• S.

    459

    am liebsten, wo sie eine Realisierung nicht mehr zu befürchten
    brauchen. Die Schranke, welche die Verdrängung aufgerichtet
    hat, kann allerdings unter dem Ansturm heftiger, real veran-
    lasser Erregungen fallen, die Neurose kann noch durch die
    Wirklichkeit überwunden werden. Wir können aber nicht
    allgemein berechnen, bei wem und wodurch diese Heilung
    möglich wäre1).

    IV. Nachwort.

    Ich habe diese Mitteilung zwar als Bruchstück einer Analyse
    angekündigt; man wird aber gefunden haben, dass sie in viel
    weiterem Umfange unvollständig ist, als sich nach diesem ihrem
    Titel erwarten liess. Es geziemt sich wohl, dass ich versuche,
    diese keinesfalls zufälligen Auslassungen zu motivieren.

    Eine Reihe von Ergebnissen der Analyse ist weggeblieben,
    weil sie beim Abbruch der Arbeit teils nicht genügend sicher er-
    kannt, teils einer Fortführung bis zu einem allgemeineren Resultat
    bedürftig waren. Andere Male habe ich, wo es mir statthaft schien,
    auf die wahrscheinliche Fortsetzung einzelner Lösungen hingewiesen.
    Die keineswegs selbstverständliche Technik, mittels welcher man
    allein dem Rohmaterial von Einfällen des Kranken seinen Rein-
    gehalt an wertvollen unbewussten Gedanken entziehen kann, ist
    von mir hier durchwegs übergangen worden, womit der Nachteil


    1)Noch einige Bemerkungen über den Aufbau dieses Traumes, der sich
    nicht so gründlich verstehen lässt, dass man seine Synthese versuchen könnte.
    Als ein fassadenartig vorgeschobenes Stück lässt sich die Rachephantasie
    gegen den Vater herausheben: Sie ist eigenmächtig von Hause weggegangen;
    der Vater ist erkrankt, dann gestorben. — Sie geht jetzt nach Hause, die
    Anderen sind schon alle auf dem Friedhof. Sie geht gar nicht traurig auf
    ihr Zimmer und liest ruhig im Lexikon. Darunter zwei Anspielungen auf
    den anderen Racheakt, den sie wirklich ausgeführt, indem sie die Eltern
    einen Abschiedsbrief finden liess: Der Brief (im Traum von der Mama)
    und die Erwähnung der Leichenbegängnisses der für sie vorbildlichen Tante.
    — Hinter dieser Phantasie verbergen sich die Rachegedanken gegen Herrn K.,
    denen sie in ihrem Benehmen gegen mich einen Ausweg geschaffen hat. Das
    Dienstmädchen — die Einladung — „der Wald“* — die 2 Stunden stammen
    aus dem Material der Vorgänge in L. Die Erinnerung an die Gouvernante
    und deren Briefverkehr mit ihren Eltern tritt mit dem Element ihres Ab-
    schiedsbriefes zu dem im Trauminhalt vorfindlichen Brief, der ihr nach
    Hause zu kommen erlaubt, zusammen. Die Ablehnung, sich begleiten zu
    lassen, der Entschluss, allein zu gehen, lässt sich wohl so übersetzen: Weil
    du mich wie ein Dienstmädchen behandelt hast, lasse ich dich stehen, gehe
    allein meine Wege und heirate nicht. — Durch diese Rachegedanken verdeckt,
    schimmert an anderen Stellen Material aus zärtlichen Phantasien aus der
    unbewusst fortgesetzten Liebe zu Herrn K. durch: Ich hätte auf dich
    gewartet, bis ich deine Frau geworden wäre — die Defloration — die Ent-
    bindung. — Endlich gehört es dem vierten, am tiefsten verborgenen Gedanken
    kreise, dem der Liebe zu Frau K. an, dass die Deflorationsphantasie vom
    Standpunkt des Mannes dargestellt wird (Identifizierung mit dem Verehrer,
    der jetzt in der Fremde weilt) und dass an zwei Stellen die deutlichsten
    Anspielungen auf zweideutige Reden (wohnt hier der Herr X.?) und auf
    die nicht mündliche Quelle ihrer sexuellen Kenntnisse (Lexikon) enthalten sind.
    Grausame und sadistische Regungen finden in diesem Traume ihre Erfüllung.

