• S.

    444

    III.

    Der zweite Traum.

    Wenige Wochen nach dem ersten fiel der zweite Traum
    vor, mit dessen Erledigung die Analyse abbrach. Er ist nicht

    Standpunkt, den ihr überwertiger Gedankenzug vertritt (Eifersucht gegen
    Frau K. wegen des Vaters, als ob sie in ihn verliebt wäre). Es kämpfen
    in ihr die Versuchung, dem werbenden Manne nachzugeben, und das zu
    sammengesetzte Sträuben dagegen. Letzteres ist zusammengesetzt aus
    Motiven der Wohlanständigkeit und Besonnenheit, aus feindseligen Regungen
    infolge der Eröffnung der Gouvernante (Eifersucht, gekränkter Stolz, siehe
    unten) und aus einem neurotischen Element, dem in ihr vorbereiteten Stück
    Sexualabneigung, welches auf ihrer Kindergeschichte fusst. Die zum Schutz
    gegen die Versuchung wachgerufene Liebe zum Vater stammt aus dieser
    Kindergeschichte.

    Der Traum verwandelt den im Unbewussten vertieften Vorsatz, sich
    zum Vater zu flüchten, in eine Situation, die den Wunsch, der Vater möge
    sie aus der Gefahr retten, erfüllt zeigt. Dabei ist ein im Wege stehender
    Gedanke bei Seite zu schieben, der Vater ist es ja, der sie in diese Gefahr
    gebracht hat. Die hier unterdrückte feindselige Regung (Rachenneigung)
    gegen den Papa werden wir als einen der Motoren des zweiten Traumes
    kennen lernen.

    Nach den Bedingungen der Traumbildung wird die phantasierte
    Situation so gewählt, dass sie eine infantile Situation wiederholt. Ein be-
    sonderer Triumph ist es, wenn es gelingt, eine rezente, etwa gerade die
    Situation des Traumanlasses, in eine infantile zu verwandeln. Das gelingt
    hier durch reine Zufälligkeit des Materials. So wie Herr K. vor ihrem
    Lager gestanden und sie geweckt, so tat es oft in Kinderjahren der Vater.
    Ihre ganze Wendung lässt sich treffend symbolisieren, indem sie in dieser
    Situation Herrn K. durch den Vater ersetzt.

    Der Vater weckte sie aber seinerzeit, damit sie das Bett nicht nass
    mache.

    Dieses „Nass“ wird bestimmend für den weiteren Trauminhalt, in
    welchem es aber nur durch eine entfernte Anspielung und durch seinen
    Gegensatz vertreten ist.

    Der Gegensatz von „Nass“, „Wasser“ kann leicht „Feuer“, „Brennen“
    sein. Die Zufälligkeit, dass der Vater bei der Ankunft an dem Orte Angst
    vor Feuersgefahr geäussert hat, hilft mit, um zu entscheiden, dass die Gefahr,
    aus welcher der Vater sie rettet, eine Brandgefahr sei. Auf diesen Zufall
    und auf den Gegensatz zu „Nass“ stützt sich die gewählte Situation des
    Traumbildes: Es brennt, der Vater steht vor ihrem Bett, um sie zu wecken.
    Die zufällige Aeusserung des Vaters gelangte wohl nicht zu dieser Be-
    deutung im Trauminhalt, wenn sie nicht so vortrefflich zu der siegreichen
    Gefühlsströmung stimmen würde, die in dem Vater durchaus den Helfer und
    Retter finden will. Er hat die Gefahr gleich bei der Ankunft geahnt, er
    hat Recht gehabt! (In Wirklichkeit hat er das Mädchen in diese Gefahr
    gebracht.)

    In den Traumgedanken fällt dem „Nass“ infolge leicht herstellbarer
    Beziehungen die Rolle eines Knotenpunktes für mehrere Vorstellungskreise
    zu. „Nass“ gehört nicht allein dem Bettnässen an, sondern auch dem Kreis
    der sexuellen Versuchungsgedanken, die unterdrückt hinter diesem Traum
    inhalt stehen. Sie weiss, dass es auch ein Nasswerden beim sexuellen Ver-
    kehr gibt, dass der Mann dem Weibe etwas Flüssiges in Tropfenform bei der
    Begattung schenkt. Sie weiss, dass darin gerade die Gefahr besteht, dass
    ihr die Aufgabe gestellt wird, das Genitale vor dem Benetztwerden zu hüten.

    Mit „Nass“ und „Tropfen“ erschliesst sich gleichzeitig der andere
    Assoziationskreis, der des ekelhaften Katarrhs, der in ihren reiferen Jahren
    wohl die nämliche beschämende Bedeutung hat, wie in der Kinderzeit das
    Bettnässen. „Nass“ wird hier gleichbedeutend mit „verunreinigt“. Das

  • S.

    445

    so voll durchsichtig zu machen wie der erste, brachte aber eine
    erwünschte Bestätigung einer notwendig gewordenen Annahme
    über den Seelenzustand der Patientin, füllte eine Gedächtnislücke

    Genitale, das rein gehalten werden soll, ist ja schon durch den Katarrh
    bei der Mama gerade so wie bei ihr (Seite 434). Sie
    scheint zu verstehen, dass die Reinlichkeitssucht der Mama die Reaktion
    gegen diese Verunreinigung ist.

    Beide Kreise treffen in dem einen zusammen: Die Mama hat beides
    vom Papa bekommen, dass sexuelle Nass und den verunreinigenden Fluor.
    Die Eifersucht gegen die Mama ist untrennbar von dem Gedankenkreis der
    hier zum Schutz aufgerufenen infantilen Liebe zum Vater. Aber darstellungs-
    fähig ist dieses Material noch nicht. Lässt sich aber eine Erinnerung finden,
    die mit beiden Kreisen des „Nass“ in ähnlich guter Beziehung steht, aber das
    Anstössige vermeidet, so wird diese die Vertretung im Trauminhalt über-
    nehmen können.

    Eine solche findet sich in der Begebenheit von den „Tropfen“, die
    sich die Mama als Schmuck gewünscht. Anscheinend ist die Verknüpfung
    dieser Reminiszenz mit den beiden Kreisen des sexuellen Nass und der Ver-
    unreinigung eine äusserliche, oberflächliche, durch die Worte vermittelt,
    denn „Tropfen“ ist als „Wechsel“, als zweideutiges Wort verwendet, und
    „Schmuck“ ist soviel als „rein“, ein etwas gezwungener Gegensatz zu „ver-
    unreinigt“. In Wirklichkeit sind die festesten inhaltlichen Verknüpfungen
    aber weit fortgesetzten Eifersucht gegen die Mama. Ueber die beiden Wort-
    brücken kann alle Bedeutung, die an den Vorstellungen von sexuellen Ver-
    kehr zwischen den Eltern, von der Fluorerkrankung und von der quälenden
    Reinmacherei der Mama haftet, auf die eine Reminiszenz von den „Schmuck-
    tropfen“ übergeführt werden.

    Doch muss noch eine weitere Verschiebung für den Trauminhalt Platz
    greifen. Nicht das dem ursprünglichen „Nass“ nähere „Tropfen“, sondern
    das entferntere „Schmuck“ gelangt zur Aufnahme in den Traum. Es hätte
    also heissen können, wenn dieses Element in die vorher fixierte Traum-
    situation eingefügt wird: Die Mama will ihren Schmuck retten. In der
    neuen Abänderung „Schmuckkästchen“ macht sich nun nachträglich der Ein-
    fluss von Elementen aus dem unterliegenden Kreis der Versuchung durch
    Herrn K. geltend. Schmuck hat ihr Herr K. nicht geschenkt, wohl aber
    die Vertretung all der Auszeichnungen und Zärtlich-
    keiten, für die sie jetzt dankbar sein sollte. Und das jetzt entstandene
    Kompositum „Schmuckkästchen“ hat noch einen besonderen vertretenden
    Wert. Ist „Schmuckkästchen“ nicht ein gebräuchliches Bild für das un-
    befleckte, unversehrte weibliche Genitale? Und anderes ein harmloses
    Wort, also vortrefflich geeignet, die sexuellen Gedanken hinter dem Traum
    ebenso sehr anzudeuten wie zu verstecken?

