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    Sonder-Abdruck aus Monatsschr. f. Psychiatrie u. Neurologie, Bd. XVIII, H. 4.
    Herausgegeben von C. Wernicke und Th. Ziehen.
    Verlag von S. Karger in Berlin NW. 6.

    Bruchstück einer Hysterie-Analyse.

    Von
    Prof. Dr. Sigm. Freud
    in Wien.

    Vorwort.

    Wenn ich nach längerer Pause daran gehe, meine in den
    Jahren 1895 und 1896 aufgestellten Behauptungen über die Patho-
    genese hysterischer Symptome und die psychischen Vorgänge bei
    der Hysterie durch ausführliche Mitteilung einer Kranken- und
    Behandlungsgeschichte zu erhärten, so kann ich mir dieses Vor-
    wort nicht ersparen, welches mein Tun einerseits nach ver-
    schiedenen Richtungen rechtfertigen, anderseits die Erwartungen,
    die es empfangen werden, auf ein billiges Maass zurückführen soll.
    Es war sicherlich misslich, dass ich Forschungsergebnisse,
    und zwar solche von überraschender und wenig einschmeichelnder
    Art, veröffentlichen musste, denen die Nachprüfung von Seiten
    der Fachgenossen notwendiger Weise versagt blieb. Es ist aber
    kaum weniger misslich, wenn ich jetzt beginne, etwas von dem
    Material dem allgemeinen Urteil zugänglich zu machen, aus dem
    ich jene Ergebnisse gewonnen hatte. Ich werde dem Vorwurfe
    nicht entgehen. Hatte er damals gelautet, dass ich nichts von
    meinen Kranken mitgeteilt, so wird er nun lauten, dass ich von
    mitgeteilt, so wird er nun lauten, dass ich von
    meinen Kranken mitgeteilt, was man nicht mitteilen soll. Ich
    hoffe, es werden die nämlichen Personen sein, welche in solcher
    Art den Vorwand für ihren Vorwurf wechseln werden, und gebe
    es von vornherein auf, diesen Kritikern jemals ihren Vorwurf
    zu entreissen.

    Die Veröffentlichung meiner Krankengeschichten bleibt für
    mich eine schwer zu lösende Aufgabe, auch wenn ich mich um
    jene einsichtslosen Uebelwollenden weiter nicht bekümmere. Die
    Schwierigkeiten sind zum Teil technischer Natur, zum anderen
    Teil gehen sie aus dem Wesen der Verhältnisse selbst hervor.
    Wenn es richtig ist, dass die Verursachung der hysterischen Er-
    krankungen in den Intimitäten des psycho-sexuellen Lebens der
    Kranken gefunden wird, und dass die hysterischen Symptome
    der Ausdruck ihrer geheimsten verdrängten Wünsche sind, so
    kann die Klarlegung eines Falles von Hysterie nicht anders, als
    diese Intimitäten aufdecken und diese Geheimnisse verraten.
    Es ist gewiss, dass die Kranken nie gesprochen hätten, wenn
    ihnen die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Verwertung ihrer

    Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie. Bd. XVIII. Heft 4. 20

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    Geständnisse in den Sinn gekommen wäre, und ebenso gewiss,
    dass es ganz vergeblich bliebe, wollte man die Erlaubnis zur
    Veröffentlichung von ihnen selbst erbitten. Zartfühlende, wohl
    auch zaghafte, Personen würden unter diesen Umständen die
    Pflicht der ärztlichen Diskretion in den Vordergrund stellen und
    bedauern, der Wissenschaft hierin keine Aufklärungsdienste leisten
    zu können. Allein ich meine, der Arzt hat nicht nur Pflichten
    gegen den einzelnen Kranken, sondern auch gegen die Wissen-
    schaft auf sich genommen. Gegen die Wissenschaft, das
    heisst im Grunde nichts anderes als gegen die vielen
    anderen Kranken, die an dem Gleichen leiden oder noch leiden
    werden. Die öffentliche Mitteilung dessen, was man über die
    Verursachung und das Gefüge der Hysterie zu wissen glaubt,
    wird zur Pflicht, die Unterlassung zur schimpflichen Feigheit,
    wenn man nur die direkte persönliche Schädigung des einen
    Kranken vermeiden kann. Ich glaube, ich habe alles getan,
    um eine solche Schädigung für meine Patientin auszuschliessen.
    Ich habe eine Person ausgesucht, deren Schicksale nicht in
    Wien, sondern in einer fernab gelegenen Kleinstadt spielten, deren
    persönliche Verhältnisse in Wien also so gut wie unbekannt sein
    müssen; ich habe das Geheimnis der Behandlung so sorgfältig
    von Anfang an gehütet, dass nur ein einziger vollkommen ver-
    trauenswürdiger Kollege darum wissen kann, das Mädchen sei
    meine Patientin gewesen; ich habe nach Abschluss der Behand-
    lung noch vier Jahre lang mit der Publikation gewartet, bis ich
    von einer Aenderung in dem Leben der Patientin hörte, die mich
    annehmen liess, ihr eigenes Interesse an den hier erzählten Be-
    gebenheiten und seelischen Vorgängen könnte nun verblasst sein.
    Es ist selbstverständlich, dass kein Name stehen geblieben ist,
    der einen Leser aus Laienkreisen auf die Spur führen könnte;
    die Publikation in einem streng wissenschaftlichen Fachjournal
    sollte übrigens ein Schutz gegen solche unbefugte Leser sein.
    Ich kann es natürlich nicht verhindern, dass die Patientin selbst eine
    peinliche Empfindung verspüre, wenn ihr die eigene Kranken-
    geschichte durch einen Zufall in die Hände gespielt wird. Sie
    erfährt aber nichts aus ihr, was sie nicht schon weiss, und mag
    sich die Frage vorlegen, wer anders daraus erfahren kann, dass
    es sich um ihre Person handelt.

    Ich weiss, dass es – in dieser Stadt wenigstens – viele
    Aerzte gibt, die – ekelhaft genug – eine solche Kranken-
    geschichte nicht als einen Beitrag zur Psychopathologie der
    Neurose, sondern als einen zu ihrer Belustigung bestimmten
    Schlüsselroman lesen wollen. Dieser Gattung von Lesern gebe
    ich die Versicherung, dass alle meine etwa später mitzuteilenden
    Krankengeschichten durch ähnliche Garantien des Geheimnisses
    vor ihrem Scharfsinn behütet sein werden, obwohl meine Ver-
    fügung über mein Material durch diesen Vorsatz eine ganz ausser-
    ordentliche Einschränkung erfahren muss.

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    In dieser einen Krankengeschichte, die ich bisher den Ein-
    schränkungen der ärztlichen Diskretion und der Ungunst der Ver-
    hältnisse abbringen konnte, werden nun sexuelle Beziehungen
    mit aller Freimütigkeit erörtert, die Organe und Funktionen des
    Geschlechtslebens bei ihren richtigen Namen genannt, und der
    keusche Leser kann sich aus meiner Darstellung die Ueber-
    zeugung holen, dass ich mich nicht gescheut habe, mit einer
    jugendlichen weiblichen Person über solche Themata in solcher
    Sprache zu verhandeln. Ich soll mich nun wohl auch gegen-
    diesen Vorwurf verteidigen? Ich nehme einfach die Rechte des
    Gynäkologen – oder vielmehr sehr viel bescheidenere als diese –
    für mich in Anspruch und erkläre es als Anzeichen einer per-
    versen und fremdartigen Lüsternheit, wenn jemand vermuten
    sollte, solche Gespräche seien ein gutes Mittel zur Aufreizung
    oder zur Befriedigung sexueller Gelüste. Im übrigen verspüre
    ich die Neigung, meinem Urteil hierüber in einigen entlehnten
    Worten Ausdruck zu geben.

