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Die Angst ist die Reaktion auf die Gefahr. Man
kann doch die Idee nicht abweisen, daß es mit dem
Wesen der Gefahr zusammenhängt, wenn sich der
Angstaffekt eine Ausnahmsstellung in der seelischen
Ökonomie erzwingen kann. Aber die Gefahren sind
allgemein menschliche, für alle Individuen die näm-
lichen; was wir brauchen und nicht zur Verfügung
haben, ist ein Moment, das uns die Auslese der Indi-
viduen verständlich macht, die den Angstaffekt trotz
seiner Besonderheit dem normalen seelischen Betrieb
unterwerfen können, oder das bestimmt, wer an dieser
Aufgabe scheitern muß. Ich sehe zwei Versuche vor
mir, ein solches Moment aufzudecken; es ist begreif-
lich, daß jeder solche Versuch eine sympathische
Aufnahme erwarten darf, da er einem quälenden Be-
dürfnis Abhilfe verspricht. Die beiden Versuche
ergänzen einander, indem sie das Problem an ent-
gegengesetzten Enden angreifen. Der erste ist vor
mehr als zehn Jahren von Alfred Adler unternommenS.
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worden; er behauptet, auf seinen innersten
Kern reduziert, daß diejenigen Menschen an der
Bewältigung der durch die Gefahr gestellten Aufgabe
scheitern, denen die Minderwertigkeit ihrer Organe
zu große Schwierigkeiten bereitet. Bestünde der Satz
Simplex sigillum veri zurecht, so müßte man eine
solche Lösung wie eine Erlösung begrüßen. Aber
im Gegenteile, die Kritik des abgelaufenen Jahrzehnts
hat die volle Unzulänglichkeit dieser Erklärung, die
sich überdies über den ganzen Reichtum der von der
Psychoanalyse aufgedeckten Tatbestände hinaussetzt,
beweisend dargetan.Den zweiten Versuch hat Otto Rank 1923 in
seinem Buch „Das Trauma der Geburt“ unternommen.
Es wäre unbillig, ihn dem Versuch von Adler in
einem anderen Punkte als dem einen hier betonten
gleichzustellen, denn er bleibt auf dem Boden der
Psychoanalyse, deren Gedankengänge er fortsetzt und
ist als eine legitime Bemühung zur Lösung der ana-
lytischen Probleme anzuerkennen. In der gegebenen
Relation zwischen Individuum und Gefahr lenkt Rank
von der Organschwäche des Individuums ab und auf
die veränderliche Intensität der Gefahr hin. Der
Geburtsvorgang ist die erste Gefahrsituation, der von
ihm produzierte ökonomische Aufruhr wird das Vor-
bild der Angstreaktion; wir haben vorhin die Ent-
wicklungslinie verfolgt, welche diese erste Gefahr-
situation und Angstbedingung mit allen späteren verbindet,S.
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und dabei gesehen, daß sie alle etwas Ge-
meinsames bewahren, indem sie alle in gewissem
Sinne eine Trennung von der Mutter bedeuten, zuerst
nur in biologischer Hinsicht, dann im Sinn eines
direkten Objektverlustes und später eines durch in-
direkte Wege vermittelten. Die Aufdeckung dieses
großen Zusammenhanges ist ein unbestrittenes Ver-
dienst der Rankschen Konstruktion. Nun trifft das
Trauma der Geburt die einzelnen Individuen in ver-
schiedener Intensität, mit der Stärke des Traumas
variiert die Heftigkeit der Angstreaktion, und es soll
nach Rank von dieser Anfangsgröße der Angst-
entwicklung abhängen, ob das Individuum jemals ihre
Beherrschung erlernen kann, ob es neurotisch wird
oder normal.Die Einzelkritik der Rankschen Aufstellungen ist
nicht unsere Aufgabe, bloß deren Prüfung, ob sie zur
Lösung unseres Problems brauchbar sind. Die Formel
Ranks, Neurotiker werde der, dem es wegen der
Stärke des Geburtstraumas niemals gelinge, dieses
völlig abzureagieren, ist theoretisch höchst anfechtbar.