    So heisst es also im Trauminhalt an zwei Stellen: „Schmuckkästchen“
    und dieses Element ersetzt die Erwähnung der infantilen
    Eifersucht, der Tropfen, also des sexuellen Nasses, der Verunreinigung durch
    den Fluor und anderseits der jetzt aktuellen Versuchungsgedanken, die
    an die Mama und die bevorstehende – ersehnte und drohende –
    sexuelle Situation ausmalen. Das Element „Schmuckkästchen“ ist wie kein
    anderes ein Verdichtungs- und Verschiebungs-ergebnis und ein Kompromiss
    gegensätzlicher Strömungen. Auf seine mehrfache Herkunft – aus infantiler
    wie aus aktueller Quelle – deutet wohl sein zweimaliges Auftreten im
    Trauminhalt.

    Der Traum ist die Reaktion auf ein frisches, erregend wirkendes Er-
    lebnis, welches notwendiger Weise die Erinnerung an das einzige analoge
    Erlebnis früherer Jahre wecken muss. Dies ist die Szene mit dem Kuss im
    Laden, bei dem der Ekel auftrat. Dieselbe Szene ist aber assoziativ von
    anderswoher zugänglich, von dem Gedankenkreise des Katarrhs (vgl. Seite 440)
    und von dem der aktuellen Versuchung aus. Sie liefert also einen eigenen
    Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie. Bd. XVIII. Heft 5.

  • S.

    446

    aus und liess einen tiefen Einblick in die Entstehung eines
    anderen ihrer Symptome gewinnen.
    Dora erzählte: Ich gehe in einer Stadt, die ich nicht
    kenne, spaziere, sehe Strassen und Plätze, die mir
    fremd sind1). Ich komme dann in ein Haus, wo ich
    wohne, gehe auf mein Zimmer und finde dort einen Brief
    der Mama liegen. Sie schreibt: Da ich ohne Wissen der
    Eltern von Hause fort bin, wollte sie mir nicht schreiben,
    dass der Papa erkrankt ist. Jetzt ist er gestorben, und

    Beitrag zum Trauminhalt, der sich der vorgebildeten Situation anpassen
    muss. Es brennt — der Kuss hat wohl nach Rauch geschmeckt, sie riecht
    also Rauch im Trauminhalt, der sich hier über das Erwachen fortsetzt.

    In der Analyse dieses Traumes habe ich leider aus Unachtsamkeit
    eine Lücke gelassen. Dem Vater ist die Rede in den Mund gelegt: Ich will
    nicht, dass meine beiden Kinder u. s. w. (hier ist wohl aus dem Traum-
    gedanken einzufügen: an den Folgen der Masturbation) zu Grunde gehen.
    Solche Traumrede ist regelmässig aus Stücken realer, gehaltener oder ge-
    hörter Rede zusammengesetzt. Ich hätte mich nach der realen Herkunft
    dieser Rede erkundigen sollen. Das Ergebnis dieser Nachfrage hätte den
    Aufbau des Traumes zwar verwickelter ergeben, aber dabei gewiss auch
    durchsichtiger erkennen lassen.

    Soll man annehmen, dass dieser Traum damals in S. genau den näm-
    lichen Inhalt gehabt hat wie bei seiner Wiederholung während der Kur?
    Es scheint nicht notwendig. Die Erfahrung zeigt, dass die Menschen häufig
    denselben Traum gehabt, während sich die einzelnen
    Wiederkehrenden Traumes durch zahlreiche Details und
    sonst weitgehende Abänderungen unterscheiden. So berichtet eine meiner
    Patientinnen, sie habe heute wieder ihren stets in gleicher Weise wieder-
    kehrenden Lieblingstraum gehabt, dass sie im blauen Meer schwimme, mit
    dem gemeinsamen Untergrunde das eine Mal dies, das andere Mal jenes
    Detail aufgetragen ist; ja einmal schwamm sie im Meere, während es ge-
    froren war, mitten zwischen Eisbergen. Andere Träume, die sie selbst nicht
    mehr für die nämlichen auszugeben versucht, zeigen sich mit diesen wieder-
    kehrenden innig verknüpft. Sie sieht z. B. nach einer Photographie gleich-
    zeitig das Ober- und das Unterland von Helgoland in realen Dimensionen,
    auf dem Meer ein Schiff, in dem sich zwei Jugendbekannte von ihr be-
    finden u. s. w.

    Sicher ist, dass der während der Kur vorfallende Traum Doras —
    vielleicht ohne seinen manifesten Inhalt zu ändern — eine neue aktuelle
    Bedeutung gewonnen hatte. Er schloss unter seinen Traumgedanken eine
    Beziehung zu meiner Behandlung ein und entsprach einer Erneuerung des
    damaligen Vorsatzes, sich einer Gefahr zu entziehen. Wenn keine Er-
    innerungstäuschung von ihrer Seite im Spiele war, als sie behauptete, den
    Rauch nach dem Erwachen schon in L. verspürt zu haben, so ist anzuerkennen,
    dass sie meinen Ausspruch: „Wo Rauch ist, da ist Feuer“, sehr geschickt
    unter die fertige Traumform gebracht, wo er zur Ueberdeterminierung des
    letzten Elementes verwendet erscheint. Ein unleugbarer Zufall war es, dass
    ihr der letzte aktuelle Anlass, das Verschliessen des Speisezimmers von
    Seiten der Mutter, wodurch der Bruder in seinem Schlafzimmer eingeschlossen
    wurde, eine Anknüpfung an die Nachstellung des Herrn K. in L. brachte,
    wo ihr Entschluss zur Reife kam, als sie ihr Schlafzimmer nicht verschliessen
    konnte. Vielleicht kam der Bruder in den damaligen Träumen nicht vor,
    so dass die Rede „meine beiden Kinder“ erst nach dem letzten Anlass in
    den Trauminhalt gelangte.

    1)Hierzu der wichtige Nachtrag: Auf einem der Plätze sehe ich
    ein Monument.

  • S.

    447

    wenn Du willst1), kannst Du kommen. Ich gehe nun zum
    Bahnhof und frage etwa 100 mal: Wo ist der Bahnhof?
    Ich bekomme immer die Antwort: 5 Minuten. Ich sehe
    dann einen dichten Wald vor mir, in den ich hineingehe,
    und frage dort einen Mann, dem ich begegne. Er sagt
    mir: Noch 21/2 Stunden2). Er bietet mir an, mich zu be-
    gleiten. Ich lehne ab und gehe allein. Ich sehe den
    Bahnhof vor mir und kann ihn nicht erreichen. Dabei
    ist das gewöhnliche Angstgefühl, wenn man im Traum
    nicht weiter kommt. Dann bin ich zu Hause, dazwischen
    muss ich gefahren sein, davon weiss ich aber nichts. —
    Trete in die Portierloge und frage ihn nach unserer
    Wohnung. Das Dienstmädchen öffnet mir und antwortet:
    Die Mama und die Anderen sind schon auf dem Friedhof3).

    Die Deutung dieses Traumes ging nicht ohne Schwierig-
    keiten vor sich. Infolge der eigentümlichen, mit seinem Inhalt
    verknüpften Umstände, unter denen wir abbrachen, ist nicht
    alles geklärt worden, und damit hängt wieder zusammen, dass
    meine Erinnerung die Reihenfolge der Erschliessungen nicht
    überall gleich sicher bewahrt hat. Ich schicke noch voraus,
    welches Thema der fortlaufenden Analyse unterlag, als sich der
    Traum einmengte. Dora warf seit einiger Zeit selbst Fragen
    über den Zusammenhang ihrer Handlungen mit den zu ver-
    mutenden Motiven auf. Eine dieser Fragen war: Warum habe
    ich die ersten Tage nach der Szene am See noch darüber ge-
    schwiegen? Die zweite: Warum habe ich dann plötzlich den
    Eltern davon erzählt? Ich fand es überhaupt noch der Erklärung
    bedürftig, dass sie sich durch die Werbung K.s so schwer ge-
    kränkt gefühlt, zumal da mir die Einsicht aufzugehen begann,
    dass die Werbung um Dora auch für Herrn K. keinen leicht-
    sinnigen Verführungsversuch bedeutet hatte. Dass sie von dem
    Vorfalle ihre Eltern in Kenntnis gesetzt, legte ich als eine Handlung
    aus, die bereits unter dem Einfluss krankhafter Rachsucht stand.
    Ein normales Mädchen wird, so sollte ich meinen, allein mit
    solchen Angelegenheiten fertig.