  • S.

    460

    verbunden bleibt, dass der Leser die Korrektheit meines Vorgehens
    bei diesem Darstellungsprozess nicht bestätigen kann. Ich fand
    es aber ganz undurchführbar, die Technik einer Analyse und die
    innere Struktur eines Falles von Hysterie in Einem zu behandeln;
    es wäre für mich eine fast unmögliche Leistung und für den
    Leser eine sicher ungeniessbare Lektüre geworden. Die Technik
    erfordert durchaus eine abgesonderte Darstellung, die durch zahl-
    reiche, den verschiedensten Fällen entnommene Beispiele erläutert
    wird und von dem jedesmaligen Ergebnis absehen darf. Auch
    die psychologischen Voraussetzungen, die sich in meinen Be-
    schreibungen psychischer Phänomene verraten, habe ich hier zu
    begründen nicht versucht. Eine flüchtige Begründung würde nichts
    leisten; eine ausführliche wäre eine Arbeit für sich. Ich kann
    nur versichern, dass ich, ohne einem bestimmten psychologischen
    System verpflichtet zu sein, an das Studium der Phänomene ge-
    gangen bin, welche die Beobachtung der Psychoneurotiker enthüllt,
    und dass ich dann meine Meinungen um soviel zurechtgerückt
    habe, bis sie mir geeignet erschienen, von dem Zusammenhange
    des Beobachteten Rechenschaft zu geben. Ich setze keinen Stolz
    darein, die Spekulation vermieden zu haben; das Material für
    diese Hypothesen ist aber durch die ausgedehnteste und mühe-
    vollste Beobachtung gewonnen worden. Besonders dürfte die
    Entschiedenheit meines Standpunktes in der Frage des Unbewussten
    Anstoss erregen, indem ich mit unbewussten Vorstellungen, Ge-
    dankenzügen und Regungen so operiere, als ob sie ebenso gute
    und unzweifelhafte Objekte der Psychologie wären wie alles Be-
    wusste; aber ich bin dessen sicher, wer dasselbe Erscheinungs-
    gebiet mit der nämlichen Methode zu erforschen unternimmt, wird
    nicht umhin können, sich trotz alles Abmahnens der Philosophen
    auf denselben Standpunkt zu stellen.

    Diejenigen Fachgenossen, welche meine Theorie der Hysterie
    für eine rein psychologische gehalten und darum von vornherein
    für unfähig erklärt haben, ein pathologisches Problem zu lösen,
    werden aus dieser Abhandlung wohl entnehmen, dass ihr Vorwurf
    einen Charakter der Technik ungerechter Weise auf die Theorie
    überträgt. Nur die therapeutische Technik ist rein psychologisch;
    die Theorie versäumt es keineswegs, auf die organische Grund-
    lage der Neurose hinzuweisen, wenngleich sie dieselbe nicht in
    einer pathologisch-anatomischen Veränderung sucht und die zu-
    erwartende chemische Veränderung als derzeit noch unfassbar
    durch die Vorläufigkeit der organischen Funktion ersetzt. Der
    Sexualfunktion, in welcher ich die Begründung der Hysterie wie der
    Psychoneurosen überhaupt sehe, wird den Charakter eines organi-
    schen Faktors wohl niemand absprechen wollen. Eine Theorie
    des Sexualliebens wird, wie ich vermute, der Annahme bestimmter,
    erregend wirkender Sexualstoffe nicht entbehren können. Die
    Intoxikationen und Abstinenzen beim Gebrauch gewisser chroni-
    scher Gifte stehen ja unter allen Krankheitsbildern, welche uns
    die Klinik kennen lehrt, den genuinen Psychoneurosen am nächsten.

  • S.

