S.
18
20Das persönliche Prestige haftet an wenigen
18 Personen, die durch dasselbe zu Führern
werden und macht daß ihnen alle wie
unter der Wirkung eines magnetischen
Zaubers gehorchen doch ist jedes Prestige
auch vom Erfolg abhängig und geht
durch Mißerfolge verloren. (S 48).Man gewinnt nicht den Eindruck,
daß bei Le Bon die Rolle des Führers
und die Betonung des Prestiges in
richtigen Einklang mit der so glänzend
vorgetragene Schilderung der Massen-
seele gebracht worden ist.III
Andere Würdigungen des Kollektiv-
SeelenlebensWir haben uns der Darstellung von Le Bon
als Einführung bedient, weil sie in der
Betonung des unbewußten Seelenlebens
so fabelhaft mit unserer eigenen Psychologie
zusammentrifft. Wir müssen aber jetzt hin-
fügen, daß eigentlich keine der Be-
hauptungen dieses Autors etwas Neues
bringt. Alles was er Abfälliges und
Herabsetzendes über die Äußerungen
der Massenseele sagt, ist schon vor
ihm ebenso bestimmt und ebenso
feindselig von anderen gesagt
worden und wird seit den ältesten Zeiten
der Literatur von Denkern, Staats-
männern und Dichtern gleichlautend
so wiederholt.*) Die beiden Sätze, welche
die wichtigsten Ansichten Le Bon's ent-
halten, die von der kollektiven
Hemmung der intellektuellen Leistung
und der von der Affektsteigerung
in der MasseundAffektivität in der Masse
waren erst kurz vorher von Sighele formuliert*) Vgl. den Text und die Literaturverzeichnisse
in B. Kraškovič jun. Die Psychologie
der Kollektivitäten. Aus dem Kro-
atischen übersetzt von Sigmund von Posavec
Vukovar 1915.S.
19
worden.*) Im Grunde erübrigte als Le Bon
*) J. Walther Moede Die Massen- und Sozial-
psychologie im kritischen Überblick. Zeitschr.
für pädagogische Psychologie und experimen-
telle Pädagogik von Meumann und
Scheibner XVI, 1915.eigentümlich nur die beiden Gesichts-
punkte des Unbewußten und der
Vergleich mit dem Seelenleben der
Primitiven, auch diese natürlich oftmals
vor ihm berührt.Aber noch mehr: die Beschreibung und
Bewertung der Massenseele wie
Le Bon und die anderen sie gaben
ist auch keineswegs unwidersprochen
geblieben. Kein Zweifel, daß alle
die vorhin beschriebenen Phänomene
der Massenseele richtig beobachtet
worden sind; aber es lassen sich auch
andere Äußerungen der Massen-
bildung erkennen, aus denen man dann
eine soviel höhere Einschätzung der
Massenseele ableiten könnte.Auch Le Bon war bereit zuzugestehen, daß
die Sittlichkeit der Masse unter Um-
ständen höher sein kann als die der
sie zusammensetzenden Einzelnen,
und daß nur die Gesamtheiten hoher Un-
eigennützigkeit und Hingebung fähig sind.
„Während das persönliche Interesse beim
isolierten Individuum so ziemlich die
einzige Triebfeder ist, ist es bei den
Massen sehr selten vorherrschend.“Andere machen geltend, daß es überhaupt erst
die Gesellschaft ist, welche dem
Einzelnen die Normen der Sittlich-
keit vorschreibt, während der Einzelne
in der Regel irgendwelchem Hinter-
lassenen hohen Anforderungen zurück-
bleibt. Oder daß in außerordent-
ständen unter einer der Begeisterung
des Massen Phänomene kommt, welche die groß-
artigsten Massenleistungen ermöglicht
hat.S.
20
In Betreff der intellektuellen Leistung
bleibt zwar bestehen, daß die großen
Entschließungen des Denkens, die
folgenreicheren Entdeckungen und
Problemlösungen nur dem Einzelnen,
der in der Einsamkeit arbeitet,
möglich sind. Aber auch die Massenseele
ist genialer geistiger Schöpfungen fähig,
wie vor allem die Sprache selbst
beweist, sodann das Volkslied, Folklore
u. a. Und überdies bleibt es unentschie-
den, wieviel der einzelne Denker
oder Dichter den Anregungen der
Masse, in welcher er lebt, verdankt,
ob er nicht mehr als der Vollender einer
geistigen Arbeit ist, an der gleichzeitig
die Anderen mitgethan haben.