    Ich werde also das Material, welches sich zur Analyse dieses
    Traumes einstellte, in der ziemlich bunten Ordnung, die sich in
    meiner Reproduktion ergibt, vorbringen.

    Sie irrt allein in einer fremden Stadt, sieht Strassen
    und Plätze. Sie versichert, es war gewiss nicht B., worauf ich
    zuerst geraten hatte, sondern eine Stadt, in der sie nie gewesen
    war. Es lag nahe, fortzusetzen: Sie können ja Bilder oder Photo-

    1)Dazu der Nachtrag: Bei diesem Wort stand ein Frage-
    zeichen: willst?

    2)Ein zweites Mal wiederholt sie: 2 Stunden.

    3)Dazu in der nächsten Stunde zwei Nachträge: Ich sehe mich
    besonders deutlich die Treppe hinaufgehen und: Nach ihrer
    Antwort gehe ich, aber gar nicht traurig, auf mein Zimmer und
    lese in einem grossen Buch, das auf meinem Schreibtisch liegt.

  • S.

    448

    graphien gesehen haben, denen Sie die Traumbilder entnehmen.
    Nach dieser Bemerkung stellte sich der Nachtrag von dem
    Monument auf einem Platze ein und dann sofort die Kenntnis der
    Quelle. Sie hatte zu den Weihnachtsfeiertagen ein Album mit
    Stadtansichten aus einem deutschen Kurort bekommen und das
    selbe gerade gestern hervorgesucht, um es den Verwandten, die bei
    ihnen zu Gast waren, zu zeigen. Es lag in einer Bilderschachtel,
    die sich nicht gleich vorfand, und sie fragte die Mama: Wo ist die
    Schachtel?1) Eines der Bilder zeigte einen Platz mit einem Monu-
    ment. Der Spender aber war ein junger Ingenieur, dessen flüchtige
    Bekanntschaft sie einst in der Fabrikstadt gemacht hatte. Der
    junge Mann hatte eine Stellung in Deutschland angenommen, um
    rascher zur Selbständigkeit zu kommen, benutzte jede Gelegenheit,
    um sich in Erinnerung zu bringen, und es war leicht zu erraten,
    dass er vorhabe, seinerzeit, wenn sich seine Position gebessert,
    mit einer Werbung um Dora hervorzutreten. Aber das brauchte
    noch Zeit, da hiess es warten.

    Das Umherwandern in einer fremden Stadt war über-
    determiniert. Es führte zu einem der Tagesanlässe. Zu den
    Feiertagen war ein jugendlicher Cousin auf Besuch gekommen,
    dem sie jetzt die Stadt Wien zeigen mussten. Dieser Tagesanlass
    war freilich ein höchst indifferenter. Der Vetter erinnerte sie
    aber an einen kurzen ersten Aufenthalt in Dresden. Damals
    wanderte sie als Fremde herum, versäumte natürlich nicht die
    berühmte Galerie zu besuchen. Ein anderer Vetter, der mit ihnen
    war und Dresden kannte, wollte den Führer durch die Galerie
    machen. Aber sie wies ihn ab und ging allein, blieb vor den
    Bildern stehen, die ihr gefielen. Vor der Sixtina verweilte sie
    2 Stunden lang in still träumender Bewunderung. Auf die Frage,
    was ihr an dem Bilde so sehr gefallen, wusste sie nichts Klares
    zu antworten. Endlich sagte sie: die Madonna.

    Dass diese Einfälle wirklich dem traumbildenden Material
    angehören, ist doch gewiss. Sie schliessen Bestandteile ein, die
    wir unverändert im Trauminhalt wiederfinden (sie wies ihn ab und
    ging allein – 2 Stunden). Ich merke bereits, dass „Bilder“ einem
    Knotenpunkt in dem Gewebe der Traumgedanken entsprechen
    (die Bilder im Album – die Bilder in Dresden). Auch das Thema
    der Madonna, der jungfräulichen Mutter, möchte ich für weitere
    Verfolgung herausgreifen. Vor allem aber sehe ich, dass sie sich
    in diesem ersten Teil des Traumes mit einem jungen Manne
    identifiziert. Er irrt in der Fremde herum, er bestrebt sich, ein
    Ziel zu erreichen, aber er wird hingehalten, er braucht Geduld,
    er muss warten. Wenn sie dabei an den Ingenieur dachte, so
    hätte es gestimmt, dass dieses Ziel der Besitz eines Weibes,
    ihrer eigenen Person, sein sollte. Anstatt dessen war es ein –
    Bahnhof, für den wir allerdings nach dem Verhältnis der Frage

    1)Im Traum fragt sie: Wo ist der Bahnhof? Aus dieser Annäherung
    zog ich einen Schluss, den ich später entwickeln werde.

  • S.

    449

    im Traum zu der wirklich getanen Frage eine Schachtel ein
    setzen dürfen. Eine Schachtel und ein Weib, das geht schon
    besser zusammen.

    Sie fragt wohl hundertmal . . . Das führt zu einer
    anderen minder indifferenten Veranlassung des Traumes. Gestern
    abends nach der Gesellschaft bat sie der Vater, ihm den Cognac
    zu holen; er schlafe nicht, wenn er nicht vorher Cognac getrunken.
    Sie verlangte den Schlüssel zum Speisekasten von der Mutter,
    aber die war in ein Gespräch verwickelt und gab ihr keine Ant-
    wort, bis sie mit der ungeduldigen Uebertreibung herausfuhr: Jetzt
    habe ich Dich schon hundertmal gefragt, wo der Schlüssel ist.
    In Wirklichkeit hatte sie die Frage natürlich nur etwa fünfmal
    wiederholt1).

    Wo ist der Schlüssel? scheint mir das männliche Gegenstück
    zur Frage: Wo ist die Schachtel (siehe den ersten Traum, Seite 427)?
    Es sind also Fragen — nach den Genitalien.

    In derselben Versammlung Verwandter hatte jemand einen
    Trinkspruch auf den Papa gehalten und die Hoffnung ausgesprochen,
    dass er noch lange in bester Gesundheit u. s. w. Dabei hatte es
    so eigentümlich in den müden Mienen des Vaters gezuckt, und sie
    hatte verstanden, welche Gedanken er zu unterdrücken hatte.
    Der arme kranke Mann! Wer konnte wissen, wie lange Lebens-
    beschieden war.

    Damit sind wir beim Inhalt des Briefes im Traum an-
    gelangt. Der Vater war gestorben, sie hatte sich eigenmächtig vom
    Hause entfernt. Ich mahnte sie bei dem Brief im Traum sofort an
    den Abschiedsbrief, den sie den Eltern geschrieben oder wenigstens
    für die Eltern aufgesetzt hatte. Dieser Brief war bestimmt, den
    Vater in Schreck zu versetzen, damit er von Frau K. ablasse oder
    wenigstens an ihm Rache zu nehmen, wenn er dazu nicht zu be-
    wegen sei. Wir stehen beim Thema ihres Todes und beim Tode
    ihres Vaters (Friedhof später im Traum). Gehen wir irre, wenn
    wir annehmen, dass die Situation, welche die Fassade des Traumes
    bildet, einer Rachephantasie gegen den Vater entspricht? Die
    mitleidigen Gedanken vom Tage vorher würden gut dazu stimmen.
    Die Phantasie aber lautete: Sie ginge von Haus weg in die Fremde,
    und dem Vater würde aus Kummer darüber, vor Sehnsucht nach
    ihr, das Herz brechen. Dann wäre sie gerächt. Sie verstand ja
    sehr gut, was dem Vater fehlte, der jetzt nicht ohne Cognac
    schlafen konnte2).

