Über den Traum1901-001/1901
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    Glas besteht. Die Situation lässt mir sofort das Sprichwort einfallen: Mit
    dem Hute in der Hand kommt man durch’s ganze Land. Der Glascylinder
    erinnert auf kurzen Umwegen an das Auer’sche Licht, und ich weiss
    bald, dass ich eine Erfindung machen möchte, die mich so reich und
    unabhängig werden lässt wie meinen Landsmann, den Dr. Auer von
    Welsbach, die seinige, und dass ich dann Reisen machen will anstatt
    in Wien zu bleiben. Im Traume reise ich mit meiner Erfindung — dem
    allerdings noch nicht gebräuchlichen Hutcylinder aus Glas. — Ganz
    besonders liebt es die Traumarbeit zwei in gegensätzlicher Beziehung
    stehende Vorstellungen durch das nämliche Mischgebilde darzustellen,
    so z. B. wenn eine Frau sich im Traume einen hohen Blumenstengel
    tragend sieht, wie der Engel auf den Bildern von Mariä Verkündigung
    dargestellt wird (Unschuld — Marie ist ihr eigener Name), der Stengel
    aber mit dicken, weissen Blüten besetzt ist, die Kamelien gleichen
    (Gegensatz zu Unschuld: Kameliendame).

    Ein gutes Stück dessen, was wir über die Traumverdichtung
    erfahren haben, lässt sich in der Formel zusammenfassen: Jedes der
    Elemente des Trauminhaltes ist durch das Material der Traumgedanken
    überdeterminirt, führt seine Abstammung nicht auf ein einzelnes
    Element der Traumgedanken, sondern auf eine ganze Reihe von solchen
    zurück, die einander in den Traumgedanken keineswegs nahe stehen,
    sondern den verschiedensten Bezirken des Gedankengewebes angehören.
    Das Traumelement ist im richtigen Sinne die Vertretung im Traum-
    inhalt
    für all dies disparate Material. Die Analyse deckt aber noch
    eine andere Seite der zusammengesetzten Beziehung zwischen Traum-
    inhalt und Traumgedanken auf. So wie von jedem Traumelement Ver-
    bindungen zu mehreren Traumgedanken führen, so ist auch in der
    Regel ein Traumgedanke durch mehr als ein Traumelement
    vertreten
    ; die Associationsfäden konvergiren nicht einfach von den
    Traumgedanken bis zum Trauminhalt, sondern überkreuzen und durch-
    weben sich vielfach unterwegs.

    Neben der Verwandlung eines Gedankens in eine Situation (der
    „Dramatisirung“) ist die Verdichtung der wichtigste und eigenthümlichste
    Charakter der Traumarbeit. Von einem Motiv, welches zu solcher Zu-
    sammendrängung des Inhaltes nöthigen würde, ist uns aber zunächst
    nichts enthüllt worden.

    V.

    Bei den komplizirten und verworrenen Träumen, die uns jetzt
    beschäftigen, lässt sich nicht der ganze Eindruck von Unähnlich-
    keit zwischen Trauminhalt und Traumgedanken auf Verdichtung und
    Dramatisirung zurückführen. Es liegen Zeugnisse für die Wirksam-

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    keit eines dritten Faktors vor, die einer sorgfältigen Sammlung
    würdig sind.

