• S.

    92

    IX

    Was jetzt erübrigt, ist die Behandlung der Be-
    ziehungen zwischen Symptombildung und Angst-
    entwicklung.

    Zwei Meinungen darüber scheinen weit verbreitet
    zu sein. Die eine nennt die Angst selbst ein Symptom
    der Neurose, die andere glaubt an ein weit innigeres
    Verhältnis zwischen beiden. Ihr zufolge würde alle
    Symptombildung nur unternommen werden, um der
    Angst zu entgehen; die Symptome binden die psychi-
    sche Energie, die sonst als Angst abgeführt würde,
    so daß die Angst das Grundphänomen und Haupt-
    problem der Neurose wäre.

    Die zumindest partielle Berechtigung der zweiten
    Behauptung läßt sich durch schlagende Beispiele er-
    weisen. Wenn man einen Agoraphoben, den man auf
    die Straße begleitet hat, dort sich selbst überläßt,
    produziert er einen Angstanfall; wenn man einen
    Zwangsneurotiker daran hindern läßt, sich nach einer
    Berührung die Hände zu waschen, wird er die Beute

  • S.

    93

    einer fast unerträglichen Angst. Es ist also klar, die
    Bedingung des Begleitetwerdens und die Zwangs-
    handlung des Waschens hatten die Absicht und auch
    den Erfolg, solche Angstausbrüche zu verhüten. In
    diesem Sinne kann auch jede Hemmung, die sich das
    Ich auferlegt, Symptom genannt werden.

    Da wir die Angstentwicklung auf die Gefahr-
    situation zurückgeführt haben, werden wir es vor-
    ziehen zu sagen, die Symptome werden geschaffen,
    um das Ich der Gefahrsituation zu entziehen. Wird
    die Symptombildung verhindert, so tritt die Gefahr
    wirklich ein, d. h. es stellt sich jene der Geburt analoge
    Situation her, in der sich das Ich hilflos gegen den
    stetig wachsenden Triebanspruch findet, also die erste
    und ursprünglichste der Angstbedingungen. Für unsere
    Anschauung erweisen sich die Beziehungen zwischen
    Angst und Symptom weniger eng als angenommen
    wurde, die Folge davon, daß wir zwischen beide das
    Moment der Gefahrsituation eingeschoben haben. Wir
    können auch ergänzend sagen, die Angstentwicklung
    leite die Symptombildung ein, ja sie sei eine not-
    wendige Voraussetzung derselben, denn wenn das Ich
    nicht durch die Angstentwicklung die Lust-Unlust-Instanz 
    wachrütteln würde, bekäme es nicht die Macht,
    den im Es vorbereiteten, gefahrdrohenden Vorgang
    aufzuhalten. Dabei ist die Tendenz unverkennbar, sich
    auf ein Mindestmaß von Angstentwicklung zu be-
    schränken, die Angst nur als Signal zu verwenden,

  • S.

    94

    denn sonst bekäme man die Unlust, die durch den
    Triebvorgang droht, nur an anderer Stelle zu spüren,
    was kein Erfolg nach der Absicht des Lustprinzips
    wäre, sich aber doch bei den Neurosen häufig genug
    ereignet.

    Die Symptombildung hat also den wirklichen Erfolg,
    die Gefahrsituation aufzuheben. Sie hat zwei Seiten;
    die eine, die uns verborgen bleibt, stellt im Es jene
    Abänderung her, mittels deren das Ich der Gefahr
    entzogen wird, die andere uns zugewendete zeigt,
    was sie an Stelle des beeinflußten Triebvorganges
    geschaffen hat, die Ersatzbildung.

    Wir sollten uns aber korrekter ausdrücken, dem
    Abwehrvorgang zuschreiben, was wir eben von der
    Symptombildung ausgesagt haben, und den Namen
    Symptombildung selbst als synonym mit Ersatzbildung
    gebrauchen. Es scheint dann klar, daß der Abwehr-
    vorgang analog der Flucht ist, durch die sich das Ich
    einer von außen drohenden Gefahr entzieht, daß er
    eben einen Fluchtversuch vor einer Triebgefahr darstellt.
    Die Bedenken gegen diesen Vergleich werden uns zu
    weiterer Klärung verhelfen. Erstens läßt sich ein-
    wenden, daß der Objektverlust (der Verlust der Liebe
    von seiten des Objekts) und die Kastrationsdrohung
    ebensowohl Gefahren sind, die von außen drohen, wie
    etwa ein reißendes Tier, also nicht Triebgefahren.
    Aber es ist doch nicht derselbe Fall. Der Wolf würde
    uns wahrscheinlich anfallen, gleichgültig, wie wir uns

  • S.

