• S.

    4

    II
    Le Bon's Schilderung der Massenseele

    Zweckmäßiger als eine Definition voran-
    zustellen scheint es, mit einem Hinweis
    auf das Erscheinungsgebiet zu beginnen und
    aus diesem einige besonders auffällige
    und charakteristische Tatsachen heraus-
    zugreifen, an welche die Untersuchung
    anknüpfen kann. Wir erreichen dies am
    besten durch einen Auszug aus dem mit Recht
    berühmt gewordenen Buch von Le Bon
    Psychologie der Massen.*)

    *) übersetzt von Dr Rud. Eisler, zweite Auflage
    1912.

    Machen wir uns den Sachverhalt nochmals
    klar: Wenn die Psychologie, welche die
    Anlagen, Triebregungen, Motive, Absichten
    eines einzelnen Menschen bis zu seinen
    Handlungen und in den Beziehungen zu
    seinen Nächsten verfolgt, ihre Aufgabe
    restlos gelöst und alle Dinge zusammen-
    hangend durchsichtig gemacht hätte, dann
    fände sie sich plötzlich vor eine neue
    Aufgabe, die sich ungelöst vor ihr
    erhebt. Sie müßte die unbeantwortete Tat-
    sache erklären, daß dies ihr verständ-
    lich gewordene Individuum unter
    einer bestimmten Bedingung ganz
    anders denkt, fühlt und handelt als
    von ihm zu erwarten stand, und
    diese Bedingung ist die Einreihung
    in eine Menschenmenge, welche
    die Eigenschaft einer „psychologischen
    Masse“ erworben hat. Was ist nun
    eine Masse, wodurch erwirbt sie die
    Fähigkeit, das Seelenleben des
    Einzelnen so entscheidend zu beein-
    flussen und worin die seelische
    Veränderung, die sie dem Einzelnen
    aufnötigt?

  • S.

    5

    Diese drei Fragen zu beantworten
    ist die Aufgabe einer theoretischen Massen-
    psychologie. Man greift sie offenbar am
    besten an, wenn man von der dritten
    ausgeht. Es ist die Beobachtung der veränder-
    ten Reaktion des Einzelnen, welche
    der Massenpsychologie den Stoff liefert.
    Jedem Erklärungsversuch muß ja die
    Beschreibung des zu Erklärenden vor-
    ausgehen.

    Ich lasse nun Le Bon zu Worte kommen.
    Er sagt (p. 13): „An einer psychologischen Masse
    ist das Sonderbarste dies: welcher Art
    auch die sie zusammensetzenden Individuen
    sein mögen, wie ähnlich oder unähnlich
    ihre Lebensweise, ihre Beschäftigung, ihr Char-
    akter oder ihre Intelligenz sein mag,
    ist durch den bloßen Umstand ihrer Um-
    wandlung zur Masse besitzen sie eine
    Kollektivseele, vermöge deren sie
    in ganz anderer Weise fühlen, denken
    und handeln, als jedes von ihnen für
    sich fühlen, denken und handeln würde.
    Es gibt Ideen und Gefühle, die nur
    bei den zur Masse verbundenen
    Individuen auftreten oder sich in
    Handlungen umsetzen. Die psychologische
    Masse ist ein provisorisches Wesen,
    das aus heterogenen Elementen besteht,
    die für einen Augenblick sich mit-
    einander verbunden haben, genau
    so wie die Zellen des Organismus
    durch ihre Vereinigung ein neues
    Wesen mit ganz anderen Eigenschaften
    als denen der einzelnen Zellen
    bilden.“

    Indem wir uns die Freiheit nehmen, die Dar-
    stellung Le Bon’s durch unsere Glossen zu
    unterbrechen, geben wir hier das erste
    Dementi ab: Wenn die Individuen
    in der Masse zu einer Einheit ver-
    bunden sind, so muß es doch etwas

  • S.

