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Wenn ich die Traumgedanken weiter verfolge, finde ich immer
nur Spott und Hohn als das Korrelat der Absurditäten des
Traumes. Der Fund eines geborstenen Schafschädels auf dem Lido
zu Venedig hat Goethe bekanntlich die Idee zur sog. Wirbeltheorie
des Schädels eingegeben. — Mein Freund rühmt sich als Student einen
Sturm zur Beseitigung eines alten Professors entfesselt zu haben, der einst
wohlverdient (unter Anderem auch um diesen Theil der vergleichenden
Anatomie) nun durch Altersschwachsinn zum Lehren unfähig ge-
worden war. Die von ihm veranstaltete Agitation half so dem Uebel-
stande ab, dass an den deutschen Universitäten dem akademischen
Wirken eine Altersgrenze nicht gezogen ist. — Alter schützt
nämlich vor Thorheit nicht. — Im hiesigen Krankenhause hatte
ich die Ehre Jahre hindurch unter einem Primarius zu dienen, der
längst fossil, seit Decennien notorisch schwachsinnig, sein ver-
antwortungsvolles Amt weiterführen durfte. Eine Charakteristik nach
dem Funde am Lido drängt sich mir hier auf. — Auf diesen Mann
bezüglich fertigten einst junge Kollegen im Spital eine Uebertragung
des damals beliebten Gassenhauers: Das hat kein Goethe g’schrieben,
das hat kein Schiller g’dicht usw. . . .VII.
Wir sind mit der Würdigung der Traumarbeit noch nicht zu Ende
gekommen. Wir sehen uns genöthigt, ihr ausser der Verdichtung, Ver-
schiebung und anschaulichen Zurichtung des psychischen Materials noch
eine andere Thätigkeit zuzuschreihen, deren Beitrag allerdings nicht an
allen Träumen zu erkennen ist Ich werde von diesem Stück der Traum-
arbeit nicht ausführlich handeln, will also nur anführen, dass man sich
von seinem Wesen am ehesten eine Vorstellung verschafft, wenn man
sich zu der — wahrscheinlich unzutreffenden — Annahme entschliesst,
dass es auf den bereits vorgebildeten Trauminhalt erst
nachträglich einwirke. Seine Leistung besteht dann darin die
Traumbestandtheile so anzuordnen‚ dass sie sich ungefähr zu einem
Zusammenhang, zu einer Traumkomposition zusammenfügen. Der Traum-
erhält so eine Art Façade, die seinen Inhalt freilich nicht an allen Stellen
deckt; er erfährt dabei eine erste vorläufige Deutung, die durch Ein-
schiebsel und leise Abänderungen unterstützt wird. Allerdings macht
sich diese Bearbeitung des Trauminhaltes nur möglich, indem sie alle
fünf gerade sein lässt, sie liefert auch weiter nichts als ein eclatantes
Missverständniss der Traumgedanken, und wenn wir die Analyse des
Traumes in Angriff nehmen, müssen wir uns zuerst von diesem Deutungs-
versuche frei machen.An diesem Stücke der Traumarbeit ist die Motivirung ganz be-
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sonders durchsichtig. Es ist die Rücksicht auf Verständlichkeit,
welche diese letzte Ueberarbeitung des Traumes veranlasst; hierdurch
ist aber auch die Herkunft dieser Thätigkeit verrathen. Sie benimmt
sich gegen den ihr vorliegenden Trauminhalt wie unsere normale psychische
Thätigkeit überhaupt gegen einen beliebigen ihr dargebotenen Wahr-
nehmungsinhalt. Sie erfasst ihn unter Verwendung gewisser Erwartungs-
vorstellungen, ordnet ihn schon bei der Wahrnehmung unter der Vor-
aussetzung seiner Verständlichkeit, läuft dabei Gefahr, ihn zu fälschen,
und verfällt in der That, wenn er sich an nichts Bekanntes anreihen
lässt, zunächst in die seltsamsten Missverständnisse. Es ist bekannt,
dass wir nicht im Stande sind, eine Reihe von fremdartigen Zeichen
anzusehen oder ein Gefolge von unbekannten Worten anzuhören, ohne
zunächst deren Wahrnehmung nach der Rücksicht auf Verständ-
lichkeit, nach der Anlehnung an etwas uns Bekanntes, zu verfälschen.Träume, welche diese Bearbeitung von Seiten einer dem wachen
Denken völlig analogen psychischen Thätigkeit erfahren haben, kann
man gut komponirte heissen. Bei anderen Träumen hat diese Thätig-
keit völlig versagt; es ist nicht einmal der Versuch gemacht worden,
Ordnung und Deutung herzustellen, und indem wir uns nach dem Er-
wachen mit diesem letzten Stück der Traumarbeit identisch fühlen,
urtheilen wir, der Traum sei „ganz verworren“. Für unsere Analyse
aber hat der Traum, der einem ordnungslosen Haufen unzusammen-
hängender Bruchstücke gleicht, ebenso viel Werth wie der schön geglättete
und mit einer Oberfläche versehene. Wir ersparen uns im ersteren Falle
etwa die Mühe, die Ueberarbeitung des Trauminhaltes wieder zu zer-
stören.Andere als die vier erwähnten Thätigkeiten sind bei der Traumarbeit
nicht zu entdecken. Halten wir an der Begriffbestimmung fest, dass
„Traumarbeit“ die Ueberführung der Traumgedanken in den Trauminhalt
bezeichnet, so müssen wir uns sagen, die Traumarbeit sei nicht schöpferisch,
sie entwickle keine ihr eigenthümliche Phantasie, sie urtheilt nicht,
schliesst nicht, sie leistet überhaupt nichts anderes als das Material zu
verdichten, verschieben und auf Anschaulichkeit umzuarbeiten, wozu noch
das inkonstante letzte Stückchen deutender Bearbeitung hinzukommt.