    1)Im Trauminhalt steht die Zahl fünf bei der Zeitangabe: 5 Minuten.
    In meinem Buche über die Traumdeutung habe ich an mehreren Beispielen
    gezeigt, wie in den Traumgedanken vorkommende Zahlen vom Traum be-
    handelt werden; man findet sie häufig aus ihren Beziehungen gerissen und
    in neue Zusammenhänge eingetragen.

    2)Die sexuelle Befriedigung ist unzweifelhaft das beste Schlafmittel,
    sowie Schlaflosigkeit zu allermeist die Folge der Unbefriedigung ist. Der
    Vater schlief nicht, weil ihm der Verkehr mit der geliebten Frau fehlte.
    Vgl. hierzu das unten Folgende: Ich habe nichts an meiner Frau.

  • S.

    450

    Wir wollen uns die Rachsucht als ein neues Element für
    eine spätere Synthese der Traumgedanken merken.

    Der Inhalt des Briefes musste aber weitere Determinierung
    zulassen. Woher stammte der Zusatz: „Wenn Du willst?“

    Da fiel ihr der Nachtrag ein, dass hinter dem Worte „willst“
    ein Fragezeichen gestanden hatte, und damit erkannte sie auch
    diese Worte als Zitat aus dem Brief der Frau K., welcher die Ein-
    ladung nach L. (am See) enthalten hatte. In ganz auffälliger
    Weise stand in diesem Briefe nach der Einschaltung: „wenn Du
    kommen willst?“ mitten im Gefüge des Satzes ein Fragezeichen.

    Da wären wir also wieder bei der Szene am See und bei
    den Rätseln, die sich an sie knüpften. Ich bat sie, mir diese
    Szene einmal ausführlich zu erzählen. Sie brachte zuerst nicht
    viel Neues. Herr K. hatte eine einigermassen ernsthafte Einleitung
    vorgebracht; sie liess ihn aber nicht ausreden. Sobald sie nur
    verstanden hatte, um was es sich handle, schlug sie ihm ins Gesicht
    und eilte davon. Ich wollte wissen, welche Worte er gebraucht;
    sie erinnerte nur seine Begründung: „Sie wissen, ich habe nichts
    an meiner Frau1).“ Sie wollte dann, um nicht mehr mit ihm zu-
    sammenzutreffen, den Weg nach L. zu Fuss um den See machen
    und fragte einen Mann, der ihr begegnete, wie weit sie
    dahin habe. Auf seine Antwort: „21/2 Stunden“ gab sie diese
    Absicht auf und suchte doch wieder das Schiff auf, das bald her-
    nach abfuhr. Herr K. war auch wieder da, näherte sich ihr, bat
    sie, ihn zu entschuldigen und nichts von dem Vorfall zu erzählen.
    Sie gab aber keine Antwort. — Ja, der Wald im Traum war ganz
    ähnlich dem Wald am Seeufer, in dem sich die eben von neuem
    beschriebene Szene abgespielt hatte. Genau den nämlichen dichten
    Wald hatte sie aber gestern auf einem Gemälde in der Sezessions-
    ausstellung gesehen. Im Hintergrunde des Bildes sah man
    Nymphen2).

    Jetzt wurde ein Verdacht bei mir zur Gewissheit. Bahnhof3)
    und Friedhof, an Stelle von weiblichen Genitalien, war auffällig
    genug, hatte aber meine geschärfte Aufmerksamkeit auf das ähnlich
    gebildete „Vorhof“ gelenkt, einen anatomischen Terminus für
    eine bestimmte Region der weiblichen Genitalien. Aber das konnte
    ein witziger Irrtum sein. Nun, da die „Nymphen“ dazu kamen,
    die man im Hintergrunde des „dichten Waldes“ sieht, war ein
    Zweifel nicht mehr gestattet. Das war symbolische Sexual-
    geographie! Nymphen nennt man, wie dem Arzt, aber nicht dem
    Laien bekannt, wie übrigens auch ersterem nicht sehr gebräuchlich,
    die kleinen Labien im Hintergrunde des „dichten Waldes“ von
    Schamhaaren. Wer aber solche technische Namen wie „Vorhof“

    1)Diese Worte werden zur Lösung eines unserer Rätsel führen.

    2)Hier zum drittenmal: Bild (Städtebilder, Galerie in Dresden), aber
    in weit bedeutsamerer Verknüpfung. Durch das, was man an dem Bilde sieht
    wird es zum Weibsbild (Wald, Nymphen).

    3)Der „Bahnhof“ dient übrigens dem „Verkehr“. Die psychische Um-
    kleidung mancher Eisenbahnangst.

  • S.

    451

    und „Nymphen“ gebrauchte, der musste seine Kenntnis aus Büchern
    geschöpft haben und zwar nicht aus populären, sondern aus
    anatomischen Lehrbüchern oder aus einem Konversationslexikon,
    der gewöhnlichen Zuflucht der von sexueller Neugierde verzehrten
    Jugend. Hinter der ersten Situation des Traumes verbarg sich
    also, wenn diese Deutung richtig war, eine Deflorationsphantasie,
    wie ein Mann sich bemüht, ins weibliche Genitale einzudringen1).

    Ich teilte ihr meine Schlüsse mit. Der Eindruck muss zwingend
    gewesen sein, denn es kam sofort ein vergessenes Stückchen des
    Traumes nach: Dass sie ruhig auf ihr Zimmer geht und in
    einem grossen Buch liest, welches auf ihrem Schreib-
    tisch liegt2). Der Nachdruck liegt hier auf den beiden Details:
    ruhig und gross bei Buch. Ich fragte: War es Lexikonformat?
    Sie bejahte. Nun lesen Kinder über verbotene Materien niemals
    ruhig in Lexikon nach. Sie zittern und bangen dabei und schauen
    sich ängstlich um, ob wohl jemand kommt. Die Eltern sind bei
    solcher Lektüre sehr im Wege. Aber die wunscherfüllende Kraft
    des Traumes hatte die unbehagliche Situation gründlich verbessert.
    Der Vater war tot und die anderen schon auf den Friedhof ge-
    fahren. Sie konnte ruhig lesen, was ihr beliebte. Sollte das nicht
    heissen, dass einer ihrer Gründe zur Rache auch die Auflehnung
    gegen den Zwang der Eltern war? Wenn der Vater tot war,
    dann konnte sie lesen oder auch lieben, wie sie wollte.

    Zunächst wollte sie nun nicht erinnern, dass sie je im Konver-
    sationslexikon gelesen, dann gab sie zu, dass eine solche Er-
    innerung in ihr auftauchte, freilich harmlosen Inhalts. Zur Zeit,
    als die geliebte Tante so schwer krank und ihre Reise nach Wien
    schon beschlossen war, kam von einem anderen Onkel ein Brief, sie
    könnten nicht nach Wien reisen, ein Kind, also ein Vetter Doras
    sei gefährlich an Blinddarmentzündung erkrankt. Damals las sie
    im Lexikon nach, welches die Symptome einer Blinddarmentzündung
    seien. Von dem, was sie gelesen, erinnert sie noch den charakte-
    ristisch lokalisierten Schmerz im Leib.

    Nun erinnerte ich, dass sie kurz nach dem Tode der Tante
    eine angebliche Blinddarmentzündung in Wien durchgemacht. Ich

    1)Die Deflorationsphantasie ist der zweite Bestandteil dieser Situation.
    Die Hervorhebung der Schwierigkeit im Vorwärtskommen und die im
    Traum empfundene Angst weisen auf die gerne betonte Jungfräulichkeit, die
    wir an anderer Stelle durch die „Sixtina“ angedeutet finden. Diese sexuellen
    Gedanken ergeben eine unbewusste Untermalung für die vielleicht nur
    geheim gehaltenen Wünsche, die sich mit dem wartenden Bewerber in
    Deutschland beschäftigen. Als ersten Bestandteil derselben Traumsituation
    haben wir die Rachephantasie kennen gelernt, die beiden decken einander
    nicht völlig, sondern nur partiell; die Spuren eines noch bedeutsameren
    dritten Gedankenzuges werden wir später finden.