Man weiß nicht recht, was mit dem Abreagieren des
Traumas gemeint ist. Versteht man es wörtlich, so
kommt man zu dem unhaltbaren Schluß, daß der
Neurotiker sich um so mehr der Gesundung nähert,
je häufiger und intensiver er den Angstaffekt repro-
duziert. Wegen dieses Widerspruches mit der Wirk-
lichkeit hatte ich ja seinerzeit die Theorie des AbreagierensS.
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aufgegeben, die in der Katharsis eine so
große Rolle spielte. Die Betonung der wechselnden
Stärke des Geburtstraumas läßt keinen Raum für den
berechtigten ätiologischen Anspruch der hereditären
Konstitution. Sie ist ja ein organisches Moment,
welches sich gegen die Konstitution wie eine Zu-
fälligkeit verhält und selbst von vielen, zufällig zu
nennenden Einflüssen, z. B. von der rechtzeitigen
Hilfeleistung bei der Geburt abhängig ist. Die Rank-
sche Lehre hat konstitutionelle wie phylogenetische
Faktoren überhaupt außer Betracht gelassen. Will
man aber für die Bedeutung der Konstitution Raum
schaffen, etwa durch die Modifikation, es käme viel
mehr darauf an, wie ausgiebig das Individuum auf die
variable Intensität des Geburtstraumas reagiere, so
hat man der Theorie ihre Bedeutung geraubt, und
den neu eingeführten Faktor auf eine Nebenrolle ein-
geschränkt. Die Entscheidung über den Ausgang in
Neurose liegt dann doch auf einem anderen, wiederum
auf einem unbekannten Gebiet.Die Tatsache, daß der Mensch den Geburtsvor-
gang mit den anderen Säugetieren gemein hat,
während ihm eine besondere Disposition zur Neurose
als Vorrecht vor den Tieren zukommt, wird kaum
günstig für die Rank sche Lehre stimmen. Der Haupt-
einwand bleibt aber, daß sie in der Luft schwebt,
anstatt sich auf gesicherte Beobachtung zu stützen. Es
gibt keine guten Untersuchungen darüber, ob schwereS.
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und protrahierte Geburt in unverkennbarer Weise mit
Entwicklung von Neurose zusammentreffen, ja, ob so
geborene Kinder nur die Phänomene der frühinfantilen
Ängstlichkeit länger oder stärker zeigen als andere.
Macht man geltend, daß präzipitierte und für die
Mutter leichte Geburten für das Kind möglicher-
weise die Bedeutung von schweren Traumen haben,
so bleibt doch die Forderung aufrecht, daß Geburten,
die zur Asphyxie führen, die behaupteten Folgen mit
Sicherheit erkennen lassen müßten. Es scheint ein
Vorteil der Rankschen Ätiologie, daß sie ein Moment
voranstellt, das der Nachprüfung am Material der
Erfahrung zugänglich ist; solange man eine solche
Prüfung nicht wirklich vorgenommen hat, ist es
unmöglich, ihren Wert zu beurteilen.Dagegen kann ich mich der Meinung nicht an-
schließen, daß die Ranksche Lehre der bisher in der
Psychoanalyse anerkannten ätiologischen Bedeutung
der Sexualtriebe widerspricht; denn sie bezieht sich
nur auf das Verhältnis des Individuums zur Gefahr-
situation und läßt die gute Auskunft offen, daß, wer
die anfänglichen Gefahren nicht bewältigen konnte,
auch in den später auftauchenden Situationen sexueller
Gefahr versagen muß und dadurch in die Neurose
gedrängt wird.Ich glaube also nicht, daß der Ranksche Versuch
uns die Antwort auf die Frage nach der Begründung
der Neurose gebracht hat, und ich meine, es läßt sichS.