Man findet zwar mancherlei im Trauminhalt, was man als das Ergebniss
einer anderen und höheren intellektuellen Leistung auffassen möchte,
aber die Analyse weist jedesmal überzeugend nach, dass diese intellek-
tuellen Operationen bereits in den Traumgedanken vor-
gefallen und vom Trauminhalt nur übernommen worden
sind. Eine Schlussfolgerung im Traum ist nichts anderes als die
Wiederholung eines Schlusses in den Traumgedanken; sie erscheint
unanstössig, wenn sie ohne Veränderung in den Traum übergegangen
ist; sie wird unsinnig, wenn sie durch die Traumarbeit etwa auf einS.
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anderes Material verschoben wurde. Eine Rechnung im Trauminhalt
bedeutet nichts anderes, als dass sich unter den Traumgedanken eine
Berechnung findet; während diese jedesmal richtig ist, kann die Traum-
rechnung durch Verdichtung ihrer Faktoren und durch Verschiebung
der nämlichen Operationsweise auf anderes Material das tollste Er-
gebniss liefern. Nicht einmal die Reden, die sich im Trauminhalt vor-
finden, sind neu komponirt; sie erweisen sich als zusammengestückelt
aus Reden, die als gehaltene oder als gehörte in den Traumgedanken
erneuert wurden, deren Wortlaut sie auf’s Getreueste kopiren, während
sie deren Veranlassung ganz bei Seite lassen und ihren Sinn auf’s Ge-
waltsamste verändern.Es ist vielleicht nicht überflüssig, die letzten Behauptungen durch
Beispiele zu unterstützen.I. Ein harmlos klingender, gut komponirter Traum einer Patientin:
Sie geht auf den Markt mit ihrer Köchin, die
den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt ihr, nachdem
sie etwas verlangt hat: Das ist nicht mehr zu haben, und
will ihr etwas anderes geben mit der Bemerkung: Das
ist auch gut. Sie lehnt ab und geht zur Gemüsefrau.
Die will ihr ein eigenthümliches Gemüse verkaufen,
was in Bündeln zusammengebunden ist, aber schwarz
von Farbe. Sie sagt: Das kenne ich nicht, das nehme ich
nicht.Die Rede: das ist nicht mehr zu haben — stammt aus der Be-
handlung. Ich selbst hatte der Patientin einige Tage vorher wörtlich
erklärt, dass die ältesten Kindererinnerungen nicht mehr als
solche zu haben sind, sondern sich durch Uebertragungen und
Träume ersetzen. Ich bin also der Fleischhauer.Die zweite Rede: Das kenne ich nicht — ist in einem ganz
anderen Zusammenhange vorgefallen. Tags vorher hatte sie selbst
ihrer Köchin, die übrigens auch im Traume erscheint, tadelnd zu-
gerufen: Benehmen sie sich anständig; das kenne ich
nicht, d. h. wohl, ein solches Benehmen anerkenne ich nicht, lasse
nicht zu. Der harmlosere Theil dieser Rede gelangte durch eine
Verschiebung in den Trauminhalt; in den Traumgedanken spielte
nur der andere Theil der Rede eine Rolle, denn hier hat die Traum-
arbeit bis zur vollen Unkenntlichkeit und bis zur äussersten Harm-
losigkeit eine Phantasiesituation verändert, in welcher ich mich
gegen die Dame in einer gewissen Weise unanständig
benehme. Diese in der Phantasie erwartete Situation ist aber
selbst nur die Neuauflage einer einmal wirklich erlebten.II. Ein scheinbar ganz bedeutungsloser Traum, in dem Zahlen vor-
kommen. Sie will irgend etwas bezahlen; ihre TochterS.
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nimmt ihr 3 fl. 65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber:
Was thust Du? Es kostet ja nur 21 Kreuzer.Die Träumerin war eine Fremde, die ihr Kind in einem
Wiener Erziehungsinstitute untergebracht hatte, und die meine Be-
handlung fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in Wien blieb.
Am Tage vor dem Traum hatte ihr die Institutsvorsteherin nahe
gelegt, ihr das Kind noch ein weiteres Jahr zu überlassen. In
diesem Falle hätte sie auch die Behandlung um ein Jahr verlängert.
