S.
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V
Wir wollten die Symptombildung und den sekun-
dären Kampf des Ichs gegen das Symptom studieren,
aber wir haben offenbar mit der Wahl der Phobien
keinen glücklichen Griff getan. Die Angst, welche im
Bild dieser Affektionen vorherrscht, erscheint uns nun
als eine den Sachverhalt verhüllende Komplikation. Es
gibt reichlich Neurosen, bei denen sich nichts von
Angst zeigt. Die echte Konversionshysterie ist von
solcher Art, deren schwerste Symptome ohne Bei-
mischung von Angst gefunden werden. Schon diese
Tatsache müßte uns warnen, die Beziehungen zwischen
Angst und Symptombildung nicht allzu fest zu knüpfen.
Den Konversionshysterien stehen die Phobien sonst so
nahe, daß ich mich für berechtigt gehalten habe,
ihnen diese als „Angsthysterie“ anzureihen. Aber
niemand hat noch die Bedingung angeben können,
die darüber entscheidet, ob ein Fall die Form einer
Konversionshysterie oder einer Phobie annimmt, niemand
also die Bedingung der Angstentwicklung bei der
Hysterie ergründet.S.
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Die häufigsten Symptome der Konversionshysterie,
eine motorische Lähmung, Kontraktur oder unwillkür-
liche Aktion oder Entladung, ein Schmerz, eine Hallu-
zination, sind entweder permanent festgehaltene oder
intermittierende Besetzungsvorgänge, was der Erklärung
neue Schwierigkeiten bereitet. Man weiß eigentlich
nicht viel über solche Symptome zu sagen. Durch die
Analyse kann man erfahren, welchen gestörten
Erregungsablauf sie ersetzen. Zumeist ergibt sich, daß
sie selbst einen Anteil an diesem haben, so als ob
sich die gesamte Energie desselben auf dies eine
Stück konzentriert hätte. Der Schmerz war in der
Situation, in welcher die Verdrängung vorfiel, vor-
handen; die Halluzination war damals Wahrnehmung,
die motorische Lähmung ist die Abwehr einer Aktion,
die in jener Situation hätte ausgeführt werden sollen,
aber gehemmt wurde, die Kontraktur gewöhnlich eine
Verschiebung für eine damals intendierte Muskel-
innervation an anderer Stelle, der Krampfanfall Aus-
druck eines Affektausbruches, der sich der normalen
Kontrolle des Ichs entzogen hat. In ganz auffälligem
Maße wechselnd ist die Unlustempfindung, die das
Auftreten der Symptome begleitet. Bei den perma-
nenten, auf die Motilität verschobenen Symptomen,
wie Lähmungen und Kontrakturen, fehlt sie meistens
gänzlich, das Ich verhält sich gegen sie wie unbe-
teiligt; bei den intermittierenden und den Symptomen
der sensorischen Sphäre werden in der Regel deutlicheS.
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Unlustempfindungen verspürt, die sich im Falle
des Schmerzsymptoms zu exzessiver Höhe steigern
können. Es ist sehr schwer, in dieser Mannigfaltigkeit
das Moment herauszufinden, das solche Differenzen
ermöglicht und sie doch einheitlich erklären läßt. Auch
vom Kampf des Ichs gegen das einmal gebildete
Symptom ist bei der Konversionshysterie wenig zu
merken. Nur wenn die Schmerzempfindlichkeit einer
Körperstelle zum Symptom geworden ist, wird diese
in den Stand gesetzt, eine Doppelrolle zu spielen.
Das Schmerzsymptom tritt ebenso sicher auf, wenn
diese Stelle von außen berührt wird, wie wenn die
von ihr vertretene pathogene Situation von innen her
assoziativ aktiviert wird, und das Ich ergreift Vor-
sichtsmaßregeln, um die Erweckung des Symptoms
durch äußere Wahrnehmung hintanzuhalten. Woher
die besondere Undurchsichtigkeit der Symptombildung
bei der Konversionshysterie rührt, können wir nicht
erraten, aber sie gibt uns ein Motiv, das unfrucht-
bare Gebiet bald zu verlassen.Wir wenden uns zur Zwangsneurose in der
Erwartung, hier mehr über die Symptombildung zu
erfahren. Die Symptome der Zwangsneurose sind im
allgemeinen von zweierlei Art und entgegengesetzter
Tendenz. Es sind entweder Verbote, Vorsichtsmaß-
regeln, Bußen, also negativer Natur, oder im Gegen-
teil Ersatzbefriedigungen, sehr häufig in symbolischer
Verkleidung. Von diesen zwei Gruppen ist die negative,S.
