S.
425
das solche Bücher liest und sich für solche Dinge interessiert,
das hat keinen Anspruch auf die Achtung eines Mannes. Frau K.
hatte sie also verraten und angeschwärzt; nur mit ihr hatte sie
über Mantegazza und über verfängliche Themata gesprochen. Es
war wieder derselbe Fall wie mit der Gouvernante; auch Frau K.
hatte sie nicht um ihrer eigenen Person willen geliebt, sondern
wegen des Vaters. Frau K. hatte sie unbedenklich geopfert, um
in ihrem Verhältnis mit dem Vater nicht gestört zu werden.
Vielleicht, dass diese Kränkung ihr näher ging, pathogen wirk-
samer als die andere, mit der sie jene verdecken wollte, dass der
Vater sie geopfert. Wies nicht die eine so hartnäckig festgehaltene
Amnesie in Betreff der Quellen ihrer verfänglichen Kenntnis direkt
auf den Gefühlswert der Beschuldigung und demnach auf den
Verrat durch die Freundin hin?Ich glaube also mit der Annahme nicht irre zu gehen, dass
der überwertige Gedankenzug Doras, der sich mit dem Verhältnis des
Vaters zu Frau K. beschäftigte, bestimmt war nicht nur zur Unter-
drückung der einst bewusst gewesenen Liebe zu Herrn K., sondern
auch die in tieferem Sinne unbewusste Liebe zu Frau K. zu ver-
decken hatte. Zu letzterer Strömung stand er im Verhältnis des
direkten Gegensatzes. Sie sagte sich unablässig vor, dass der
Papa sie dieser Frau geopfert habe, demonstrierte geräuschvoll,
dass sie ihr den Besitz des Papas nicht gönne, und verbarg sich
so das Gegenteil, dass sie dem Papa die Liebe dieser Frau nicht
gönnen konnte und der geliebten Frau die Enttäuschung über
ihren Verrat nicht vergeben hatte. Die eifersüchtige Regung des
Weibes war im Unbewussten an eine wie von einem Manne
empfundene Eifersucht gekoppelt. Diese männlichen oder, wie
man besser sagt, gynäkophilen Gefühlsströmungen sind für das
unbewusste Liebesleben der hysterischen Mädchen als typisch zu
betrachten.II.
Der erste Traum.
Als wir gerade Aussicht hatten, einen dunklen Punkt in dem
Kindesleben Doras durch das Material, welches sich zur Analyse
drängte, aufzuhellen, berichtete Dora, sie habe einen Traum, den
sie in genau der nämli-
chen Weise schon wiederholt geträumt, in
einer der letzten Nächte neuerlich gehabt. Ein periodisch wieder-
kehrender Traum war schon dieses Charakters wegen besonders
geeignet, meine Neugierde zu wecken; im Interesse der Behand-
lung durfte man ja die Einflechtung dieses Traumes in den Zu-
sammenhang der Analyse ins Auge fassen. Ich beschloss also,
diesen Traum besonders sorgfältig zu erforschen.I. Traum: „In einem Haus brennt es1), erzählte Dora,
der Vater steht vor meinem Bett und weckt mich auf. Ich1)Es hat nie bei uns einen wirklichen Brand gegeben, antwortete sie
dann auf meine Erkundigung.S.
426
kleide mich schnell an. Die Mama will noch ihr Schmuck
kästchen retten, der Papa sagt aber: Ich will nicht, dass
ich und meine beiden Kinder wegen Deines Schmuck
kästchens verbrennen. Wir eilen herunter, und sowie
ich draussen bin, wache ich auf.“Da es ein wiederkehrender Traum ist, frage ich natürlich,
wann sie ihn zuerst geträumt. – Das weiss sie nicht. Sie erinnert
sich aber, dass sie den Traum in L. (dem Orte am See, wo die
Szene mit Herrn K. vorfiel) in drei Nächten hintereinander ge-
habt, dann kam er vor einigen Tagen hier wieder1). – Die so
hergestellte Verknüpfung des Traumes mit den Ereignissen in L.
erhöht natürlich meine Erwartungen in Betreff der Traumlosung.
Ich möchte aber zunächst den Anlass für seine letzte Wiederkehr
erfahren und fordere darum Dora, die bereits durch einige kleine,
vorher analysierte Beispiele für die Traumdeutung geschult ist,
auf, sich den Traum zu zerlegen und mir mitzuteilen, was ihr zu
ihm einfällt.Sie sagt: „Etwas, was aber nicht dazu gehören kann, denn
es ist ganz frisch, während ich den Traum gewiss schon früher
gehabt habe.“Das macht nichts, nur zu; es wird eben das letzte dazu
Passende sein.„Also der Papa hat in diesen Tagen mit der Mama einen
Streit gehabt, weil sie nachts das Speisezimmer absperrt. Das
Zimmer meines Bruders hat nämlich keinen eigenen Ausgang,
sondern ist nur durchs Speisezimmer zugänglich. Der Papa will
nicht, dass der Bruder bei Nacht so abgesperrt sein soll. Er hat
gesagt, das ginge nicht; es könnte doch bei Nacht etwas passieren,
dass man hinaus muss.“Das haben Sie nun auf Feuersgefahr bezogen?
„Ja.“
Ich bitte Sie, merken Sie sich Ihre eigenen Ausdrücke wohl.
Wir werden sie vielleicht brauchen. Sie haben gesagt: Dass bei
Nacht etwas passieren kann, dass man hinaus muss2).
Dora hat nun aber die Verbindung zwischen dem rezenten
und den damaligen Anlässen für den Traum gefunden, denn sie
fährt fort:„Als wir damals in L. ankamen, der Papa und ich, hat er
die Angst vor einem Brand direkt geäussert. Wir kamen in
einem heftigen Gewitter an, sahen das kleine Holzhäuschen, das
keinen Blitzableiter hatte. Da war diese Angst ganz natürlich.“1)Es lässt sich aus dem Inhalt nachweisen, dass der Traum in L.
zuerst geträumt worden ist.2)Ich greife diese Worte heraus, weil sie mich stutzig machen. Sie
klingen mir zweideutig. Spricht man nicht mit denselben Worten von ge-
wissen körperlichen Bedürfnissen? Zweideutige Worte sind aber wie
„Wechsel“ für den Assoziationsverlauf. Stellt man den Wechsel anders,
als er im Trauminhalt eingestellt scheint, so kommt man wohl auf das
Geleise, auf dem sich die gesuchten und noch verborgenen Gedanken hinter
dem Traum bewegen.S.
427
Es liegt mir nun daran, die Beziehung zwischen den Ereig-
nissen in L. und den damaligen gleichlautenden Träumen zu er-
gründen. Ich frage also: Haben Sie den Traum in den ersten
Nächten in L. gehabt oder in den letzten vor Ihrer Abreise, also
vor oder nach der bekannten Szene im Walde? (Ich weiss nämlich,
dass die Szene nicht gleich am ersten Tage vorfiel und dass sie
nach derselben noch einige Tage in L. verblieb, ohne etwas von
dem Vorfall merken zu lassen.)Sie antwortet zuerst: Ich weiss nicht. Nach einer Weile:
Ich glaube doch, nachher.Nun wusste ich also, dass der Traum eine Reaktion auf jenes
Erlebnis war. Warum kehrte er aber dort dreimal wieder? Ich
fragte weiter: Wie lange sind Sie noch nach der Szene in L.
geblieben?„Noch 4 Tage, am fünften bin ich mit dem Papa abgereist.“
Jetzt bin ich sicher, dass der Traum die unmittelbare Wirkung
des Erlebnisses mit Herrn K. war. Sie haben ihn dort zuerst
geträumt, nicht früher. Sie haben die Unsicherheit im Erinnern
nur hinzugefügt, um sich den Zusammenhang zu verwischen1).
Es stimmt mir aber noch nicht ganz mit den Zahlen. Wenn Sie
noch 4 Nächte in L. blieben, können Sie den Traum 4 mal wieder-
holt haben. Vielleicht war es so?Sie widerspricht nicht mehr meiner Behauptung, setzt aber,
anstatt auf meine Frage zu antworten, fort2): „Am Nachmittag
nach unserer Seefahrt, von der wir, Herr K. und ich, mittags
zurückkamen, hatte ich mich wie gewöhnlich auf das Sofa im
Schlafzimmer gelegt, um kurz zu schlafen. Ich erwachte plötzlich
und sah Herrn K. vor mir stehen.“Also wie Sie im Traum den Papa vor Ihrem Bett stehen sehen?