Die Zahlen im Traum kommen zur Bedeutung, wenn man sich er-
innert, dass Zeit Geld ist. Time is money. Ein Jahr ist gleich
365 Tagen, in Kreuzern ausgedrückt 365 Kreuzer oder 3 fl. 65 kr.
Die 21 Kreuzer entsprechen den drei Wochen, die damals vom
Traumtage bis zum Schulschluss und damit bis zum Ende der Cur
ausständig waren. Es waren offenbar Geldrücksichten, welche die
Dame bewogen hatten, den Vorschlag der Vorsteherin abzulehnen,
und welche für die Kleinheit der Summe im Traum verantwortlich
sind.III. Eine junge, aber schon seit Jahren verheirathete Denia erfährt, dass
eine ihr fast gleichalterige Bekannte, Frl. Elise L., sich verlobt
hat. Dieser Anlass erregt nachstehenden Traum: Sie sitzt mit
ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parquets ist
ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr
Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber nur
schlechte Sitze bekommen, drei für 1 fl. 50 kr., und die
konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch
kein Unglück gewesen.Hier wird uns die Herkunft der Zahlen aus dem Material
der Traumgedanken und die Verwandlungen, die sie erfahren haben,
interessiren. Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem indiffe-
renten Anlass des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne
die Summe von 150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt,
sie los zu werden, indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir
wollen anmerken, dass 150 fl. 100 mal mehr sind als 1 fl. 50 kr.
Für die drei, die bei den Theaterbillets steht, findet sich nur die
eine Anknüpfung, dass die Braut Elise L. genau drei Monate jünger
ist als die Träumerin. Die Situation im Traume ist die Wieder-
gabe einer kleinen Begebenheit, mit der sie von ihrem Manne oft
geneckt worden ist. Sie hatte sich einmal so sehr beeilt, vor-
zeitig Karten zu einer Theatervorstellung zu nehmen, und als sie
dann in’s Theater kam, war eine Seite des Parquets fast
unbesetzt. Sie hätte es also nicht nöthig gehabt, sich so sehr
zu beeilen. — Uebersehen wir endlich nicht die AbsurditätS.
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des Traumes, dass zwei Personen drei Karten für’s Theater nehmen
sollen!Nun die Traumgedanken: Ein Unsinn war es doch, so früh
zu heirathen; ich hätte es nicht nöthig gehabt, mich so zu
beeilen. An dem Beispiel der Elise L. sehe ich, dass ich immer
noch einen Mann bekommen hätte, und zwar einen hundertmal
besseren (Mann, Schatz), wenn ich nur gewartet hätte. Drei solche
Männer hätte ich mir für das Geld (die Mitgift) kaufen können!VIII.
Nachdem wir in den vorstehenden Darlegungen die Traumarbeit
kennen gelernt haben, werden wir wohl geneigt sein, sie für einen ganz
besonderen psychischen Vorgang zu erklären, dessen Gleichen es nach
unserer Kenntniss sonst nicht giebt. Es ist gleichsam auf die Traum-
arbeit das Befremden übergegangen, welches sonst ihr Produkt, der
Traum, bei uns zu erwecken pflegte. In Wirklichkeit ist die Traumarbeit
nur der zuerst erkannte unter einer ganzen Reihe von psychischen
Prozessen, auf welche die Entstehung der hysterischen Symptome, der
Angst-, Zwangs- und Wahnideen zurückzuführen ist. Verdichtung und
vor allem Verschiebung sind niemals fehlende Charaktere auch dieser
anderen Prozesse. Die Umarbeitung auf’s Anschauliche bleibt hingegen
der Traumarbeit eigenthümlich. Wenn diese Aufklärung den Traum
in eine Reihe mit den Bildungen psychischer Erkrankung bringt, so
wird es uns um so wichtiger werden, die wesentlichen Bedingungen
solcher Vorgänge wie der Traumbildung zu erfahren. Wir werden
wahrscheinlich verwundert sein zu hören, dass weder Schlafzustand noch
Krankheit zu diesen unentbehrlichen Bedingungen gehören. Eine ganze
Anzahl von Phänomenen des Alltagslebens Gesunder, das Vergessen,
Versprechen, Vergreifen, und eine gewisse Klasse von Irrthümern danken
einem analogen psychischen Mechanismus wie der Traum und die
anderen Glieder der Reihe ihre Entstehung.Der Kern des Problems liegt in der Verschiebung, der weitaus
auffälligsten unter den Einzelleistungen der Traumarbeit. Die wesent-
liche Bedingung der Verschiebung lernt man bei eingehender Vertiefung
in den Gegenstand als eine rein psychologische kennen; sie ist von der Art
einer Motivirung. Man geräth auf ihre Spur, wenn man Erfahrungen
würdigt, denen man bei der Analyse von Träumen nicht entgehen kann.
Ich habe bei der Analyse des Traumbeispiels auf Seite 4 in der Mit-
theilung der Traumgedanken abbrechen müssen, weil sich unter ihnen,
wie ich eingestand, solche fanden, die ich gerne vor Fremden geheim
halte und ohne schwere Verletzung wichtiger Rücksichten nicht mit-
theilen kann. Ich fügte hinzu, es brächte gar keinen Nutzen, wenn ich
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Über den Traum1901-001/1901