    461

    Was sich aber über das „somatische Entgegen-
    kommen“, über die infantilen Keime zur Perversion, über die erogenen Zonen
    und die Anlage zur Bisexualität heute aussagen lässt, habe ich
    in dieser Abhandlung gleichfalls nicht ausgeführt, sondern nur die
    Stellen hervorgehoben, an denen die Analyse auf diese organischen
    Fundamente der Symptome stösst. Mehr liess sich von einem
    vereinzelten Fall aus nicht tun, auch hatte ich die nämlichen
    Gründe wie oben, eine beiläufige Erörterung dieser Momente zu
    vermeiden. Hier ist reichlicher Anlass zu weiteren, auf eine grosse
    Zahl von Analysen gestützten Arbeiten gegeben.
    Mit dieser soweit unvollständigen Veröffentlichung wollte ich
    doch zweierlei erreichen. Erstens, als Ergänzung zu meinem
    Buche über die Traumdeutung, zeigen, wie diese sonst un-
    nütze
    Kunst zur Aufdeckung des Verborgenen und Verdrängten im
    Seelenleben verwendet werden kann; bei der Analyse der beiden
    hier mitgeteilten Träume ist dann auch die Technik des Traum-
    deutens, welche der psycho-analytischen ähnlich ist, berücksichtigt
    worden. Zweitens wollte ich Interesse für eine Reihe von Ver-
    hältnissen erwecken, welche heute der Wissenschaft noch völlig
    unbekannt sind, weil sie sich nur bei Anwendung dieses bestimmten
    Verfahrens entdecken lassen. Von der Komplikation der psychischen
    Vorgänge bei der Hysterie, dem Nebeneinander der verschieden-
    artigsten Regungen, der gegenseitigen Bindung der Gegensätze,
    den Verdrängungen und Verschiebungen u. a. m. hat wohl niemand
    eine richtige Ahnung haben können. Janets Hervorhebung der
    „Idée fixe“, die sich in das Symptom umsetzt, bedeutet nichts als
    eine wahrhaft kümmerliche Schematisierung. Man wird sich auch
    der Vermutung nicht erwehren können, dass Erregungen, deren
    zugehörige Vorstellungen der Bewusstseins-
    fähigkeit ermangeln,
    anders aufeinander einwirken, anders verlaufen und zu anderen
    Aeusserungen führen, als die von uns „normal“ genannten, deren
    Vorstellungs-
    inhalt uns bewusst wird. Ist man soweit aufgeklärt,
    so steht dem Verständnis einer Therapie nichts mehr im Wege,
    welche neurotische Symptome aufhebt, indem sie Vorstellungen
    der ersteren Art in normale verwandelt.
    Es lag mir auch daran, zu zeigen, dass die Sexualität nicht
    bloss als einmal auftretender Deus ex machina irgendwo in das
    Getriebe der für die Hysterie charakteristischen Vorgänge ein-
    greift, sondern dass sie die Triebkraft für jedes einzelne Symptom
    und für jede einzelne Aeusserung eines Symptoms abgibt. Die
    Krankheits-
    erscheinungen sind, geradezu gesagt, die Sexual-
    betätigung der Kranken. Ein einzelner Fall wird niemals im
    Stande sein, einen so allgemeinen Satz zu erweisen, aber ich
    kann es nur immer wieder von neuem wiederholen, weil ich es
    niemals anders finde, dass die Sexualität der Schlüssel zum Problem
    der Psychoneurosen, wie der Neurosen überhaupt ist. Wer ihn
    verschmäht, wird niemals aufzuschliessen im Stande sein. Ich
    warte noch auf die Untersuchungen, welche diesen Satz auf-
    zuheben oder einzuschränken vermögen sollen. Was ich bis jetzt

  • S.

    462

    dagegen gehört habe, waren Aeusserungen persönlichen Miss-
    fallens oder Unglaubens, denen es genügt, das Wort Charcots
    entgegenzuhalten: „Ça n’empêche pas d’exister.“

    Der Fall, aus dessen Kranken- und Behandlungsgeschichte
    ich hier ein Bruchstück veröffentlicht habe, ist auch nicht ge-
    eignet, den Wert der psychoanalytischen Therapie ins rechte
    Licht zu setzen. Nicht nur die Kürze der Behandlungsdauer,
    die kaum 3 Monate betrug, sondern noch ein anderes dem Falle
    innewohnendes Moment haben es verhindert, dass die Kur mit
    der sonst zu erreichenden, vom Kranken und seinen Angehörigen
    zugestandenen Besserung abschloss, die mehr oder weniger nahe
    an vollkommene Heilung heranreicht. Solche erfreuliche Erfolge
    erzielt man, wo die Krankheitserscheinungen allein durch den
    inneren Konflikt zwischen den auf die Sexualität bezüglichen
    Regungen gehalten werden. Man sieht in diesen Fällen das Be-
    finden der Kranken in dem Maasse sich bessern, in dem man
    durch Uebersetzung des pathogenen Materials in normales zur
    Lösung ihrer psychischen Aufgaben beigetragen hat. Anders ist
    der Verlauf, wo sich die Symptome in den Dienst äusserer
    Motive des Lebens gestellt haben, wie es auch bei Dora seit den
    letzten zwei Jahren geschehen war. Man ist überrascht und
    könnte leicht irre werden, wenn man erfährt, dass das Befinden
    der Kranken durch die selbst weit vorgeschrittene Arbeit nicht
    merklich geändert wird. In Wirklichkeit steht es nicht so arg;
    die Symptome schwinden zwar nicht unter der Arbeit, wohl aber
    eine Zeit lang nach derselben, wenn die Beziehungen zum Arzte
    gelöst sind. Der Aufschub der Heilung oder Besserung ist
    wirklich nur durch die Person des Arztes verursacht.