„Ja. Ich stellte ihn zu Rede, was er hier zu suchen habe.
Er gab zur Antwort, er lasse sich nicht abhalten, in sein Schlaf-
zimmer zu gehen, wann er wolle; übrigens habe er etwas holen
wollen. Dadurch vorsichtig gemacht, habe ich Frau K. gefragt,
ob denn kein Schlüssel zum Schlafzimmer existiert, und habe
mich am nächsten Morgen (am 2. Tag) zur Toilette eingeschlossen.
Als ich mich dann nachmittags einschliessen wollte, um mich
wieder aufs Sofa zu legen, fehlte der Schlüssel. Ich bin über-
zeugt, Herr K. hatte ihn beseitigt.“Das ist also das Thema vom Verschliessen oder Nicht-
verschliessen des Zimmers, das im Traume vorkommt und das
zufällig auch im frischen Anlass zum Traum eine Rolle gespielt
hat3). Sollte der Satz: ich kleide mich schnell an, auch in
diesen Zusammenhang gehören?1)Vergl. das eingangs Seite 292 über den Zweifel beim Erinnern Gesagte.
2)Es muss nämlich erst neues Erinnerungsmaterial kommen, ehe die
von mir gestellte Frage beantwortet werden kann.3)Ich vermute, ohne es noch Dora zu sagen, dass dies Element wegen
einer symbolischen Bedeutung von ihr ergriffen wurde. „Zimmer“ im Traum
wollen recht häufig „Frauenzimmer“ vertreten, und ob ein Frauenzimmer
„offen“ oder „verschlossen“ ist, kann natürlich nicht gleichgültig sein. Auch
welcher „Schlüssel“ in diesem Falle öffnet, ist wohlbekannt.S.
428
„Damals nahm ich mir vor, nicht ohne den Papa bei K. zu
bleiben. An den nächsten Morgen musste ich fürchten, dass
mich Herr K. bei der Toilette überrasche, und kleidete mich
darum immer sehr schnell an. Der Papa wohnte ja im Hotel,
und Frau K. war immer schon früh weggegangen, um mit dem
Papa eine Partie zu machen. Herr K. belästigte mich aber nicht
wieder.“Ich verstehe. Sie fassten am Nachmittag des zweiten Tages
den Vorsatz, sich diesen Nachstellungen zu entziehen, und haben
nun in der zweiten, dritten und vierten Nacht nach der Szene
im Walde Zeit, sich diesen Vorsatz im Schlaf zu wiederholen.
Dass Sie am nächsten – dritten – Morgen den Schlüssel nicht
haben würden, um sich beim Ankleiden einzuschliessen, wussten
Sie ja schon am zweiten Nachmittag, also vor dem Traum, und
konnten sich vornehmen, die Toilette möglichst zu beeilen. Ihr
Traum kam aber jede Nacht wieder, weil er eben einem Vorsatz
entsprach. Ein Vorsatz bleibt so lange bestehen, bis er ausgeführt
ist. Sie sagten sich gleichsam: Ich habe keine Ruhe, ich kann
keinen ruhigen Schlaf finden, bis ich nicht aus diesem Hause heraus
bin. Umgekehrt erzählen Sie vom Traum: Sowie ich draussen
bin, wache ich auf.Ich unterbreche hier die Mitteilung der Analyse, um dieses
Stückchen einer Traumdeutung an meinen allgemeinen Sätzen über
Mechanismus der Traumbildung zu messen. Ich habe in meinem
Buche1) ausgeführt, jeder Traum sei ein als erfüllt dargestellter
Wunsch, die Darstellung sei eine verhüllende, wenn der Wunsch
ein verdrängter, dem Unbewussten angehöriger sei, und ausser
bei den Kinderträumen habe nur der unbewusste oder bis ins
Unbewusste reichende Wunsch die Kraft, einen Traum zu bilden.
Ich glaube, die allgemeine Zustimmung wäre mir sicherer gewesen,
wenn ich mich begnügt hätte, zu behaupten, dass jeder Traum
einen Sinn habe, der durch eine gewisse Deutungsarbeit auf
zudecken sei. Nach vollzogener Deutung könne man den Traum
durch Gedanken ersetzen, die sich an leicht kenntlicher Stelle in
das Seelenleben des Wachens einfügen. Ich hätte dann fortfahren
können, dieser Sinn des Traumes erweise sich als ebenso mannig-
faltig wie eben die Gedankengänge des Wachens. Es sei das
eine Mal ein erfüllter Wunsch, das andere Mal eine verwirklichte
Befürchtung, dann etwa eine im Schlaf fortgesetzte Ueberlegung,
ein Vorsatz (wie bei Doras Traum), ein Stück geistigen Produ-
zierens im Schlafe u. s. w. Diese Darstellung hätte gewiss durch
ihre Fasslichkeit bestochen und hätte sich auf eine grosse Anzahl
gut gedeuteter Beispiele, wie z. B. auf den hier analysierten Traum,
stützen können.Anstatt dessen habe ich eine allgemeine Behauptung auf
gestellt, die den Sinn der Träume auf eine einzige Gedankenform,1) Die Traumdeutung. 1900.
S.
429
auf die Darstellung von Wünschen einschränkt, und habe die all-
gemeinste Neigung zum Widerspruche wachgerufen. Ich muss aber
sagen, dass ich weder das Recht noch die Pflicht zu besitzen
glaubte, einen Vorgang der Psychologie zur grösseren Annehm-
lichkeit des Lesers zu vereinfachen, wenn er meiner Untersuchung
eine Komplikation bot, deren Lösung zur Einheitlichkeit erst an
anderer Stelle gefunden werden konnte. Es wird mir darum
von besonderem Werte sein zu zeigen, dass die scheinbaren Aus-
nahmen, wie Doras Traum hier, der sich zunächst als ein in den
Schlaf fortgesetzter Tagesvorsatz enthüllt, doch die bestrittene
Regel neuerdings bekräftigen.Wir haben ja noch ein grosses Stück des Traumes zu deuten.
Ich fragte weiter: Was ist es mit dem Schmuckkästchen, das die
Mama retten will?„Die Mama liebt Schmuck sehr und hat viel vom Papa
bekommen.“„Und Sie?
„Ich habe Schmuck früher auch sehr geliebt; seit der Krank-
heit trage ich keinen mehr. — Da gab es damals vor 4 Jahren
(1 Jahr vor dem Traum) einen grossen Streit zwischen Papa und
Mama wegen eines Schmuckes. Die Mama wünschte sich etwas
Bestimmtes, Tropfen von Perlen im Ohr zu tragen. Der Papa
liebt aber dergleichen nicht und brachte ihr anstatt der Tropfen
ein Armband. Sie war wütend und sagte ihm, wenn er schon
soviel Geld ausgegeben habe, um etwas zu schenken, was sie
nicht möge, so solle er es nur einer anderen schenken.“Da werden Sie sich gedacht haben, Sie nähmen es gerne?
„Ich weiss nicht1), weiss überhaupt nicht, wie die Mama in
den Traum kommt; sie war doch damals nicht mit in L.2).“Ich werde es Ihnen später erklären. Fällt Ihnen denn
nichts anderes zum Schmuckkästchen ein? Bis jetzt haben Sie
nur von Schmuck und nichts von einem Kästchen gesprochen.„Ja, Herr K. hatte mir einige Zeit vorher ein kostbares
Schmuckkästchen zum Geschenk gemacht.“Da war das Gegengeschenk also wohl am Platze. Sie wissen
vielleicht nicht, dass „Schmuckkästchen“ eine beliebte Bezeichnung
für dasselbe ist, was Sie unlängst mit dem angehängten Täschchen
angedeutet haben3), für das weibliche Genitale.„Ich wusste, dass Sie das sagen würden4).“
1)Ihre damals gewöhnliche Redensart, etwas Verdrängtes anzuerkennen.
2)Diese Bemerkung, die von gänzlichem Missverständnisse der ihr
sonst wohlbekannten Regeln der Traumerklärung zeugt, sowie die zögernde
Art und die spärliche Ausbeute ihrer Einfälle zum Schmuckkästchen be-
weisen mir, dass es sich hier um Material handle, das mit grossem Nach-
druck verdrängt worden sei.3)Ueber dieses Täschchen siehe weiter unten.
4)Eine sehr häufige Art, eine aus dem Verdrängten auftauchende
Kenntnis von sich wegzuschieben.S.