    Ich merke vor allem, wenn ich durch Analyse zur Kenntniss der
    Traumgedanken gelangt bin, dass der manifeste Trauminhalt ganz andere
    Stoffe behandelt als der latente. Dies ist freilich nur ein Schein, der
    sich bei genauerer Untersuchung verflüchtigt, denn schliesslich finde ich
    allen Trauminhalt in den Traumgedanken ausgeführt, fast alle Traum-
    gedanken durch den Trauminhalt vertreten wieder. Aber es bleibt von
    der Verschiedenheit doch etwas bestehen. Was in dem Traum breit
    und deutlich als der wesentliche Inhalt hingestellt war, das muss sich
    nach der Analyse mit einer höchst untergeordneten Rolle unter den
    Traumgedanken begnügen‚ und was nach der Aussage meiner Empfind-
    ungen unter den Traumgedanken auf die grösste Beachtung Anspruch
    hat, dessen Vorstellungsmaterial findet sich im Trauminhalt entweder
    gar nicht vor oder ist durch eine entfernte Anspielung in einer un-
    deutlichen Region des Traumes vertreten. Ich kann diese Thatsache
    so beschreiben: während der Traumarbeit übergeht die psy-
    chische Intensität von den Gedanken und Vorstellungen,
    denen sie berechtigter Weise zukommt, auf andere, die
    nach meinem Urtheil keinen Anspruch auf solche Betonung
    haben
    . Kein anderer Vorgang trägt soviel dazu bei, um den Sinn des
    Traumes zu verbergen und mir den Zusammenhang von Trauminhalt und
    Traumgedanken unkenntlich zu machen. Während dieses Vorganges,
    den ich die Traumverschiebung nennen will, sehe ich auch die
    psychische Intensität, Bedeutsamkeit oder Affektfähigkeit von Gedanken
    sich in sinnliche Lebhaftigkeit umsetzen. Das Deutlichste im Traum-
    inhalt erscheint mir ohne Weiteres als das Wichtigste; gerade in einem
    undeutlichen Traumelement kann ich aber oft den direktesten Abkömm-
    ling des wesentlichsten Traumgedankens erkennen.

    Was ich Traumverschiebung genannt habe, könnte ich auch als
    Umwerthung der psychischen Werthigkeiten bezeichnen. Ich
    habe aber das Phänomen nicht erschöpfend gewürdigt, wenn ich nicht
    hinzufüge, dass diese Verschiebungs- oder Umwerthungsarbeit an den
    einzelnen Träumen mit einem sehr wechselnden Betrag betheiligt ist.
    Es giebt Träume, die fast ohne jede Verschiebung zu Stande gekommen.
    Diese sind gleichzeitig die sinnvollen und verständlichen, wie wir z. B.
    die unverhüllten Wunschträume kennen gelernt haben. In anderen
    Träumen hat nicht mehr ein Stück der Traumgedanken den ihm eigenen
    psychischen Werth behalten, oder zeigt sich alles Wesentliche aus den
    Traumgedanken durch Nebensächliches ersetzt, und dazwischen lässt
    sich die vollständigste Reihe von Uebergängen erkennen. Je dunkler
    und verworrener ein Traum ist, desto grösseren Antheil darf man dem
    Moment der Verschiebung an seiner Bildung zuschreiben.

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    Unser zur Analyse gewähltes Beispiel zeigt wenigstens soviel von
    Verschiebung, dass sein Inhalt anders centrirt erscheint als die Traum-
    gedanken. In den Vordergrund des Trauminhaltes drängt sich eine
    Situation, als ob eine Frau mir Avancen machen würde; das Haupt-
    gewicht in den Traumgedanken ruht auf dem Wunsche, einmal uneigen-
    nützige Liebe, die „nichts kostet“, zu geniessen, und diese Idee ist hinter
    der Redensart von den schönen Augen und der entlegenen Anspielung
    „Spinat“ versteckt.

    Wenn wir durch die Analyse die Traumverschiebung rückgängig
    machen, gelangen wir zu vollkommen sicher lautenden Auskünften über
    zwei vielumstrittene Traumprobleme, über die Traumerreger und über
    den Zusammenhang des Traumes mit dem Wachleben. Es giebt Träume,
    die ihre Anknüpfung an die Erlebnisse des Tages unmittelbar verrathen;
    in anderen ist von solcher Beziehung keine Spur zu entdecken. Nimmt
    man dann die Analyse zu Hilfe, so kann man zeigen, dass jeder Traum
    ohne mögliche Ausnahme an einen Eindruck der letzten Tage — wahr-
    scheinlich ist es richtiger zu sagen: des letzten Tages vor dem Traum
    (des Traumtages) — anknüpft. Der Eindruck, welchem die Rolle des
    Traumerregers zufällt, kann ein so bedeutsamer sein, dass uns die Be-
    schäftigung mit ihm im Wachen nicht Wunder nimmt, und in diesem
    Falle sagen wir vom Traume mit Recht aus, er setze die wichtigen
    Interessen des Wachlebens fort. Gewöhnlich aber, wenn sich in dem
    Trauminhalt eine Beziehung zu einem Tageseindruck vorfindet, ist dieser
    so geringfügig, bedeutungslos und des Vergessens würdig, dass wir uns
    an ihn selbst nicht ohne einige Mühe besinnen können. Der Traum-
    inhalt selbst scheint sich dann, auch wo er zusammenhängend und ver-
    ständlich ist, mit den gleichgiltigsten Lappalien zu beschäftigen, die
    unseres Interesses im Wachen unwürdig wären. Ein gutes Stück der
    Missachtung des Traumes leitet sich von dieser Bevorzugung des Gleich-
    giltigen und Nichtigen im Trauminhalte her.