    Ich muss etwas weiter ausholen, um diesen Sachverhalt
    verständlich zu machen. Während einer psychoanalytischen Kur
    ist die Neubildung von Symptomen, man darf wohl sagen: regel-
    mässig, sistiert. Die Produktivität der Neurose ist aber durch-
    aus nicht erloschen, sondern betätigt sich in der Schöpfung einer
    besonderen Art von meist unbewussten Gedankenbildungen, welchen
    man den Namen „Uebertragungen“ verleihen kann.

    Was sind die Uebertragungen? Es sind Neuauflagen, Nach-
    bildungen von den Regungen und Phantasien, die während des
    Vordringens der Analyse erweckt und bewusst gemacht werden
    sollen, mit einer für die Gattung charakteristischen Ersetzung
    einer früheren Person durch die Person des Arztes. Um es anders
    zu sagen: eine ganze Reihe früherer psychischer Erlebnisse wird
    nicht als vergangen, sondern als aktuelle Beziehung zur Person
    des Arztes wieder lebendig. Es gibt solche Uebertragungen, die
    sich im Inhalt von ihrem Vorbild in gar nichts bis auf die Er-
    setzung unterscheiden. Das sind also, um in dem Gleichnis zu
    bleiben, einfache Neudrucke, unveränderte Neuauflagen. Andere
    sind kunstvoller gemacht, sie haben eine Milderung ihres Inhaltes,
    eine Sublimierung, wie ich sage, erfahren und vermögen selbst
    bewusst zu werden, indem sie sich an irgend eine geschickt ver-
     

  • S.

    463

    wertete reale Besonderheit bei der Person oder den Verhältnissen
    des Arztes anlehnen. Das sind also Neubearbeitungen, nicht
    mehr Neudrucke.

    Wenn man sich in die Theorie der analytischen Technik
    einlässt, kommt man zu der Einsicht, dass die Uebertragung
    etwas notwendig gefordertes ist. Praktisch überzeugt man sich
    wenigstens, dass man ihr durch keinerlei Mittel ausweichen kann
    und dass man diese letzte Schöpfung der Krankheit wie alle
    früheren zu bekämpfen hat. Nun ist dieses Stück der Arbeit
    das bei weitem schwierigste. Das Deuten der Träume, das Ex-
    trahieren der unbewussten Gedanken und Erinnerungen aus
    den Einfällen des Kranken und ähnliche Uebersetzungskünste
    sind leicht zu erlernen; dabei liefert immer der Kranke
    selbst den Text. Die Uebertragung allein muss man fast selbst-
    ständig erraten auf geringfügige Anhaltspunkte hin und ohne sich
    der Willkür schuldig zu machen. Zu umgehen ist sie aber nicht,
    da sie zur Herstellung aller Hindernisse verwendet wird, welche
    das Material der Kur unzugänglich machen, und da die Ueber-
    zeugungsempfindung für die Richtigkeit der konstruierten Zu-
    sammenhänge beim Kranken erst nach der Lösung der Ueber-
    tragung hervorgerufen wird.