430
Das heisst, Sie wussten es. – Der Sinn des Traumes wird
nun noch deutlicher. Sie sagten sich: Der Mann stellt mir nach,
er will in mein Zimmer dringen, meinem „Schmuckkästchen“ droht
Gefahr, und wenn da ein Malheur passiert, wird es die Schuld
des Papas sein. Darum haben Sie in den Traum eine Situation
genommen, die das Gegenteil ausdrückt, eine Gefahr, aus welcher
der Papa Sie rettet. In dieser Region des Traumes ist überhaupt
alles ins Gegenteil verwandelt; Sie werden bald hören, warum.
Das Geheimnis liegt allerdings bei der Mama. Wie die Mama
dazu kommt? Sie ist, wie Sie wissen, Ihre frühere Konkurrentin
in der Gunst des Papas. Bei der Begebenheit mit dem Armband
wollten Sie gerne annehmen, was die Mama zurückgewiesen hat. Nun
lassen Sie uns einmal „annehmen“ durch „geben“, „zurückweisen“
durch „verweigern“ ersetzen. Das heisst dann, Sie waren bereit,
dem Papa zu geben, was die Mama ihm verweigert, und das, um
was es sich handelt, hatte mit Schmuck zu tun1). Nun erinnern
Sie sich an das Schmuckkästchen, das Herr K. Ihnen geschenkt
hat. Sie haben da den Anfang einer parallelen Gedankenreihe,
in der wie in der Situation des vor Ihrem Bett Stehens Herr K.
anstatt des Papas einzusetzen ist. Er hat Ihnen ein Schmuck
kästchen geschenkt, Sie sollen ihm also Ihr Schmuckkästchen
schenken; darum sprach ich vorhin vom „Gegengeschenk“. In
dieser Gedankenreihe wird Ihre Mama durch Frau K. zu ersetzen
sein, die doch wohl damals anwesend war. Sie sind also bereit,
Herrn K. das zu schenken, was ihm seine Frau verweigert. Hier
haben Sie den Gedanken, der mit soviel Anstrengung ver-
drängt werden muss, der die Verwandlung aller Elemente
in ihr Gegenteil notwendig macht. Wie ich’s Ihnen schon vor
diesem Traum gesagt habe, der Traum bestätigt wieder, dass Sie
die alte Liebe zum Papa wachrufen, um sich gegen die Liebe
zu K. zu schützen. Was beweisen aber alle diese Bemühungen?
Nicht nur, dass Sie sich vor Herrn K. fürchten, noch mehr
fürchten Sie sich vor sich selber, vor Ihrer Versuchung, ihm
nachzugeben. Sie bestätigen also dadurch, wie intensiv die Liebe
zu ihm war.2)
Dieses Stück der Deutung wollte sie natürlich nicht mit
machen.Mir hatte sich aber auch eine Fortsetzung der Traumdeutung
ergeben, die ebensowohl für die Anamnese des Falles wie für
die Theorie des Traumes unentbehrlich schien. Ich versprach,
dieselbe Dora in der nächsten Sitzung mitzuteilen.1)Auch für die Tropfen werden wir später eine vom Zusammenhang
geforderte Deutung anführen können.2)Ich fügte noch hinzu: Uebrigens muss ich aus dem Wiederauftauchen
des Traumes in den letzten Tagen schliessen, dass Sie dieselbe Situation für
wiedergekommen erachten, und dass Sie beschlossen haben, aus der Kur,
zu der ja nur der Papa Sie bringt, wegzubleiben. Die Folge zeigte, wie
richtig ich geraten hatte. Meine Deutung streift hier das praktisch wie
theoretisch höchst bedeutsame Thema der „Uebertragung“, auf welches ein
zugehen ich in dieser Abhandlung wenig Gelegenheit mehr finden werde.S.
431
Ich konnte nämlich den Hinweis nicht vergessen, der sich
aus den angemerkten zweideutigen Worten zu ergeben schien (dass
man hinaus muss, dass bei Nacht ein Malheur passieren
kann). Dem reihte sich an, dass mir die Aufklärung des Traumes
unvollständig schien, so lange nicht eine gewisse Forderung er-
füllt war, die ich zwar nicht allgemein aufstellen will, nach deren
Erfüllung ich aber mit Vorliebe suche. Ein ordentlicher Traum
steht gleichsam auf zwei Beinen, von denen das eine den wesent-
lichen aktuellen Anlass, das andere eine folgenschwere Begeben-
heit der Kinderjahre berührt. Zwischen diesen beiden, dem Kinder-
erlebnis und dem gegenwärtigen, stellt der Traum eine Verbindung
her, er sucht die Gegenwart nach dem Vorbild der frühesten
Vergangenheit umzugestalten. Der Wunsch, der den Traum
schafft, kommt ja immer aus der Kindheit, er will die Kind-
heit immer wieder von Neuem zur Realität erwecken, die Gegen-
wart nach der Kindheit korrigieren. Die Stücke, die sich zu
einer Anspielung auf ein Kinderereignis zusammensetzen lassen,
glaubte ich in dem Trauminhalt bereits deutlich zu erkennen.
Ich begann die Erörterung hierüber mit einem kleinen
Experiment, das wie gewöhnlich gelang. Auf dem Tische stand
zufällig ein grosser Zündhölzchenbehälter. Ich bat Dora, sich
doch umzusehen, ob sie auf dem Tische etwas Besonderes sehen
könne, das gewöhnlich nicht darauf stände. Sie sah nichts.
Dann fragte ich, ob sie wisse, warum man den Kindern verbiete,
mit Zündhölzchen zu spielen?
„Ja, wegen der Feuersgefahr. Die Kinder meines Onkels
spielen so gerne mit Zündhölzchen.“
Nicht allein deswegen. Man warnt sie: „Nicht zündeln“
und knüpft daran einen gewissen Glauben.
Sie wusste nichts darüber. – Also man fürchtet, dass sie
dann das Bett nass machen werden. Dem liegt wohl der Gegen-
satz von Wasser und Feuer zugrunde. Etwa, dass sie vom
Feuer träumen und dann versuchen werden, mit Wasser zu
löschen. Das weiss ich nicht genau zu sagen. Aber ich sehe,
dass Ihnen der Gegensatz von Wasser und Feuer im Traum aus-
gezeichnete Dienste leistet. Die Mama will das Schmuckkästchen
retten, damit es nicht verbrennt, in den Traumgedanken kommt
es darauf an, dass das „Schmuckkästchen“ nicht nass wird. Feuer
ist aber nicht nur als Gegensatz zu Wasser verwendet, es dient
auch zur direkten Vertretung von Liebe, Verliebt-
sein. Von Feuer geht also das eine Geleise über diese sym-
bolische Bedeutung zu den Liebesgedanken, das andere führt
über den Gegensatz Wasser, nachdem noch die eine Beziehung
zur Liebe, die auch nass macht, abgezweigt hat, anderswohin.
Wohin nun? Denken Sie an Ihre Ausdrücke: dass bei Nacht
ein Malheur passiert, dass man hinaus muss. Bedeutet das
nicht ein körperliches Bedürfnis, und wenn Sie das Malheur in
die Kindheit versetzen, kann es ein anderes sein, als dass das
Bett nass wird? Was tut man aber, um die Kinder vor dem
S.
432
Bettnässen zu hüten? Nicht wahr, man weckt sie in der Nacht
aus dem Schlaf, ganz so, wie es im Traum der Papa mit
Ihnen tut? Dieses wäre also die wirkliche Begebenheit, aus
welcher Sie sich das Recht nehmen, Herrn K., der Sie aus dem
Schlafe weckt, durch den Papa zu ersetzen. Ich muss also
schliessen, dass Sie an Bettnässen länger, als es sich sonst bei
Kindern erhält, gelitten haben. Dasselbe muss bei Ihrem Bruder
der Fall gewesen sein. Der Papa sagt ja: Ich will nicht, dass
meine beiden Kinder . . . zugrunde gehen. Der Bruder hat
mit der aktuellen Situation bei K. sonst nichts zu tun, er war
auch nicht nach L. mitgekommen. Was sagen nun Ihre Er-
innerungen dazu?„Von mir weiss ich nichts, antwortete sie, aber der Bruder
hat bis zum 6. oder 7. Jahre das Bett nass gemacht, es ist ihm
auch manchmal am Tage passiert.“Ich wollte sie eben aufmerksam machen, wieviel leichter
man derartiges von seinem Bruder als von sich erinnert, als sie
mit der wiedergewonnenen Erinnerung fortsetzte: „Ja, ich habe
es auch gehabt, aber später erst, im 7. oder 8. Jahre eine Zeit
lang. Es muss arg gewesen sein, denn ich weiss jetzt, dass der
Doktor um Rat gefragt wurde. Es war bis kurz vor dem ner-
vösen Asthma.“Was sagte der Doktor dazu?