    Die Analyse zerstört den Schein, auf den sich dieses geringschätzige
    Urtheil gründet. Wo der Trauminhalt einen indifferenten Eindruck als
    Traumerreger in den Vordergrund stellt, da weist die Analyse regel-
    mässig das bedeutsame, mit Recht aufregende, Erlebniss nach, welches
    sich durch das gleichgiltige ersetzt, mit dem es ausgiebige associative
    Verbindungen eingegangen hat. Wo der Trauminhalt bedeutungsloses
    und uninteressantes Vorstellungsmaterial behandelt, de deckt die Analyse
    die zahlreichen Verbindungswege auf, mittelst welcher dies Werthlose
    mit dem Werthvollsten in der psychischen Schätzung des Einzelnen zu-
    sammenhängt. Es sind nur Akte der Verschiebungsarbeit‚
    wenn anstatt des mit Recht erregenden Eindruckes der
    indifferente, anstatt des mit Recht interessanten Materials
    des gleichgiltige zur Aufnahme in den Trauminhalt ge-

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    langen. Beantwortet man die Fragen nach den Traumerregern und
    nach dem Zusammenhang des Träumens mit dem täglichen Treiben nach
    den neuen Einsichten, die man bei der Ersetzung des manifesten Traum-
    inhaltes durch den latenten gewonnen hat, so muss man sagen: der
    Traum beschäftigt sich niemals mit Dingen, die uns nicht
    auch bei Tag zu beschäftigen würdig sind, und Kleinig-
    keiten, die uns bei Tag nicht anfechten, vermögen es auch
    nicht, uns in den Schlaf zu verfolgen.

    Welches ist der Traumerreger in dem zur Analyse gewählten Bei-
    spiel? Das wirklich bedeutungslose Erlebniss, das mir ein Freund zu einer
    kostenlosen Fahrt im Wagen verhalf. Die Situation der Table
    d’hôte im Traum enthält eine Anspielung auf diesen indifferenten An-
    lass, denn ich hatte im Gespräch den Taxameterwagen in Parallele zur
    Table d’hôte gebracht. Ich kann aber auch des bedeutsame Erlebniss
    angeben, welches sich durch dieses kleinliche vertreten lässt. Wenige
    Tage vorher hatte ich eine grössere Geldausgabe für eine mir theuere
    Person meiner Familie gemacht. Kein Wunder, heisst es in den Traum-
    gedanken, wenn diese Person mir dafür dankbar wäre, diese Liebe wäre
    nicht „kostenlos“. Kostenlose Liebe steht aber unter den Traumgedanken
    im Vordergrunde. Dass ich vor nicht langer Zeit mehrere Wagenfahrten
    mit dem betreffenden Verwandten gemacht, setzt die eine Wagenfahrt
    mit meinem Freund in den Stand, mich an die Beziehungen zu jener
    anderen Person zu erinnern. — Der indifferente Eindruck, der durch der-
    artige Verknüpfungen zum Traumerreger wird, unterliegt noch einer
    Bedingung, die für die wirkliche Traumquelle nicht gilt; er muss jedes-
    mal ein rezenter sein, vom Traumtage herrühren.