    6

    geben, was sie an einander bindet, und
    dieses Bindemittel könnte gerade das
    sein, was für die Masse charakter-
    istisch ist. Allein Le Bon beantwortet
    diese Frage nicht; es geht auf die Ver-
    änderung des Individuums in der
    Masse ein und beschreibt sie in Aus-
    drücken, welche mit den Grundvoraus-
    setzungen unserer Tiefenpsychologie
    in guter Übereinstimmung stehen.
    (p. 14) „Leicht ist die Feststellung des Maßes
    von Verschiedenheit des einer Masse
    angehörenden vom isolierten Individuum,
    weniger leicht ist aber die Entdeckung
    der Ursachen dieser Verschiedenheit.“
         Um diese Ursachen wenigstens
    einigermaßen zu finden, muß man sich
    zunächst der von der modernen Psycho-
    logie gemachten Feststellung erinnern,
    daß nicht bloß im organischen Leben,
    sondern auch in den intellektuellen
    Funktionen die unbewußten Phäno-
    mene eine überwiegende Rolle
    spielen. Das bewußte Geistesleben
    stellt nur einen recht geringen Teil
    neben dem unbewußten Seelenleben
    dar. Die feinste Analyse, die schärfste
    Beobachtung gelangt nur zu einer kleinen
    Anzahl bewußter Motive des
    Seelenlebens. Unsere bewußten Akte
    leiten sich aus einem besonders durch
    Vererbung beeinflussten Substrat her.
    Dieses unbewusste Substrat ent-
    hält die zahllosen Erbanlagen,
    aus denen die Rassenseele
    konstituiert wird. Hinter den eingestand-
    enen Motiven unserer Handlungen
    gibt es zweifellos die geheimen
    Gründe, die wir nicht eingestehen,
    hinter diesen liegen aber noch
    geheimere, die wir nicht einmal
    kennen. Die Mehrzahl unserer

  • S.

    7

    alltäglichen Handlungen ist nur die Wirk-
    ung verborgener uns entgehender Motive.“

        In der Masse, meint Le Bon, verwischen sich
    die individuellen Erwerbungen der Einzelnen,
    und damit verschwindet deren Eigenart.
    Das rassengemäß Unbewusste tritt
    hervor, das Heterogene versinkt im
    Homogenen. Wir würden sagen: der
    psychische Oberbau, der sich bei den Ein-
    zelnen so verschiedenartig entwickelt
    hat, wird abgetragen und das allen
    gemeinsame unbewusste Fundament
    wieder bloßgelegt.

    Auf diese Weise käme ein durchschnittlicher
    Charakter der Massenindividuen zu
    Stande. Allein Le Bon findet, sie zeigen
    auch neue Eigenschaften, die sie vorher
    nicht besessen haben, und sucht den Grund
    dafür in drei verschiedenen Momenten.

    (p. 15) „Die erste dieser Ursachen besteht darin,
    daß das Individuum in der Masse schon
    durch die Tatsache der Menge ein Gefühl
    unüberwindlicher Macht erlangt, welches
    ihm gestattet, Trieben zu fröhnen, die
    es, allein, notwendig gezügelt hätte. Es
    wird das nun um so lieber tun, als
    bei der Anonymität und demnach auch
    Unverantwortlichkeit der Masse das
    Verantwortlichkeitsgefühl, welches die
    Massen stets zurückhält, völlig schwindet.“

        Wir brauchten von unserem Standpunkt
    weniger Wert auf das Auftauchen neuer
    Eigenschaften zu legen. Es genügte uns
    zu sagen: das Individuum kommt
    in der Masse unter Bedingungen,
    die ihm gestatten, die Verdrängungen
    seiner unbewussten Triebregungen
    abzuwerfen. Die scheinbar neuen
    Eigenschaften, die es dann zeigt, sind

  • S.

