• S.

    72

    schauen können scheint sich diese Umwandlung
    unter dem Einfluss einer gemeinsamen
    zärtlichen Bindung an eine außer der
    Masse stehende Person zu vollziehen.
    Unsere Analyse der Identifizierung erscheint
    uns selbst nicht als erschöpfend, aber
    unserer gegenwärtigen Absicht genügt
    es wenn wir auf den einen Zug dass
    die konsequente Durchführung der Her-
    beziehung gefordert wird, zurückkommen.
    Wir haben bereits bei der Erörterung
    der beiden künstlichen Massen Kirche
    und Armee, gehört ihre Voraussetzung
    sei, dass alle von Einem dem Führer
    in gleicher Weise geliebt werden.
    Nun vergessen wir aber nicht dass die
    Gleichheitsforderung der Masse nur für
    die Einzelnen derselben nicht für
    den Führer gilt. Alle Einzelnen
    sollen einander gleich aber alle wollen
    sie von Einem beherrscht werden.
    Viele Gleiche die sich mit einander
    identifizieren können und ein Einziger
    ihnen allen überlegener das ist die
    Situation die wir in der lebensfähigen
    Masse verwirklicht finden. Getrauen
    wir uns also die Aussage Trotters der
    Mensch sei ein Herdentier dahin
    zu korrigieren er sei vielmehr
    ein Hordentier, ein Einzelwesen
    einer von einem Oberhaupt angeführten
    Horde.

     

  • S.

    73

    -lung des Totemismus, der die Anfänge von
    Religion, Sittlichkeit und sozialer Glieder-
    ung in sich faßt und der gewaltsamen
    Tötung des Oberhaupts und der Umwand-
    lung der Vaterhorde in eine Brüder-
    gemeinde zusam̄enhängt.x) Es ist dies zwar 
    nur eine Hypothese wie so viele andere,
    mit denen die Praehistoriker das
    Dunkel der Urzeit aufzuhellen ver-
    suchen – eine just so story nannte sie
    witzig ein nicht unliebenswürdiger engl-
    ischer Kritiker (Kroeger) – aber ich
    meine, es ist ehrenvoll für eine solche
    Hypothese, wenn sie sich geeignet zeigt
    Zusam̄enhang und Verständnis auf
    immer neuen Gebieten zu schaffen.

    Die menschlichen Massen zeigen uns
    wiederum das vertraute Bild des über-
    [starken] Einzelnen inmitten einer 
    [Schar von gleichen] Genossen, das auch in
    [der folgende Teil der Seite fehlt]

    x) Totem und Tabu, 2 Aufl 1920.

  • S.

    74

    so kann sich aus einem beliebigen 
    Menschenhaufen die Urhorde wieder 
    herstellen; sobald soweit die Massen-
    bildung die Menschen habituell beherrscht, 
    erkennen wir den Fortbestand der 
    Urhorde in ihr. Wir müßen schließen, 
    die Psychologie der Masse sei die 
    älteste Menschenpsychologie; was 
    wir unter Vernachlässigung aller 
    Massenreste als Individualpsychologie 
    isolirt haben, hat sich erst später, all-
    mälich und sozusagen immer noch 
    nur erst partiell aus der alten Massenpsychologie 
    herausgehoben. Wir werden noch 
    den Versuch wagen, den Ausgangspunkt 
    dieser Entwicklung anzugeben.

    Eine nächste Überlegung zeigt uns, 
    in welchem Punkt diese Behauptung 
    einer Berichtigung bedarf. Die Individual-

  • S.

    75

    Zu Eingang der Menschheitsgeschichte war 
    er der Übermensch, den Nietzsche erst 
    von der Zukunft erwartete. Noch heute 
    bedürfen die Massenindividuen der 
    Vorspiegelung, daß sie in gleicher und 
    gerechter Weise vom Führer geliebt 
    werden, aber der Führer selbst braucht 
    niemand anderen zu lieben, er darf 
    von Herrennatur sein, absolut narzißtisch, 
    aber selbstsicher und selbständig. Wir 
    wissen, daß die Liebe den Narzißmus 
    eindämmt und könnten nachweisen, wie 
    sie durch diese Wirkung Kultur-
    faktor geworden ist.

    Der Urvater der ¿¿ Horde war noch 
    nicht unsterblich, wie er es später durch 
    Vergottung wurde. Wenn er starb, mußte 
    er ersetzt werden; an seine Stelle 
    trat wahrscheinlich ein jüngster Sohn 
    [der] bis dahin Massenindividuum ge-
    [wesen war wie ein] anderer. Es muß 

  • S.

    76

    in die Massenpsychologie. Seine sexuelle 
    Eifersucht und Intoleranz sind in letzter 
    Linie die Ursache der Massenpsycho-
    logie geworden. x) Es läßt sich etwa annehmen, daß die 
    vertriebenen Söhne, vom Vater getrennt, 
    den Fortschritt von der Identifizirung 
    mit einander zur homoseullen Obejkt-
    liebe machten und so die Freiheit gewanen, 
    den Vater zu tödten. Für den, der sein 
    Nachfolger wurde, war auch die Möglich-
    keit der sexuellen Befriedigung 
    gegeben und damit der Austritt aus 
    den Bedingungen der Massenpsychologie 
    eröffnet. Die Fixirung der ¿¿ ¿¿ 
    Libido an das Weib, die Möglichkeit 
    der Befriedigung ohne Aufschub 
    und Aufspeicherung machte der Be-
    deutung zielgehemmter Sexualstreb-
    ungen ein Ende und ließ den Nar-
    zißmus immer zur gleichen Höhe an-
    steigen. Auf diese Beziehung der Liebe 
    zur Charakterbildung werden wir 
    in einem Nachtrag zurückkommen.