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abwehrende, strafende, die ältere; mit der Dauer
des Krankseins nehmen aber die aller Abwehr spotten-
den Befriedigungen überhand. Es ist ein Triumph der
Symptombildung, wenn es gelingt, das Verbot mit der
Befriedigung zu verquicken, so daß das ursprünglich
abwehrende Gebot oder Verbot auch die Bedeutung
einer Befriedigung bekommt, wozu oft sehr künstliche
Verbindungswege in Anspruch genommen werden. In
dieser Leistung zeigt sich die Neigung zur Synthese,
die wir dem Ich bereits zuerkannt haben. In extremen
Fällen bringt es der Kranke zustande, daß die meisten
seiner Symptome zu ihrer ursprünglichen Bedeutung
auch die des direkten Gegensatzes erworben haben,
ein Zeugnis für die Macht der Ambivalenz, die, wir
wissen nicht warum, in der Zwangsneurose eine so
große Rolle spielt. Im rohesten Fall ist das Symptom
zweizeitig, d. h. auf die Handlung, die eine gewisse
Vorschrift ausführt, folgt unmittelbar eine zweite, die
sie aufhebt oder rückgängig macht, wenngleich sie
noch nicht wagt, ihr Gegenteil auszuführen.Zwei Eindrücke ergeben sich sofort aus dieser
flüchtigen Überschau der Zwangssymptome. Der erste,
daß hier ein fortgesetzter Kampf gegen das Ver-
drängte unterhalten wird, der sich immer mehr zu
ungunsten der verdrängenden Kräfte wendet, und
zweitens, daß Ich und Über‑Ich hier einen besonders
großen Anteil an der Symptombildung nehmen.Die Zwangsneurose ist wohl das interessanteste
S.
47
und dankbarste Objekt der analytischen Untersuchung,
aber noch immer als Problem unbezwungen. Wollen
wir in ihr Wesen tiefer eindringen, so müssen wir
eingestehen, daß unsichere Annahmen und unbe-
wiesene Vermutungen noch nicht entbehrt werden
können. Die Ausgangssituation der Zwangsneurose ist
wohl keine andere als die der Hysterie, die not-
wendige Abwehr der libidinösen Ansprüche des Ödipus-
komplexes. Auch scheint sich bei jeder Zwangsneurose
eine unterste Schicht sehr früh gebildeter hysterischer
Symptome zu finden. Dann aber wird die weitere
Gestaltung durch einen konstitutionellen Faktor ent-
scheidend verändert. Die genitale Organisation der
Libido erweist sich als schwächlich und zu wenig
resistent. Wenn das Ich sein Abwehrstreben beginnt,
so erzielt es als ersten Erfolg, daß die Genitalorgani-
sation (der phallischen Phase) ganz oder teilweise auf
die frühere sadistisch‑anale Stufe zurückgeworfen wird.
Diese Tatsache der Regression bleibt für alles folgende
bestimmend.Man kann noch eine andere Möglichkeit in
Erwägung ziehen. Vielleicht ist die Regression nicht
die Folge eines konstitutionellen, sondern eines zeit-
lichen Faktors. Sie wird nicht darum ermöglicht
werden, weil die Genitalorganisation der Libido zu
schwächlich geraten, sondern weil das Sträuben des
Ichs zu frühzeitig, noch während der Blüte der sadi-
stischen Phase eingesetzt hat. Einer sicheren EntscheidungS.