    8

    eben die Äußerungen dieses Unbewußten,
    in dem ja alles Böse der Menschenseele
    in der Anlage enthalten ist. Das
    Schwinden des Gewissens oder Verant-
    wortlichkeitsgefühls unter diesen Umständen
    macht uns keine Schwierigkeit. gehört Wir hatten längst behauptet,
    daß der Kern des sogenannten Gewissens
    die „soziale Angst“ sei.*) Gewissens

    *) Eine gewisse Differenz zwischen der Auffassung
    Le Bon’s und der unsrigen stellt sich dadurch
    her, daß sein Begriff des Unbewussten
    nicht ganz mit dem von der Psychoanalyse
    angenommenen zusammenfällt. Das Unbewusste
    Le Bon’s enthält vor allem die
    tiefsten Merkmale der Rassenseele,
    welche für die Psychoanalyse eigentlich
    außer Betracht kommt. Wir verkennen
    zwar nicht, daß der Kern des Ich, dem
    die archaische Erbschaft der Menschenseele
    angehört, unbewußt ist, aber wir sondern
    außerdem das „unbewusste Verdrängte“,
    welches aus einem Anteil dieser
    Erbschaft hervorgegangen ist. Dieser
    Begriff des Verdrängten fehlt bei Le Bon.

    (p. 16) „Eine zweite Ursache, die Ansteckung,
    trägt ebenso dazu bei, bei den Massen
    die Äußerung spezieller Merkmale
    und zugleich deren Richtung zu bestimmen.
    Die Ansteckung ist ein leicht
    zu konstatierendes, aber unerklär-
    liches Phänomen, das man den von
    uns sogleich zu studierenden Phäno-
    menen hypnotischer Art zurechnen
    muß. In der Menge ist jedes Gefühl,
    jede Handlung ansteckend, und zwar
    in so hohem Grade, daß das Individu-
    um sehr leicht sein persönliches Inter-
    esse dem Gesamtinteresse opfert. Es
    ist dies eine seiner Natur durchaus

  • S.

    9

    entgegengesetzte Fähigkeit, deren der
    Mensch nur als Massenbestandteil
    fähig ist.“

    Wir werden auf diesen letzten Satz
    später eine wichtige Bemerkung be-
    gründen.

    (p. 16) „Eine dritte und zwar die wichtigste Ur-
    sache bedingt in den zur Masse verein-
    igten Individuen besondere Eigenschaften,
    welche denen des isolierten Individuums
    völlig entgegengesetzt sind. Ich rede hier
    von der Suggestibilität, von der die oben
    erwähnte Ansteckung übrigens nur eine
    Wirkung ist.
    Zum Verständnis dieses Erscheinung gehört
    die Vergegenwärtigung gewisser neuerer
    Entdeckungen der Physiologie. Wir
    wissen jetzt, daß ein Mensch mittels
    mannigfacher Prozeduren in einen solchen
    Zustand versetzt werden kann, daß
    er nach Verlust seiner ganzen Bewusst-
    heit und Persönlichkeit allen Suggestionen
    desjenigen gehorcht, der ihn seiner Persön-
    lichkeit beraubt hat, und
    daß er die zu seinem Charakter und
    seinen Gewohnheiten im schärfsten
    Gegensatz stehenden Forderungen be-
    geht. Nun scheinen sehr sorgfältige Beob-
    achtungen darzutun, daß ein eine Zeitlang
    im Schoße einer tätigen Masse einge-
    bettetes Individuum in bälde – durch
    Ausströmungen, die von ihr ausgehen
    oder sonst eine unbekannte Ursache –
    in einen Sonderzustand sich befindet,
    der sich sehr der Faszination nähert,
    die den Hypnotisierten unter dem
    Einfluss des Hypnotisatörs befällt.
    ... die bewusste Persönlichkeit
    ist völlig geschwunden, Wille und Un-
    terscheidungsvermögen fehlen, alle
    Gefühle und Gedanken sind nach der

  • S.