    Man wird geneigt sein, es für einen schweren Nachteil des
    ohnehin unbequemen Verfahrens zu halten, dass dasselbe die
    Arbeit des Arztes durch Schöpfung einer neuen Gattung von
    krankhaften psychischen Produkten noch vermehrt, ja wird viel-
    leicht eine Schädigung des Kranken durch die analytische Kur
    aus der Existenz der Uebertragungen ableiten wollen. Beides
    wäre irrig. Die Arbeit des Arztes wird durch die Uebertragung
    nicht vermehrt; es kann ihm ja gleichgültig sein, ob er die be-
    treffende Regung des Kranken in Verbindung mit seiner Person
    oder mit einer anderen zu überwinden hat. Die Kur nötigt aber
    auch dem Kranken mit der Uebertragung keine neue Leistung auf,
    die er nicht auch sonst vollzogen hätte. Wenn Heilungen von
    Neurosen auch in Anstalten zu Stande kommen, wo psychisch-
    analytische Behandlung ausgeschlossen ist, wenn man sagen
    konnte, dass die Hysterie nicht durch die Methode, sondern
    durch den Arzt geheilt wird, wenn sich eine Art von
    blinder Abhängigkeit und dauernder Fesselung des Kranken
    an den Arzt zu ergeben pflegt, der ihn durch hypnotische
    Suggestion von seinen Symptomen befreit hat, so ist die
    wissenschaftliche Erklärung für all dies in „Uebertragungen“ zu
    sehen, die der Kranke regelmässig auf die Person des Arztes
    vornimmt. Die psychoanalytische Kur schafft die Uebertragung
    nicht, sie deckt sie blos, wie anderes im Seelenleben Verborgene,
    auf. Der Unterschied äussert sich nur darin, dass der Kranke
    spontan bloss zärtliche und freundschaftliche Uebertragungen zu
    seiner Heilung wachruft; wo dies nicht der Fall sein kann, reisst
    er sich so schnell als möglich unbeeinflusst vom Arzt, der ihm
    nicht „sympathisch“ ist, los. In der Psychoanalyse werden hin-

  • S.

    464

    gegen, entsprechend einer veränderten Motivenlage, alle Regungen,
    auch die feindseligen, geweckt, durch Bewusstmachen für die
    Analyse verwertet, und dabei wird die Uebertragung immer wieder
    vernichtet. Die Uebertragung, die das grösste Hindernis für die
    Psychoanalyse zu werden bestimmt ist, wird zum mächtigsten
    Hilfsmittel derselben, wenn es gelingt, sie jedesmal zu erraten
    und den Kranken zu übersetzen.

    Ich musste von der Uebertragung sprechen, weil ich die
    Besonderheiten der Analyse Doras nur durch dieses Moment auf-
    zuklären vermag. Was den Vorzug derselben ausmacht und sie
    als geeignet für eine erste, einführende Publikation erscheinen
    lässt, ihre besondere Durchsichtigkeit, das hängt mit ihrem
    grossen Mangel, welcher zu ihrem vorzeitigen Abbruch führte,
    innig zusammen. Es gelang mir hier nicht, der Uebertragung
    rechtzeitig Herr zu werden; durch die Bereitwilligkeit, mit welcher
    sie mir den einen Teil des pathogenen Materials in der Kur zur
    Verfügung stellte, vergass ich der Vorsicht, auf die ersten Zeichen
    der Uebertragung zu achten, welche sie mit einem anderen, mir
    unbekannt gebliebenen Teil desselben Materials vorbereitete. Zu
    Anfang war es klar, dass ich ihr in der Phantasie den Vater
    ersetzte, wie es auch bei dem Unterschied unserer Lebensalter
    nahe lag. Sie verglich mich auch immer bewusst mit ihm, suchte
    sich ängstlich zu vergewissern, ob ich auch ganz aufrichtig gegen
    sie sei, denn der Vater „bevorzuge immer die Heimlichkeit und
    einen krummen Umweg“. Als dann der erste Traum kam, in
    dem sie sich warnte, die Kur zu verlassen wie seinerzeit das
    Haus des Herrn K., hätte ich selbst gewarnt werden müssen und
    ihr vorhalten sollen: „Jetzt haben Sie eine Uebertragung von
    Herrn K. auf mich gemacht. Haben Sie etwas bemerkt, was Sie
    auf böse Absichten schliessen lässt, die denen des Herrn K.
    (direkt oder in irgend einer Sublimierung) ähnlich sind, oder ist
    Ihnen etwas an mir aufgefallen oder von mir bekannt geworden,
    was Ihre Zuneigung erzwingt, wie ehemals bei Herrn K.?“ Dann
    hätte sich ihre Aufmerksamkeit auf irgend ein Detail aus unserem
    Verkehr, an meiner Person oder an meinen Verhältnissen gerichtet,
    hinter dem etwas Analoges, aber ungleich Wichtigeres, das Herrn K.
    betraf, sich verborgen hielt, und durch die Lösung dieser Ueber-
    tragung hätte die Analyse den Zugang zu neuem, wahrscheinlich
    tatsächlichem Material der Erinnerung gewonnen. Ich überhörte
    aber diese erste Warnung, meinte, es sei reichlich Zeit, da sich
    andere Stufen der Uebertragung nicht einstellten und das Material
    für die Analyse noch nicht versiegte. So wurde ich denn von der
    Uebertragung überrascht und wegen des X, in dem ich sie an
    Herrn K. erinnerte, rächte sie sich an mir, wie sie sich an Herrn K.
    rächen wollte, und verliess mich, wie sie sich von ihm getäuscht
    und verlassen glaubte. Sie agierte so ein wesentliches Stück
    ihrer Erinnerungen und Phantasien, anstatt es in der Kur zu
    reproduzieren. Welches dieses X war, kann ich natürlich nicht
    wissen; ich vermute, es bezog sich auf Geld, oder es war Eifer-
     

