Über den Traum1901-001/1901
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    Motive zur Ueberzeugung werden aber geändert. Ist es der Traum
    eines Gesunden, so bleibt mir kein anderes Mittel, ihn zur Anerkennung
    der gefundenen verdrängten Ideen zu nöthigen, als der Zusammenhang
    der Traumgedanken, und er mag sich immerhin gegen diese Anerkennung
    sträuben. Handelt es sich aber um einen neurotisch Leidenden, etwa
    um einen Hysteriker, so wird die Annahme des verdrängten Gedankens
    für ihn zwingend durch den Zusammenhang dieses letzteren mit seinen
    Krankheitssymptomen und durch die Besserung, die er bei dem Eintausch
    von Symptomen gegen verdrängte Ideen erfährt. Bei der Patientin z. B.,
    von welcher der letzte Traum mit den drei Karten für 1 fl. 50 kr. herrührt,
    muss die Analyse annehmen, dass sie ihren Mann geringschätzt, dass
    sie bedauert, ihn geheirathet zu haben, dass sie ihn gerne gegen einen
    anderen vertauschen möchte. Sie behauptet freilich, dass sie ihren
    Mann liebt, dass ihr Empfindungsleben von dieser Geringschätzung (einen
    100mal besseren!) nichts weiss, aber all ihre Symptome führen zu der-
    selben Auflösung wie dieser Traum, und nachdem die von ihr verdrängten
    Erinnerungen an die Zeit wieder geweckt worden sind, in welcher sie
    ihren Mann auch bewusst nicht geliebt hat, sind diese Symptome
    gelöst, und ihr Widerstand gegen die Deutung des Traumes ist ge-
    schwunden.

    IX.

    Nachdem wir uns den Begriff der Verdrängung fixirt und die
    Traumentstellung in Beziehung zu verdrängtem psychischem Material
    gesetzt haben, können wir das Hanptergebniss, welches die Analyse der
    Träume liefert, ganz allgemein aussprechen. Von den verständlichen
    und sinnvollen Träumen haben wir erfahren, dass sie unverhüllte
    Wunscherfüllungen sind, d. h. dass die Traumsituation in ihnen einen
    dem Bewusstsein bekannten, vom Tagesleben erübrigten, des Interesses
    wohl würdigen Wunsch als erfüllt darstellt. Ueber die dunkeln und
    verworrenen Träume lehrt nun die Analyse etwas ganz Analoges: die
    Traumsituation stellt wiederum einen Wunsch als erfüllt dar, der sich
    regelmässig aus den Traumgedanken erhebt, aber die Darstellung ist
    eine unkenntliche, erst durch Zurückführung in der Analyse aufzuklärende,
    und der Wunsch ist entweder selbst ein verdrängter, dem Bewusstsein
    fremder, oder er hängt doch innigst mit verdrängten Gedanken zu-
    sammen, wird von solchen getragen. Die Formel für diese Träume
    lautet also: Sie sind verhüllte Erfüllungen von verdrängten
    Wünschen.
    Es ist dabei interessant zu bemerken, dass die Volks-
    meinung recht behält, welche den Traum durchaus die Zukunft ver-
    künden lässt. In Wahrheit ist die Zukunft, die uns der Traum zeigt,
    nicht die, die eintreffen wird, sondern von der wir möchten, dass sie

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    so einträfe. Die Volksseele verfährt hier, wie sie es auch sonst gewohnt
    ist: sie glaubt, was sie wünscht.

    Nach ihrem Verhalten gegen die Wunscherfüllung theilen sich die
    Träume in drei Klassen. Erstens solche, die einen unverdrängten
    Wunsch unverhüllt darstellen; dies sind die Träume von infantilem
    Typus, die beim Erwachsenen immer seltener werden. Zweitens die
    Träume, die einen verdrängten Wunsch verhüllt zum Ausdruck
    bringen; wohl die übergrosse Mehrzahl aller unserer Träume, die zum
    Verständniss dann der Analyse bedürfen. Drittens die Träume, die
    zwar einen verdrängten Wunsch darstellen, aber ohne oder in un-
    genügender Verhüllung. Diese letzten Träume sind regelmässig von
    Angst begleitet, welche den Traum unterbricht. Die Angst ist hier
    der Ersatz für die Traumentstellung; sie ist mir in den Träumen der
    zweiten Klasse durch die Traumarbeit erspart worden. Es lässt sich
    ohne allzugrosse Schwierigkeit nachweisen, dass derjenige Vorstellungs-
    inhalt, der uns jetzt im Traume Angst bereitet, einstmals ein Wunsch
    war und seither der Verdrängung unterlegen ist.

    Es giebt auch klare Träume von peinlichem Inhalt, der aber im Traum
    nicht peinlich empfunden wird. Man kann diese darum nicht zu den
    Angstträumen rechnen; sie haben aber immer dazu gedient die Bedeu-
    tungslosigkeit und den psychischen Unwerth der Träume zu erweisen.
    Eine Analyse eines solchen Beispiels wird zeigen, dass es sich hier um
    gut verhüllte Erfüllungen verdrängter Wünsche, also um Träume der
    zweiten Klasse handelt, und wird gleichzeitig die ausgezeichnete Eignung
    der Verschiebungsarbeit zur Verhüllung des Wunsches darthun.