    95

    gegen ihn benehmen; die geliebte Person würde uns aber
    nicht ihre Liebe entziehen, die Kastration uns nicht
    angedroht werden, wenn wir nicht bestimmte Gefühle
    und Absichten in unserem Inneren nähren würden. So
    werden diese Triebregungen zu Bedingungen der
    äußeren Gefahr und damit selbst gefährlich, wir können
    jetzt die äußere Gefahr durch Maßregeln gegen innere
    Gefahren bekämpfen. Bei den Tierphobien scheint die
    Gefahr noch durchaus als eine äußerliche empfunden
    zu werden, wie sie auch im Symptom eine äußerliche
    Verschiebung erfährt. Bei der Zwangsneurose ist sie
    weit mehr verinnerlicht, der Anteil der Angst vor dem
    Über-Ich, der soziale Angst ist, repräsentiert noch den
    innerlichen Ersatz einer äußeren Gefahr, der andere
    Anteil, die Gewissensangst, ist durchaus endopsychisch.

    Ein zweiter Einwand sagt, beim Fluchtversuch
    vor einer drohenden äußeren Gefahr tun wir ja nichts
    anderes, als daß wir die Raumdistanz zwischen uns
    und dem Drohenden vergrößern. Wir setzen uns ja
    nicht gegen die Gefahr zur Wehr, suchen nichts an
    ihr selbst zu ändern, wie in dem anderen Falle, daß
    wir mit einem Knüttel auf den Wolf losgehen oder
    mit einem Gewehr auf ihn schießen. Der Abwehr-
    vorgang scheint aber mehr zu tun, als einem Flucht-
    versuch entspricht. Er greift ja in den drohenden
    Triebablauf ein, unterdrückt ihn irgendwie, lenkt ihn
    von seinem Ziel ab, macht ihn dadurch ungefährlich.
    Dieser Einwand scheint unabweisbar, wir müssen ihm

  • S.

    96

    Rechnung tragen. Wir meinen, es wird wohl so sein,
    daß es Abwehrvorgänge gibt, die man mit gutem
    Recht einem Fluchtversuch vergleichen kann, während
    sich das Ich bei anderen weit aktiver zur Wehre
    setzt, energische Gegenaktionen vornimmt. Wenn der
    Vergleich der Abwehr mit der Flucht nicht überhaupt
    durch den Umstand gestört wird, daß das Ich und
    der Trieb im Es ja Teile derselben Organisation sind,
    nicht getrennte Existenzen, wie der Wolf und das Kind,
    so daß jede Art Verhaltens des Ichs auch abändernd
    auf den Triebvorgang einwirken muß.

    Durch das Studium der Angstbedingungen haben
    wir das Verhalten des Ichs bei der Abwehr sozusagen
    in rationeller Verklärung erblicken müssen. Jede Gefahr-
    situation entspricht einer gewissen Lebenszeit oder
    Entwicklungsphase des seelischen Apparats und er-
    scheint für diese berechtigt. Das frühkindliche Wesen
    ist wirklich nicht dafür ausgerüstet, große Erregungs-
    summen, die von außen oder innen anlangen, psychisch
    zu bewältigen. Zu einer gewissen Lebenszeit ist es
    wirklich das wichtigste Interesse, daß die Personen,
    von denen man abhängt, ihre zärtliche Sorge nicht
    zurückziehen. Wenn der Knabe den mächtigen Vater
    als Rivalen bei der Mutter empfindet, seiner aggressiven
    Neigungen gegen ihn und seiner sexuellen Absichten
    auf die Mutter inne wird, hat er ein Recht dazu, sich
    vor ihm zu fürchten, und die Angst vor seiner Strafe
    kann durch phylogenetische Verstärkung sich als

  • S.

    97

    Kastrationsangst äußern. Mit dem Eintritt in soziale
    Beziehungen wird die Angst vor dem Über‑Ich, 
    das Gewissen, zur Notwendigkeit, der Wegfall dieses
    Moments die Quelle von schweren Konflikten und
    Gefahren usw. Aber gerade daran knüpft sich ein
    neues Problem.

    Versuchen wir es, den Angstaffekt für eine Weile
    durch einen anderen, z. B. den Schmerzaffekt, zu
    ersetzen. Wir halten es für durchaus normal, daß das
    Mädchen von vier Jahren schmerzlich weint, wenn ihm
    eine Puppe zerbricht, mit sechs Jahren, wenn ihm die
    Lehrerin einen Verweis gibt, mit sechzehn Jahren,
    wenn der Geliebte sich nicht um sie bekümmert, mit
    fünfundzwanzig Jahren vielleicht, wenn sie ein Kind
    begräbt. Jede dieser Schmerzbedingungen hat ihre
    Zeit und erlischt mit deren Ablauf; die letzten, defini-
    tiven, erhalten sich dann durchs Leben. Es würde
    uns aber auffallen, wenn dies Mädchen als Frau und
    Mutter über die Beschädigung einer Nippsache weinen
    würde. So benehmen sich aber die Neurotiker. In
    ihrem seelischen Apparat sind längst alle Instanzen
    zur Reizbewältigung innerhalb weiter Grenzen aus-
    gebildet, sie sind erwachsen genug, um die meisten
    ihrer Bedürfnisse selbst zu befriedigen, sie wissen längst,
    daß die Kastration nicht mehr als Strafe geübt wird,
    und doch benehmen sie sich, als bestünden die alten
    Gefahrsituationen noch, sie halten an allen früheren
    Angstbedingungen fest.

