• S.

    63

    VII

    Kehren wir zu den infantilen Tierphobien zu-
    rück, wir verstehen diese Fälle doch besser als alle
    anderen. Das Ich muß also hier gegen eine libidinöse
    Objektbesetzung des Es (die des positiven oder
    des negativen Odipuskomplexes) einschreiten, weil es
    verstanden hat, ihr nachzugeben brächte die Gefahr
    der Kastration mit sich. Wir haben das schon erörtert
    und finden noch Anlaß, uns einen Zweifel klar zu
    machen, der von dieser ersten Diskussion erübrigt ist.
    Sollen wir beim kleinen Hans (also im Falle des posi-
    tiven Ödipuskomplexes) annehmen, daß es die zärt-
    liche Regung für die Mutter oder die aggressive gegen
    den Vater ist, welche die Abwehr des Ichs heraus-
    fordert? Praktisch schiene das gleichgültig, besonders
    da die beiden Regungen einander bedingen, aber ein
    theoretisches Interesse knüpft sich an die Frage, weil
    nur die zärtliche Strömung für die Mutter als eine
    rein erotische gelten kann. Die aggressive ist wesent-
    lich vom Destruktionstrieb abhängig, und wir haben

  • S.

    64

    immer geglaubt, bei der Neurose wehre sich das Ich
    gegen Ansprüche der Libido, nicht der anderen
    Triebe. In der Tat sehen wir, daß nach der Bildung
    der Phobie die zärtliche Mutterbindung wie ver-
    schwunden ist, sie ist durch die Verdrängung gründ-
    lich erledigt worden, an der aggressiven Regung hat
    sich aber die Symptom‑(Ersatz‑) Bildung vollzogen.
    Im Falle des Wolfsmannes liegt es einfacher, die ver-
    drängte Regung ist wirklich eine erotische, die
    feminine Einstellung zum Vater, und an ihr vollzieht
    sich auch die Symptombildung.

    Es ist fast beschämend, daß wir nach so langer
    Arbeit noch immer Schwierigkeiten in der Auffassung
    der fundamentalsten Verhältnisse finden, aber wir
    haben uns vorgenommen, nichts zu vereinfachen und
    nichts zu verheimlichen. Wenn wir nicht klar sehen
    können, wollen wir wenigstens die Unklarheiten scharf
    sehen. Was uns hier im Wege steht, ist offenbar
    eine Unebenheit in der Entwicklung unserer Trieb-
    lehre. Wir hatten zuerst die Organisationen der Libido
    von der oralen über die sadistisch‑anale zur genitalen
    Stufe verfolgt und dabei alle Komponenten des Sexual-
    triebs einander gleichgestellt. Später erschien uns der
    Sadismus als der Vertreter eines anderen, dem Eros
    gegensätzlichen Triebes. Die neue Auffassung von den
    zwei Triebgruppen scheint die frühere Konstruktion
    von den sukzessiven Phasen der Libidoorganisation zu
    sprengen. Die hilfreiche Auskunft aus dieser Schwierigkeit 

  • S.

    65

    brauchen wir aber nicht neu zu erfinden. Sie
    hat sich uns längst geboten und lautet, daß wir es
    kaum jemals mit reinen Triebregungen zu tun haben,
    sondern durchwegs mit Legierungen beider Triebe in
    verschiedenen Mengenverhältnissen. Die sadistische
    Objektbesetzung hat also auch ein Anrecht, als eine
    libidinöse behandelt zu werden, die Organisationen
    der Libido brauchen nicht revidiert zu werden, die
    aggressive Regung gegen den Vater kann mit dem-
    selben Anrecht Objekt der Verdrängung werden wie
    die zärtliche für die Mutter. Immerhin setzen wir als
    Stoff für spätere Überlegung die Möglichkeit beiseite,
    daß die Verdrängung ein Prozeß ist, der eine beson-
    dere Beziehung zur Genitalorganisation der Libido hat,
    daß das Ich zu anderen Methoden der Abwehr
    greift, wenn es sich der Libido auf anderen Stufen
    der Organisation zu erwehren hat, und setzen wir
    fort. Ein Fall wie der des kleinen Hans gestattet
    uns keine Entscheidung; hier wird zwar eine aggressive
    Regung durch Verdrängung erledigt, aber nachdem
    die Genitalorganisation bereits erreicht ist.

    Wir wollen diesmal die Beziehung zur Angst
    nicht aus den Augen lassen. Wir sagten, so wie das
    Ich die Kastrationsgefahr erkannt hat, gibt es das
    Angstsignal und inhibiert mittels der Lust-Unlust‑Instanz 
    auf eine weiter nicht einsichtliche Weise den
    bedrohlichen Besetzungsvorgang im Es. Gleichzeitig
    vollzieht sich die Bildung der Phobie. Die Kastrationsangst 

  • S.

