Über den Traum1901-001/1901
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    Traumsituation greift dem lange ersehnten Wiedersehen vor, sie bietet
    keine Anknüpfung für eine peinliche Empfindung.

    X.

    Die Philosophen haben bisher keinen Anlass gehabt, sich mit einer
    Psychologie der Verdrängung zu beschäftigen. Es ist also gestattet, dass
    wir uns in erster Annäherung an den noch unbekannten Sachverhalt eine
    anschauliche Vorstellung vom Hergang der Traumbildung schaffen. Das
    Schema, zu welchem wir nicht allein vom Studium des Traumes her
    gelangen, ist zwar bereits ziemlich komplizirt; wir können aber mit
    einem einfacheren unser Ausreichen nicht finden. Wir nehmen an, dass
    es in unserem seelischen Apparat zwei gedankenbildende Instanzen giebt,
    deren zweite das Vorrecht besitzt, dass ihre Erzeugnisse den Zugang
    zum Bewusstsein offen finden, während die Thätigkeit der ersten Instanz
    an sich unbewusst ist und nur über die zweite zum Bewusstsein gelangen
    kann. An der Grenze der beiden Instanzen, am Uebergang von der
    ersten zur zweiten, befinde sich eine Censur, welche nur durchlässt, was
    ihr genehm ist, anderes aber zurückhält. Dann befindet sich das von
    der Censur Abgewiesene, nach unserer Definition, im Zustande der Ver-
    drängung. Unter gewissen Bedingungen, deren eine der Schlafzustand
    ist, ändere sich das Kräfteverhältniss zwischen beiden Instanzen in
    solcher Weise, dass das Verdrängte nicht mehr ganz zurückgehalten
    werden kann. Im Schlafzustand geschehe dies etwa durch den Nach-
    lass der Censur; dann wird es dem bisher Verdrängten gelingen, sich
    den Weg zum Bewusstsein zu bahnen. Da die Censur aber niemals
    aufgehoben, sondern bloss herabgesetzt ist, so wird es sich dabei Ver-
    änderungen gefallen lassen müssen, welche seine Anstössigkeiten mildern.
    Was in solchem Falle bewusst wird, ist ein Kompromiss zwischen dem
    von der einen Instanz Beabsichtigten und dem von der anderen Ge-
    forderten. Verdrängung — Nachlass der Censur — Kompro-
    missbildung
    , dies ist aber das Grundschema für die Entstehung aller
    anderen psychopathischen Bildungen in gleicher Weise wie für den
    Traum, und bei der Kompromissbildung werden hier wie dort die Vor-
    gänge der Verdichtung und Verschiebung und die Inanspruchnahme ober-
    flächlicher Associationen beobachtet, welche wir bei der Traumarbeit
    kennen gelernt haben.

    Wir haben keinen Grund uns das Element von Dämonismus
    zu verhehlen, welches bei der Aufstellung unserer Erklärung der
    Traumarbeit mitgespielt hat. Wir haben den Eindruck empfangen,
    dass die Bildung der dunklen Träume so vor sich geht, als ob
    eine Person, die von einer zweiten abhängig ist, etwas zu äussern
    hätte, was dieser letzteren anzuhören unangenehm sein muss, und

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    von diesem Gleichniss her haben wir den Begriff der Traument-
    stellung
    und den der Censur erfasst und uns bemüht, unseren Ein-
    druck in eine gewiss rohe, aber wenigstens anschauliche psychologische
    Theorie zu übersetzen. Mit was immer bei weiterer Klärung des Gegen-
    standes sich unsere erste und zweite Instanz wird identifiziren lassen,
    wir werden erwarten, dass sich ein Korrelat unserer Annahme bestätige,
    dass die zweite Instanz den Zugang zum Bewusstsein beherrscht und
    die erste vom Bewusstsein absperren kann.

    Wenn der Schlafzustand überwunden ist, stellt sich die Censur
    rasch zur vollen Höhe wieder her und kann jetzt wieder vernichten,
    was ihr während der Zeit ihrer Schwäche abgerungen worden ist. Dass
    das Vergessen des Traumes wenigstens zum Theil diese Erklärung
    fordert, geht aus einer ungezählte Male bestätigten Erfahrung hervor.
    Während der Erzählung eines Traumes oder während der Analyse des-
    selben geschieht es nicht selten, dass plötzlich ein vergessen geglaubtes
    Bruchstück des Trauminhaltes wieder auftaucht. Dies dem Vergessen
    entrissene Stück enthält regelmässig den besten und nächsten Zugang
    zur Bedeutung des Traumes. Es sollte wahrscheinlich nur darum dem
    Vergessen, d. i. der neuerlichen Unterdrückung, verfallen.

    XI.

    Wenn wir den Trauminhalt als Darstellung eines erfüllten Wunsches
    auffassen und seine Dunkelheit auf die Abänderungen der Censur an
    verdrängtem Material zurückführen, fällt es uns auch nicht mehr schwer,
    die Funktion des Traumes zu erschliessen. In seltsamem Gegensatz zu
    Redewendungen, welche den Schlaf durch Träume stören lassen, müssen
    wir den Traum als den Hüter des Schlafes anerkennen. Für den
    Kindertraum dürfte unsere Behauptung leicht Glauben finden.

    Der Schlafzustand oder die psychische Schlafveränderung, worin
    immer sie bestehen mag, wird herbeigeführt durch den dem Kind auf-
    genöthigten oder auf Grund von Müdigkeitssensationen gefassten Ent-
    schluss zu schlafen, und einzig ermöglicht durch die Abhaltung von
    Reizen, welche dem psychischen Apparat andere Ziele setzen könnten
    als das des Schlafens. Die Mittel, welche dazu dienen, äussere Reize
    ferne zu halten, sind bekannt; aber welche Mittel stehen uns zur Ver-
    fügung, um die inneren seelischen Reize niederzuhalten, die sich dem
    Einschlafen widersetzen? Man beobachte eine Mutter, die ihr Kind ein-
    schläfert. Es äussert unausgesetzt Bedürfnisse, es will noch einen Kuss,
    es möchte noch spielen. Diese Bedürfnisse werden zum Theil befriedigt,
    zum anderen mit Autorität auf den nächsten Tag verschoben. Es ist
    klar, dass Wünsche und Bedürfnisse, die sich regen, die Hemmnisse des
    Einschlafens sind. Wer kennt nicht die heitere Geschichte von dem