    10

    durch den Hypnotisator hergestellten Richtung
    orientiert.
    So ungefähr verhält sich auch der Zustand des
    einer psychologischen Masse angehörenden
    Individuums. Es ist sich seiner Handlungen
    nicht mehr bewusst. Wie beim Hypnotisierten
    können bei ihm während zugleich gewisse
    Fähigkeiten aufgehoben sind, andere
    auf einen Grad höchster Stärke gebracht
    werden. Unter dem Einflusse einer
    Suggestion wird er sich mit einem un-
    widerstehlichem Triebe an die Ausfüh-
    rung bestimmter Handlungen machen. Und
    dieses Ungestüm ist bei den Massen noch
    unwiderstehlicher als beim Hypnotisierten,
    weil die für alle Individuen gleiche Sug-
    gestion durch Gegenseitigkeit anwächst.“

    (p. 17) „Die Hauptmerkmale des in der
    Masse befindlichen Individuums sind
    demnach: Schwund der bewussten Per-
    sönlichkeit, Vorherrschaft der unbewussten
    Persönlichkeit, Orientierung der Gedanken
    und Gefühle in derselben Richtung durch
    Suggestion und Ansteckung, Tendenz
    zur unverzüglichen Aktivierung.
    Das suggerierte Ich ist nicht mehr er selbst, es ist ein
    willenloser Automat geworden.“

    Ich habe dies Zitat so ausführlich wieder-
    gegeben, um zu bekräftigen, daß Le Bon
    den Zustand des Individuums in der
    Masse wieklich für einen hypnotischen
    erklärt, nicht etwa bloß mit einem
    solchen vergleicht. Wir beabsichtigen
    hier keinen Widerspruch, wollen nur
    hervorheben, daß die beiden letzten
    Ursachen der Veränderung des
    Einzelnen in der Masse, die An-
    steckung und die höhere Suggerier-
    barkeit, offenbar nicht gleichartig
    sind, da ja die Ansteckung auch
    eine Äußerung der Suggerier-

  • S.

    11

    barkeit sein soll. Auch die Wirkungen der
    beiden Momente scheinen im Text
    Le Bon’s nicht scharf geschieden. Vielleicht
    würden wir seine Äußerung am besten
    aus, wenn wir die Ansteckung auf die
    Wirkung der einzelnen Mitglieder
    der Masse auf einander beziehen,
    während wir mit der Phänomenen der
    hypnotischen Beeinflussung gleichgestellten
    Suggestionserscheinungen in der Masse
    auf eine andere Quelle hinweisen.
    Auf welche aber? Es muss uns als eine
    empfindliche Unvollständigkeit berühren,
    daß eines der Hauptstücke dieser Aus-
    gleichung, nämlich die Person, welche
    für die Masse den Hypnotiseur
    ersetzt, in der Darstellung Le Bon’s
    nicht erwähnt wird. Freilich unterscheidet
    er denselben von diesen im Dunkeln
    gelassenen faszinierenden Einfluss
    die ansteckende Wirkung, welche die
    Einzelnen auf einander ausüben, durch
    welche die ursprüngliche Suggestion
    verstärkt wird.

    Noch ein wichtiger Gesichtspunkt für
    die Beurteilung des Massenindivid-
    uums (p. 17). „Ferner steigt durch die bloße
    Zugehörigkeit zu einer organisierten Masse
    der Mensch mehrere Stufen auf der
    Leiter der Zivilisation herab. Isoliert
    war er vielleicht ein gebildetes
    Individuum in der Masse
    ist er ein Barbar, d. h. ein Triebwesen.
    Er besitzt die Spontaneität, die Heftigkeit, die
    Wildheit und auch den Enthusiasmus und Heroismus
    primitiver Wesen.“ Er verweilt dann noch
    besonders bei der Herabsetzung der intell-
    ektuellen Leistung, die das Einzelne durch
    sein Aufgehen in der Masse erfährt.

    *) Vgl. das Schiller’sche Dichtwort:
    „Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und ver-
    ständig; sind sie in corpore, gleich wird ein Dummkopf daraus.“
  • S.