    2)Ich kann diesen Traum als neuen Beweis für die Richtigkeit einer
    in der „Traumdeutung“ (p. 299 u. ff.) enthaltenen Behauptung verwerten,
    dass die zuerst vergessenen und nachträglich erinnerten Traumstücke stets
    die für uns Verständnis des Traumes wichtigsten sind. Ich ziehe dort den
    Schluss, dass auch das Vergessen der Träume die Erklärung durch den inner-
    psychischen Widerstand fordert.

  • S.

    452

    hatte mich bisher nicht getraut, diese Erkrankung zu ihren
    hysterischen Leistungen zu rechnen. Sie erzählte, dass sie die
    ersten Tage hoch gefiebert und denselben Schmerz im Unterleib
    verspürt, von dem sie im Lexikon gelesen. Sie habe kalte Um-
    schläge bekommen, sie aber nicht vertragen; am zweiten Tag sei
    unter heftigen Schmerzen die seit ihrem Kranksein sehr unregel-
    mässige Periode eingetreten. An Stuhlverstopfung habe sie damals
    konstant gelitten.

    Es ging nicht recht an, diesen Zustand als einen rein
    hysterischen aufzufassen. Wenn auch hysterisches Fieber un-
    zweifelhaft vorkommt, so schien es doch willkürlich, das Fieber
    dieser fraglichen Erkrankung auf Hysterie anstatt auf eine organische
    damals wirksame Ursache zu beziehen. Ich wollte die Spur wieder
    aufgeben, als sie selbst weiterhalf, indem sie den letzten Nachtrag
    zum Traum brachte: Sie sehe sich besonders deutlich die
    Treppe hinaufgehen.

    Dafür verlangte ich natürlich eine besondere Determinierung.
    Ihren wohl nicht ernsthaft gemeinten Einwand, dass sie ja die
    Treppe hinaufgehen müsse, wenn sie in ihre im Stock gelegene
    Wohnung wolle, konnte ich leicht mit der Bemerkung abweisen,
    wenn sie im Traum von der fremden Stadt nach Wien reisen und
    dabei die Eisenbahnfahrt übergehen könne, so dürfe sie sich auch
    über die Stufen der Treppe im Traum hinwegsetzen. Sie erzählte
    dann weiter: Nach der Blinddarmentzündung habe sie schlecht
    gehen können, weil sie den rechten Fuss nachgezogen. Das sei
    lange so geblieben, und sie hätte darum besonders Treppen gerne
    vermieden. Noch jetzt bleibe der Fuss manchmal zurück. Die
    Aerzte, die sie auf Verlangen des Vaters konsultierte, hätten
    sich über diesen ganz ungewöhnlichen Rest nach einer Blinddarm-
    entzündung sehr verwundert, besonders da der Schmerz im Leib
    nicht wieder aufgetreten sei und keineswegs das Nachziehen des
    Fusses begleite1).

    Das war also ein rechtes hysterisches Symptom. Mochte
    auch das Fieber damals organisch bedingt gewesen sein — etwa
    durch eine der so häufigen Influenza-
    Erkrankungen ohne be-
    sondere Lokalisation —, so war doch sichergestellt, dass sich
    die Neurose des Zufalls bemächtigt, um ihn für eine
    ihrer Aeusserungen zu verwerten. Sie hatte sich also eine
    Krankheit angeschafft, über die sie im Lexikon nachgelesen,
    sich für diese Lektüre bestraft und musste sich sagen, die
    Strafe konnte unmöglich der Lektüre des harmlosen Artikels
    gelten, sondern war durch eine Verschiebung zustande gekommen,
    nachdem an diese Lektüre sich andere schuldvollere angeschlossen

    1)Zwischen der „Ovarie“ benannten Schmerzhaftigkeit im Abdomen
    und der Gehstörung des gleichseitigen Beines ist ein somatischer Zusammen-
    hang anzunehmen, der hier bei Dora eine besonders spezialisierte Deutung
    i. e. psychische Ueberlagerung und Verwertung erfährt. Vgl. die analoge
    Bemerkung bei der Analyse der Hustensymptome und des Zusammenhangs
    von Katarrh und Essunlust.

  • S.

    453

    hatte, die sich heute in der Erinnerung hinter der gleichzeitigen
    harmlosen verbarg.1) Vielleicht liess sich noch erforschen, über
    welche Themata sie damals gelesen hatte.

    Was bedeutete denn der Zustand, der eine Perityphlitis nach
    ahmen wollte? Der Rest der Affektion, das Nachziehen eines
    Beines, der zu einer Perityphlitis so gar nicht stimmte, musste sich
    besser zu der geheimen, etwa sexuellen Bedeutung des Krank-
    heitsbildes schicken und konnte seinerseits, wenn man ihn auf
    klärte, ein Licht auf diese gesuchte Bedeutung werfen. Ich
    versuchte, einen Zugang zu diesem Rätsel zu finden. Es waren
    im Traume Zeiten vorgekommen; die Zeit ist wahrlich nichts
    Gleichgültiges bei allem biologischen Geschehen. Ich fragte also,
    wann diese Blinddarm-entzündung sich ereignet, ob früher oder
    später als die Szene am See. Die prompte, alle Schwierigkeiten
    mit einem Schlag lösende Antwort war: 9 Monate nachher.
    Dieser Termin ist wohl charakteristisch. Die angebliche Blind-
    darm-entzündung hatte also die Phantasie einer Entbindung
    realisiert mit den bescheidenen Mitteln, die der Patientin zu
    Gebote standen, den Schmerzen und der Periodenblutung.2) Sie
    kann natürlich die Bedeutung dieses Termins und konnte die
    Wahrscheinlichkeit nicht in Abrede stellen, dass sie damals im
    Lexikon über Schwangerschaft und Geburt gelesen. Was war
    aber mit dem nachgezogenen Bein? Ich durfte jetzt ein Errraten
    versuchen. So geht man doch, wenn man sich den Fuss über-
    treten hat. Sie hatte also einen „Fehltritt“ getan, ganz richtig,
    wenn sie 9 Monate nach der Szene am See entbinden konnte. Nur
    musste ich eine weitere Forderung aufstellen. Man kann – nach
    meiner Ueberzeugung – solche Symptome nur dann bekommen,
    wenn man ein infantiles Vorbild für sie hat. Die Erinnerungen,
    die man von Eindrücken späterer Zeit hat, besitzen, wie ich
    nach meinen bisherigen Erfahrungen strenge festhalten muss,
    nicht die Kraft, sich als Symptome durchzusetzen. Ich wagte
    kaum zu hoffen, dass sie mir das gewünschte Material aus der
    Kinderzeit liefern würde, denn ich kann in Wirklichkeit obigen
    Satz, an den ich gerne glauben möchte, noch nicht allgemein
    aufstellen. Aber hier kam die Bestätigung sofort. Ja, sie hatte
    sich als Kind einmal denselben Fuss übertreten, sie war in B.
    beim Heruntergehen auf der Treppe über eine Stufe gerutscht;
    der Fuss, es war sogar der nämliche, den sie später nachzog,
    schwoll an, musste bandagiert werden, sie lag einige Wochen
    ruhig. Es war kurze Zeit vor dem nervösen Asthma im achten
    Lebensjahre.

    Nun galt es, den Nachweis dieser Phantasie zu verwerten:

    1)Ein ganz typisches Beispiel für Entstehung von Symptomen aus
    Anlässen, die anscheinend mit dem Sexuellen nichts zu tun haben.