    66

    erhält ein anderes Objekt und einen entstellten
    Ausdruck: vom Pferd gebissen (vom Wolf gefressen),
    anstatt vom Vater kastriert zu werden. Die Ersatz-
    bildung hat zwei offenkundige Vorteile, erstens, daß
    sie einem Ambivalenzkonflikt ausweicht, denn der
    Vater ist ein gleichzeitig geliebtes Objekt und zweitens,
    daß sie dem Ich gestattet, die Angstentwicklung ein-
    zustellen. Die Angst der Phobie ist nämlich eine
    fakultative, sie tritt nur auf, wenn ihr Objekt Gegen-
    stand der Wahrnehmung wird. Das ist ganz korrekt;
    nur dann ist nämlich die Gefahrsituation vorhanden.
    Von einem abwesenden Vater braucht man auch die
    Kastration nicht zu befürchten. Nun kann man den
    Vater nicht wegschaffen, er zeigt sich immer, wann
    er will. Ist er aber durch das Tier ersetzt, so braucht
    man nur den Anblick, d. h. die Gegenwart des
    Tieres zu vermeiden, um frei von Gefahr und Angst
    zu sein. Der kleine Hans legt seinem Ich also eine
    Einschränkung auf, er produziert die Hemmung, nicht
    auszugehen, um nicht mit Pferden zusammenzutreffen.
    Der kleine Russe hat es noch bequemer, es ist kaum
    ein Verzicht für ihn, daß er ein gewisses Bilderbuch
    nicht mehr zur Hand nimmt. Wenn die schlimme
    Schwester ihm nicht immer wieder das Bild des auf-
    rechtstehenden Wolfes in diesem Buch vor Augen
    halten würde, dürfte er sich vor seiner Angst gesichert
    fühlen.

    Ich habe früher einmal der Phobie den Charakter

  • S.

    67

    einer Projektion zugeschrieben, indem sie eine innere
    Triebgefahr durch eine äußere Wahrnehmungsgefahr
    ersetzt. Das bringt den Vorteil, daß man sich
    gegen die äußere Gefahr durch Flucht und Ver-
    meidung der Wahrnehmung schützen kann, während
    gegen die Gefahr von innen keine Flucht nützt. Meine
    Bemerkung ist nicht unrichtig, aber sie bleibt an der
    Oberfläche. Der Triebanspruch ist ja nicht an sich
    eine Gefahr, sondern nur darum, weil er eine richtige
    äußere Gefahr, die der Kastration, mit sich bringt.
    So ist im Grunde bei der Phobie doch nur eine
    äußere Gefahr durch eine andere ersetzt. Daß das
    Ich sich bei der Phobie durch eine Vermeidung oder
    ein Hemmungssymptom der Angst entziehen kann,
    stimmt sehr gut zur Auffassung, diese Angst sei nur
    ein Affektsignal und an der ökonomischen Situation
    sei nichts geändert worden.

    Die Angst der Tierphobien ist also eine Affekt-
    reaktion des Ichs auf die Gefahr; die Gefahr, die
    hier signalisiert wird, die der Kastration. Kein anderer
    Unterschied von der Realangst, die das Ich normaler-
    weise in Gefahrsituationen äußert, als daß der Inhalt
    der Angst unbewußt bleibt und nur in einer Entstellung
    bewußt wird.

    Dieselbe Auffassung wird sich uns, glaube ich, auch
    für die Phobien Erwachsener giltig erweisen, wenngleich
    das Material, das die Neurose verarbeitet, sehr viel
    reichhaltiger ist und einige Momente zur Symptombildung 

  • S.

    68

    hinzukommen. Im Grunde ist es das nämliche.
    Der Agoraphobe legt seinem Ich eine Beschränkung
    auf, um einer Triebgefahr zu entgehen. Die Triebgefahr
    ist die Versuchung, seinen erotischen Gelüsten nachzu-
    geben, wodurch er wieder wie in der Kindheit die
    Gefahr der Kastration, oder eine ihr analoge, herauf-
    beschwören würde. Als Beispiel führe ich den Fall eines
    jungen Mannes an, der agoraphob wurde, weil er
    befürchtete, den Lockungen von Prostituierten nach-
    zugeben und sich zur Strafe Syphilis zu holen.