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getraue ich mich auch in diesem Punkte
nicht, aber die analytische Beobachtung begünstigt
diese Annahme nicht. Sie zeigt eher, daß bei der
Wendung zur Zwangsneurose die phallische Stufe
bereits erreicht ist. Auch ist das Lebensalter für den
Ausbruch dieser Neurose ein späteres als das der
Hysterie (die zweite Kindheitsperiode, nach dem
Termin der Latenzzeit), und in einem Fall von sehr
später Entwicklung dieser Affektion, den ich studieren
konnte, ergab es sich klar, daß eine reale Entwertung
des bis dahin intakten Genitallebens die Bedingung
für die Regression und die Entstehung der Zwangs-
neurose schuf.1Die metapsychologische Erklärung der Regression
suche ich in einer „Triebentmischung“, in der Ab-
sonderung der erotischen Komponenten, die mit
Beginn der genitalen Phase zu den destruktiven
Besetzungen der sadistischen Phase hinzugetreten waren.Die Erzwingung der Regression bedeutet den
ersten Erfolg des Ichs im Abwehrkampf gegen den
Anspruch der Libido. Wir unterscheiden hier zweck-
mäßig die allgemeinere Tendenz der „Abwehr“ von
der „Verdrängung“, die nur einer der Mechanismen
ist, deren sich die Abwehr bedient. Vielleicht noch
klarer als bei normalen und hysterischen Fällen erkennt
man bei der Zwangsneurose als den Motor der Abwehr1) S. Die Disposition zur Zwangsneurose. (Ges. Schriften,
Bd. V.)S.
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den Kastrationskomplex, als das Abgewehrte die
Strebungen des Ödipuskomplexes. Wir befinden uns
nun zu Beginn der Latenzzeit, die durch den Unter-
gang des Ödipuskomplexes, die Schöpfung oder Kon-
solidierung des Über‑Ichs und die Aufrichtung der
ethischen und ästhetischen Schranken im Ich gekenn-
zeichnet ist. Diese Vorgänge gehen bei der Zwangs-
neurose über das normale Maß hinaus; zur Zerstörung
des Ödipuskomplexes tritt die regressive Erniedrigung
der Libido hinzu, das Über‑Ich wird besonders strenge
und lieblos, das Ich entwickelt im Gehorsam gegen
das Über‑Ich hohe Reaktionsbildungen von Gewissen-
haftigkeit, Mitleid, Reinlichkeit. Mit unerbittlicher,
darum nicht immer erfolgreicher Strenge wird die
Versuchung zur Fortsetzung der frühinfantilen Onanie
verpönt, die sich nun an regressive (sadistisch‑anale) Vor-
stellungen anlehnt, aber doch den unbezwungenen Anteil
der phallischen Organisation repräsentiert. Es liegt ein
innerer Widerspruch darin, daß gerade im Interesse
der Erhaltung der Männlichkeit (Kastrationsangst) jede
Betätigung dieser Männlichkeit verhindert wird, aber
auch dieser Widerspruch wird bei der Zwangsneurose
nur übertrieben, er haftet bereits an der normalen
Art der Beseitigung des Ödipuskomplexes. Wie jedes
Übermaß den Keim zu seiner Selbstaufhebung in
sich trägt, wird sich auch an der Zwangsneurose
bewähren, indem gerade die unterdrückte Onanie
sich in der Form der Zwangshandlungen eine
S.
50
immer weiter gehende Annäherung an die Befriedigung
erzwingt.Die Reaktionsbildungen im Ich der Zwangsneuro-
tiker, die wir als Übertreibungen der normalen Cha-
rakterbildung erkennen, dürfen wir als einen neuen
Mechanismus der Abwehr neben die Regression und
die Verdrängung hinstellen. Sie scheinen bei der
Hysterie zu fehlen oder weit schwächer zu sein.
Rückschauend gewinnen wir so eine Vermutung,
wodurch der Abwehrvorgang der Hysterie ausge-
zeichnet ist. Es scheint, daß er sich auf die Ver-
drängung einschränkt, indem das Ich sich von der
unliebsamen Triebregung abwendet, sie dem Ablauf
im Unbewußten überläßt und an ihren Schicksalen
keinen weiteren Anteil nimmt. So ganz ausschließend
richtig kann das zwar nicht sein, denn wir kennen ja
den Fall, daß das hysterische Symptom gleichzeitig
die Erfüllung einer Strafanforderung des Über-Ichs
bedeutet, aber es mag einen allgemeinen Charakter
im Verhalten des Ichs bei der Hysterie beschreiben.Man kann es einfach als Tatsache hinnehmen, daß
sich bei der Zwangsneurose ein so strenges Über-Ich
bildet, oder man kann daran denken, daß der funda-
mentale Zug dieser Affektion die Libidoregression ist,
und versuchen, auch den Charakter des Über‑Ichs
mit ihr zu verknüpfen. In der Tat kann ja das Über‑Ich,
das aus dem Es stammt, sich der dort einge-
tretenen Regression und Triebentmischung nicht entziehen.