    „Es ist jämmerlich, solchen Verwahrungen und Beteuerungen
    einen Platz in einem wissenschaftlichen Werke einräumen zu
    müssen, aber man mache mir darob keine Vorwürfe, sondern
    klage den Zeitgeist an, durch den wir glücklich dahin gekommen
    sind, dass kein ernstes Buch mehr seines Lebens sicher ist.“1)

    Ich werde nun mitteilen, auf welche Weise ich für diese
    Krankengeschichte die technischen Schwierigkeiten der Bericht-
    erstattung überwunden habe. Diese Schwierigkeiten sind sehr
    erhebliche für den Arzt, der sechs oder acht solcher psycho-
    therapeutischer Behandlungen täglich durchzuführen hat und
    während der Sitzung mit dem Kranken selbst Notizen nicht
    machen darf, weil er das Misstrauen des Kranken erwecken und
    sich in der Erfassung des aufzunehmenden Materials stören-
    würde. Es ist auch ein für mich noch ungelöstes Problem, wie
    ich eine Behandlungsgeschichte von langer Dauer für die Mit-
    teilung fixieren könnte. In dem hier vorliegenden Falle kamen
    mir zwei Umstände zu Hilfe: erstens, dass die Dauer der Be-
    handlung sich nicht über drei Monate erstreckte, zweitens, dass
    die Aufklärungen sich um zwei – in der Mitte und am Schlusse
    der Kur erzählte – Träume gruppierten, deren Wortlaut un-
    mittelbar nach der Sitzung festgelegt wurde und die einen
    sicheren Anhalt für das anschliessende Gespinnst von Deutungen
    und Erinnerungen abgeben konnten. Die Krankengeschichte
    selbst habe ich erst nach Abschluss der Kur aus meinem Ge-
    dächtnis niedergeschrieben, so lange meine Erinnerung noch
    frisch und durch das Interesse an der Publikation gehoben war.
    Die Niederschrift ist demnach nicht absolut – phonographisch –
    getreu, aber sie darf auf einen hohen Grad von Verlässlichkeit
    Anspruch machen. Es ist nichts anderes, was wesentlich wäre,

    1)Richard Schmidt, Beiträge zur indischen Erotik. 1902. (Im
    Vorwort.)

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    Freud, Bruchstück einer Hysterie-
    Analyse.

    in ihr verändert, als etwa an manchen Stellen die Reihenfolge
    der Aufklärungen, was ich dem Zusammenhange zu Liebe tat.

    Ich gehe daran, hervorzuheben, was man in diesem Bericht
    finden, und was man in ihm vermissen wird. Die Arbeit führte
    ursprünglich den Namen „Traum und Hysterie“, weil sie mir
    ganz besonders geeignet schien, zu zeigen, wie sich die Traum-
    deutung in die Behandlungsgeschichte einflicht und wie mit deren
    Hilfe die Ausfüllung der Amnesien und die Aufklärung der
    Symptome gewonnen werden kann. Ich habe nicht ohne gute
    Gründe im Jahre 1900 eine mühselige und tief eindringende
    Studie über den Traum meinen beabsichtigten Publikationen zur
    Psychologie der Neurosen vorausgeschickt1), allerdings auch aus
    deren Aufnahme ersehen können, ein wie unzureichendes Ver-
    ständnis derzeit noch die Fachgenossen solchen Bemühungen ent-
    gegenbringen. In diesem Falle war auch der Einwand nicht
    stichhaltig, dass meine Aufstellungen wegen Zurückhaltung des
    Materiales eine auf Nachprüfung gegründete Ueberzeugung nicht
    gewinnen lassen, denn seine eigenen Träume kann jedermann zur
    analytischen Untersuchung heranziehen, und die Technik der
    Traumdeutung ist nach den von mir gegebenen Anweisungen
    und Beispielen leicht zu erlernen. Ich muss heute wie damals
    behaupten, dass die Vertiefung in die Probleme des Traumes
    eine unerlässliche Vorbedingung für das Verständnis der psychischen
    Vorgänge bei der Hysterie und den anderen Psychoneurosen ist,
    und dass niemand Aussicht hat, auf diesem Gebiete auch nur
    einige Schritte weit vorzudringen, der sich jene vorbereitende
    Arbeit ersparen will. Da also diese Krankengeschichte die
    Kenntnis der Traumdeutung voraussetzt, wird ihre Lektüre für
    jedermann höchst unbefriedigend ausfallen, bei dem solche Vor-
    aussetzung nicht zutrifft. Er wird nur Befremden anstatt der ge-
    suchten Aufklärung in ihr finden und gewiss geneigt sein, die
    Ursache dieses Befremdens auf den für phantastisch erklärten
    Autor zu projizieren. In Wirklichkeit haftet solches Befremden
    an den Erscheinungen der Neurose selbst; es wird dort nur durch
    unsere ärztliche Gewöhnung verdeckt und kommt beim Er-
    klärungsversuch wider zum Vorschein. Gänzlich zu bannen wäre
    es ja nur, wenn es gelänge, die Neurose restlos von Momenten,
    die uns bereits bekannt geworden sind, abzuleiten. Aber alle
    Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass wir im Gegenteile aus
    dem Studium der Neurose den Antrieb empfangen werden, sehr
    vieles Neue anzunehmen, was dann allmählich Gegenstand sicherer
    Erkenntnis werden kann. Das Neue hat aber immer Befremden
    und Widerstand erregt.

