Über den Traum1901-001/1901
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    Wenn ich die Traumgedanken weiter verfolge, finde ich immer
    nur Spott und Hohn als das Korrelat der Absurditäten des
    Traumes
    . Der Fund eines geborstenen Schafschädels auf dem Lido
    zu Venedig hat Goethe bekanntlich die Idee zur sog. Wirbeltheorie
    des Schädels eingegeben. — Mein Freund rühmt sich als Student einen
    Sturm zur Beseitigung eines alten Professors entfesselt zu haben, der einst
    wohlverdient (unter Anderem auch um diesen Theil der vergleichenden
    Anatomie) nun durch Altersschwachsinn zum Lehren unfähig ge-
    worden war. Die von ihm veranstaltete Agitation half so dem Uebel-
    stande ab, dass an den deutschen Universitäten dem akademischen
    Wirken eine Altersgrenze nicht gezogen ist. — Alter schützt
    nämlich vor Thorheit nicht.
    — Im hiesigen Krankenhause hatte
    ich die Ehre Jahre hindurch unter einem Primarius zu dienen, der
    längst fossil, seit Decennien notorisch schwachsinnig, sein ver-
    antwortungsvolles Amt weiterführen durfte. Eine Charakteristik nach
    dem Funde am Lido drängt sich mir hier auf. — Auf diesen Mann
    bezüglich fertigten einst junge Kollegen im Spital eine Uebertragung
    des damals beliebten Gassenhauers: Das hat kein Goethe g’schrieben,
    das hat kein Schiller g’dicht usw. . . .

    VII.

    Wir sind mit der Würdigung der Traumarbeit noch nicht zu Ende
    gekommen. Wir sehen uns genöthigt, ihr ausser der Verdichtung, Ver-
    schiebung und anschaulichen Zurichtung des psychischen Materials noch
    eine andere Thätigkeit zuzuschreihen, deren Beitrag allerdings nicht an
    allen Träumen zu erkennen ist Ich werde von diesem Stück der Traum-
    arbeit nicht ausführlich handeln, will also nur anführen, dass man sich
    von seinem Wesen am ehesten eine Vorstellung verschafft, wenn man
    sich zu der — wahrscheinlich unzutreffenden — Annahme entschliesst,
    dass es auf den bereits vorgebildeten Trauminhalt erst
    nachträglich einwirke
    . Seine Leistung besteht dann darin die
    Traumbestandtheile so anzuordnen‚ dass sie sich ungefähr zu einem
    Zusammenhang, zu einer Traumkomposition zusammenfügen. Der Traum-
    erhält so eine Art Façade, die seinen Inhalt freilich nicht an allen Stellen
    deckt; er erfährt dabei eine erste vorläufige Deutung, die durch Ein-
    schiebsel und leise Abänderungen unterstützt wird. Allerdings macht
    sich diese Bearbeitung des Trauminhaltes nur möglich, indem sie alle
    fünf gerade sein lässt, sie liefert auch weiter nichts als ein eclatantes
    Missverständniss der Traumgedanken, und wenn wir die Analyse des
    Traumes in Angriff nehmen, müssen wir uns zuerst von diesem Deutungs-
    versuche frei machen.

    An diesem Stücke der Traumarbeit ist die Motivirung ganz be-

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    sonders durchsichtig. Es ist die Rücksicht auf Verständlichkeit,
    welche diese letzte Ueberarbeitung des Traumes veranlasst; hierdurch
    ist aber auch die Herkunft dieser Thätigkeit verrathen. Sie benimmt
    sich gegen den ihr vorliegenden Trauminhalt wie unsere normale psychische
    Thätigkeit überhaupt gegen einen beliebigen ihr dargebotenen Wahr-
    nehmungsinhalt. Sie erfasst ihn unter Verwendung gewisser Erwartungs-
    vorstellungen, ordnet ihn schon bei der Wahrnehmung unter der Vor-
    aussetzung seiner Verständlichkeit, läuft dabei Gefahr, ihn zu fälschen,
    und verfällt in der That, wenn er sich an nichts Bekanntes anreihen
    lässt, zunächst in die seltsamsten Missverständnisse. Es ist bekannt,
    dass wir nicht im Stande sind, eine Reihe von fremdartigen Zeichen
    anzusehen oder ein Gefolge von unbekannten Worten anzuhören, ohne
    zunächst deren Wahrnehmung nach der Rücksicht auf Verständ-
    lichkeit
    , nach der Anlehnung an etwas uns Bekanntes, zu verfälschen.