  • S.

    465

    sucht gegen eine andere Patientin, die nach ihrer Heilung im
    Verkehr mit meiner Familie geblieben war. Wo sich die Ueber-
    tragungen frühzeitig in die Analyse einbeziehen lassen, da wird
    deren Verlauf undurchsichtig und verlangsamt, aber ihr Bestand
    ist gegen plötzliche unwiderstehliche Widerstände besser gesichert.

    In dem zweiten Traum Doras ist die Uebertragung durch
    mehrere deutliche Anspielungen vertreten. Als sie ihn mir er-
    zählte, wusste ich noch nicht, erfuhr es erst 2 Tage später, dass
    wir nur noch 2 Stunden Arbeit vor uns hatten, dieselbe Zeit,
    die sie vor dem Bilde der sixtinischen Madonna verbracht, und
    diese auch vermittelsteiner Korrektur (2 Stunden anstatt 21/2 Stunden)
    zum Mass des von ihr nicht zurückgelegten Weges um den See
    gemacht hatte. Das Streben und Warten im Traum, das sich auf
    den jungen Mann in Deutschland bezog und von ihrem Warten,
    bis Herr K. sie heiraten könne, herstammte, hatte sich schon
    einige Tage vorher in der Uebertragung geäussert: Die Kur dauere
    ihr zu lange, sie werde nicht die Geduld haben, so lange zu
    warten, während sie in den ersten Wochen Einsicht genug gezeigt
    hatte, meine Ankündigung, ihre volle Herstellung werde etwa ein
    Jahr in Anspruch nehmen, ohne solchen Einspruch anzuhören.
    Die Ablehnung der Begleitung im Traum, sie wolle lieber allein
    gehen, die gleichfalls aus dem Besuch in der Dresdener Galerie
    herrührte, sollte ich ja an dem hierfür bestimmten Tage erfahren.
    Sie hatte wohl den Sinn: Da alle Männer so abscheulich sind, so
    will ich lieber nicht heiraten. Dies meine Rache1).

    Wo Regungen der Grausamkeit und Motive der Rache, die
    schon im Leben zur Aufrechterhaltung der Symptome verwendet
    worden sind, sich während der Kur auf den Arzt übertragen,
    ehe er Zeit gehabt hat, dieselben durch Rückführung auf ihre
    Person abzulösen, da darf es nicht Wunder
    nehmen, dass das Befinden der Kranken nicht den Einfluss seiner
    therapeutischen Bemühung zeigt. Denn wodurch könnte die