    Ich kann das Thema der Traumverschiebung nicht verlassen, ohne
    eines merkwürdigen Vorganges bei der Traumbildung zu gedenken, bei
    dem Verdichtung und Verschiebung zum Effekt zusammenwirken. Wir
    haben schon bei der Verdichtung den Fall kennen gelernt, dass sich
    zwei Vorstellungen in den Traumgedanken, die etwas Gemeinsames, einen
    Berührungspunkt haben, im Trauminhalt durch eine Mischvorstellung
    ersetzen, in der ein deutlicherer Kern dem Gemeinsamen, undeutliche
    Nebenbestimmungen den Besonderheiten der Beiden entsprechen. Tritt
    zu dieser Verdichtung eine Verschiebung hinzu, so kommt es nicht zur
    Bildung einer Mischvorstellung, sondern eines mittleren Gemein-
    samen
    , das sich ähnlich zu den einzelnen Elementen verhält, wie die
    Resultirende im Kräfteparallelogramm zu ihren Komponenten. Im Inhalt
    eines meiner Träume ist z. B. von einer Injektion mit Propylen die
    Rede. In der Analyse gelange ich zunächst nur zu einem indifferenten,
    als Traumerreger wirksamen Erlebniss, bei welchem Amylen eine Rolle
    spielt. Die Vertauschung von Amylen mit Propylen kann ich noch nicht
    rechtfertigen. Zu dem Gedankenkreis desselben Traumes gehört aber

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    auch die Erinnerung an einen ersten Besuch in München, wo mir die
    Propyläen auffielen. Die näheren Umstände der Analyse legen es
    nahe anzunehmen, dass die Einwirkung dieses zweiten Vorstellungs-
    kreises auf den ersten die Verschiebung von Amylen auf Propylen ver-
    schuldet hat. Propylen ist sozusagen die Mittelvorstellung zwischen
    Amylen und Propyläen und ist darum nach Art eines Kompro-
    misses
    durch gleichzeitige Verdichtung und Verschiebung in den Traum-
    inhalt gelangt.

    Dringender noch als bei der Verdichtung äussert sich hier bei der
    Verschiebungsarbeit das Bedürfniss, ein Motiv für diese rätselhaften
    Bemühungen der Traumarbeit aufzufinden.

    VI.

    Ist es hauptsächlich der Verschiebungsarbeit zur Last zu legen,
    wenn man die Traumgedanken im Trauminhalt nicht wiederfindet oder
    nicht wiedererkennt, — ohne dass man das Motiv solcher Entstellung er-
    räth — so führt eine andere und gelindere Art der Umwandlung, welche
    mit den Traumgedanken vorgenommen wird, zur Aufdeckung einer neuen,
    aber leichtverständlichen Leistung der Traumarbeit. Die nächsten Traum-
    gedanken, welche man durch die Analyse entwickelt, fallen nämlich häufig
    durch ihre ungewöhnliche Einkleidung auf; sie scheinen nicht in den
    nüchternen sprachlichen Formen gegeben, deren sich unser Denken am
    liebsten bedient, sondern sind vielmehr in symbolischer Weise durch
    Gleichnisse und Metaphern, wie in bilderreicher Dichtersprache, dargestellt.
    Es ist nicht schwierig, für diesen Grad von Gebundenheit im Ausdruck
    der Traumgedanken die Motivirung zu finden. Der Trauminhalt besteht
    zumeist aus anschaulichen Situationen; die Traumgedanken müssen also
    vorerst eine Zurichtung erfahren, welche sie für diese Darstellungsweise
    brauchbar macht. Man stelle sich etwa vor die Aufgabe, die Sätze
    eines politischen Leitartikels oder eines Plaidoyers im Gerichtssaal durch
    eine Folge von Bilderzeichnungen zu ersetzen, und man wird dann leicht
    die Veränderungen verstehen, zu welcher die Rücksicht auf Dar-
    stellbarkeit im Trauminhalt
    die Traumarbeit nöthigt.

    Unter dem psychischen Material der Traumgedanken befinden sich
    regelmässig Erinnerungen an eindrucksvolle Erlebnisse, — nicht selten
    aus früher Kindheit — die also selbst als Situationen mit meist visuellem
    Inhalt erfasst worden sind. Wo es irgend möglich ist, äussert dieser
    Bestandtheil der Traumgedanken einen bestimmenden Einfluss auf die
    Gestaltung des Trauminhalts, indem er gleichsam als Krystallisations-
    punkt anziehend und vertheilend auf das Material der Traumgedanken
    wirkt. Die Traumsituation ist oft nichts anderes als eine modifizirte und
    durch Einschaltungen komplizirte Wiederholung eines solchen eindrucks-