durch den Prozeß der Verwandlung ins
Gegenteil; an Stelle der Aggression gegen den Vater
tritt die Aggression – die Rache – des Vaters gegen
die eigene Person. Da eine solche Aggression ohne-
dies in der sadistischen Libidophase wurzelt, bedarf
sie nur noch einer gewissen Erniedrigung zur oralen
Stufe, die bei Hans durch das Gebissenwerden ange-
deutet, beim Russen aber im Gefressenwerden grell
ausgeführt ist. Aber außerdem läßt ja die Analyse
über jeden Zweifel gesichert feststellen, daß gleich-
zeitig noch eine andere Triebregung der Verdrängung
erlegen ist, die gegensinnige einer zärtlichen passiven
Regung für den Vater, die bereits das Niveau derS.
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genitalen (phallischen) Libidoorganisation erreicht hatte.
Die letztere scheint sogar die für das Endergebnis
des Verdrängungsvorganges bedeutsamere zu sein, sie
erfährt die weitergehende Regression, sie erhält den
bestimmenden Einfluß auf den Inhalt der Phobie. Wo
wir also nur einer Triebverdrängung nachgespürt
haben, müssen wir das Zusammentreffen von zwei
solchen Vorgängen anerkennen; die beiden betroffenen
Triebregungen – sadistische Aggression gegen den
Vater und zärtlich passive Einstellung zu ihm – bilden
ein Gegensatzpaar, ja noch mehr: wenn wir die
Geschichte des kleinen Hans richtig würdigen, erkennen
wir, daß durch die Bildung seiner Phobie auch die
zärtliche Objektbesetzung der Mutter aufgehoben
worden ist, wovon der Inhalt der Phobie nichts verrät.
Es handelt sich bei Hans – beim Russen ist das weit
weniger deutlich – um einen Verdrängungsvorgang,
der fast alle Komponenten des Ödipuskomplexes betrifft,
die feindliche wie die zärtliche Regung gegen den Vater
und die zärtliche für die Mutter.Das sind unerwünschte Komplikationen für uns, die
wir nur einfache Fälle von Symptombildung infolge
von Verdrängung studieren wollten und uns in dieser
Absicht an die frühesten und anscheinend durch-
sichtigsten Neurosen der Kindheit gewendet hatten.
Anstatt einer einzigen Verdrängung fanden wir eine
Häufung von solchen vor und überdies bekamen wir
es mit der Regression zu tun. Vielleicht haben wirS.
37
die Verwirrung dadurch gesteigert, daß wir die beiden
verfügbaren Analysen von Tierphobien – die des
kleinen Hans und des Wolfsmannes – durchaus auf
denselben Leisten schlagen wollten. Nun fallen uns
gewisse Unterschiede der beiden auf. Nur vom kleinen
Hans kann man mit Bestimmtheit aussagen, daß er
durch seine Phobie die beiden Hauptregungen des
Ödipuskomplexes, die aggressive gegen den Vater
und die überzärtliche gegen die Mutter, erledigt; die
zärtliche für den Vater ist gewiß auch vorhanden, sie
spielt ihre Rolle bei der Verdrängung ihres Gegensatzes,
aber es ist weder nachweisbar, daß sie stark genug
war, um eine Verdrängung zu provozieren, noch daß
sie nachher aufgehoben ist. Hans scheint eben ein
normaler Junge mit sog. „positivem“ Ödipuskomplex
gewesen zu sein. Möglich, daß die Momente, die wir
vermissen, auch bei ihm mittätig waren, aber wir
können sie nicht aufzeigen, das Material selbst unserer
eingehendsten Analysen ist eben lückenhaft, unsere
Dokumentierung unvollständig. Beim Russen ist der
Defekt an anderer Stelle; seine Beziehung zum weib-
lichen Objekt ist durch eine frühzeitige Verführung
gestört worden, die passive, feminine Seite ist bei
ihm stark ausgebildet und die Analyse seines Wolfs-
traumes enthüllt wenig von beabsichtigter Aggression
gegen den Vater, erbringt dafür die unzweideutigsten
Beweise, daß die Verdrängung die passive, zärtliche
Einstellung zum Vater betrifft. Auch hier mögen dieS.
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anderen Faktoren beteiligt gewesen sein, sie treten
aber nicht vor. Wenn trotz dieser Unterschiede der
beiden Fälle, die sich nahezu einer Gegensätzlichkeit
nähern, der Enderfolg der Phobie nahezu der nämliche
ist, so muß uns die Erklärung dafür von anderer Seite
kommen; sie kommt von dem zweiten Ergebnis unserer
kleinen vergleichenden Untersuchung. Wir glauben
den Motor der Verdrängung in beiden Fällen zu kennen
und sehen seine Rolle durch den Verlauf bestätigt,
den die Entwicklung der zwei Kinder nimmt. Er ist
in beiden Fällen der nämliche, die Angst vor einer
drohenden Kastration. Aus Kastrationsangst gibt der
kleine Hans die Aggression gegen den Vater auf; seine
Angst, das Pferd werde ihn beißen, kann zwanglos ver-
vollständigt werden, das Pferd werde ihm das Genitale
abbeißen, ihn kastrieren. Aber aus Kastrationsangst
verzichtet auch der kleine Russe auf den Wunsch,
vom Vater als Sexualobjekt geliebt zu werden, denn
er hat verstanden, eine solche Beziehung hätte zur
Voraussetzung, daß er sein Genitale aufopfert, das,
was ihn vom Weib unterscheidet. Beide Gestaltungen
des Ödipuskomplexes, die normale, aktive, wie die
invertierte, scheitern ja am Kastrationskomplex. Die
Angstidee des Russen, vom Wolf gefressen zu werden,
enthält zwar keine Andeutung der Kastration, sie
hat sich durch orale Regression zu weit von der
phallischen Phase entfernt, aber die Analyse seines
Traumes macht jeden anderen Beweis überflüssig.S.