    1)Je weiter ich mich zeitlich von der Beendigung dieser Analyse
    entferne, desto wahrscheinlicher wird mir, dass mein technischer Fehler in
    folgender Unterlassung bestand: Ich habe es versäumt, rechtzeitig zu erraten
    und der Kranken mitzuteilen, dass die homosexuelle (gynäkophile) Liebes-
    strömung für Frau K. die stärkste der unbewussten Strömungen ihres Seelen-
    lebens war. Ich hätte erraten müssen, dass keine andere Person als Frau K.
    die Hauptquelle für ihre Kenntnis sexueller Dinge sein konnte, dieselbe
    Person, von der sie dann wegen ihres Interesses an solchen Gegenständen
    verklagt worden war. Es war doch zu auffällig, dass sie alles Anstössige
    wusste und niemals wissen wollte, woher sie es wusste. An dieses Rätsel
    hätte ich anknüpfen, für diese sonderbare Verdrängung hätte ich das Motiv
    suchen müssen. Der zweite Traum hätte es mir dann verraten. Die rück-
    sichtslose Rachsucht, welcher dieser Traum den Ausdruck gab, war wie nichts
    anderes geeignet, die gegensätzliche Strömung zu verdecken, den Edelmuth,
    mit dem sie den Verrat der geliebten Freundin verzieh und es allen verbarg,
    dass diese selbst ihr die Eröffnungen gemacht, deren Kenntnis dann zu ihrer
    Verdächtigung verwendet wurde. Ehe ich die Bedeutung der homosexuellen
    Strömung bei den Psychoneurotikern erkannt hatte, bin ich oftmals in der
    Behandlung von Fällen stecken geblieben oder in völlige Verwirrung geraten.

  • S.

    466

    Kranke sich wirksamer rächen, als indem sie an ihrer Person
    dartut, wie ohnmächtig und unfähig der Arzt ist? Dennoch bin
    ich geneigt, den therapeutischen Wert auch so fragmentarischer
    Behandlungen, wie die Doras war, nicht gering zu veranschlagen.

    Erst fünf Vierteljahre nach Abschluss der Behandlung und
    dieser Niederschrift erhielt ich Nachricht von dem Befinden
    meiner Patientin und somit von dem Ausgange der Kur. An
    einem nicht ganz gleichgültigen Datum, am 1. April, – wir
    wissen, dass Zeiten bei ihr nie bedeutungslos waren – erschien
    sie bei mir, um ihre Geschichte zu beenden und um neuerdings
    Hilfe zu erbitten; ein Blick auf ihre Miene konnte mir aber ver-
    raten, dass es ihr mit dieser Bitte nicht ernst war. Sie war
    noch 4–5 Wochen, nachdem sie die Behandlung verlassen, im
    „Durcheinander“, wie sie sagte. Dann trat eine grosse Besserung
    ein, die Anfälle wurden seltener, ihre Stimmung gehoben. Im
    Mai des jetzt vergangenen Jahres starb das eine Kind des Ehe-
    paares K., das immer gekränkelt hatte. Sie nahm diesen Trauer-
    fall zum Anlass, um den K. einen Kondolenzbesuch zu machen,
    und wurde von ihnen empfangen, als ob in diesen letzten drei
    Jahren nichts vorgefallen wäre. Damals söhnte sie sich mit
    ihnen aus, nahm ihre Rache an ihnen und brachte ihre An-
    gelegenheit zu einem für sie befriedigenden Abschluss. Der Frau
    sagte sie: Ich weiss, Du hast ein Verhältnis mit dem Papa, und
    diese leugnete nicht. Den Mann veranlasste sie, die von ihm
    bestrittene Szene am See zuzugestehen, und brachte diese, sie
    rechtfertigende Nachricht ihrem Vater. Sie hat den Verkehr mit
    der Familie nicht wieder aufgenommen.

    Es ging ihr dann ganz gut bis Mitte Oktober, um welche
    Zeit sich wieder ein Anfall von Stimmlosigkeit einstellte, der
    sechs Wochen lang anhielt. Ueber diese Mitteilung überrascht,
    frage ich, ob dafür ein Anlass vorhanden war, und höre, dass
    der Anfall an ein heftiges Erschrecken anschloss. Sie musste zu-
    sehen, wie jemand von einem Wagen überfahren wurde. Endlich
    rückt sie damit heraus, dass der Unfall keinen anderen als
    Herrn K. betroffen hat. Sie traf ihn eines Tages auf der Strasse;
    er kam ihr an einer Stelle lebhaften Verkehrs entgegen, blieb
    wie verworren vor ihr stehen und liess sich in der Selbst-
    vergessenheit von einem Wagen niederwerfen1). Sie überzeugte
    sich übrigens, dass er ohne erheblichen Schaden davonkam. Es
    rege sich noch leise in ihr, wenn sie von dem Verhältnis des
    Papas zu Frau K. reden höre, in welches sie sich sonst nicht
    mehr menge. Sie lebe ihren Studien, gedenke nicht zu heiraten.
    Meine Hilfe suchte sie wegen einer rechtsseitigen Gesichts-
    neuralgie, die jetzt Tag und Nacht anhalte. Seit wann? „Seit

    1)Ein interessanter Beitrag zu dem in meiner „Psychopathologie des
    Alltagslebens“ behandelten indirekten Selbstmordversuch.