„Er erklärte es für eine nervöse Schwä-
che; es werde sich
schon verlieren, meinte er, und verschrieb stärkende Mittel1).“Die Traumdeutung schien mir nun vollendet2). Einen Nachtrag
zum Traume brachte sie noch tags darauf. Sie habe vergessen,
zu erzählen, dass sie nach dem Erwachen jedesmal Rauch ge-
rochen. Der Rauch passte ja wohl zum Feuer, er wies auch
darauf hin, dass der Traum seine besondere Beziehung zu meiner
Person habe, denn ich pflegte ihr, wenn sie behauptet hatte, da
oder dort stecke nichts dahinter, oft entgegenzuhalten: „Wo
Rauch ist, ist auch Feuer“. Sie wandte aber gegen diese aus-
schliesslich persönliche Deutung ein, dass Herr K. und der Papa
leidenschaftliche Raucher seien, wie übrigens auch ich. Sie rauchte
selbst am See und Herr K. hatte ihr, ehe er damals mit seiner un-
glücklichen Werbung begann, eine Zigarette gedreht. Sie glaube sich
auch sicher zu erinnern, dass der Geruch nach Rauch nicht erst
im letzten, sondern schon in den dreimaligen Träumen in L. auf-
getreten sei. Da sie weitere Auskünfte verweigerte, blieb es
mir überlassen, wie ich mir diesen Nachtrag in das Gefüge der
Traumgedanken eintragen wolle. Als Anhaltspunkt konnte mir1)Dieser Arzt war der einzige, zu dem sie Zutrauen zeigte, weil sie
an dieser Erfahrung gemerkt, er wäre nicht hinter ihr Geheimnis gekommen.
Vor jedem anderen, den sie noch nicht einzuschätzen wusste, empfand sie
Angst, die sich jetzt also motiviert, er könne ihr Geheimnis erraten.2)Der Kern des Traumes würde übersetzt etwa so lauten: Die Ver-
suchung ist so stark. Lieber Papa, schütze Du mich wieder wie in den
Kinderzeiten, dass mein Bett nicht nass wird!S.
433
dienen, dass die Sensation des Rauches als Nachtrag kam, also
eine besondere Anstrengung der Verdrängung hatte überwinden
müssen. Demnach gehörte sie wahrscheinlich zu dem im Traum
am dunkelsten dargestellten und bestverdrängten Gedanken, also
dem der Versuchung, sich dem Manne willig zu erweisen. Sie
konnte dann kaum etwas anderes bedeuten als die Sehnsucht
nach einem Kuss, der beim Raucher notwendigerweise nach Rauch
schmeckt; ein Kuss war aber 2 Jahre vorher zwischen den beiden
vorgefallen und hätte sich sicherlich mehr als einmal wiederholt,
wenn das Mädchen damals der Werbung nachgegeben hätte. Die
Versuchungsgedanken scheinen so auf die frühere Szene zurück-
gegriffen und die Erinnerung an den Kuss aufgeweckt zu haben,
gegen dessen Verlockung sich die Lutscherin seinerzeit durch
den Ekel schützte. Nehme ich endlich die Anzeichen zusammen,
die eine Uebertragung auf mich, weil ich auch Raucher bin,
wahrscheinlich machen, so komme ich zur Ansicht, dass ihr eines
Tages wahrscheinlich während der Sitzung eingefallen, sich
einen Kuss von mir zu wünschen. Dies war für sie der An-
lass, sich den Warnungstraum zu wiederholen und den Vorsatz
zu fassen, aus der Kur zu gehen. So stimmt es sehr gut zu-
sammen, aber vermöge der Eigentümlichkeiten der „Uebertragung“
entzieht es sich dem Beweise.Ich könnte nun schwanken, ob ich zuerst die Ausbeute
dieses Traumes für die Krankengeschichte des Falles in Angriff
nehmen oder lieber den aus ihm gegen die Traumtheorie ge-
wonnenen Einwand erledigen soll. Ich wähle das erste.Es verlohntc sich, auf die Bedeutung des Bettnässens in
der Vorgeschichte der Neurotiker ausführlich einzugehen. Der
Uebersichtlichkeit zu Liebe beschränke ich mich darauf zu be-
tonen, dass Doras Fall von Bettnässen nicht der gewöhnliche
war. Die Störung hatte sich nicht einfach über die fürs
Normale geforderte Zeit fortgesetzt, sondern war nach ihrer be-
stimmten Angabe zunächst geschwunden und dann verhältnis-
mässig spät nach dem sechsten Lebensjahr wieder aufgetreten.
Ein solches Bettnässen hat meines Wissens keine wahrscheinlichere
Ursache als Masturbation, die in der Aetiologie des Bettnässens
überhaupt eine noch zu gering geschätzte Rolle spielt. Den
Kindern selbst ist nach meiner Erfahrung dieser Zusammenhang
sehr wohl bekannt gewesen, und alle psychischen Folgen leiten
sich davon so ab, als ob sie ihn niemals vergessen hätten. Nun
befanden wir uns zur Zeit, als der Traum erzählt wurde, auf
einer Linie der Forschung, welche direkt auf ein solches Ein-
geständnis der Kindermasturbation zulief. Sie hatte eine Weile
vorher die Frage aufgeworfen, warum denn gerade sie krank
geworden sei, und hatte, ehe ich eine Antwort gab, die Schuld
auf den Vater gewälzt. Es waren nicht unbewusste Gedanken,
sondern bewusste Kenntnis, welche die Begründung übernahm.
Das Mädchen wusste zu meinem Erstaunen, welcher Natur die
Krankheit des Vaters gewesen war. Sie hatte nach der Rück-S.
434
kehr des Vaters von meiner Ordination ein Gespräch erlauscht,
in dem der Name der Krankheit genannt wurde. In noch
früheren Jahren, zur Zeit der Netzhautablösung, muss ein zu
Rate gezogener Augenarzt auf die luetische Aetiologie hin-
gewiesen haben, denn das neugierige und besorgte Mädchen
hörte damals eine alte Tante zur Mutter sagen: „Er war ja
schon vor der Ehe krank“ und etwas ihr Unverständliches hin-
zufügen, was sie sich später auf unanständige Dinge deutete.Der Vater war also durch leichtsinnigen Lebenswandel
krank geworden, und sie nahm an, dass er ihr das Kranksein
erblich übertragen habe. Ich hütete mich, ihr zu sagen, dass
ich, wie erwähnt (Seite 295), gleichfalls die Ansicht vertrete,
die Nachkommenschaft luetischer sei zu schweren Neuropsychosen
ganz besonders prädisponiert. Die Fortsetzung dieses den Vater
anklagenden Gedankenganges ging durch unbewusstes Material.
Sie identifizierte sich einige Tage lang in kleinen Symptomen
und Eigentümlichkeiten mit der Mutter, was ihr Gelegenheit gab,
Hervorragendes in Unausstehlichkeit zu leisten, und liess mich
dann erraten, dass sie an einen Aufenthalt in Franzensbad denke,
das sie in Begleitung der Mutter – ich weiss nicht mehr, in
welchem Jahre – besucht hatte. Die Mutter litt an Schmerzen im
Unterleib und an einem Ausfluss – Katarrh –, der eine Franzens-
bader Kur notwendig machte. Es war ihre – wahrscheinlich
wieder berechtigte – Meinung, dass diese Krankheit vom Papa
herrühre, der also seine Geschlechtsaffektion auf die Mutter über-
tragen hatte. Es war ganz begreiflich, dass sie bei diesem
Schluss, wie ein grosser Teil der Laien überhaupt, Gonorrhoe
mit Syphilis, erbliche und Uebertragung durch den Verkehr zu-
sammenwarf. Ihr Verharren in der Identifizierung nötigte mir
fast die Frage auf, ob sie denn auch eine Geschlechtskrankheit
habe, und nun erfuhr ich, dass sie mit einem Katarrh (fluor albus)
behaftet war, an dessen Beginn sie sich nicht erinnern könne.Ich verstand nun, dass hinter dem Gedankengang, der laut
den Vater anklagte, wie gewöhnlich eine Selbstbeschuldigung
verborgen sei, und kam ihr entgegen, indem ich ihr versicherte,
dass der Fluor der jungen Mädchen in meinen Augen vorzugs-
weise auf Masturbation deute, und dass ich alle anderen Ur-
sachen, die gewöhnlich für solch ein Leiden angeführt werden,
neben der Masturbation in den Hintergrund treten lasse. Sie
sei also auf dem Wege, ihre Frage, warum gerade sie erkrankt
sei, durch das Eingeständnis der Masturbation, wahrscheinlich
in den Kinderjahren, zu beantworten. Sie leugnete entschiedenst,
sich an etwas derartiges erinnern zu können. Aber einige Tage
später führte sie etwas auf, was ich als weitere Annäherung an
das Geständnis betrachten musste. Sie hatte an diesem Tage
nämlich, was weder früher noch später je der Fall war, ein
Portemonnaietäschchen von der Form, die eben modern wurde,
umgehängt und spielte damit, während sie im Liegen sprach,
indem sie es öffnete, einen Finger hineinsteckte, es wiederS.