    2)Ich habe schon angedeutet, dass die meisten hysterischen Symptome,
    wenn sie ihre volle Ausbildung erlangt haben, eine phantasierte Situation
    des Sexuallebens darstellen, also eine Szene des sexuellen Verkehrs, eine
    Schwangerschaft, Entbindung, Wochenbett u. dgl.

  • S.

    454

    Wenn Sie 9 Monate nach der Szene am See eine Entbindung
    durchmachen und dann mit den Folgen des Fehltritts bis zum
    heutigen Tage herumgehen, so beweist dies, dass Sie im Un-
    bewussten den Ausgang der Szene bedauert haben. Sie haben ihn
    also in Ihrem unbewussten Denken korrigiert. Die Voraussetzung
    Ihrer Entbindungsphantasie ist ja, dass damals etwas vorgegangen
    ist1), dass Sie damals all das erlebt und erfahren haben, was Sie
    später aus dem Lexikon entnehmen mussten. Sie sehen, dass
    Ihre Liebe zu Herrn K. mit jener Szene nicht beendet war, dass
    sie sich, wie ich behauptet habe, bis auf den heutigen Tag —
    allerdings Ihnen unbewusst — fortsetzt. — Sie widersprach dem
    auch nicht mehr.2)

    Diese Arbeiten zur Aufklärung des zweiten Traumes hatten
    zwei Stunden in Anspruch genommen. Als ich nach Schluss der

    1)Die Deflorationsphantasie findet also ihre Anwendung auf Herrn
    K., und es wird klar, warum dieselbe Region des Trauminhaltes Material aus
    der Szene am See enthält. (Ablehnung, 21/2 Stunden, der Wald, Einladung
    nach L.)

    2)Einige Nachträge zu den bisherigen Deutungen: Die „Madonna“
    ist offenbar sie selbst erstens wegen des „Anbeters“, der ihr die Bilder ge-
    schickt hat, dann weil sie Herrn K.’s Liebe vor allem durch ihre Mütterlich-
    keit gegen seine Kinder gewonnen hatte, und endlich, weil sie als Mädchen
    doch schon ein Kind gehabt hat, im direkten Hinweis auf die Entbindungs-
    phantasie. Die „Madonna“ ist übrigens eine beliebte Gegenvorstellung,
    wenn ein Mädchen unter dem Drucke sexueller Beschuldigungen steht, was
    ja auch bei Dora zutrifft. Ich bekam von diesem Zusammenhange die
    erste Ahnung als Arzt der psychiatrischen Klinik bei einem Falle von
    halluzinatorischer Verworrenheit raschen Ablaufs, der sich als Reaktion auf
    einen Vorwurf des Bräutigams herausstellte.

    Die mütterliche Sehnsucht nach einem Kind wäre bei Fortsetzung der
    Analyse wahrscheinlich als mächtiges und dunkles Motiv ihres Handelns
    aufzudecken gewesen. — Die vielen Fragen, die sie in letzter Zeit auf
    geworfen hatte, erscheinen wie Spätabkömmlinge der Fragen sexueller Wiss-
    begierde, welche sie aus dem Lexikon zu befriedigen gesucht. Es ist an-
    zunehmen, dass sie über Schwangerschaft, Entbindung, Jungfräulichkeit und
    ähnliche Themata nachgelesen. — Eine der Fragen, die in den Zusammenhang
    der zweiten Traumsituation einzufügen sind, hatte sie bei der Reproduktion
    des Traumes vergessen. Es konnte nur die Frage sein: Wohnt hier der
    Herr ***? oder: Wo wohnt der Herr ***? Es muss seinen Grund haben,
    dass sie diese scheinbar harmlose Frage vergessen, nachdem sie sie über-
    haupt in den Traum aufgenommen. Ich finde diesen Grund in dem Familien-
    namen selbst, der gleichzeitig Gegenstandsbedeutung hat, und zwar mehr-
    fache, also einem „zweideutigen“ Wort gleichgesetzt werden kann. Ich
    kann diesen Namen leider nicht mitteilen, um zu zeigen, wie geschickt er
    verwendet worden ist, um „Zweideutiges“ und „Unanständiges“ zu bezeichnen.
    Es stützt diese Deutung, wenn wir in anderer Region des Traumes, wo das
    Material aus den Erinnerungen an den Tod der Tante stammt (Sie sind schon
    auf den Friedhof gefahren) gleichfalls eine Wortanspielung auf den Namen
    der Tante finden. In diesen unanständigen Worten wäre wohl ein Hinweis
    auf eine zweite mündliche Quelle gelegen, da für sie das Wörterbuch nicht
    ausreicht. Ich wäre nicht erstaunt gewesen zu hören, dass Frau K. selbst,
    die Verleumderin, diese Quelle war. Dora hätte dann gerade sie edel-
    mütig verschont, während sie die anderen Personen mit nahezu tückischer
    Rache verfolgte; hinter der schier unübersehbaren Reihe von Verschiebungen,
    die sich so ergeben, könnte man ein einfaches Moment, die tief wurzelnde
    homosexuelle Liebe zu Frau K. vermuten.

  • S.

    455

    zweiten Sitzung meiner Befriedigung über das Erreichte Ausdruck
    gab, antwortete sie geringschätzig: „Was ist denn da viel heraus-
    gekommen?“ und bereitete mich so auf das Herannahen weiterer
    Enthüllungen vor.

    Zur dritten Sitzung trat sie mit den Worten an: „Wissen
    Sie, Herr Doktor, dass ich heute das letzte Mal hier bin?“ —
    „Ich kann es nicht wissen, da Sie mir nichts davon gesagt haben.
    — „Ja, ich habe mir vorgenommen, bis Neujahr1) halte ich es
    noch aus; länger will ich aber auf die Heilung nicht warten.“ —
    Sie wissen, dass Sie die Freiheit, auszutreten, immer haben.
    Heute wollen wir aber noch arbeiten. Wann haben Sie den
    Entschluss gefasst? — „Vor 14 Tagen, glaube ich.“ — Das klingt
    ja wie von einem Dienstmädchen, einer Gouvernante, 14 tägige
    Kündigung. — Eine Gouvernante, die gekündigt hat, war auch
    damals bei K., als ich sie in L. am See besuchte.“ — So? Von
    der haben Sie noch nie erzählt. Bitte, erzählen Sie.

    „Es war also ein junges Mädchen im Hause als Gouvernante
    der Kinder, die ein ganz merkwürdiges Benehmen gegen den
    Herrn zeigte. Sie grüsste ihn nicht, gab ihm keine Antwort,
    reichte ihm nichts bei Tisch, wenn er um etwas bat, kurz be-
    handelte ihn wie Luft. Er war übrigens auch nicht viel höf-
    licher gegen sie. Einen oder zwei Tage vor der Szene am See
    nahm mich das Mädchen auf die Seite; sie habe mir etwas mit-
    zuteilen. Sie erzählte mir dann, Herr K. habe sich ihr zu einer
    Zeit, als die Frau gerade für mehrere Wochen abwesend war,
    genähert, sie sehr umworben und sie gebeten, ihm gefällig zu
    sein; er habe nichts von seiner Frau usw.“ . . . Das sind ja die
    selben Worte, die er dann in der Werbung um Sie gebraucht,
    bei denen Sie ihm den Schlag ins Gesicht gegeben. — „Ja. Sie
    gab ihm nach, aber nach kurzer Zeit kümmerte er sich nicht
    mehr um sie, und sie hasste ihn seitdem.“ — Und diese Gouver-
    nante hatte gekündigt? — „Nein, sie wollte kündigen. Sie sagte
    mir, sie habe sofort, wie sie sich verlassen gefühlt, den Vorfall
    den Eltern mitgeteilt, die anständige Leute sind und irgendwo
    in Deutschland wohnen. Die Eltern verlangten, dass sie das
    Haus augenblicklich verlasse, und schrieben ihr dann, als sie es
    nicht tat, sie wollten nichts mehr von ihr wissen, sie dürfe nicht
    mehr nach Haus zurückkommen.“ — Und warum ging sie nicht
    fort? — „Sie sagte, sie wolle noch eine kurze Zeit abwarten, ob
    sich nichts bei Herrn K. ändere. So zu leben, halte sie nicht
    aus. Wenn sie keine Aenderung sehe, werde sie kündigen und
    fortgehen.“ — Und was ist aus dem Mädchen geworden? — „Ich
    weiss nur, dass sie fortgegangen ist.“ — Ein Kind hat sie von
    dem Abenteuer nicht davongetragen? — „Nein.“

    Da war also — wie übrigens ganz regelrecht — inmitten
    der Analyse ein Stück tatsächlichen Materials zum Vorschein
    gekommen, das früher aufgeworfene Probleme lösen half. Ich

    1)Es war der 31. Dezember.