  • S.

    467

    genau vierzehn Tagen1). — Ich musste lächeln, da ich ihr nach
    weisen konnte, dass sie vor genau vierzehn Tagen eine mich be-
    treffende Nachricht in der Zeitung gelesen, was sie auch be
    stätigte (1902).

    Die angebliche Gesichtsneuralgie entsprach also einer Selbst-
    bestrafung, der Reue wegen der Ohrfeige, die sie damals Herrn
    K. gegeben, und der daraus auf mich bezogenen Racheüber-
    tragung. Welche Art Hilfe sie von mir verlangen wollte, weiss
    ich nicht, aber ich versprach, ihr zu verzeihen dass sie mich um
    die Befriedigung gebracht, sie weit gründlicher von ihrem Leiden
    zu befreien.

    Es sind wiederum Jahre seit diesem Besuche bei mir ver-
    gangen. Das Mädchen hat sich seither verheiratet, und zwar
    mit jenem jungen Manne, wenn mich nicht alle Anzeichen
    trügen, den die Einfälle zu Beginn der Analyse des zweiten
    Traumes erwähnten. Wie der erste Traum die Abwendung vom
    geliebten Manne zum Vater, also die Flucht aus dem Leben in
    die Krankheit bezeichnete, so verkündete ja dieser zweite Traum,
    dass sie sich vom Vater losreissen werde und dem Leben wieder-
    gewonnen sei.


    1)Siehe die Bedeutung dieses Termins und dessen Beziehung zum
    Thema der Rache in der Analyse des zweiten Traumes.

  • S.

    1

    Die Traumdeutung ist, wie der Name sagt, der Versuch, die Bedeutung
    des Traumes zu finden. Sie ist nicht der Versuch, die Entstehung des Traumes
    zu erklären, die Traumbildung. Die Traumbildung ist ein Teil der Traumdeutung,
    aber nicht das Ganze. Die Traumdeutung ist die Methode, die Bedeutung
    des Traumes zu finden. Die Traumbildung ist der Prozeß, durch den der
    Traum entsteht. Die Traumdeutung ist die Kunst, die Bedeutung des Traumes
    zu finden. Die Traumbildung ist die Wissenschaft, die Entstehung des Traumes
    zu erklären.

    Die Traumdeutung ist ein Teil der Psychoanalyse. Sie ist die Methode,
    die unbewußten Wünsche und Konflikte des Menschen zu erkennen. Der Traum
    ist ein Ausdruck dieser unbewußten Wünsche und Konflikte. Die Traumdeutung
    ist die Methode, diese unbewußten Wünsche und Konflikte zu entschlüsseln.
    Sie ist ein Weg, das Unbewußte bewußt zu machen.

    Die Traumdeutung ist eine alte Kunst. Schon in der Antike haben die
    Menschen versucht, die Bedeutung ihrer Träume zu verstehen. Aber erst
    Sigmund Freud hat die Traumdeutung zu einer wissenschaftlichen Methode
    entwickelt. Er hat gezeigt, daß der Traum kein zufälliges Ereignis ist,
    sondern ein sinnvoller Ausdruck der menschlichen Psyche.

    Die Traumdeutung ist eine schwierige Kunst. Sie erfordert viel Geduld,
    Einfühlungsvermögen und Erfahrung. Aber sie ist auch eine sehr lohnende
    Kunst. Sie kann uns helfen, uns selbst besser zu verstehen und unsere
    Probleme zu lösen.

    Die Traumdeutung ist ein wichtiger Bestandteil der Psychoanalyse.
    Sie ist ein Schlüssel zum Verständnis des Unbewußten. Sie kann uns helfen,
    unsere inneren Konflikte zu erkennen und zu überwinden. Sie kann uns
    helfen, ein erfüllteres Leben zu führen.

    Die Traumdeutung ist eine faszinierende Kunst. Sie öffnet uns die
    Tür zu einer verborgenen Welt, der Welt des Unbewußten. Sie zeigt uns,
    daß wir viel mehr sind als wir denken

  • S.

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