    12

    Verlassen wir nun den Einzelnen und
    wenden wir uns zur Beschreibung der
    Massenseele, wie Le Bon sie entwirft.
    Es ist kein Zug darin, dessen Ableitung
    und Unterbringung dem Psychoanaly-
    tiker Schwierigkeiten bereiten würde.
    Le Bon weist uns selbst den Weg, indem
    er auf die Übereinstimmung mit dem
    Seelenleben der Primitiven und
    der Kinder hinweist. (p. 19).

    N. B.
    gd
    In der Deutung der Träume, wenn wir ja
    unsere beste Kenntnis vom unbewussten
    Seelenleben verdanken, befolgen wir die
    technische Regel, dass von Zweifel und Unsicher-
    heit in der Erzählung des Traumes abgesehen
    und jedes Element des Trauminhaltes
    als gleich gesichert behandelt wird. Wir
    leiten Zweifel und Unsicherheit von der
    Traumentwicklung her Jenseits ab, welcher die
    Traumarbeit unterliegt und nehmen an,
    dass die primären Traumgedanken
    Zweifel und Unsicherheit als kritische Leistung
    nicht kennen. Als Inhalte mögen sie
    natürlich, wie alles andere, in den Traum
    eintreten. Entsprechendes sagen wir zum
    (J. Traumdeutung, 5te Aufl 1919, p 386).
    N. B.
    gd
    die nämliche Steigerung alter Gefühlspre-
    gungen zum Extremen und Maßlosen gehört
    der Affektilität des Kindes an und
    findet sich im Traumleben wieder, wo
    dank der im Unbewussten vorherrschenden
    Isolierung der einzelnen Gefühlsregungen
    ein kleiner Ärger vom Tage sich als Todes-
    wunsch gegen die schuldige Person zum
    Ausdruck bringt, oder eine Anspielung irgend
    einer Verachtung zum Anstoss einer un-
    geheuren Rachestrafen verbrecherischer
    Handlung wird. Zu dieser Tatsache hat Hans
    Sachs die hübsche Bemerkung gemacht: Was
    der Traum uns an Beziehungen zur Gegenwart
    (Realität) kundgeben hat, verraten wir dann
    auch im Bewusstsein aufsuchen und dürfen uns
    nicht wundern, wenn wir das Ungeheuer des
    erst unter dem Vergrößerungsglas der Analyse
    gesehen haben als Entsprechungen wiederfinden.
    (Traumdeutung p 387)
  • S.

    13

    13    Die Masse ist impulsiv wandelbar und
         - reizbar. Sie wird fast ausschließlich vom
           Unbewußten geleitet.*) Die Impulse, denen

    *) Unbewußt wird von Le Bon richtig im
    Sinne der Disposition gebraucht wo es nicht
    allein das „Verdrängte“ bedeutet.

    die Masse gehorcht können je nach Umständen
    edel oder grausam heroisch oder feige sein
    jedenfalls aber sind sie so gebieterisch daß
    auch das Persönliche nicht einmal das Interesse
    der Selbsterhaltung zur Geltung kommt. (S. 20)

    Nichts ist bei ihr vorbedacht. Wenn sie auch
    die Dinge leidenschaftlich begehrt so
    doch nie für lange sie ist unfähig zu
    einem Dauerwillen. Sie verträgt keinen
    Aufschub zwischen ihrem Begehren und
    der Verwirklichung des Begehrten.
    Sie hat das Gefühl der Allmacht, für
    das Individuum in der Masse schwindet
    der Begriff des Unmöglichen.*)

    *) Vgl Totem u Tabu III. Animismus
    Magie und „Allmacht“ der Gedanken

    Die Masse ist außerordentlich beeinfluss-
    bar und leichtgläubig, sie ist kritiklos,
    das Unwahrscheinliche existirt für sie
    nicht Sie denkt in Bildern die sie einander
    associativ hervorrufen wie sie sich beim
    Einzelnen in Zuständen des freien
    Phantasierens einstellen, und die von
    keiner verständigen Instanz an der
    Übereinstimmung mit der Wirklichkeit
    gemessen werden. Die Gefühle der
    Masse sind stets sehr einfach und
    sehr überschwänglich. Die Masse
    kennt alle weder Zweifel noch
    Ungewißheit.*) Sie geht sofort zum
    Äußersten, der ausgesprochene Verdacht
    wandelt sich bei ihr sogleich in

  • S.