S.
51
Es wäre nicht zu verwundern, wenn es
seinerseits härter, quälerischer, liebloser würde als
bei normaler Entwicklung.Während der Latenzzeit scheint die Abwehr der
Onanieversuchung als Hauptaufgabe behandelt zu
werden. Dieser Kampf erzeugt eine Reihe von Sym-
ptomen, die bei den verschiedensten Personen in
typischer Weise wiederkehren und im allgemeinen
den Charakter des Zeremoniells tragen. Es ist sehr
zu bedauern, daß sie noch nicht gesammelt und
systematisch analysiert worden sind; als früheste
Leistungen der Neurose würden sie über den hier
verwendeten Mechanismus der Symptombildung am
ehesten Licht verbreiten. Sie zeigen bereits die Züge,
welche in einer späteren schweren Erkrankung so
verhängnisvoll hervortreten werden: die Unterbringung
an den Verrichtungen, die später wie automatisch
ausgeführt werden sollen, am Schlafengehen, Waschen
und Ankleiden, an der Lokomotion, die Neigung zur
Wiederholung und zum Zeitaufwand. Warum das so
geschieht, ist noch keineswegs verständlich; die Subli-
mierung analerotischer Komponenten spielt dabei eine
deutliche Rolle.Die Pubertät macht in der Entwicklung der
Zwangsneurose einen entscheidenden Abschnitt. Die
in der Kindheit abgebrochene Genitalorganisation setzt
nun mit großer Kraft wieder ein. Wir wissen aber,
daß die Sexualentwicklung der Kinderzeit auch fürS.
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den Neubeginn der Pubertätsjahre die Richtung vor-
schreibt. Es werden also einerseits die aggressiven
Regungen der Frühzeit wieder erwachen, anderseits
muß ein mehr oder minder großer Anteil der neuen
libidinösen Regungen – in bösen Fällen deren Ganzes
– die durch die Regression vorgezeichneten Bahnen
einschlagen und als aggressive und destruktive Ab-
sichten auftreten. Infolge dieser Verkleidung der
erotischen Strebungen und der starken Reaktions-
bildungen im Ich, wird nun der Kampf gegen die
Sexualität unter ethischer Flagge weitergeführt. Das
Ich sträubt sich verwundert gegen grausame und
gewalttätige Zumutungen, die ihm vom Es her ins
Bewußtsein geschickt werden, und ahnt nicht, daß es
dabei erotische Wünsche bekämpft, darunter auch
solche, die sonst seinem Einspruch entgangen wären.
Das überstrenge Über‑Ich besteht um so energischer
auf der Unterdrückung der Sexualität, da sie so
abstoßende Formen angenommen hat. So zeigt sich
der Konflikt bei der Zwangsneurose nach zwei Rich-
tungen verschärft, das Abwehrende ist intoleranter,
das Abzuwehrende unerträglicher geworden; beides
durch den Einfluß des einen Moments, der Libido-
regression.Man könnte einen Widerspruch gegen manche
unserer Voraussetzungen darin finden, daß die unlieb-
same Zwangsvorstellung überhaupt bewußt wird. Allein
es ist kein Zweifel, daß sie vorher den Prozeß derS.