    Träume, welche diese Bearbeitung von Seiten einer dem wachen
    Denken völlig analogen psychischen Thätigkeit erfahren haben, kann
    man gut komponirte heissen. Bei anderen Träumen hat diese Thätig-
    keit völlig versagt; es ist nicht einmal der Versuch gemacht worden,
    Ordnung und Deutung herzustellen, und indem wir uns nach dem Er-
    wachen mit diesem letzten Stück der Traumarbeit identisch fühlen,
    urtheilen wir, der Traum sei „ganz verworren“. Für unsere Analyse
    aber hat der Traum, der einem ordnungslosen Haufen unzusammen-
    hängender Bruchstücke gleicht, ebenso viel Werth wie der schön geglättete
    und mit einer Oberfläche versehene. Wir ersparen uns im ersteren Falle
    etwa die Mühe, die Ueberarbeitung des Trauminhaltes wieder zu zer-
    stören.

    Andere als die vier erwähnten Thätigkeiten sind bei der Traumarbeit
    nicht zu entdecken. Halten wir an der Begriffbestimmung fest, dass
    „Traumarbeit“ die Ueberführung der Traumgedanken in den Trauminhalt
    bezeichnet, so müssen wir uns sagen, die Traumarbeit sei nicht schöpferisch,
    sie entwickle keine ihr eigenthümliche Phantasie, sie urtheilt nicht,
    schliesst nicht, sie leistet überhaupt nichts anderes als das Material zu
    verdichten, verschieben und auf Anschaulichkeit umzuarbeiten, wozu noch
    das inkonstante letzte Stückchen deutender Bearbeitung hinzukommt.
    Man findet zwar mancherlei im Trauminhalt, was man als das Ergebniss
    einer anderen und höheren intellektuellen Leistung auffassen möchte,
    aber die Analyse weist jedesmal überzeugend nach, dass diese intellek-
    tuellen Operationen bereits in den Traumgedanken vor-
    gefallen und vom Trauminhalt nur übernommen worden
    sind
    . Eine Schlussfolgerung im Traum ist nichts anderes als die
    Wiederholung eines Schlusses in den Traumgedanken; sie erscheint
    unanstössig, wenn sie ohne Veränderung in den Traum übergegangen
    ist; sie wird unsinnig, wenn sie durch die Traumarbeit etwa auf ein

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    anderes Material verschoben wurde. Eine Rechnung im Trauminhalt
    bedeutet nichts anderes, als dass sich unter den Traumgedanken eine
    Berechnung findet; während diese jedesmal richtig ist, kann die Traum-
    rechnung durch Verdichtung ihrer Faktoren und durch Verschiebung
    der nämlichen Operationsweise auf anderes Material das tollste Er-
    gebniss liefern. Nicht einmal die Reden, die sich im Trauminhalt vor-
    finden, sind neu komponirt; sie erweisen sich als zusammengestückelt
    aus Reden, die als gehaltene oder als gehörte in den Traumgedanken
    erneuert wurden, deren Wortlaut sie auf’s Getreueste kopiren, während
    sie deren Veranlassung ganz bei Seite lassen und ihren Sinn auf’s Ge-
    waltsamste verändern.

    Es ist vielleicht nicht überflüssig, die letzten Behauptungen durch
    Beispiele zu unterstützen.