    14

    unumstößliche Gewißheit ein Keim von
    14 Antipathie wird sofort zum wilden
    Haß (S 22). Eck Zu allen Extremen
    geneigt wird die Masse auch nur durch
    übermäßige Reize erregt. Wer auf sie
    wirken wollte bedarf keines logischen
    Abmessung seiner Argumente, er
    muß in den kräftigsten Bildern
    malen übertreiben und immer das
    Gleiche wiederholen.

    Da die Masse betreffs der Wahren oder
    falschen nicht im Zweifel ist und dabei
    das Bewußtsein ihrer großen
    Kraft hat ist sie ebenso intolerant
    wie autoritätsgläubig. Sie respek-
    tirt die Kraft und läßt sich von der
    Güte die für nur eine Art
    von Schwäche bedeutet, nur mäßig
    beeinflussen. Was sie von ihren
    Helden verlangt ist Stärke selbst
    Gewalttätigkeit. Sie will beherrscht
    und unterdrückt werden und ihren
    Herrn fürchten. Im Grunde durchaus
    konservativ hat sie tiefen Abscheu
    vor allen Neuerungen und Fort-
    schritten und unbegrenzte Ehrfurcht
    vor der Tradition. (S 27)

    Um die Sittlichkeit der Massen richtig
    zu beurteilen muß man in Betracht
    ziehen daß im Beisammensein der
    Massenindividuen alle individuellen
    Hemmungen entfallen und alle
    grausamen, brutalen, destruktiven
    Instinkte die als Überbleibsel
    der Urzeit im Einzelnen schlummern,
    zur freien Triebbefriedigung
    geweckt werden. Aber die Massen
    sind auch unter dem Einfluß der
    Suggestion hoher Leistungen von
    Entsagung, Uneigennützigkeit

  • S.

    15

    16  Hingebung an ein Ideal fähig. Während
    15  das persönliche Eigennutz Vorteil
         beim isolirten Individuum so ziemlich
         die einzige Triebfeder ist ist es bei
         den Massen sehr selten vorherrschend.
         Man kann von einer Moralisirung
         des Einzelnen durch die Masse sprechen.
    (S 29) Während die intellektuelle Leistung
         der Masse immer tief unter der
         des Einzelnen steht kann ihr ethisches Verhalten
         ebenso hoch das Niveau übersteigen wie
         tief unter dies herabsinken.

    Ein solches Licht auf die Berechtigung die
    Massenpsyche als die Seele des Primiti-
    ven zu identifiziren werfen einige
         andere Züge der Le Bon’schen Char-
         akteristik Bei den Massen können
         die entgegengesetztesten Ideen neben-
         einander bestehen und sich mit ein-
         ander vertragen, ohne daß sich aus
         deren logischen Widerspruch ein Kon-
         flikt ergäbe. Dasselbe ist aber im
         unbewußten Seelenleben des Einzelnen
         des Kindes und des Neurotikers der
         Fall wie die Psychoanalyse längst nach-
         gewiesen hat. Ferner unterliegt die
         Masse der wahrhaft magischen Macht
         von Worten, die in der Massenseele
         die furchtbarsten Stürme hervorrufen
         und sie auch besänftigen können (S 34). Mit
         Vernunft und Argumenten kann man
         gewisse Worte und Formeln nicht be-
         kämpfen. Man spricht sie mit Andacht
         vor den Massen aus und sogleich werden
         die Mienen respektvoll und die
         Köpfe neigen sich. Von vielen werden
         sie als Naturkräfte oder als über-
         natürliche Mächte betrachtet. (S 35)
         Man braucht sich dabei nur an die
         Tabu der Namen bei den Primitiven
         an die magischen Kräfte, die sich ihnen
         an Namen Sinn und Worte knüpfen

  • S.