53
Verdrängung durchgemacht hat. In den meisten ist
der eigentliche Wortlaut der aggressiven Triebregung
dem Ich überhaupt nicht bekannt. Es gehört ein
gutes Stück analytischer Arbeit dazu, um ihn bewußt
zu machen. Was zum Bewußtsein durchdringt, ist in
der Regel nur ein entstellter Ersatz entweder von
einer verschwommenen, traumhaften Unbestimmtheit,
oder unkenntlich gemacht durch eine absurde Ver-
kleidung. Wenn die Verdrängung nicht den Inhalt
der aggressiven Triebregung angenagt hat, so hat sie
doch gewiß den sie begleitenden Affektcharakter
beseitigt. So erscheint die Aggression dem Ich nicht
als ein Impuls, sondern, wie die Kranken sagen, als
ein bloßer „Gedankeninhalt“, der einen kalt lassen
sollte. Das Merkwürdige ist, daß dies doch nicht der
Fall ist.Der bei der Wahrnehmung der Zwangs-
vorstellung ersparte Affekt kommt nämlich an anderer Stelle zum
Vorschein. Das Über‑Ich benimmt sich so, als hätte
keine Verdrängung stattgefunden, als wäre ihm die
aggressive Regung in ihrem richtigen Wortlaut und
mit ihrem vollen Affektcharakter bekannt, und behandelt
das Ich auf Grund dieser Voraussetzung. Das Ich, das
sich einerseits schuldlos weiß, muß anderseits ein
Schuldgefühl verspüren und eine Verantwortlichkeit
tragen, die es sich nicht zu erklären weiß. Das Rätsel,
das uns hiemit aufgegeben wird, ist aber nicht so
groß, als es zuerst erscheint. Das Verhalten des Über‑IchsS.
54
ist durchaus verständlich, der Widerspruch im
Ich beweist uns nur, daß es sich mittels der Ver-
drängung gegen das Es verschlossen hat, während es
den Einflüssen aus dem Über-Ich voll zugänglich
geblieben ist.1 Der weiteren Frage, warum das Ich
sich nicht auch der peinigenden Kritik des Über-Ichs
zu entziehen sucht, macht die Nachricht ein Ende,
daß dies wirklich in einer großen Reihe von Fällen
so geschieht. Es gibt auch Zwangsneurosen ganz ohne
Schuldbewußtsein; soweit wir es verstehen, hat sich
das Ich die Wahrnehmung desselben durch eine neue
Reihe von Symptomen, Bußhandlungen, Einschrän-
kungen zur Selbstbestrafung, erspart. Diese Sym-
ptome bedeuten aber gleichzeitig Befriedigungen ma-
sochistischer Triebregungen, die ebenfalls aus der
Regression eine Verstärkung bezogen haben.Die Mannigfaltigkeit in den Erscheinungen der
Zwangsneurose ist eine so großartige, daß es noch
keiner Bemühung gelungen ist, eine zusammenhängende
Synthese aller ihrer Variationen zu geben. Man ist
bestrebt, typische Beziehungen herauszuheben und
dabei immer in Sorge, andere nicht minder wichtige
Regelmäßigkeiten zu übersehen.Die allgemeine Tendenz der Symptombildung bei
der Zwangsneurose habe ich bereits beschrieben. Sie
geht dahin, der Ersatzbefriedigung immer mehr Raum1)Vgl. Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis, 1925,
S. 51.S.
55
auf Kosten der Versagung zu schaffen. Dieselben
Symptome, die ursprünglich Einschränkungen des Ichs
bedeuteten, nehmen dank der Neigung des Ichs zur
Synthese später auch die von Befriedigungen an, und
es ist unverkennbar, daß die letztere Bedeutung all-
mählich die wirksamere wird. Ein äußerst einge-
schränktes Ich, das darauf angewiesen ist, seine
Befriedigungen in den Symptomen zu suchen, wird
das Ergebnis dieses Prozesses, der sich immer mehr
dem völligen Fehlschlagen des anfänglichen Abwehr-
strebens nähert. Die Verschiebung des Kräfteverhält-
nisses zugunsten der Befriedigung kann zu dem
gefürchteten Endausgang der Willenslähmung des Ichs
führen, das für jede Entscheidung beinahe ebenso
starke Antriebe von der einen wie von der anderen
Seite findet. Der überscharfe Konflikt zwischen Es
und Über‑Ich, der die Affektion von Anfang an
beherrscht, kann sich so sehr ausbreiten, daß keine
der Verrichtungen des zur Vermittlung unfähigen
Ichs der Einbeziehung in diesen Konflikt entgehen
kann.
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Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1926