  • S.

    98

    Die Antwort hierauf wird etwas weitläufig aus-
    fallen. Sie wird vor allem den Tatbestand zu sichten
    haben. In einer großen Anzahl von Fällen werden die
    alten Angstbedingungen wirklich fallen gelassen, nach-
    dem sie bereits neurotische Reaktionen erzeugt haben.
    Die Phobien der kleinsten Kinder vor Alleinsein,
    Dunkelheit und vor Fremden, die beinahe normal zu
    nennen sind, vergehen zumeist in etwas späteren
    Jahren, sie „wachsen sich aus“, wie man von manchen
    anderen Kindheitsstörungen sagt. Die so häufigen
    Tierphobien haben das gleiche Schicksal, viele der
    Konversionshysterien der Kinderjahre finden später
    keine Fortsetzung. Zeremoniell in der Latenzzeit ist
    ein ungemein häufiges Vorkommnis, nur ein sehr
    geringer Prozentsatz dieser Fälle entwickelt sich später
    zur vollen Zwangsneurose. Die Kinderneurosen sind
    überhaupt – soweit unsere Erfahrungen an den
    höheren Kulturanforderungen unterworfenen Stadt-
    kindern weißer Rasse reichen – regelmäßige Episoden
    der Entwicklung, wenngleich ihnen noch immer zu
    wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Man vermißt
    die Zeichen der Kindheitsneurose auch nicht bei einem
    erwachsenen Neurotiker, während lange nicht alle
    Kinder, die sie zeigen, auch später Neurotiker werden.
    Es müssen also im Verlaufe der Reifung Angst-
    bedingungen aufgegeben worden sein und Gefahr-
    situationen ihre Bedeutung verloren haben. Dazu
    kommt, daß einige dieser Gefahrsituationen sich dadurch 

  • S.

    99

    in späte Zeiten hinüberretten, daß sie ihre
    Angstbedingung zeitgemäß modifizieren. So erhält
    sich z. B. die Kastrationsangst unter der Maske der
    Syphilisphobie, nachdem man erfahren hat, daß zwar
    die Kastration nicht mehr als Strafe für das Gewähren-
    lassen der sexuellen Gelüste üblich ist, aber daß
    dafür der Triebfreiheit schwere Erkrankungen drohen.
    Andere der Angstbedingungen sind überhaupt nicht
    zum Untergang bestimmt, sondern sollen den Men-
    schen durchs Leben begleiten, wie die der Angst vor
    dem Über-Ich. Der Neurotiker unterscheidet sich
    dann vor den Normalen dadurch, daß er die Reak-
    tionen auf diese Gefahren übermäßig erhöht. Gegen
    die Wiederkehr der ursprünglichen traumatischen
    Angstsituation bietet endlich auch das Erwachsensein
    keinen zureichenden Schutz; es dürfte für jedermann
    eine Grenze geben, über die hinaus sein seelischer
    Apparat in der Bewältigung der Erledigung heischen-
    den Erregungsmengen versagt.

    Diese kleinen Berichtigungen können unmöglich
    die Bestimmung haben, an der Tatsache zu rütteln,
    die hier erörtert wird, der Tatsache, daß so viele
    Menschen in ihrem Verhalten zur Gefahr infantil
    bleiben und verjährte Angstbedingungen nicht über-
    winden; dies bestreiten, hieße die Tatsache der Neu-
    rose leugnen, denn solche Personen heißt man eben
    Neurotiker. Wie ist das aber möglich? Warum sind
    nicht alle Neurosen Episoden der Entwicklung, die

  • S.

    100

    mit Erreichung der nächsten Phase abgeschlossen
    werden? Woher das Dauermoment in diesen Reak-
    tionen auf die Gefahr? Woher der Vorzug, den der
    Angstaffekt vor allen anderen Affekten zu genießen
    scheint, daß er allein Reaktionen hervorruft, die sich
    als abnorm von den anderen sondern und sich als
    unzweckmäßig dem Strom des Lebens entgegen-
    stellen? Mit anderen Worten, wir finden uns unver-
    sehens wieder vor der so oft gestellten Vexierfrage,
    woher kommt die Neurose, was ist ihr letztes, das
    ihr besondere Motiv? Nach jahrzehntelangen analy-
    tischen Bemühungen erhebt sich dies Problem vor
    uns, unangetastet, wie zu Anfang.