Angesichts dieser vollkommenen Wider-
sprüche scheint es ja, daß die Arbeit der
Massenpsychologie ergebnislos verlaufen
müßte. Allein es ist leicht einen
hoffnungsvolleren Ausweg zu finden.
Man hat wahrscheinlich als Massen sehr
verschiedene Bildungen zusammenge-
faßt, die uns eine Sonderung verlangen.
Die Angaben von Sighele, Le Bon und
anderen beziehen sich auf Massen
von kurzlebigem Art, die rasch durch
ein vorübergehendes Interesse aus
verschiedenartigen Individuen zusammengeballt
werden. Es ist unverkennbar, daß die
Charaktere der revolutionären Massen,
besonders die der großen französischen
Revolution ihre Schilderungen beein-
flußt haben. Die gegenteiligen
Behauptungen stammen aus der Würdi-
gung jener stabilen Massen oder Ge-
sellschaftsbildungen, in denen die
Menschen ihr Leben zubringen,
die sich in den Institutionen
der Gesellschaft verkörpern.
Die Massen der ersten Art sind
den letzteren gleichsam aufgesetzt,
wie die kurzen aber hohen Wellen
dem langen Wellenzuge des Meeres.
S.
21
McDougall, der in seinem Buch „The Group
Mind“ von dem nämlichen, oben erwähnten
*) Cambridge 1920.
Widerspruch ausgeht, findet die Lösung
desselben im Moment der Organisation.
Im einfachsten Falle, sagt er, besitzt die Masse
(group) überhaupt keine Organisation oder
kaum eine nennenswerte. Er bezeichnet
eine solche Masse als einen Haufen
(a crowd). Doch gesteht er zu, daß ein
Haufen Menschen nicht leicht zusammen-
kommt, ohne daß sich in ihm wenigstens
die ersten Anfänge einer Organisation
bilden und daß gerade in diesen ein-
fachen Massen gewisse Grundtatsachen
der Kollektivpsychologie besonders leicht
zu erkennen sind (p 22). Damit sich aus
den zufällig zusammengekommenen Mit-
gliedern eines Menschenhaufens etwas
wie eine Masse im psychologischen Sinne
bilde, wird als Bedingung gefordert,
daß diese Einzelnen etwas miteinander
gemein haben, ein gemeinsames Interesse
an einem Objekt, eine gleichartige Ge-
fühlsrichtung in einer jener Situation
und (ich möchte einsetzen: in Folge dessen)
ein gewisses Maß von Fähigkeit,
sich unter einander zu beeinflussen
(some degree of reciprocal influence bet-
ween the members of the group) (p 23).
Je stärker diese Gemeinsamkeiten sind,
(this mental homogeneity), desto
leichter bildet sich aus den Einzelnen
eine psychologische Masse und desto
auffälliger äußern sich die Kundge-
bungen einer Massenseele.
Das sonderbarste und zugleich wichtigste
Phänomen der Massenbildung ist nun
die bei jedem Einzelnen hervorgetre-
tene Steigerung der Affektivität, (exalt-
ation or intensification of emotion p 24),
S.