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Es ist auch ein voller Triumph der Verdrängung,
daß im Wortlaut der Phobie nichts mehr auf die
Kastration hindeutet.Hier nun das unerwartete Ergebnis: In beiden
Fällen ist der Motor der Verdrängung die Kastrations-
angst; die Angstinhalte, vom Pferd gebissen und vom
Wolf gefressen zu werden, sind Entstellungsersatz für
den Inhalt, vom Vater kastriert zu werden. Dieser
Inhalt ist es eigentlich, der die Verdrängung an sich
erfahren hat. Beim Russen war er Ausdruck eines
Wunsches, der gegen die Auflehnung der Männlich-
keit nicht bestehen konnte, bei Hans Ausdruck einer
Reaktion, welche die Aggression in ihr Gegenteil
umwandelte. Aber der Angstaffekt der Phobie, der
ihr Wesen ausmacht, stammt nicht aus dem Ver-
drängungsvorgang, nicht aus den libidinösen Besetzungen
der verdrängten Regungen, sondern aus dem Ver-
drängenden selbst; die Angst der Tierphobie ist die
unverwandelte Kastrationsangst, also eine Realangst,
Angst vor einer wirklich drohenden oder als real
beurteilten Gefahr. Hier macht die Angst die Ver-
drängung, nicht, wie ich früher gemeint habe, die Ver-
drängung die Angst.Es ist nicht angenehm, daran zu denken, aber es
hilft nichts, es zu verleugnen, ich habe oftmals den
Satz vertreten, durch die Verdrängung werde die
Triebrepräsentanz entstellt, verschoben u. dgl., die
Libido der Triebregung aber in Angst verwandelt.S.
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Die Untersuchung der Phobien, die vor allem berufen
sein sollte, diesen Satz zu erweisen, bestätigt ihn also
nicht, sie scheint ihm vielmehr direkt zu widersprechen.
Die Angst der Tierphobien ist die Kastrationsangst
des Ichs, die der weniger gründlich studierten Agora-
phobie scheint Versuchungsangst zu sein, die ja gene-
tisch mit der Kastrationsangst zusammenhängen muß.
Die meisten Phobien gehen, so weit wir es heute
übersehen, auf eine solche Angst des Ichs vor den
Ansprüchen der Libido zurück. Immer ist dabei die
Angsteinstellung des Ichs das Primäre und der Antrieb
zur Verdrängung. Niemals geht die Angst aus der
verdrängten Libido hervor. Wenn ich mich früher
begnügt hätte zu sagen, nach der Verdrängung er-
scheint an Stelle der zu erwartenden Äußerung von
Libido ein Maß von Angst, so hätte ich heute
nichts zurückzunehmen. Die Beschreibung ist richtig
und zwischen der Stärke der zu verdrängenden
Regung und der Intensität der resultierenden Angst
besteht wohl die behauptete Entsprechung. Aber
ich gestehe, ich glaubte mehr als eine bloße Be-
schreibung zu geben, ich nahm an, daß ich den
metapsychologischen Vorgang einer direkten Um-
setzung der Libido in Angst erkannt hatte; das kann
ich also heute nicht mehr festhalten. Ich konnte auch
früher nicht angeben, wie sich eine solche Umwandlung
vollzieht.Woher schöpfte ich überhaupt die Idee dieser
S.
41
Umsetzung? Zur Zeit, als es uns noch sehr ferne lag,
zwischen Vorgängen im Ich und Vorgängen im Es zu
unterscheiden, aus dem Studium der Aktualneurosen.
Ich fand, daß bestimmte sexuelle Praktiken, wie Coitus
interruptus, frustrane Erregung, erzwungene Abstinenz
Angstausbrüche und eine allgemeine Angstbereitschaft
erzeugen, also immer, wenn die Sexualerregung in
ihrem Ablauf zur Befriedigung gehemmt, aufgehalten
oder abgelenkt wird. Da die Sexualerregung der Aus-
druck libidinöser Triebregungen ist, schien es nicht
gewagt, anzunehmen, daß die Libido sich durch die
Einwirkung solcher Störungen in Angst verwandelt.
Nun ist diese Beobachtung auch heute noch gültig;
anderseits ist nicht abzuweisen, daß die Libido der
Es‑Vorgänge durch die Anregung der Verdrängung eine
Störung erfährt; es kann also noch immer richtig sein,
daß sich bei der Verdrängung Angst aus der Libido-
besetzung der Triebregungen bildet. Aber wie soll
man dieses Ergebnis mit dem anderen zusammen-
bringen, daß die Angst der Phobien eine Ich‑Angst ist,
im Ich entsteht, nicht aus der Verdrängung hervor-
geht, sondern die Verdrängung hervorruft? Das scheint
ein Widerspruch und nicht einfach zu lösen. Die
Reduktion der beiden Ursprünge der Angst auf einen
einzigen läßt sich nicht leicht durchsetzen. Man kann
es mit der Annahme versuchen, daß das Ich in der
Situation des gestörten Koitus, der unterbrochenen
Erregung, der Abstinenz, Gefahren wittert, auf die esS.
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Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1926