    Ich weiß wohl, daß viele Fälle eine kompliziertere
    Struktur zeigen und daß viele andere verdrängte Trieb-
    regungen in die Phobie einmünden können, aber diese
    sind nur auxiliär und haben sich meist nachträglich mit
    dem Kern der Neurose in Verbindung gesetzt. Die
    Symptomatik der Agoraphobie wird dadurch kompli-
    ziert, daß das Ich sich nicht damit begnügt, auf etwas
    zu verzichten; es tut noch etwas hinzu, um der Situation
    ihre Gefahr zu benehmen. Diese Zutat ist gewöhnlich
    eine zeitliche Regression in die Kinderjahre (im extremen
    Fall bis in den Mutterleib, in Zeiten, in denen man gegen
    die heute drohenden Gefahren geschützt war) und tritt
    als die Bedingung auf, unter der der Verzicht unter-
    bleiben kann. So kann der Agoraphobe auf die Straße
    gehen, wenn er wie ein kleines Kind von einer Person
    seines Vertrauens begleitet wird. Dieselbe Rücksicht mag
    ihm auch gestatten, allein auszugehen, wenn er sich nur
    nicht über eine bestimmte Strecke von seinem Haus

  • S.

    69

    entfernt, nicht in Gegenden geht, die er nicht gut kennt
    und wo er den Leuten nicht bekannt ist. In der Aus-
    wahl dieser Bestimmungen zeigt sich der Einfluß der
    infantilen Momente, die ihn durch seine Neurose be-
    herrschen. Ganz eindeutig, auch ohne solche infantile
    Regression, ist die Phobie vor dem Alleinsein, die im
    Grunde der Versuchung zur einsamen Onanie aus-
    weichen will. Die Bedingung der infantilen Regression
    ist natürlich die zeitliche Entfernung von der Kindheit.

    Die Phobie stellt sich in der Regel her, nachdem
    unter gewissen Umständen – auf der Straße, auf der
    Eisenbahn, im Alleinsein – ein erster Angstanfall
    erlebt worden ist. Dann ist die Angst gebannt, tritt
    aber jedesmal wieder auf, wenn die schützende Be-
    dingung nicht eingehalten werden kann. Der Mechanismus
    der Phobie tut als Abwehrmittel gute Dienste und
    zeigt eine große Neigung zur Stabilität. Eine Fort-
    setzung des Abwehrkampfes, der sich jetzt gegen das
    Symptom richtet, tritt häufig, aber nicht notwendig, ein.

    Was wir über die Angst bei den Phobien erfahren
    haben, bleibt noch für die Zwangsneurose verwertbar.
    Es ist nicht schwierig, die Situation der Zwangsneurose
    auf die der Phobie zu reduzieren. Der Motor aller
    späteren Symptombildung ist hier offenbar die Angst des
    Ichs vor seinem Über‑Ich. Die Feindseligkeit des Über‑Ichs 
    ist die Gefahrsituation, der sich das Ich entziehen
    muß. Hier fehlt jeder Anschein einer Projektion, die
    Gefahr ist durchaus verinnerlicht. Aber wenn wir uns 

  • S.

    70

    fragen, was das Ich von seiten des Über-Ichs befürchtet,
    so drängt sich die Auffassung auf, daß die Strafe des
    Über‑Ichs eine Fortbildung der Kastrationsstrafe ist.
    Wie das Über‑Ich der unpersönlich gewordene Vater
    ist, so hat sich die Angst vor der durch ihn drohenden
    Kastration zur unbestimmten sozialen oder Gewissens-
    angst umgewandelt. Aber diese Angst ist gedeckt,
    das Ich entzieht sich ihr, indem es die ihm auferlegten
    Gebote, Vorsichten und Bußhandlungen gehorsam aus-
    führt. Wenn es daran gehindert wird, dann tritt sofort
    ein äußerst peinliches Unbehagen auf, in dem wir das
    Äquivalent der Angst erblicken dürfen, das die Kranken
    selbst der Angst gleichstellen. Unser Ergebnis lautet
    also: Die Angst ist die Reaktion auf die Gefahr-
    situation; sie wird dadurch erspart, daß das Ich etwas
    tut, um die Situation zu vermeiden oder sich ihr zu
    entziehen. Man könnte nun sagen, die Symptome
    werden geschaffen, um die Angstentwicklung zu ver-
    meiden, aber das läßt nicht tief blicken. Es ist richtiger
    zu sagen, die Symptome werden geschaffen, um die
    Gefahrsituation zu vermeiden, die durch die Angst-
    entwicklung signalisiert wird. Diese Gefahr war aber
    in den bisher betrachteten Fällen die Kastration oder
    etwas von ihr Abgeleitetes.

    Wenn die Angst die Reaktion des Ichs auf die
    Gefahr ist, so liegt es nahe, die traumatische Neurose,
    welche sich so häufig an überstandene Lebensgefahr
    anschließt, als direkte Folge der Lebens‑ oder Todesangst 

  • S.