  • S.

    456

    konnte Dora sagen: Jetzt kenne ich das Motiv jenes Schlags,
    mit dem Sie die Werbung beantwortet haben. Es war nicht
    Kränkung über die an Sie gestellte Zumutung, sondern eifer-
    süchtige Rache. Als Ihnen das Fräulein seine Geschichte er-
    zählte, machten Sie noch von Ihrer Kunst Gebrauch, alles bei
    Seite zu schieben, was Ihren Gefühlen nicht passte. In dem
    Moment, da Herr K. die Worte gebrauchte: „Ich habe nichts an
    meiner Frau, die er auch zu dem Fräulein gesagt, wurden neue
    Regungen in Ihnen wachgerufen, und die Wagschale kippte um.
    Sie sagten sich: Er wagt es, mich zu behandeln wie eine Gou-
    vernante, eine dienende Person? Diese Hochmutskränkung zur
    Eifersucht und zu den bewussten besonnenen Motiven hinzu:
    das war endlich zu viel.1) Zum Beweise, wie sehr Sie unter
    dem Eindruck der Geschichte des Fräuleins stehen, halte ich
    Ihnen die wiederholten Identifizierungen mit ihr im Traum und
    in Ihrem Benehmen vor. Sie sagen es den Eltern, was wir bis-
    her nicht verstanden haben, wie das Fräulein es den Eltern ge-
    schrieben hat: Sie kündigen mir wie eine Gouvernante mit
    14 tägiger Kündigung. Der Brief im Traum, der Ihnen erlaubt,
    nach Hause zu kommen, ist ein Gegenstück zum Briefe der
    Eltern des Fräuleins, die es ihr verboten hatten.

    „Warum habe ich es dann den Eltern nicht gleich erzählt?
    Welche Zeit haben Sie denn verstreichen lassen?
    „Am letzten Juni fiel die Szene vor; am 14. Juli habe ich’s
    der Mutter erzählt.“

    Also wieder 14 Tage, der für eine dienende Person charakte-
    ristische Termin! Ihre Frage kann ich jetzt beantworten. Sie
    haben ja das arme Mädchen sehr wohl verstanden. Sie wollte
    nicht gleich fortgehen, weil sie noch hoffte, weil sie erwartete,
    dass Herr K. seine Zärtlichkeit ihr wieder zuwenden würde.
    Das muss also auch Ihr Motiv gewesen sein. Sie warteten
    den Termin ab, um zu sehen, ob er seine Werbung erneuern
    würde, daraus hätten Sie geschlossen, dass es ihm Ernst war,
    und dass er nicht mit Ihnen spielen wollte wie mit der Gou-
    vernante.

    „In den ersten Tagen nach der Abreise schickte er noch
    eine Ansichtskarte.2)“

    Ja, als aber dann nichts weiter kam, da liessen Sie Ihrer
    Rache freien Lauf. Ich kann mir sogar vorstellen, dass damals
    noch Raum für die Nebenabsicht war, ihn durch die Anklage
    zum Hinreisen nach Ihrem Aufenthalt zu bewegen.

    „… Wie er’s ja auch zuerst uns angetragen hat“, warf sie
    ein. – Dann wäre Ihre Sehnsucht nach ihm gestillt worden – hier
    nickte sie Bestätigung, was ich nicht erwartet hatte – und er

    1)Es war vielleicht nicht gleichgültig, dass sie dieselbe Klage über
    die Frau, deren Bedeutung sie wohl verstand, auch vom Vater gehört haben
    konnte, wie ich sie aus seinem Munde gehört habe.

    2)Dies die Anlehnung für den Ingenieur, der sich hinter dem Ich
    in der ersten Traumsituation verbirgt.

  • S.

    457

    hätte Ihnen die Genu-
    gtuung geben können, die Sie sich ver-
    langten.

    „Welche Genugtuung?“
    Ich fange nämlich an zu ahnen, dass Sie die Angelegenheit
    mit Herrn K. viel ernster aufgefasst haben, als Sie bisher ver-
    raten wollten. War zwischen den K. nicht oft von Scheidung
    die Rede?

    „Gewiss, zuerst wollte er nicht der Kinder wegen, und jetzt
    will sie, aber er will nicht mehr.“

    Sollten Sie nicht gedacht haben, dass er sich von seiner
    Frau scheiden lassen will, um Sie zu heiraten? Und dass er
    jetzt nicht mehr will, weil er keinen Ersatz hat? Sie waren
    freilich vor 2 Jahren sehr jung, aber Sie haben mir selbst von
    der Mama erzählt, dass sie mit 17 Jahren verlobt war und dann
    2 Jahre auf ihren Mann gewartet hat. Die Liebesgeschichte der
    Mutter wird gewöhnlich zum Vorbild für die Tochter. Sie wollten
    also auch auf ihn warten und nahmen an, dass er nur warte, bis
    Sie reif genug seien, seine Frau zu werden1). Ich stelle mir
    vor, dass es ein ganz ernsthafter Lebensplan bei Ihnen war. Sie
    haben nicht einmal das Recht, zu behaupten, dass eine solche
    Absicht bei Herrn K. ausgeschlossen war, und haben mir
    genug von ihm erzählt, was direkt auf eine solche Absicht deutet2).
    Auch sein Benehmen in L. widerspricht dem nicht. Sie haben
    ihn ja nicht ausreden lassen und wissen nicht, was er Ihnen
    sagen wollte. Nebstbei wäre der Plan gar nicht so unmöglich
    auszuführen gewesen. Die Beziehungen des Papa zu Frau K.,
    die Sie wahrscheinlich nur darum so lange Zeit unterstützt haben,
    boten Ihnen die Sicherheit, dass die Einwilligung der Frau zur
    Scheidung zu erreichen wäre, und beim Papa setzen Sie durch,
    was Sie wollen. Ja, wenn die Versuchung in L. einen andern
    Ausgang genommen hätte, wäre dies ja für alle Teile die einzig
    mögliche Lösung gewesen. Ich meine auch, darum haben Sie
    den anderen Ausgang so bedauert und ihn in der Phantasie, die
    als Blinddarmentzündung auftrat, korrigiert. Es musste also eine
    schwere Enttäuschung für Sie sein, als anstatt einer erneuten
    Werbung das Leugnen und die Schmähungen von Seiten des
    Herrn K. der Erfolg Ihrer Anklage wurden. Sie gestehen zu,
    dass nichts Sie so sehr in Wut bringen kann, als wenn man
    glaubt, Sie hätten sich die Szene am See eingebildet. Ich weiss
    nun, woran Sie nicht erinnert werden wollen, dass Sie sich ein-
    gebildet, die Werbung sei ernsthaft und Herr K. werde nicht
    ablassen, bis Sie ihn geheiratet.

    Sie hatte zugehört, ohne, wie sonst, zu widersprechen. Sie
    schien ergriffen, nahm auf die liebenswürdigste Weise mit warmen

    1)Das Warten, bis man das Ziel erreicht, findet sich im Inhalt der
    ersten Traumsituation; in dieser Phantasie vom Warten auf die Braut sehe
    ich ein Stück der dritten, bereits angekündigten Komponente dieses Traums.

    2)Besonders eine Rede, mit der er im letzten Jahr des Zusammenlebens
    in B. das Weihnachtsgeschenk einer Briefschachtel begleitet hatte.

  • S.