    Irrtümlich wäre es, wenn jemand glauben würde, dass
    Träume und deren Deutung in allen Psychoanalysen eine so
    hervorragende Stellung einnehmen wie in diesem Beispiel.

    Erscheint die vorliegende Krankengeschichte betreffs der


    1)Die Traumdeutung. Wien, Fr. Deuticke. 1900.

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    Verwertung der Träume bevorzugt, so ist sie dafür in anderen
    Punkten armseliger ausgefallen, als ich es gewünscht hätte. Ihre
    Mängel hängen aber gerade mit jenen Verhältnissen zusammen,
    denen die Möglichkeit, sie zu publizieren, zu verdanken ist. Ich
    sagte schon, dass ich das Material einer Behandlungs-
    geschichte, die sich etwa über ein Jahr erstreckt, nicht zu bewältigen wüsste.
    Diese bloss dreimonatliche Geschichte liess sich übersehen und
    erinnern; ihre Ergebnisse sind aber in mehr als einer Hinsicht
    unvollständig geblieben. Die Behandlung wurde nicht bis zum
    vorgesetzten Ziele fortgeführt, sondern durch den Willen der
    Patientin unterbrochen, als ein gewisser Punkt erreicht war. Zu
    dieser Zeit waren einige Rätsel des Krankheits-
    falles noch gar nicht
    in Angriff genommen, andere erst unvollkommen aufgehellt,
    während die Fortsetzung der Arbeit gewiss an allen Punkten bis
    zur letzten möglichen Aufklärung vorgedrungen wäre. Ich kann
    also hier nur ein Fragment einer Analyse bieten.

    Vielleicht wird ein Leser, der mit der in den „Studien über
    Hysterie“ dargelegten Technik der Analyse vertraut ist, sich
    darüber verwundern, dass sich in drei Monaten nicht die Möglich-
    keit fand, wenigstens die in Angriff genommenen Symptome zu
    ihrer letzten Lösung zu bringen. Dies wird aber verständlich,
    wenn ich mitteile, dass seit den „Studien“ die psychoanalytische
    Technik eine gründliche Umwälzung erfahren hat. Damals ging
    die Arbeit von den Symptomen aus und setzte sich die Auf-
    lösung derselben der Reihe nach zum Ziel. Ich habe diese
    Technik seither aufgegeben, weil ich sie der feineren Struktur
    der Neurose völlig unangemessen fand. Ich lasse nun den
    Kranken selbst das Thema der täglichen Arbeit bestimmen und
    gehe also von der jeweiligen Oberfläche aus, welche das Un-
    bewusste in ihm seiner Aufmerksamkeit entgegenbringt. Dann
    erhalte ich aber, was zu einer Symptomlösung zusammengehört,
    zerstückelt, in verschiedene Zusammenhänge verflochten und auf
    weit auseinanderliegende Zeiten verteilt. Trotz dieses schein-
    baren Nachteils ist die neue Technik der alten weit überlegen,
    ohne Widerspruch die einzig mögliche.

    Angesichts der Unvollständigkeit meiner analytischen Er-
    gebnisse blieb mir nichts übrig, als dem Beispiel jener Forscher
    zu folgen, welche so glücklich sind, die unschätzbaren, wenn auch
    verstümmelten, Reste des Altertums aus langer Begrabenheit an
    den Tag zu bringen. Ich habe das Unvollständige nach den
    besten mir von anderen Analysen her bekannten Mustern er-
    gänzt, aber ebensowenig wie ein gewissenhafter Archäologe in
    jedem Falle anzugeben versäumt, wo meine Konstruktion an das
    Authentische ansetzt.