    71

    mit Beiseitesetzung der Abhängigkeiten des Ichs
    und der Kastration aufzufassen. Das ist auch von den
    meisten Beobachtern der traumatischen Neurosen des
    letzten Krieges geschehen, und es ist triumphierend ver-
    kündet worden, nun sei der Beweis erbracht, daß eine
    Gefährdung des Selbsterhaltungstriebes eine Neurose
    erzeugen könne ohne jede Beteiligung der Sexualität
    und ohne Rücksicht auf die komplizierten Annahmen
    der Psychoanalyse. Es ist in der Tat außerordentlich
    zu bedauern, daß nicht eine einzige verwertbare Analyse
    einer traumatischen Neurose vorliegt. Nicht wegen des
    Widerspruches gegen die ätiologische Bedeutung der
    Sexualität, denn dieser ist längst durch die Einführung
    des Narzißmus aufgehoben worden, der die libidinöse
    Besetzung des Ichs in eine Reihe mit den Objekt-
    besetzungen bringt und die libidinöse Natur des Selbst-
    erhaltungstriebes betont, sondern weil wir durch den
    Ausfall dieser Analysen die kostbarste Gelegenheit zu
    entscheidenden Aufschlüssen über das Verhältnis
    zwischen Angst und Symptombildung versäumt haben.
    Es ist nach allem, was wir von der Struktur der
    simpleren Neurosen des täglichen Lebens wissen, sehr
    unwahrscheinlich, daß eine Neurose nur durch die
    objektive Tatsache der Gefährdung ohne Beteiligung
    der tieferen unbewußten Schichten des seelischen
    Apparats zustande kommen sollte. Im Unbewußten ist
    aber nichts vorhanden, was unserem Begriff der Lebens-
    vernichtung Inhalt geben kann. Die Kastration wird

  • S.

    72

    sozusagen vorstellbar durch die tägliche Erfahrung der
    Trennung vom Darminhalt und durch den bei der
    Entwöhnung erlebten Verlust der mütterlichen Brust;
    etwas dem Tod Ähnliches ist aber nie erlebt worden
    oder hat wie die Ohnmacht keine nachweisbare Spur
    hinterlassen. Ich halte darum an der Vermutung fest,
    daß die Todesangst als Analogon der Kastrationsangst
    aufzufassen ist, und daß die Situation, auf welche das
    Ich reagiert, das Verlassensein vom schützenden Über‑Ich 
    – den Schicksalsmächten – ist, womit die
    Sicherung gegen alle Gefahren ein Ende hat. Außer-
    dem kommt in Betracht, daß bei den Erlebnissen, die
    zur traumatischen Neurose führen, äußerer Reizschutz
    durchbrochen wird und übergroße Erregungsmengen
    an den seelischen Apparat herantreten, so daß hier
    die zweite Möglichkeit vorliegt, daß Angst nicht nur
    als Affekt signalisiert, sondern auch aus den ökono-
    mischen Bedingungen der Situation neu erzeugt wird.

    Durch die letzte Bemerkung, das Ich sei durch
    regelmäßig wiederholte Objektverluste auf die Kastration
    vorbereitet worden, haben wir eine neue Auffassung
    der Angst gewonnen. Betrachteten wir sie bisher als
    Affektsignal der Gefahr, so erscheint sie uns nun, da
    es sich so oft um die Gefahr der Kastration handelt,
    als die Reaktion auf einen Verlust, eine Trennung.
    Mag auch mancherlei, was sich sofort ergibt, gegen
    diesen Schluß sprechen, so muß uns doch eine sehr
    merkwürdige Übereinstimmung auffallen. Das erste

  • S.

    73

    Angsterlebnis des Menschen wenigstens ist die Geburt
    und diese bedeutet objektiv die Trennung von der
    Mutter, könnte einer Kastration der Mutter (nach der
    Gleichung Kind = Penis) verglichen werden. Nun wäre
    es sehr befriedigend, wenn die Angst als Symbol einer
    Trennung bei jeder späteren Trennung wiederholt
    würde, aber leider steht einer Verwertung dieses Zu-
    sammenstimmens im Wege, daß ja die Geburt subjektiv
    nicht als Trennung von der Mutter erlebt wird, da
    diese als Objekt dem durchaus narzißtischen Fötus
    völlig unbekannt ist. Ein anderes Bedenken wird
    lauten, daß uns die Affektreaktionen auf eine Trennung
    bekannt sind, und daß wir sie als Schmerz und Trauer,
    nicht als Angst empfinden. Allerdings erinnern wir
    uns, wir haben bei der Diskussion der Trauer auch
    nicht verstehen können, warum sie so schmerzhaft ist.