435
schloss u. s. w. Ich sah ihr eine Weile zu und erklärte ihr dann, was
eine Symptomhandlung1) sei. Symptomhandlungen nenne ich
jene Verrichtungen, die der Mensch, wie man sagt, automatisch,
unbewusst, ohne darauf zu achten, wie spielend vollzieht, denen
er jede Bedeutung absprechen möchte, und die er für gleichgültig
und zufällig erklärt, wenn er nach ihnen gefragt wird. Sorg-
fältigere Beobachtung zeigt dann, dass solche Handlungen, von
denen das Bewusstsein nichts weiss oder nichts wissen will, un-
bewussten Gedanken und Impulsen Ausdruck geben, somit als
zugelassene Äusserungen des Unbewussten wertvoll und lehr-
reich sind. Es gibt zwei Arten des bewussten Verhaltens gegen-
die Symptomhandlungen. Kann man sie unauffällig motivieren,
so nimmt man auch Kenntnis von ihnen; fehlt ein solcher Vor-
wand vor dem Bewussten, so merkt man in der Regel gar nicht,
dass man sie ausführt. Im Falle Doras war die Motivierung
leicht: „Warum soll ich nicht ein solches Täschchen tragen, wie
es jetzt modern ist?“ Aber eine solche Rechtfertigung hebt doch
die Möglichkeit der unbewussten Herkunft der betreffenden
Handlung nicht auf. Anderseits lässt sich diese Herkunft und
der Sinn, den man der Handlung beilegt, nicht zwingend er-
weisen. Man muss sich begnügen, zu konstatieren, dass ein
solcher Sinn in den Zusammenhang der vorliegenden Situation,
in die Tagesordnung des Unbewussten ganz ausgezeichnet hin-
einpasst.Ich werde ein anderes Mal eine Sammlung solcher Symptom-
handlungen vorlegen, wie man sie bei Gesunden und Nervösen
beobachten kann. Die Deutungen sind manchmal sehr leicht.
Das zweiblättrige Täschchen Doras ist nichts anderes als eine
Darstellung des Genitales, und ihr Spielen damit, ihr Oeffnen
und Fingerhineinstecken eine recht ungenierte, aber unverkenn-
bare pantomimische Mitteilung dessen, was sie damit tun möchte,
die der Masturbation. Vor kurzem ist mir ein ähnlicher Fall
vorgekommen, der sehr erheiternd wirkte. Eine ältere Dame
zieht mitten in der Sitzung, angeblich um sich durch ein
Bonbon anzufeuchten, eine kleine beinerne Dose hervor, bemüht
sich, sie zu öffnen, und reicht sie dann mir, damit ich mich über-
zeuge, wie schwer sie aufgeht. Ich äussere mein Misstrauen,
dass diese Dose etwas Besonderes bedeuten müsse, ich sehe sie
heute doch zum ersten Male, obwohl die Eigentümerin mich
schon länger als ein Jahr besucht. Darauf die Dame im Eifer:
„Diese Dose trage ich immer bei mir, ich nehme sie überall
mit, wohin ich gehe!“ Sie beruhigt sich erst, nachdem ich sie
lachend aufmerksam gemacht, wie gut ihre Worte auch zu einer
anderen Bedeutung passen. Die Dose – box, πύξις – ist wie
das Täschchen, wie das Schmuckkästchen wieder nur eine Ver-
treterin der Venusmuschel, des weiblichen Genitales!1)Vergl. meine Abhandlung über die Psychopathologie des Alltags-
lebens in der Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, 1901 (als Buch
im Verlag von S. Karger, 1904).S.
436
Es gibt viel solcher Symbolik im Leben, an 'der wir ge-
wöhnlich achtlos vorübergehen. Als ich mir die Aufgabe stellte,
das, was die Menschen verstecken, nicht durch den Zwang 'der
Hypnose, sondern aus dem, was sie sagen und zeigen, ans Licht
zu bringen, hielt ich die Aufgabe für schwerer, als sie wirklich
ist. Wer Augen hat, zu sehen, und Ohren, zu hören, überzeugt
sich, dass die Sterblichen kein Geheimnis verbergen können.
Wessen Lippen schweigen, der schwätzt mit den Fingerspitzen;
aus allen Poren dringt ihm der Verrat. Und darum ist die
Aufgabe, das verborgenste Seelische bewusst zu machen, sehr
wohl lösbar.Doras Symptomhandlung mit dem Täschchen war nicht die
nächste Vorläuferin des Traumes. Die Sitzung, die uns die
Traumerzählung brachte, leitete sie durch eine andere Symptom-
handlung ein. Als ich in das Zimmer trat, in dem sie wartete,
versteckte sie rasch einen Brief, in dem sie las. Ich fragte
natürlich, von wem der Brief sei, und sie weigerte sich erst,
es anzugeben. Dann kam etwas heraus, was höchst gleichgültig
und ohne Beziehung zu unserer Kur war. Es war ein Brief der
Grossmutter, in dem sie aufgefordert wurde, ihr öfter zu
schreiben. Ich meine, sie wollte mir nur „Geheimnis“ vorspielen
und andeuten, dass sie sich jetzt ihr Geheimnis vom Arzt ent-
reissen lasse. Ihre Abneigung gegen jeden neuen Arzt erkläre
ich mir nun durch die Angst, er würde bei der Untersuchung
(durch den Katarrh) oder beim Examen (durch die Mitteilung
des Bettnässens) auf den Grund ihres Leidens kommen, die
Masturbation bei ihr erraten. Sie sprach dann immer sehr ge-
ringschätzig von den Aerzten, die sie vorher offenbar überschätzt
hatte.Anklagen gegen den Vater, dass er sie krank gemacht,
mit der Selbstanklage dahinter — Fluor albus — Spielen mit
dem Täschchen — Bettnässen nach dem 6. Jahr — Geheimnis,
das sie sich von den Aerzten nicht entreissen lassen will: ich
halte den Indizienbeweis für die kindliche Masturbation für
lückenlos hergestellt. Ich hatte in diesem Falle die Masturbation
zu ahnen begonnen, als sie mir von den Magenkrämpfen der
Cousine erzählte (s. S. 308) und sich dann mit dieser identifizierte,
indem sie Tage lang über die nämlichen schmerzhaften Sensationen
klagte. Es ist bekannt, wie häufig Magenkrämpfe gerade bei
Masturbanten auftreten. Nach einer persönlichen Mitteilung von
W. Fliess sind es gerade solche Gastralgien, die durch
Kokainisierung der von ihm gefundenen „Magenstelle“ in der
Nase unterbrochen und durch deren Aetzung geheilt werden
können. Dora bestätigte mir bewusster Weise zweierlei, dass
sie selbst häufig an Magenkrämpfen gelitten und dass sie die
Cousine mit guten Gründen für eine Masturbantin gehalten habe.
Es ist bei den Kranken sehr gewöhnlich, dass sie einen Zu-
sammenhang bei Anderen erkennen, dessen Erkenntnis ihnen bei
der eigenen Person durch Gefühlswiderstände unmöglich wird.S.
437
Sie leugnete auch nicht mehr, obwohl sie noch nichts erinnerte.