    I. Ein harmlos klingender, gut komponirter Traum einer Patientin:

    Sie geht auf den Markt mit ihrer Köchin, die
    den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt ihr, nachdem
    sie etwas verlangt hat: Das ist nicht mehr zu haben, und
    will ihr etwas anderes geben mit der Bemerkung: Das
    ist auch gut. Sie lehnt ab und geht zur Gemüsefrau.
    Die will ihr ein eigenthümliches Gemüse verkaufen,
    was in Bündeln zusammengebunden ist, aber schwarz
    von Farbe. Sie sagt: Das kenne ich nicht, das nehme ich
    nicht.

    Die Rede: das ist nicht mehr zu haben — stammt aus der Be-
    handlung. Ich selbst hatte der Patientin einige Tage vorher wörtlich
    erklärt, dass die ältesten Kindererinnerungen nicht mehr als
    solche zu haben sind, sondern sich durch Uebertragungen und
    Träume ersetzen. Ich bin also der Fleischhauer.

    Die zweite Rede: Das kenne ich nicht — ist in einem ganz
    anderen Zusammenhange vorgefallen. Tags vorher hatte sie selbst
    ihrer Köchin, die übrigens auch im Traume erscheint, tadelnd zu-
    gerufen: Benehmen sie sich anständig; das kenne ich
    nicht
    , d. h. wohl, ein solches Benehmen anerkenne ich nicht, lasse
    nicht zu. Der harmlosere Theil dieser Rede gelangte durch eine
    Verschiebung in den Trauminhalt; in den Traumgedanken spielte
    nur der andere Theil der Rede eine Rolle, denn hier hat die Traum-
    arbeit bis zur vollen Unkenntlichkeit und bis zur äussersten Harm-
    losigkeit eine Phantasiesituation verändert, in welcher ich mich
    gegen die Dame in einer gewissen Weise unanständig
    benehme
    . Diese in der Phantasie erwartete Situation ist aber
    selbst nur die Neuauflage einer einmal wirklich erlebten.

    II. Ein scheinbar ganz bedeutungsloser Traum, in dem Zahlen vor-
    kommen. Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter

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    nimmt ihr 3 fl. 65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber:
    Was thust Du? Es kostet ja nur 21 Kreuzer.

    Die Träumerin war eine Fremde, die ihr Kind in einem
    Wiener Erziehungsinstitute untergebracht hatte, und die meine Be-
    handlung fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in Wien blieb.
    Am Tage vor dem Traum hatte ihr die Institutsvorsteherin nahe
    gelegt, ihr das Kind noch ein weiteres Jahr zu überlassen. In
    diesem Falle hätte sie auch die Behandlung um ein Jahr verlängert.
    Die Zahlen im Traum kommen zur Bedeutung, wenn man sich er-
    innert, dass Zeit Geld ist. Time is money. Ein Jahr ist gleich
    365 Tagen, in Kreuzern ausgedrückt 365 Kreuzer oder 3 fl. 65 kr.
    Die 21 Kreuzer entsprechen den drei Wochen, die damals vom
    Traumtage bis zum Schulschluss und damit bis zum Ende der Cur
    ausständig waren. Es waren offenbar Geldrücksichten, welche die
    Dame bewogen hatten, den Vorschlag der Vorsteherin abzulehnen,
    und welche für die Kleinheit der Summe im Traum verantwortlich
    sind.

    III. Eine junge, aber schon seit Jahren verheirathete Denia erfährt, dass
    eine ihr fast gleichalterige Bekannte, Frl. Elise L., sich verlobt
    hat. Dieser Anlass erregt nachstehenden Traum: Sie sitzt mit
    ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parquets ist
    ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr
    Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber nur
    schlechte Sitze bekommen, drei für 1 fl. 50 kr., und die
    konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch
    kein Unglück gewesen.