22
Man kann sagen mit Mac Dougall, daß
dieintensivAffekte des Menschen kaum
unter anderen Bedingungen zu solcher
Höhe anwachsen wie es in einer Masse
geschehen kann und zwar ist es eine
Genussreiche Empfindung für die Be-
teiligten sich so schrankenlos ihren
Leidenschaften hinzugeben und dabei
in die Masse die Individualität der Gefühl-ihrerindividuellen Abgrenzung zu
verlieren. Diese Mitfortgerissenwerden
des Individuums erklärt Mac Dougall
aus dem von ihm so genannten „principle
of direct induction of emotion by way
of the primitive sympathetic response“
(p. 25), d. h. durch die uns bereits bekannte
Gefühlsansteckung. Die Tatsache ist die,
daß die wahrgenommenen Zeichen eines Affekt-
zustandes geeignet ist bei dem Wahrnehmenden
automatisch denselben Affekt hervor-
zurufen. Dieses automatische Zwang wird
umso stärker an je mehr Personen
man gleichzeitig denselben Affekt be-
merkt. Aber dann steigt die Kritik
des Einzelnen aus und er läßt sich in den-
selben Affekt gleiten. Dabei erhöht
er aber die Erregung der anderen,
die auf ihn gewirkt hatten, und so
steigert sich die Affektladung der
Einzelnen durch gegenseitige Induk-
tion. Etwas unverkennbar wirkt wie
ein Zwang dabei wirksam, ein Einklang
mit den Vielen zu bleiben, sich
zu denen und einfacheren Gefühlsregungen
haben die größere das sich die auch
solche Weise in einer Masse zu
verbreiten (p. 26).Dieser Mechanismus der Affektsteigerung
wird noch durch einige andere von
der Masse ausgehende Einflüsse
begünstigt. Die Masse macht den Eindruck
einer unbeschränkten Macht und
(einer Einzelnen)S.
23
einer unbesiegbaren Gefahr. Sie hat sich für
den Augenblick an die Stelle der
gesamten menschlichen Gesellschaft gesetzt,
welche die Trägerin der Autorität ist,
deren Strafen man gefürchtet, wozu Liebe
man sich soviel Einschränkungen auferlegt
hat. Es ist offenbar gefährlich, sich in
Widerspruch mit ihr zu setzen, und
man ist sicher, wenn man dem in
ringsherum gegebenen Beispiel folgt,
also eventuell sogar „mit den Wölfen
heult“. In Gehorsam gegen die neue
Autorität darf man sein früheres „Ge-
wissen“ außer Tätigkeit setzen und dabei
der Lockung der Lustgewinnes nach-
geben, den man sicherlich durch die
Aufhebung seiner Hemmungen erzielt.
Es ist also im Ganzen nicht so verwunderlich,
wenn wir den Einzelnen in der
Masse Dinge thun oder gutheißen
sehen, von denen er sich in seinem
gewohnten Lebensbedingungen ab-
gewendet hätte, und auf diese Weise
die Hoffnung fassen, auch ein zu lichten
ein Stück des Dunkels das mit dem
Rätselwort „Suggestion“Vgl. Kap. IV hingeworfen hat zu denken.Dem Satz von der kollektiven Intelligenz-
hemmung in der Masse widerspricht
auch Mac Dougall nicht (p. 41). Er sagt,
die geringeren Intelligenzen ziehen
die größeren auf ihr Niveau herab.
Die letzteren werden in ihrer Betätigung
gehemmt, weil die Steigerung der
Affektivität überhaupt ungünstige
Bedingungen für abstrakte geistige
Arbeit schafft, weil die Einzelnen
durch die Masse eingeschüchtert sind
und ihre Denkarbeit nicht frei ist und weil
bei jedem Einzelnen das Bewußtsein
der Verantwortlichkeit für seine
Leistung herabgesetzt wird.S.
24
Das Gesamturteil über die psychische Leistung
einer einfachen unorganisierten Masse
lautet bei Mac Dougall nicht
freundlicher als bei Le Bon. Eine
solche Masse ist (p 45): außerordentlich
erregbar, impulsiv, leidenschaftlich,
wankelmütig, inkonsequent, unentschlossen
und dabei zum äußersten bereit in
ihren Handlungen, zugänglich nur
für die groben gröberen Leidenschaften
und einfacheren Gefühle, außerordent-
lich suggestibel, leichtsinnig in ihren
Überlegungen, hastig in ihren Urteilen,
aufnahmefähig nur für die einfachsten und
unvollkommensten Schlüsse und Argumente,
leicht zu leiten und zu erschüttern, ohne
Selbstbewußtsein, Selbstachtung und Ver-
antwortlichkeitsgefühl, aber bereit sich
von ihrerKraftMachtbewußtsein zu allen
untaten fortreißen zu lassen, die
wir nur von einer absoluten und unverant-
wortlichen Macht erwarten können.