Auch die Zeitbestimmung des Bettnässens „bis kurz vor dem
Auftreten des nervösen Asthmas“ halte ich für klinisch verwert-
bar. Die hysterischen Symptome treten fast niemals auf, so lange
die Kinder masturbieren, sondern erst in der Abstinenz1); sie
drücken einen Ersatz für die masturbatorische Befriedigung aus,
nach der das Verlangen im Unbewussten erhalten bleibt, so
lange nicht andersartige normalere Befriedigung eintritt, wo diese
noch möglich geblieben ist. Letztere Bedingung ist die Wende für
mögliche Heilung der Hysterie durch Ehe und normalen Ge-
schlechtsverkehr. Wird die Befriedigung in der Ehe wieder
aufgehoben, etwa durch Coitus interruptus, psychische Entfremdung
u. dgl., so sucht die Libido ihr altes Strombett wieder auf und
äussert sich wiederum in hysterischen Symptomen.Ich möchte gerne noch die sichere Auskunft anfügen, wann
und durch welchen besonderen Einfluss die Masturbation bei
Dora unterdrückt wurde, aber die Unvollständigkeit der Ana-
lyse nötigt mich, hier lückenhaftes Material vorzubringen. Wir
haben gehört, dass das Bettnässen bis nahe an die erste Er-
krankung an Dyspnoe heranreichte. Nun war das einzige, was
sie zur Aufklärung dieses ersten Zustandes anzugeben wusste,
dass der Papa damals das erste Mal nach seiner Besserung ver-
reist gewesen sei. In diesem erhaltenen Stücken Erinnerung
musste eine Beziehung zur Aetiologie der Dyspnoe angedeutet
sein. Ich bekam nun durch Symptomhandlungen und andere
Anzeichen guten Grund zur Annahme, dass das Kind, dessen
Schlafzimmer sich neben dem der Eltern befand, einen nächt-
lichen Besuch des Vaters bei seiner Ehefrau belauscht und das
Keuchen des ohnedies kurzatmigem Mannes beim Coitus gehört
habe. Die Kinder ahnen in solchen Fällen das Sexuelle in dem
unheimlichen Geräusch. Die Ausdrucksbewegungen für die
sexuelle Erregung liegen ja als mitgeborene Mechanismen in
ihnen bereit. Dass die Dyspnoe und das Herzklopfen der
Hysterie und Angstneurose nur losgelöste Stücke aus der Coitus-
aktion sind, habe ich vor Jahren bereits ausgeführt, und in
vielen Fällen wie dem Doras konnte ich das Symptom der
Dyspnoe, des nervösen Asthmas auf die gleiche Veranlassung,
auf das Belauschen des sexuellen Verkehrs Erwachsener zurück-
führen. Unter dem Einfluss der damals gesetzten Miterregung
konnte sehr wohl der Umschwung in der Sexualität der Kleinen
eintreten, welcher die Masturbationsneigung durch die Neigung
zur Angst ersetzte. Eine Weile später, als der Vater ab-
wesend war und das verliebte Kind seiner sehnsüchtig gedachte,
wiederholte sie dann den Eindruck als Asthmaanfall. Aus dem
in der Erinnerung bewahrten Anlass zu dieser Erkrankung lässt1)Bei Erwachsenen gilt prinzipiell dasselbe, doch reicht hier auch
relative Abstinenz, Einschränkung der Masturbation aus, so dass bei heftiger
Libido Hysterie und Masturbation mitsammen vorkommen können.S.
438
sich noch der angstvolle Gedankengang erraten, der den Anfall
begleitete. Sie bekam ihn zuerst, nachdem sie sich auf einer
Bergpartie überangestrengt, wahrscheinlich etwas reale Atemnot
verspürt hatte. Zu dieser trat die Idee, dass dem Vater Berg-
steigen verboten sei, dass er sich nicht überanstrengen dürfe,
weil er kurzen Atem habe, dann die Erinnerung, wie sehr er
sich in der Nacht bei der Mama angestrengt, ob ihm das nicht
geschadet habe, dann die Sorge, ob sie sich nicht überangestrengt
habe bei der gleichfalls zum sexuellen Orgasmus mit etwas
Erzählung von Dyspnoe führenden Masturbation, und dann die verstärkte
Wiederkehr dieser Dyspnoe als Symptom. Einen Teil dieses
Materials konnte ich noch der Analyse entnehmen, den andern
musste ich ergänzen. Aus der Konstatierung der Masturbation
haben wir ja gesehen, dass das Material für ein Thema erst
stückweise zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Zu-
sammenhängen zusammengebracht wird1).Es erheben sich nun eine Reihe der wichtigsten Fragen zur
Aetiologie der Hysterie, ob man den Fall Doras als typisch
für die Aetiologie ansehen darf, ob er den einzigen Typus
der Verursachung darstellt u. s. w. Allein ich tue gewiss
Recht daran, die Beantwortung dieser Fragen erst auf die Mit-
teilung einer grösseren Reihe von ähnlich analysierten Fällen
warten zu lassen. Ich müsste überdies damit beginnen, die
Fragestellung zurechtzurücken. Anstatt mich mit Ja oder Nein
darüber zu äussern, ob die Aetiologie dieses Krankheitsfalles in
der kindlichen Masturbation zu suchen ist, würde ich zunächst
den Begriff der Aetiologie bei den Psychoneurosen zu erörtern
haben. Der Standpunkt, von dem aus ich antworten könnte,
würde sich als wesentlich verschoben gegen den Standpunkt er-
weisen.1)In ganz ähnlicher Weise wird der Beweis der infantilen Mastur-
bation auch in anderen Fällen hergestellt. Das Material ist meist
ähnlicher Natur: Hinweise auf Fluor albus, Bettnässen, Handzeremoniell
u. dgl. Ob die Gewöhnung von einer Warteperson ent-
deckt worden ist oder nicht, ob ein Abgewöhnungskampf oder ein plötz-
licher Umschwung diese Sexuabetätigung zum Ende geführt hat, lässt
sich aus der Symptomatik des Falles jedesmal mit Sicherheit erraten. Bei
Dora war die Masturbation unentdeckt geblieben und hatte mit einem
Schlage ein Ende gefunden (Geheimnis, Angst vor Aerzten – Ersatz durch
Dyspnoe). Die Kranken bestreiten zwar regelmässig die Beweiskraft dieser
Indizien und dies selbst dann, wenn die Erinnerung an den Katarrh oder
an die Verwarnung der Mutter („das mache dumm; es sei giftig“) in be-
wusster Erinnerung geblieben ist. Aber einige Zeit nachher stellt sich auch
die so lange verdrängte Erinnerung an dieses Stück des kindlichen Sexual-
lebens mit Sicherheit, und zwar bei allen Fällen, ein. – Bei einer Patientin
mit Zwangsvorstellungen, welche direkte Abkömmlinge der infantilen Mastur-
bation sind, erwiesen sich die Züge des sich Verbieters, Bestrafens, wenn
sie dies eine getan habe, dürfe sie das andere nicht, das Nicht-gestört-werden-
dürfen, das Pausen-Einschieben zwischen einer Verrichtung (mit den Händen)
und einer nächsten, das Händewaschen u. s. w. als unverändert erhaltene
Stücke der Abgewöhnungsarbeit ihrer Pflegeperson. Die Warnung: „Pfui,
das ist giftig!“ war das einzige, was dem Gedächtnis immer erhalten ge-
blieben war. Vergl. hierzu noch meine „Drei Abhandlungen zur Sexual-
theorie“, 1905.S.