    Hier wird uns die Herkunft der Zahlen aus dem Material
    der Traumgedanken und die Verwandlungen, die sie erfahren haben,
    interessiren. Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem indiffe-
    renten Anlass des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne
    die Summe von 150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt,
    sie los zu werden, indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir
    wollen anmerken, dass 150 fl. 100 mal mehr sind als 1 fl. 50 kr.
    Für die drei, die bei den Theaterbillets steht, findet sich nur die
    eine Anknüpfung, dass die Braut Elise L. genau drei Monate jünger
    ist als die Träumerin. Die Situation im Traume ist die Wieder-
    gabe einer kleinen Begebenheit, mit der sie von ihrem Manne oft
    geneckt worden ist. Sie hatte sich einmal so sehr beeilt, vor-
    zeitig Karten zu einer Theatervorstellung zu nehmen, und als sie
    dann in’s Theater kam, war eine Seite des Parquets fast
    unbesetzt
    . Sie hätte es also nicht nöthig gehabt, sich so sehr
    zu beeilen
    . — Uebersehen wir endlich nicht die Absurdität

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    des Traumes, dass zwei Personen drei Karten für’s Theater nehmen
    sollen!

    Nun die Traumgedanken: Ein Unsinn war es doch, so früh
    zu heirathen; ich hätte es nicht nöthig gehabt, mich so zu
    beeilen
    . An dem Beispiel der Elise L. sehe ich, dass ich immer
    noch einen Mann bekommen hätte, und zwar einen hundertmal
    besseren (Mann, Schatz), wenn ich nur gewartet hätte. Drei solche
    Männer hätte ich mir für das Geld (die Mitgift) kaufen können!

    VIII.

    Nachdem wir in den vorstehenden Darlegungen die Traumarbeit
    kennen gelernt haben, werden wir wohl geneigt sein, sie für einen ganz
    besonderen psychischen Vorgang zu erklären, dessen Gleichen es nach
    unserer Kenntniss sonst nicht giebt. Es ist gleichsam auf die Traum-
    arbeit das Befremden übergegangen, welches sonst ihr Produkt, der
    Traum, bei uns zu erwecken pflegte. In Wirklichkeit ist die Traumarbeit
    nur der zuerst erkannte unter einer ganzen Reihe von psychischen
    Prozessen, auf welche die Entstehung der hysterischen Symptome, der
    Angst-, Zwangs- und Wahnideen zurückzuführen ist. Verdichtung und
    vor allem Verschiebung sind niemals fehlende Charaktere auch dieser
    anderen Prozesse. Die Umarbeitung auf’s Anschauliche bleibt hingegen
    der Traumarbeit eigenthümlich. Wenn diese Aufklärung den Traum
    in eine Reihe mit den Bildungen psychischer Erkrankung bringt, so
    wird es uns um so wichtiger werden, die wesentlichen Bedingungen
    solcher Vorgänge wie der Traumbildung zu erfahren. Wir werden
    wahrscheinlich verwundert sein zu hören, dass weder Schlafzustand noch
    Krankheit zu diesen unentbehrlichen Bedingungen gehören. Eine ganze
    Anzahl von Phänomenen des Alltagslebens Gesunder, das Vergessen,
    Versprechen, Vergreifen, und eine gewisse Klasse von Irrthümern danken
    einem analogen psychischen Mechanismus wie der Traum und die
    anderen Glieder der Reihe ihre Entstehung.

    Der Kern des Problems liegt in der Verschiebung, der weitaus
    auffälligsten unter den Einzelleistungen der Traumarbeit. Die wesent-
    liche Bedingung der Verschiebung lernt man bei eingehender Vertiefung
    in den Gegenstand als eine rein psychologische kennen; sie ist von der Art
    einer Motivirung. Man geräth auf ihre Spur, wenn man Erfahrungen
    würdigt, denen man bei der Analyse von Träumen nicht entgehen kann.
    Ich habe bei der Analyse des Traumbeispiels auf Seite 4 in der Mit-
    theilung der Traumgedanken abbrechen müssen, weil sich unter ihnen,
    wie ich eingestand, solche fanden, die ich gerne vor Fremden geheim
    halte und ohne schwere Verletzung wichtiger Rücksichten nicht mit-
    theilen kann. Ich fügte hinzu, es brächte gar keinen Nutzen, wenn ich