    √15

    15(S 24). Beim kleinen Kinde bestehen z. B. ambival-
    ente Gefühlsreinstellungen gegen die ihm
    nächsten Personen lange Zeit neben einander,
    ohne daß die eine der anderen entgegen-
    gesetzt in ihrem Ausdruck stört. Kommt
    es dann endlich zum Konflikt zwischen
    den beiden so wird er oft damit er-
    ledigt, daß das Kind das Objekt wechselt
    die eine der ambivalenten Regungen
    auf ein Ersatzobjekt verschiebt. Auch aus
    der Entwicklungsgeschichte einer
    Neurose beim Erwachsenen kann man
    erfahren, daß eine die unterdrückte Regung
    sich häufig lange Zeit in unbewußten
    oder selbst bewußten Phantasien
    fortsetzt, deren Inhalt natürlich einer herrsch-
    enden Richtung direkt zuwiderläuft
    ohne daß sich aus diesem Gegensatz
    ein Einschreiten des Ichs gegen das von
    ihm Verworfene ergäbe. Die Phanta-
    sie wird eine ganze Weile über tolerirt
    bis sich plötzlich einmal, gewöhnlich
    infolge einer Steigerung der affektiven
    Besetzung derselben der Konflikt zwische
    ihr und dem Ich mit allen seinen Folgen
    herstellt.

    Im Fortschritt der Entwicklung vom Kinde
    zum reifen Erwachsenen kommt es
    überhaupt zu einer immer weiter grei-
    fenden Integration der Persönlichkeit zu
    einer Zusammenfassung der einzelnen un-
    abhängig von einander in ihr gewachsenen
    Triebregungen und Zielstrebungen. Der
    analoge Vorgang auf dem Gebiet des
    Sexuallebens ist uns als Zusammenfassung
    aller Sexualtriebe zur definitiven
    Genitalorganisation lange bekannt
    (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
    1905) daß die Ver-     übrigens dieselben
    einheitlichung des Ichs Störungen erfahren kann.
    Vgl dieselbe Störung im Libidoprocesse
    wie die der Libido zeigen vielfache, sehr
    bekannte Beispiele wie das der
    Naturforscher. Die Bibelgläubig geblieben
    sind u. a.

  • S.

    16

    18 zu erinnern.*)
          *) s. Totem und Tabu.

    Und endlich: Die Massen haben nie den
    gekannt Wahrheitsdurst. Sie fordern Illusionen
    auf die sie nicht verzichten können.
    Das Irreale hat bei ihnen stets den Vor-
    rang vor dem Realen, das Unwirk-
    liche beeinflußt sie fast ebenso stark
    wie das Wirkliche. Sie haben die sicht-
    liche Tendenz zwischen beiden keinen
    Unterschied zu machen. (S 37).

    Diese Vorherrschaft des Phantasielebens
    und des vom Wunsch ungestillten
                   Wunsch getragenen
    Illusion haben wir als bestimmend
    für die Psychologie der Neurose
    aufgezeigt. Wir fanden im System für
    die Neurotiker gilt nicht die gemeine
    W objektive sondern die psychische
    Realität. Ein hysterisches Symptom
    gründet sich auf Phantasie anstatt auf
    die Wiederholung wirklichen Erlebens,
    ein Zwangssymptom das Schuldbewußtsein
    auf die Tatsache eines bösen Vorsatzes
    der nie zur Ausführung gekommen.
    Ja wie im Traume und in der Hypnose
    tritt in der Seelentätigkeit der
    Masse die Realitätsprüfung
    zurück gegen die Stärke der affektiv
    besetzten Wunschregungen.

    Was Le Bon über die Führer der
    Massen sagt ist weniger erschöpfend
    und läßt das Gesetzmäßige nicht so
    deutlich durchschimmern. Er meint
    sobald lebende Wesen in einer gewissen
    Anzahl vereinigt sind einerlei ob
    einer Herde Thiere oder Menschenmenge,
    stellen sie sich instinktiv unter
    die Autorität eines Oberhaupts. (S 36).