439
weisen, von dem aus die Frage an mich gestellt wird. Genug,
wenn wir für diesen Fall zur Ueberzeugung gelangen, dass hier
Kindermasturbation nachweisbar ist, dass sie nichts Zufälliges
und nichts für die Gestaltung des Krankheits-
bildes Gleichgültiges
sein kann1).Uns winkt ein weiteres Verständnis der Symptome bei
Dora, wenn wir die Bedeutung des von ihr eingestandenen Fluor
albus ins Auge fassen. Das Wort „Katarh“, mit dem sie ihre
Affektion bezeichnen lernte, als ein ähnliches Leiden der Mutter
Franzensbad nötig machte, ist wiederum ein „Wechsel“, welcher
der ganzen Reihe von Gedanken über die Krankheits-
verschuldung
des Papas den Zugang zur Aeusserung in dem Symptom des
Hustens öffnete. Dieser Husten, der gewiss ursprünglich von
einem geringfügigen realen Katarh herstammte, war ohnedies
Nachahmung des mit Lungenleiden behafteten Vaters und konnte
ihrem Mitleid und ihrer Sorge für ihn Ausdruck geben. Ausser-
gleichsam in die Welt hinaus, was ihr damals
vielleicht noch nicht bewusst worden war: „Ich bin die Tochter
von Papa. Ich habe einen Katarh wie er. Er hat mich krank
gemacht, wie er die Mama krank gemacht hat. Von ihm habe
ich die bösen Leidenschaften, die sich durch Krankheit strafen2).“Wir können nun den Versuch machen, die verschiedenen
Determinierungen, die wir für die Anfälle von Husten und Heiser-
keit gefunden haben, zusammenzustellen. Zu unterst in der
Schichtung ist ein realer, organisch bedingter Husten-
reiz anzu
nehmen, das Sandkorn also, um welches das Muscheltier die
Perle bildet. Dieser Reiz ist fixierbar, weil er eine Körperregion1)Mit der Angewöhnung der Masturbation muss der Bruder in irgend
welcher Verbindung sein, denn in diesem Zusammen-
hange erzählte sie mit
dem Nachdruck, der eine „Deckerinnerung“ verrät, dass der Bruder ihr
regelmässig alle Ansteckungen zugetragen, die er selbst leicht, sie aber
schwer durchgemacht. Der Bruder wird auch im Traum vom „Zugrunde-
gehen“ behütet; er hat selbst an Bettnässen gelitten, aber noch vor der
Schwester damit aufgehört. In gewissem Sinne war es auch eine „Deck-
erinnerung“, wenn sie aussprach, bis zu der ersten Krankheit habe sie mit
dem Bruder Schritt halten können, von da an sei sie im Lernen gegen ihn
zurückgeblieben. Als wäre sie bis dahin ein Bub gewesen, dann erst
mädchen-
haft geworden. Sie war wirklich ein wildes Ding, vom „Asthma“ an
wesentlich still und sittig. Diese Erkrankung bildete bei ihr die Grenze
zwischen zwei Phasen des Geschlechts-
lebens, von denen die erste männlichen,
die spätere weiblichen Charakter hatte.2)Die nämliche Rolle spielte das Wort bei dem 12jährigen Mädchen,
dessen Kranken-
geschichte ich auf Seite 298 in einige Zeilen zusammen
gedrängt habe. Ich hatte das Kind mit einer intelligenten Dame, die mir
die Dienste einer Wärterin leistete, in einer Pension installiert. Die Dame
berichtete mir, dass die kleine Patientin ihre Gegenwart beim Zubette-
gehen nicht dulde und dass sie im Bette auffällig huste, wovon tags-
über
nichts zu hören war. Der Kleinen fiel, als sie über diese Symptome befragt
wurde, nur ein, dass ihre Grossmutter so huste, von der man sage, sie habe
einen Katarh. Es war dann klar, dass auch sie einen Katarh habe, und
dass sie bei der abends vorgenommenen Reinigung nicht bemerkt werden
wolle. Der Katarh, der mittelst dieses Wortes von unten nach oben
geschoben worden war, zeigte sogar eine nicht gewöhnliche Intensität.S.
440
betrifft, welche die Bedeutung einer erogenen Zone bei dem
Mädchen in hohem Grade bewährt hat. Er ist also geeignet da-
zu, der erregten Libido Ausdruck zu geben. Er wird fixiert
durch die wahrscheinlich erste psychische Umkleidung, die
Mitleidsimitation für den kranken Vater, und dann durch die
Selbstvorwürfe wegen des Katarrhs. Dieselbe Symptomgruppe
zeigt sich ferner fähig, die Beziehungen zu Herrn K. darzustellen,
seine Abwesenheit zu bedauern und den Wunsch auszudrücken,
ihm eine bessere Frau zu sein. Nachdem ein Teil der Libido
sich wieder dem Vater zugewendet, gewinnt das Symptom seine
vielleicht letzte Bedeutung zur Darstellung des sexuellen Verkehrs
mit dem Vater in der Identifizierung mit Frau K. Ich möchte
dafür bürgen, dass diese Reihe keineswegs vollständig ist. Leider
ist die unvollständige Analyse nicht imstande, dem Wechsel der
Bedeutungen zeitlich zu folgen, die Reihenfolge und die Koexistenz
verschiedener Bedeutungen klarzulegen. An eine vollständige
darf man diese Forderungen stellen.Ich darf nun nicht versäumen, auf weitere Beziehungen des
Genitalkatarrhs zu den hysterischen Symptomen Doras einzu-
gehen. Zu Zeiten, als eine psychische Aufklärung der Hysterie
noch in weiter Ferne lag, hörte ich ältere, erfahrene Kollegen be-
haupten, dass bei den hysterischen Patientinnen mit Fluor eine
Verschlimmerung des Katarrhs regelmässig eine Verschärfung
der hysterischen Leiden, besonders des Essunlust und des Er-
brechens nach sich ziehe. Ueber den Zusammenhang war niemand
recht klar, aber ich glaube, man neigte zur Anschauung der
Gynäkologen hin, die bekanntlich einen direkten und organisch
störenden Einfluss von Genitalaffektionen auf die nervösen
Funktionen im breitesten Ausmass annehmen, wobei uns die
therapeutische Probe auf die Rechnung zu allermeist im Stiche
lässt. Bei dem heutigen Stande unserer Einsicht kann man einen
solchen direkten und organischen Einfluss auch nicht für aus-
geschlossen erklären, aber leichter nachweisbar ist jedenfalls
dessen psychische Umkleidung. Der Stolz auf die Gestaltung
der Genitalien ist bei unseren Frauen ein ganz besonderes Stück
ihrer Eitelkeit; Affektionen derselben, welche für geeignet ge-
halten werden, Abneigung oder selbst Ekel einzuflössen, wirken
in ganz unglaublicher Weise kränkend, das Selbstgefühl herab-
setzend, machen reizbar, empfindlich und misstrauisch. Die ab-
norme Sekretion der Scheidenschleimhaut wird als ekelerregend
angesehen.Erinnern wir uns, dass bei Dora nach dem Kuss des
Herrn K. eine lebhafte Ekelemfindung eintrat und dass wir
Grund fanden, uns ihre Erzählung dieser Kussszene dahin zu ver-
vollständigen, dass sie den Druck des erigierten Gliedes gegen
ihren Leib in der Umarmung verspürte. Wir erfahren nun ferner,
dass dieselbe Gouvernante, welche sie wegen ihrer Untreue von
sich gestossen hatte, ihr aus eigener Lebenserfahrung vorgetragen
hatte, alle Männer seien leichtsinnig und unzuverlässlich. FürS.
441
Dora musste das heissen, alle Männer seien wie der Papa.
Ihren Vater hielt sie aber für geschlechtskrank, hatte er doch
diese Krankheit auf sie und auf die Mutter übertragen. Sie
konnte sich also vorstellen, alle Männer seien geschlechtskrank,
und ihr Begriff von Geschlechtskrankheit war natürlich nach
ihrer einzigen und dazu persönlichen Erfahrung gebildet. Ge-
schlechtskrank hiess ihr also mit einem ekelhaften Ausfluss be-
haftet – ob dies nicht eine weitere Motivierung des Ekels war,
den sie im Moment der Umarmung empfand? Dieser auf die
Berührung des Mannes übertragene Ekel wäre dann ein nach
dem erwähnten primitiven Mechanismus (s. Seite 306) projizierter,
der sich in letzter Linie auf ihren eigenen Fluor bezog.Ich vermute, dass es sich hierbei um unbewusste Gedanken-
gänge handelt, welche über vorgebildete organische Zusammen-
hänge gezogen sind, etwa wie Blumenfestons über Drahtgewinde,
so dass man ein andermal andere Gedankenwege zwischen den
nämlichsten Ausgangs- und Endpunkten eingeschaltet finden kann.
Doch ist die Kenntnis der im einzelnen wirksam gewesenen
Gedankenverbindungen für die Lösung der Symptome von uner-
setzlichem Wert. Dass wir im Falle Doras zu Vermutungen
und Ergänzungen greifen müssen, ist nur durch den vorzeitigen
Abbruch der Analyse begründet. Was ich zur Ausfüllung der
Lücken vorbringe, lehnt sich durchwegs an andere, gründlicher
analysierte Fälle an.Der Traum, durch dessen Analyse wir die vorstehenden
Aufschlüsse gewonnen haben, entspricht, wie wir fanden, einem
Vorsatz, den Dora in den Schlaf mitnimmt. Er wird darum
jede Nacht wiederholt, bis der Vorsatz erfüllt ist, und er tritt
Jahre später wieder auf, sowie sich ein Anlass ergibt, einen
analogen Vorsatz zu fassen. Der Vorsatz lässt sich bewusst
etwa folgendermassen aussprechen: Fort aus diesem Hause, in
dem, wie ich gesehen habe, meiner Jungfräulichkeit Gefahr droht;
ich reise mit dem Papa ab, und morgens bei der Toilette will ich
meine Vorsichten treffen, nicht überrascht zu werden. Diese
Gedanken finden ihren deutlichen Ausdruck im Traume; sie ge-
hören einer Strömung an, die im Wachleben zum Bewusstsein und
zur Herrschaft gelangt ist. Hinter ihnen lässt sich ein dunkler ver-
tretener Gedankenzug erraten, welcher der gegenteiligen Strömung
entspricht und darum der Unterdrückung verfallen ist. Er gipfelt
in der Versuchung, sich dem Manne zum Dank für die ihr in
den letzten Jahren bewiesene Liebe und Zärtlichkeit hinzugeben,
und ruft vielleicht die Erinnerung an den einzigen Kuss auf, den
sie bisher von ihm empfangen hat. Aber nach der in meiner
Traumdeutung entwickelten Theorie reichen solche Elemente nicht
hin, um einen Traum zu bilden. Ein Traum sei kein Vorsatz,
der als ausgeführt, sondern ein Wunsch, der als erfüllt dar-
gestellt wird, und zwar womöglich ein Wunsch aus dem Kinder-
leben. Wir haben die Verpflichtung zu prüfen, ob dieser Satz
nicht durch unseren Traum widerlegt wird.S.