Sie beneh benehmen sich also eher wie
ein ungezogenes Kind oder wie ein
leidenschaftlicher nicht beaufsichtigter
Wilder in einer ihm fremden
Situation, in den schlimmsten Fällen
ist ihr Benehmen eher das eines Rudels
von wilden Thieren als von mensch-
lichen Wesen.da Da Mac Dougall das Verhalten der
hoch organisiertenMassenMassen im Gegensatz
zu dem hier geschilderten bringt,
werden wir besonders gespannt sein
zu erfahren, worin diese Organisation
besteht und durch welche Momente
sie hergestellt wird. Der Autor
zählt fünf dieser principal conditions
für die Hebung des seelischen Lebens
der Masse auf ein höheres Niveau
auf:S.
25
Die erste, grundlegende Bedingung ist ein gewisses
Maß von Kontinuität im Bestand
der Masse. Diese kann eine formale
oder keine (materielle sein), das erste
wenn dieselben Personen längere Zeit in
der Masse verbleiben, das andere wenn
innerhalb der Masse bestimmte Stellungen entwickelt
sind, die von den einander ablösenden
Personen angewiesen werden.Die zweite, daß sich in dem Einzelnen der
Masse eine bestimmte Vorstellung von
der Natur, der Funktion, den Leistungen
und Ansprüchendesder Masse gebildet
hat, so daß sich daraus ein Gefühlsverhältnis zum
Ganzen der Masse ergeben kann.Die dritte, daß die Masse in Beziehung
zu anderen, ihr ähnlichen aber doch von
ihr in vielen Punkten abweichenden
Massenbildungen gebracht wird, etwa
mit diesen rivalisiert.Die vierte, daß die Masse Traditionen,
Gebräuche und Einrichtungen besitze,
besonders solche, die sich auf das Ver-
hältnis ihrer Mitglieder zu einander
beziehen.Die fünfte, daß es in der Masse eine Glieder-
ung gibt, die sich in der Spezialisierung
und Differenzierung der den Einzelnen
zufallenden Leistung ausdrückt.Durch die Erfüllung dieser Bedingungen
werden nach Mac Dougall die psychischen
Nachteile der Massenbildung aufgehoben.
Gegen die kollektive Herabsetzung der
Intelligenzleistung schützt man sich
dadurch, daß man die Lösung der intellektuellen
Aufgaben der Masse entzieht und sie
Einzelnen in ihr überträgt.Es scheint uns, daß man die Bedingung, die
Mac Dougall als „Organisation“ der
Masse bezeichnet, hat mit mehr Be-
rechtigung anders beschreiben kann.
Die Aufgabe besteht darin, der Masse
S.
26
26
gerade jene Eigenschaften
Charakterezu verschaffen,
die für das Individuum charakteris-
tisch waren und die bei ihm durch
die Massenbildung ausgelöscht wurden.
Denn das Individuum hatte außerhalb
der primitiven Masse seine Kontinuität,
sein Selbstbewußtsein, seine Traditionen
und Gewohnheiten, seine besondere
Arbeitsleistung und Einreihung und
hielt sich von anderen gesondert mit denen
er rivalisierte. Diese Eigenart hatte es
durch seinen Eintritt in die nicht organ-
isierte Masse für eine Zeit verloren.
Es kommt also darauf an Die Masse mit diesen Attributen
des Individuums auszustatten. So wird
man eine gehaltreiche Bemerkung von
W. Trotter*) gedenken, der eine Neigung zur
der*) Instincts of the herd in peace and war.
London 1916.Massenbildung eine biologische Fortführung
der Vielzelligkeit aller höheren Organ-
ismenbekennterblickt.IV
Suggestion und LibidoWir sind von der Grundtatsache ausgegangen,
daß ein Einzelner innerhalb einer Masse
durch den Einfluß derselben eine oft
tiefgreifende Veränderung seiner seelischen
Tätigkeit erfährt. Seine Affektivität
wird außerordentlich gesteigert, seine
intellektuelle Leistung merklich einge-
schränkt, beide Vorgänge offenbar
in der Richtung eines Angleichung
an die anderen Massenindividuen;
ein Erfolg der nur durch die Aufhebung
der jedem Einzelnen eigentümlichen
Triebhemmungen und Verzicht auf seine
die für Besonderen Ausgestaltungen seiner
Neigungen erreicht werden kann.
Wir haben gehört, daß diese oft uner-
wünschten Wirkungen durch eine höhere
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Massenpsychologie und Ich-Analyse1921-001/1921.01
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