    Eine andere Art von Unvollständigkeit habe ich selbst mit
    Absicht herbeigeführt. Ich habe nämlich die Deutungsarbeit,
    die an den Einfällen und Mitteilungen der Kranken zu vollziehen
    war, im allgemeinen nicht dargestellt, sondern bloss die Ergebnisse
    derselben. Die Technik der analytischen Arbeit ist also, abge-
    sehen

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    sehen von den Träumen, nur an einigen wenigen Stellen enthüllt
    worden. Es lag mir in dieser Krankengeschichte daran, die
    Determinierung der Symptome und den intimen Aufbau der
    neurotischen Erkrankung aufzuzeigen; es hätte nur unauflösbare
    Verwirrung erzeugt, wenn ich gleichzeitig versucht hätte, auch
    die andere Aufgabe zu erfüllen. Zur Begründung der technischen,
    zumeist empirisch gefundenen Regeln müsste man wohl das
    Material aus vielen Behandlungsgeschichten zusammentragen.
    Indes möge man sich die Verkürzung durch die Zurückhaltung
    der Technik für diesen Fall nicht besonders gross vorstellen.
    Gerade das schwierigste Stück der technischen Arbeit ist bei
    der Kranken nicht in Frage gekommen, da das Moment der
    „Uebertragung“, von dem zu Ende der Krankengeschichte die
    Rede ist, während der kurzen Behandlung nicht zur Entfaltung
    gelangte.

    An einer dritten Art von Unvollständigkeit dieses Berichts
    tragen weder die Kranke noch der Autor die Schuld. Es ist
    vielmehr selbstverständlich, dass eine einzige Krankengeschichte,
    selbst wenn sie vollständig und keiner Anzweiflung ausgesetzt
    wäre, nicht Antwort auf alle Fragen geben kann, die sich aus
    dem Hysterieproblem erheben. Sie kann nicht alle Typen der
    Erkrankung, nicht alle Gestaltungen der inneren Struktur der
    Neurose, nicht alle bei der Hysterie möglichen Arten des Zu-
    sammenhanges zwischen Psychischem und Somatischem kennen
    lehren. Man darf billiger Weise von dem einen Fall nicht mehr
    fordern, als er zu gewähren vermag. Auch wird, wer bisher
    nicht an die allgemeine und ausnahmslose Gültigkeit der psycho-
    sexuellen Aetiologie für die Hysterie glauben wollte, diese Ueber-
    zeugung durch die Kenntnisnahme einer Krankengeschichte kaum
    gewinnen, sondern am besten sein Urteil aufschieben, bis er sich
    durch eigene Arbeit ein Recht auf eine Ueberzeugung erworben hat.

    I.

    Nachdem ich in meiner 1900 veröffentlichten „Traumdeutung“
    nachgewiesen habe, dass Träume im allgemeinen deutbar sind, und
    dass sie nach vollendeter Deutungsarbeit sich durch tadellos
    gebildete, an bekannter Stelle in den seelischen Zusammenhang ein-
    fügbare Gedanken ersetzen lassen, möchte ich auf den nachfolgenden
    Seiten ein Beispiel von jener einzigen praktischen Verwendung
    geben, welche die Kunst des Traumdeutens zuzulassen scheint.
    Ich habe schon in meinem Buche1) erwähnt, auf welche Weise
    ich an die Traumprobleme geraten bin. Ich fand sie auf meinem
    Wege, während ich Psychoneurosen durch ein besonderes Ver-
    fahren der Psychotherapie zu heilen bemüht war, indem mir die
    Kranken unter anderen Vorfällen aus ihrem Seelenleben auch
    Träume berichteten, welche nach Einreihung in den lange aus-
    gesponnenen Zusammenhang zwischen Leidenssymptom und patho-

    1)Die Traumdeutung. 1900. Fr. Deuticke, Leipzig und Wien. p. 68.