442
Der Traum enthält in der Tat infantiles Material, welches
in keiner auf den ersten Blick ergründbaren Beziehung zum Vor-
satze steht, das Haus des Herrn K. und die von ihm ausgehende
Versuchung zu fliehen. Wozu taucht wohl die Erinnerung an
das Bettnässen als Kind und an die Mühe auf, die sich der Vater
damals gab, das Kind rein zu gewöhnen? Man kann darauf die
Antwort geben, weil es nur mit Hilfe dieses Gedankenzuges
möglich ist, die intensiven Versuchungsgedanken zu unterdrücken
und den gegen sie gefassten Vorsatz zur Herrschaft zu bringen.
Das Kind beschliesst, mit seinem Vater zu flüchten; in Wirklich-
keit flüchtet es sich in der Angst vor dem ihm nachstellenden
Manne zu seinem Vater; es ruft eine infantile Neigung zum
Vater wach, die es gegen die rezente zu dem Fremden schützen
soll. An der gegenwärtigen Gefahr ist der Vater selbst mit-
schuldig, der sie wegen eigener Liebesinteressen dem fremden
Manne ausgeliefert hat. Wie viel schöner war es doch, als der
selbe Vater niemanden anderen lieber hatte als sie und sich an-
strengte, sie vor den Gefahren, die sie damals bedrohten, zu
retten. Der infantile und heute unbewusste Wunsch, den Vater
an die Stelle des fremden Mannes zu setzen, ist eine traum-
bildende Potenz. Wenn es eine Situation gegeben hat, die ähn-
lich einer der gegenwärtigen sich doch durch diese Personen-
vertretung von ihr unterschied, so wird diese zur Hauptsituation
des Trauminhaltes. Es gibt eine solche; gerade so wie am Vor-
tage Herr K. stand einst der Vater vor ihrem Bett und weckte
sie etwa mit einem Kuss, wie vielleicht Herr K. beabsichtigt
hatte. Der Vorsatz, das Haus zu fliehen, ist also nicht an und
für sich traumfähig, er wird es dadurch, dass sich ihm ein
anderer, auf infantile Wünsche gestützter Vorsatz beigesellt. Der
Wunsch, Herrn K. durch den Vater zu ersetzen, gibt die Trieb-
kraft zum Traume ab. Ich erinnere an die Deutung, zu der mich
der verstärkte, auf das Verhältnis des Vaters zu Frau K. bezüg-
liche Gedankenzug nötigte, es sei hier eine infantile Neigung zum
Vater wachgerufen worden, um die verdrängte Liebe zu Herrn K.
in der Verdrängung erhalten zu können; diesen Umschwung im
Seelenleben der Patientin spiegelt der Traum wieder.Ueben das Verhältnis zwischen den in den Schlaf sich fort-
setzenden Wachgedanken — den Tagesresten — und dem unbe-
wussten traumbildenden Wunsch habe ich in der „Traumdeutung“
(p. 329) einige Bemerkungen niedergelegt, die ich hier unverändert
zitieren werde, denn ich habe ihnen nichts hinzuzufügen, und die
Analyse dieses Traumes von Dora beweist von neuem, dass es
sich nicht anders verhält.„Ich will zugeben, dass es eine ganze Klasse von Träumen gibt,
zu denen die Anregung vorwiegend oder selbst ausschliesslich
aus den Resten des Tageslebens stammt, und ich meine, selbst
mein Wunsch, endlich einmal Professor extraordinarius zu
werden1), hätte mich diese Nacht in Ruhe schlafen lassen können,1)Dies bezieht sich auf die Analyse des dort zum Muster genommenen
Traumes (p. 186).S.
443
wäre nicht die Sorge um die Gesundheit meines Freundes vom
Tag her noch rührig gewesen. Aber diese Sorge hätte noch
keinen Traum gemacht; die Triebkraft, die der Traum bedurfte,
musste von einem Wunsche beigesteuert werden; es war Sache
der Besorgnis, sich einen solchen Wunsch als Triebkraft des
Traumes zu verschaffen. Um es in einem Gleichnis zu sagen:
Es ist sehr wohl möglich, dass ein Tagesgedanke die Rolle des
Unternehmers für den Traum spielt; aber der Unternehmer, der,
wie man sagt, die Idee hat und den Drang, sie in Tat umzu-
setzen, kann doch ohne Kapital nichts machen; er braucht einen
Kapitalisten, der den Aufwand bestreitet, und dieser Kapitalist,
der den psychischen Aufwand für den Traum beistellt, ist allemal
und unweigerlich, was immer auch der Tagesgedanke sein mag,
ein Wunsch aus dem Unbewussten.“Wer die Feinheit in der Struktur solcher Gebilde wie der
Träume kennen gelernt hat, wird nicht überrascht sein zu finden,
dass der Wunsch, der Vater möge die Stelle des versuchenden
Mannes einnehmen, nicht etwa beliebiges Kindheitsmaterial zur
Erinnerung bringt, sondern gerade solches, das auch die intimsten
Beziehungen zur Unterdrückung dieser Versuchung unterhält.Denn wenn Dora sich unfähig fühlt, der Liebe zu diesem Manne
nachzugeben, wenn es zur Verdrängung dieser Liebe anstatt zur
Hingebung kommt, so hängt diese Entscheidung mit keinem
anderen Moment inniger zusammen als mit ihrem vorzeitigen
Sexualgenuss und mit dessen Folgen, dem Bettnässen, dem Katarrh
und dem Ekel. Eine solche Vorgeschichte kann je nach der
Summation der konstitutionellen Bedingungen zweierlei Verhalten
gegen die Liebesanforderung in reifer Zeit begründen: entweder
die volle widerstandslose, ins Perverse greifende Hingebung an
die Sexualität, oder in der Reaktion die Ablehnung derselben
unter neurotischer Erkrankung. Konstitution und die Höhe der
intellektuellen und moralischen Erziehung hatten bei unserer
Patientin für das letztere den Ausschlag gegeben.Ich will noch besonders darauf aufmerksam machen, dass
wir von der Analyse dieses Traumes aus den Zugang zu Einzel-
heiten der pathogen wirksamen Erlebnisse gefunden haben, die
der Erinnerung oder wenigstens der Reproduktion sonst nicht
zugänglich gewesen wären. Die Erinnerung an das Bettnässen
der Kindheit war, wie sich ergab, bereits verdrängt. Die Einzel-
heiten der Nachstellung von Seiten des Herrn K. hatte Dora
niemals erwähnt, sie waren ihr nicht eingefallen1).1)Noch einige Bemerkungen zur Synthese dieses Traumes. Die
Traumarbeit nimmt ihren Anfang am Nachmittag des zweiten Tages nach
der Szene im Walde, nachdem die bemerkt, dass sie ihr Zimmer nicht mehr
verschliessen kann. Da sagt sie sich: Hier droht mir ernste Gefahr, und
bildet den Vorsatz, nicht allein im Hause zu bleiben, sondern mit dem Papa
abzureisen. Dieser Vorsatz wird traumbildungsfähig, weil er sich ins Un-
bewußte fortzusetzen vermag. Dort entspricht ihm, dass sie die infantile
Liebe zum Vater als Schutz gegen die aktuelle Versuchung aufruft. Die
Wendunge, die sich dabei in ihr vollzieht, fixiert sich und führt sie auf den
You are here
Bruchstück einer Hysterie-Analyse1905-005/1905.3
1905-005/1905.3/2