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noch nicht entscheiden, einen wie großen Beitrag zur
Lösung der Frage er doch enthält. Wenn die Unter-
suchungen über den Einfluß schwerer Geburt auf die
Disposition zu Neurosen negativ ausfallen, ist dieser
Beitrag gering einzuschätzen. Es ist sehr zu besorgen,
daß das Bedürfnis nach einer greifbaren und einheit-
lichen „letzten Ursache" der Nervosität immer un-
befriedigt bleiben wird. Der ideale Fall, nach dem
sich der Mediziner wahrscheinlich noch heute sehnt,
wäre der des Bazillus, der sich isolieren und reinzüchten
läßt, und dessen Impfung bei jedem Individuum die
nämliche Affektion hervorruft. Oder etwas weniger
phantastisch: die Darstellung von chemischen Stoffen,
deren Verabreichung bestimmte Neurosen produziert und
aufhebt. Aber die Wahrscheinlichkeit spricht nicht für
solche Lösungen des Problems.Die Psychoanalyse führt zu weniger einfachen,
minder befriedigenden Auskünften. Ich habe hier nur
längst Bekanntes zu wiederholen, nichts Neues hinzu-
zufügen. Wenn es dem Ich gelungen ist, sich einer
gefährlichen Triebregung zu erwehren, z. B. durch
den Vorgang der Verdrängung, so hat es diesen Teil
des Es zwar gehemmt und geschädigt, aber ihm
gleichzeitig auch ein Stück Unabhängigkeit gegeben
und auf ein Stück seiner eigenen Souveränität ver-
zichtet. Das folgt aus der Natur der Verdrängung,
die im Grunde ein Fluchtversuch ist. Das Verdrängte
ist nun „vogelfrei“, ausgeschlossen aus der großenS.
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Organisation des Ichs, nur den Gesetzen unterworfen,
die im Bereich des Unbewußten herrschen. Ändert
sich nun die Gefahrsituation, so daß das Ich kein
Motiv zur Abwehr einer neuerlichen, der verdrängten
analogen Triebregung hat, so werden die Folgen der
Icheinschränkung manifest. Der neuerliche Triebablauf
vollzieht sich unter dem Einfluß des Automatismus,
– ich zöge vor zu sagen: des Wiederholungszwanges,
– er wandelt dieselben Wege wie der früher ver-
drängte, als ob die überwundene Gefahrsituation noch
bestünde. Das fixierende Moment an der Verdrängung
ist also der Wiederholungszwang des unbewußten Es,
der normalerweise nur durch die frei bewegliche
Funktion des Ichs aufgehoben wird. Nun mag es
dem Ich mitunter gelingen, die Schranken der Ver-
drängung, die es selbst aufgerichtet, wieder ein-
zureißen, seinen Einfluß auf die Triebregung wieder-
zugewinnen und den neuerlichen Triebablauf im Sinne
der veränderten Gefahrsituation zu lenken. Tatsache
ist, daß es ihm so oft mißlingt, und daß es seine
Verdrängungen nicht rückgängig machen kann. Quanti-
tative Relationen mögen für den Ausgang dieses
Kampfes maßgebend sein. In manchen Fällen haben
wir den Eindruck, daß die Entscheidung eine zwangs-
läufige ist, die regressive Anziehung der verdrängten
Regung und die Stärke der Verdrängung sind so groß,
daß die neuerliche Regung nur dem Wiederholungs-
zwange folgen kann. In anderen Fällen nehmen wirS.
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den Beitrag eines anderen Kräftespiels wahr, die An-
ziehung des verdrängten Vorbilds wird verstärkt durch
die Abstoßung von Seiten der realen Schwierigkeiten,
die sich einem anderen Ablauf der neuerlichen Trieb-
regung entgegensetzen.Daß dies der Hergang der Fixierung an die Ver-
drängung und der Erhaltung der nicht mehr aktuellen
Gefahrsituation ist, findet seinen Erweis in der an
sich bescheidenen, aber theoretisch kaum überschätz-
baren Tatsache der analytischen Therapie. Wenn wir
dem Ich in der Analyse die Hilfe leisten, die es in
den Stand setzen kann, seine Verdrängungen aufzu-
heben, bekommt es seine Macht über das verdrängte
Es wieder und kann die Triebregungen so ablaufen
lassen, als ob die alten Gefahrsituationen nicht mehr
bestünden. Was wir so erreichen, steht in gutem
Einklang mit dem sonstigen Machtbereich unserer
ärztlichen Leistung. In der Regel muß sich ja unsere
Therapie damit begnügen, rascher, verläßlicher, mit
weniger Aufwand den guten Ausgang herbeizuführen,
der sich unter günstigen Verhältnissen spontan ergeben
hätte.Die bisherigen Erwägungen lehren uns, es sind
quantitative Relationen, nicht direkt aufzuzeigen, nur
auf dem Wege des Rückschlusses faßbar, die darüber
entscheiden, ob die alten Gefahrsituationen festgehalten
werden, ob die Verdrängungen des Ichs erhalten
bleiben, ob die Kinderneurosen ihre FortsetzungS.