  • S.

    17

    19  Die Masse ist eine folgsame Herde, die nie
    17    ohne Herrn zu leben vermag. Sie hat
    einen solchen Drang zu gehorchen, daß sie sich
    jedem, der sich zu ihrem Herrn ernennt
    instinktiv unterordnet.

    [Kontrast] So das Bedürfnis der Masse dem
    Führer entgegen so muß er ihm doch durch
    persönliche Eigenschaften entsprechen. Er
    muß selbst durch einen starken Glauben
    (an eine Idee) faszinirt sein, um Glauben
    in der Masse zu erwecken, er muß
    einen starken dominirenden Willen
    besitzen, den die willenslose Masse von
    ihm annimmt. Le Bon bespricht dann die
    verschiedenen Arten von Führern und
    die Mittel durch welche sie auf die Masse
    wirken. Im Ganzen läßt er die Führer
    durch die Ideen zur Bedeutung kommen,
    für die sie selbst fanatisirt sind.

    Diesen Ideen wie den Führern schreibt
    er überdies eine geheimnisvolle und
    unwiderstehliche Macht zu, die er Prestige
    benennt. Das Prestige ist eine Art Herr-
    schaft die ein Individuum, ein Werk,
    oder eine Idee über uns übt. Sie lähmt
    all unsere Fähigkeit zur Kritik und er-
    füllt uns mit Staunen und Achtung. Sie
    dürfte ein Gefühl hervorrufen ähnlich
    wie das der Faszination der Hypnose.
    (S 46). Er unterscheidet erworbenes oder
    künstliches Prestige und das persönliche
    Prestige. Das erstere wird bei Personen durch
    Namen Reichtum Ansehen verliehen
    bei Anschauungen Kunstwerken u dgl
    durch Tradition. Da es in allen Fällen
    auf die Vergangenheit zurückgreift
    wird es uns für das Verständnis dieses
    rätselhaften Einflusses wenig leisten.

  • S.

    18

    20  Das persönliche Prestige haftet an wenigen
    18    Personen, die durch dasselbe zu Führern
    werden und macht daß ihnen alle wie
    unter der Wirkung eines magnetischen
    Zaubers gehorchen doch ist jedes Prestige
    auch vom Erfolg abhängig und geht
    durch Mißerfolge verloren. (S 48).

             Man gewinnt nicht den Eindruck,
    daß bei Le Bon die Rolle des Führers
    und die Betonung des Prestiges in
    richtigen Einklang mit der so glänzend
    vorgetragene Schilderung der Massen-
    seele gebracht worden ist.

    III
    Andere Würdigungen des Kollektiv-
                                      Seelenlebens

    Wir haben uns der Darstellung von Le Bon
    als Einführung bedient, weil sie in der
    Betonung des unbewußten Seelenlebens
    so fabelhaft mit unserer eigenen Psychologie
    zusammentrifft. Wir müssen aber jetzt hin-
    fügen, daß eigentlich keine der Be-
    hauptungen dieses Autors etwas Neues
    bringt. Alles was er Abfälliges und
    Herabsetzendes über die Äußerungen
    der Massenseele sagt, ist schon vor
    ihm ebenso bestimmt und ebenso
    feindselig von anderen gesagt
    worden und wird seit den ältesten Zeiten
    der Literatur von Denkern, Staats-
    männern und Dichtern gleichlautend
    so wiederholt.*) Die beiden Sätze, welche
    die wichtigsten Ansichten Le Bon's ent-
    halten, die von der kollektiven
    Hemmung der intellektuellen Leistung
    und der von der Affektsteigerung
    in der Masse und Affektivität in der Masse
    waren erst kurz vorher von Sighele formuliert

    *) Vgl. den Text und die Literaturverzeichnisse
    in B. Kraškovič jun. Die Psychologie
    der Kollektivitäten. Aus dem Kro-
    atischen übersetzt von Sigmund von Posavec
    Vukovar 1915.