    458

    Wünschen zum Jahreswechsel Abschied und — kam nicht wieder.
    Der Vater, der mich noch einigemale besuchte, versicherte, sie
    werde wiederkommen; man merke ihr die Sehnsucht nach der
    Fortsetzung der Behandlung an. Aber er war wohl nie ganz
    aufrichtig. Er hatte die Kur unterstützt, so lange er sich
    Hoffnung machen konnte, ich würde Dora „ausreden“, dass
    zwischen ihm und Frau K. etwas anderes als Freundschaft be-
    stehe. Sein Interesse erlosch, als er merkte, dass dieser Erfolg
    nicht in meiner Absicht liege. Ich wusste, dass sie nicht wieder-
    kommen würde. Es war ein unzweifelhafter Racheakt, dass sie
    in so unvermuteter Weise, als meine Erwartungen auf glückliche
    Beendigung der Kur den höchsten Stand einnahmen, abbrach
    und diese Hoffnungen vernichtete. Auch ihre Tendenz zur
    Selbstschädigung fand ihre Rechnung bei diesem Vorgehen. Wer
    wie ich die bösesten Dämonen, die unvollkommen gebändigt in
    einer menschlichen Brust wohnen, aufweckt, um sie zu bekämpfen,
    muss darauf gefasst sein, dass er in diesem Ringen selbst nicht
    unbeschädigt bleibe. Ob ich das Mädchen bei der Behandlung
    erhalten hätte, wenn ich mich selbst in eine Rolle gefunden, den
    Wert ihres Verbleibens für mich übertrieben und ihr ein warmes
    Interesse bezeugt hätte, das bei aller Milderung durch meine
    Stellung als Arzt doch wie ein Ersatz für die von ihr ersehnte
    Zärtlichkeit ausgefallen wäre? Ich weiss es nicht. Da ein Teil
    der Faktoren, die sich als Widerstand entgegenstellen, in jedem
    Falle unbekannt bleibt, habe ich es immer vermieden, Rollen zu
    spielen, und mich mit anspruchsloserer psychologischer Kunst
    begnügt. Bei allem theoretischen Interesse und allem ärztlichen
    Bestreben, zu helfen, halte ich mir doch vor, dass der psychischen
    Beeinflussung notwendig Grenzen gesetzt sind, und respektiere
    als solche den Willen und die Einsicht des Patienten.

    Ich weiss auch nicht, ob Herr K. mehr erreicht hätte, wäre
    ihm verraten worden, dass jener Schlag ins Gesicht keineswegs
    ein endgültiges „Nein“ Doras bedeutete, sondern der zuletzt ge-
    weckten Eifersucht entsprach, während noch die stärksten
    Regungen ihres Seelenlebens für ihn Partei nahmen. Würde er
    dieses erste „Nein“ überhört und seine Werbung mit über-
    zeugender Leidenschaft fortgesetzt haben, so hätte der Erfolg
    leicht sein können, dass die Neigung des Mädchens sich über alle
    inneren Schwierigkeiten hinweggesetzt hätte. Aber ich meine,
    vielleicht ebenso leicht wäre sie nur gereizt worden, ihre Rach-
    sucht umso ausgiebiger an ihm zu befriedigen. Auf welche Seite
    sich in dem Widerstreit der Motive die Entscheidung neigt, ob
    zur Aufhebung oder zur Verstärkung der Verdrängung, das ist
    niemals zu berechnen. Die Unfähigkeit zur Erfüllung der realen
    Liebesforderung ist einer der wesentlichsten Charakterzüge der
    Neurose; die Kranken sind vom Gegensatz zwischen der Realität
    und der Phantasie beherrscht. Was sie in ihren Phantasien am
    intensivsten ersehnen, davon fliehen sie doch, wenn es ihnen in
    Wirklichkeit entgegentritt, und den Phantasien überlassen sie sich

  • S.

    459

    am liebsten, wo sie eine Realisierung nicht mehr zu befürchten
    brauchen. Die Schranke, welche die Verdrängung aufgerichtet
    hat, kann allerdings unter dem Ansturm heftiger, real veran-
    lasster Erregungen fallen, die Neurose kann noch durch die
    Wirklichkeit überwunden werden. Wir können aber nicht
    allgemein berechnen, bei wem und wodurch diese Heilung
    möglich wäre1).

    IV. Nachwort.

    Ich habe diese Mitteilung zwar als Bruchstück einer Analyse
    angekündigt; man wird aber gefunden haben, dass sie in viel
    weiterem Umfange unvollständig ist, als sich nach diesem ihrem
    Titel erwarten liess. Es geziemt sich wohl, dass ich versuche,
    diese keinesfalls zufälligen Auslassungen zu motivieren.

    Eine Reihe von Ergebnissen der Analyse ist weggeblieben,
    weil sie beim Abbruch der Arbeit teils nicht genügend sicher er-
    kannt, teils einer Fortführung bis zu einem allgemeineren Resultat
    bedürftig waren. Andere Male habe ich, wo es mir statthaft schien,
    auf die wahrscheinliche Fortsetzung einzelner Lösungen hingewiesen.
    Die keineswegs selbstverständliche Technik, mittels welcher man
    allein dem Rohmaterial von Einfällen des Kranken seinen Rein-
    gehalt an wertvollen unbewussten Gedanken entziehen kann, ist
    von mir hier durchwegs übergangen worden, womit der Nachteil

    1)Noch einige Bemerkungen über den Aufbau dieses Traumes, der sich
    nicht so gründlich verstehen lässt, dass man seine Synthese versuchen könnte.
    Als ein fassadenartig vorgeschobenes Stück lässt sich die Rachephantasie
    gegen den Vater herausheben: Sie ist eigenmächtig von Hause weggegangen;
    der Vater ist erkrankt, dann gestorben – Sie geht jetzt nach Hause, die
    Anderen sind schon alle auf dem Friedhof. Sie geht gar nicht traurig auf
    ihr Zimmer und liest ruhig im Lexikon. Darunter zwei Anspielungen auf
    den anderen Racheakt, den sie wirklich ausgeführt, indem sie die Eltern
    einen Abschiedsbrief finden liess: Der Brief (im Traum von der Mama)
    und die Erwähnung der Leichenbegängnisses der für sie vorbildlichen Tante.
    – Hinter dieser Phantasie verbergen sich die Rachegedanken gegen Herrn K.,
    denen sie in ihrem Benehmen gegen mich einen Ausweg geschafft hat. Das
    Dienstmädchen – die Einladung – der Wald – die 2 Stunden stammen
    aus dem Material der Vorgänge in L. Die Erinnerung an die Gouvernante
    und deren Briefverkehr mit ihren Eltern tritt mit dem Element ihres Ab-
    schiedsbriefes zu dem im Trauminhalt vorfindlichen Brief, der ihr nach
    Hause zu kommen erlaubt, zusammen. Die Ablehnung, sich begleiten zu
    lassen, der Entschluss, allein zu gehen, lässt sich wohl so übersetzen: Weil
    du mich wie ein Dienstmädchen behandelt hast, lasse ich dich stehen, gehe
    allein meine Wege und heirate nicht. – Durch diese Rachegedanken verdeckt,
    schimmert an anderen Stellen Material aus zärtlichen Phantasien aus der
    unbewusst fortgesetzten Liebe zu Herrn K. durch: Ich hätte auf dich
    gewartet, bis ich deine Frau geworden wäre – die Defloration – die Ent-
    bindung. – Endlich gehört es dem vierten, am tiefsten verborgenen Gedanken
    kreise, dem der Liebe zu Frau K. an, dass die Deflorationsphantasie vom
    Standpunkt des Mannes dargestellt wird (Identifizierung mit dem Verehrer,
    der jetzt in der Fremde weilt) und dass an zwei Stellen die deutlichsten
    Anspielungen auf zweideutige Reden (wohnt hier der Herr X. †) und auf
    die nicht mündliche Quelle ihrer sexuellen Kenntnisse (Lexikon) enthalten sind.
    Grausame und sadistische Regungen finden in diesem Traume ihre Erfüllung.