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finden oder nicht. Von den Faktoren, die an der
Verursachung der Neurosen beteiligt sind, die die
Bedingungen geschaffen haben, unter denen sich die
psychischen Kräfte mit einander messen, heben sich
für unser Verständnis drei hervor, ein biologischer,
ein phylogenetischer und ein rein psychologischer. Der
biologische ist die lang hingezogene Hilflosigkeit und
Abhängigkeit des kleinen Menschenkindes. Die Intrau-
terinexistenz des Menschen erscheint gegen die der
meisten Tiere relativ verkürzt; es wird unfertiger als
diese in die Welt geschickt. Dadurch wird der Ein-
fluß der realen Außenwelt verstärkt, die Differen-
zierung des Ichs vom Es frühzeitig gefördert, die
Gefahren der Außenwelt in ihrer Bedeutung er-
höht und der Wert des Objekts, das allein gegen
diese Gefahren schützen und das verlorene Intrau-
terinleben ersetzen kann, enorm gesteigert. Dies bio-
logische Moment stellt also die ersten Gefahrsituationen
her und schafft das Bedürfnis, geliebt zu werden, das
den Menschen nicht mehr verlassen wird.Der zweite, phylogenetische, Faktor ist von uns
nur erschlossen worden; eine sehr merkwürdige Tat-
sache der Libidoentwicklung hat uns zu seiner An-
nahme gedrängt. Wir finden, daß das Sexualleben
des Menschen sich nicht wie das der meisten ihm
nahestehenden Tiere vom Anfang bis zur Reifung
stetig weiter entwickelt, sondern daß es nach einer
ersten Frühblüte bis zum fünften Jahr eine energischeS.
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Unterbrechung erfährt, worauf es dann mit der
Pubertät von neuem anhebt und an die infantilen
Ansätze anknüpft. Wir meinen, es müßte in den
Schicksalen der Menschenart etwas Wichtiges vorge-
fallen sein, was diese Unterbrechung der Sexualent-
wicklung als historischen Niederschlag hinterlassen hat.
Die pathogene Bedeutung dieses Moments ergibt sich
daraus, daß die meisten Triebansprüche dieser kind-
lichen Sexualität vom Ich als Gefahren behandelt und
abgewehrt werden, so daß die späteren sexuellen
Regungen der Pubertät, die ichgerecht sein sollten,
in Gefahr sind, der Anziehung der infantilen Vorbilder
zu unterliegen und ihnen in die Verdrängung zu folgen.
Hier stoßen wir auf die direkteste Ätiologie der Neu-
rosen. Es ist merkwürdig, daß der frühe Kontakt mit
den Ansprüchen der Sexualität auf das Ich ähnlich
wirkt, wie die vorzeitige Berührung mit der Außen-
welt.Der dritte oder psychologische Faktor ist in einer
Unvollkommenheit unseres seelischen Apparates zu
finden, die gerade mit seiner Differenzierung in ein
Ich und ein Es zusammenhängt, also in letzter Linie
auch auf den Einfluß der Außenwelt zurückgeht. Durch
die Rücksicht auf die Gefahren der Realität wird das
Ich genötigt, sich gegen gewisse Triebregungen des
Es zur Wehre zu setzen, sie als Gefahren zu be-
handeln. Das Ich kann sich aber gegen innere Trieb-
gefahren nicht in so wirksamer Weise schützen wieS.
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gegen ein Stück der ihm fremden Realität. Mit dem
Es selbst innig verbunden, kann es die Triebgefahr
nur abwehren, indem es seine eigene Organisation ein-
schränkt und sich die Symptombildung als Ersatz für
seine Beeinträchtigung des Triebes gefallen läßt. Er-
neuert sich dann der Andrang des abgewiesenen
Triebes, so ergeben sich für das Ich alle die Schwierig-
keiten, die wir als das neurotische Leiden kennen.Weiter muß ich glauben, ist unsere Einsicht in das
Wesen und die Verursachung der Neurosen vorläufig
nicht gekommen.
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Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1926