    Ein Mädchen träumt, dass sie das jetzt einzige Kind ihrer Schwester
    todt vor sich sieht in der nämlichen Umgebung, in der sie vor einigen
    Jahren das erste Kind als Leiche sah. Sie empfindet dabei keinen
    Schmerz, sträubt sich aber natürlich gegen die Auffassung, diese Si-
    tuation entspreche einem Wunsch von ihr. Dies wird auch nicht erfordert;
    aber an der Bahre jenes Kindes hat sie vor Jahren den von ihr geliebten
    Mann zuletzt gesehen und gesprochen; stürbe das zweite Kind, so würde
    sie diesen Mann gewiss wieder im Hause der Schwester treffen. Sie
    sehnt sich nun nach dieser Begegnung, sträubt sich aber gegen diese
    Empfindung. Sie hat am Traumtage selbst eine Eintrittskarte zu einem
    Vortrage genommen, den der immer noch Geliebte angekündigt hat. Ihr
    Traum ist ein einfacher Ungeduldstraum, wie er sich gewöhnlich vor
    Reisen, Theaterbesuchen u. dgl. erwarteten Genüssen einstellt. Um ihr
    aber diese Sehnsucht zu verbergen, ist die Situation auf die für eine
    freudige Empfindung unpassendste Gelegenheit verschoben worden, die
    sich doch einmal in der Wirklichkeit bewährt hat. Man beachte noch,
    dass das Affektverhalten im Traume nicht dem vorgeschobenen, sondern
    dem wirklichen, aber zurückgehaltenen Trauminhalt angepasst ist. Die

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    Traumsituation greift dem lange ersehnten Wiedersehen vor, sie bietet
    keine Anknüpfung für eine peinliche Empfindung.

    X.

    Die Philosophen haben bisher keinen Anlass gehabt, sich mit einer
    Psychologie der Verdrängung zu beschäftigen. Es ist also gestattet, dass
    wir uns in erster Annäherung an den noch unbekannten Sachverhalt eine
    anschauliche Vorstellung vom Hergang der Traumbildung schaffen. Das
    Schema, zu welchem wir nicht allein vom Studium des Traumes her
    gelangen, ist zwar bereits ziemlich komplizirt; wir können aber mit
    einem einfacheren unser Ausreichen nicht finden. Wir nehmen an, dass
    es in unserem seelischen Apparat zwei gedankenbildende Instanzen giebt,
    deren zweite das Vorrecht besitzt, dass ihre Erzeugnisse den Zugang
    zum Bewusstsein offen finden, während die Thätigkeit der ersten Instanz
    an sich unbewusst ist und nur über die zweite zum Bewusstsein gelangen
    kann. An der Grenze der beiden Instanzen, am Uebergang von der
    ersten zur zweiten, befinde sich eine Censur, welche nur durchlässt, was
    ihr genehm ist, anderes aber zurückhält. Dann befindet sich das von
    der Censur Abgewiesene, nach unserer Definition, im Zustande der Ver-
    drängung. Unter gewissen Bedingungen, deren eine der Schlafzustand
    ist, ändere sich das Kräfteverhältniss zwischen beiden Instanzen in
    solcher Weise, dass das Verdrängte nicht mehr ganz zurückgehalten
    werden kann. Im Schlafzustand geschehe dies etwa durch den Nach-
    lass der Censur; dann wird es dem bisher Verdrängten gelingen, sich
    den Weg zum Bewusstsein zu bahnen. Da die Censur aber niemals
    aufgehoben, sondern bloss herabgesetzt ist, so wird es sich dabei Ver-
    änderungen gefallen lassen müssen, welche seine Anstössigkeiten mildern.
    Was in solchem Falle bewusst wird, ist ein Kompromiss zwischen dem
    von der einen Instanz Beabsichtigten und dem von der anderen Ge-
    forderten. Verdrängung — Nachlass der Censur — Kompro-
    missbildung
    , dies ist aber das Grundschema für die Entstehung aller
    anderen psychopathischen Bildungen in gleicher Weise wie für den
    Traum, und bei der Kompromissbildung werden hier wie dort die Vor-
    gänge der Verdichtung und Verschiebung und die Inanspruchnahme ober-
    flächlicher Associationen beobachtet, welche wir bei der Traumarbeit
    kennen gelernt haben.

    Wir haben keinen Grund uns das Element von Dämonismus
    zu verhehlen, welches bei der Aufstellung unserer Erklärung der
    Traumarbeit mitgespielt hat. Wir haben den Eindruck empfangen,
    dass die Bildung der dunklen Träume so vor sich geht, als ob
    eine Person, die von einer zweiten abhängig ist, etwas zu äussern
    hätte, was dieser letzteren anzuhören unangenehm sein muss, und