    Geben wir noch als besonders lehrreich 
    [hervor, in welcher] Beziehung […] 

  • S.

    76a

    Es läßt sich etwa annehmen, daß die 
    vertriebenen Söhne, vom Vater getrennt, 
    den Fortschritt von der Identifizirung 
    mit einander zur homoseullen Obejkt-
    liebe machten und so die Freiheit gewanen, 
    den Vater zu tödten.

  • S.

    77

    dass diese notwendige Voraussetzung
    der gleichen Liebe des Vaters für
    sie wirklich zutreffen kann.
          Aber wir erwarten noch mehr von
    der Zurückführung der Masse auf die
    Urhorde. Sie soll uns auch das noch Un-
    verstandene, Geheimnisvolle an der
    Massenbildung näher bringen das sich
    hinter den Rätselworten Hypnose und
    Suggestion verbirgt. Und ich meine
    sie kann es auch leisten. Erinnern wir
    uns daran, dass die Hypnose etwas
    direkt Unheimliches an sich hat; der
    Charakter des Unheimlichen deutet
    aber auf etwas der Verdrängung Angstx)
    fallenes Altes und Wohlvertrautes hin.


    | *) Das Unheimliche, Imago V, 1919. boy


    Denken wir daran wie die Hypnose einge-
    leitet wird. Der Hypnotisand behauptet im
    Besitz einer geheimnisvollen Macht zu
    sein, die dem Subjekt den eigenen
    Willen raubt oder was dasselbe ist
    das Subjekt glaubt es von ihm. Diese
    geheimnisvolle Macht — populär noch oft
    als thierischer Magnetismus bezeichnet —
    muss dieselbe sein welche den Primitiven
    als Quelle des Tabu gilt, dieselbe
    die von Königen und Häuptlingen ausging
    und die es gefährlich macht sich ihnen
    zu nähern (Mana). Sie schützt diesen
    Macht will uns die Hypnose
    und wie bringt sie sie zur Er-
    scheinung? Indem er die Person auf-
    fordert ihm in die Augen zu sehen;
    er hypnotisirt in typischer Weise
    durch seinen Blick. Gerade der
    Anblick des Häuptlings ist aber
    für den Primitiven gefährlich und

  • S.

    78

    unerträglich, wie später der der Gottheit
    für den Sterblichen. Noch Moses muss
    den Mittelsmann zwischen seinem Volke
    und Jehovah machen, da das Volk den
    Anblick Gottes nicht erträgt, und wenn
    er von der Gegenwart Gottes zurück-
    kehrt, strahlt sein Antlitz, ein Teil
    des Mana hat sich wie beim Mittlerx)
    der Primitiven auf ihn übertragen.


    | *) J. Totem und Tabu und die dort zitierten
    |   Quellen, boy


         Man kann die Hypnose allerdings auch
    auf andere Weise durch andere Mittel herbeiführen, was irre-
    führend ist und zu unzulänglichen
    physiologischen Theorien Anlass gegeben hat.
    Es durch ein fixes Licht Objekt oder ein
    monotones Geräusch. In Wirklichkeit
    dienen diese Verfahren nur der Ablenk-
    ung und Fesselung der bewussten Aufmerk-
    samkeit. Die Situation ist die nämliche
    als ob die Hypnotiseure der Person
    gesagt hätte: Nun beschäftigen Sie sich
    ausschließlich mit meiner Person, die
    übrige Welt ist ganz uninteressant.
    Gewiss wäre es sehr unzweckmäßig wenn
    der Hypnotiseur eine solche Rede hielte.
    Die Autorität würde durch sie aus seiner
    unbewussten Einstellung gerissen und
    zum bewussten Widerspruch aufge-
    reizt werden. Aber während der Hyp-
    notiseur es vermeidet das Bewusste
    Wesens des Subjekts auf seine
    Absichten aufmerksam zu machen und die Auf-
    merksamkeit sich in eine Tätigkeit
    versenkt, begiebt bei der das Unbewusste wirklich ihm
    scheint vorzukommen und geschieht es
    dass die unbewusste
    ganze Aufmerksamkeit auf den
    Hypnotiseur richtet sich in die
                      Konzentration,

  • S.

    79

    Einstellung des Rapports der Übertragung
    zum Hypnotiseur begibt. Die indirekten
    Methoden des Hypnotisirens haben also
    ähnlich wie gewissemanche Techniken des Witzes
    den Erfolg, gewisse Ablenkungen der
    psychischen Energie, welche den Ablauf
    der unbewussten Vorgangs stören würden,
    hintanzuhalten und sie führen schließlich
    zum gleichen Ziel wie die direkten
    Beeinflussungen, durch Anstarren
    oder Streichen.x)


    | x) Die Situation, dass die Person unbewusst
    |   auf den Hypnotiseur eingestellt ist, wäh-
    |   rend sie sich bewusst mit gleichbleibenden
    |   uninteressanten Wahrnehmungen beschäf-
    |   tigt findet ein Gegenstück in den Vor-
    |   kommnissen der psychoanalytischen Be-
    |   handlung das hier erwähnt zu werden
    |   verdient. In jeder Analyse ereignet es
    |   sich mindestens einmal, dass der Patient
    |   hartnäckig behauptet, jetzt falle ihm
    |   aber ganz bestimmt nichts ein. Seine
    |   freien Assoziationen stocken und die
    |   gewöhnlichen Antriebe sie in Gang zu
    |   bringen, versagen. Schließlich wird
    |   erkannt, man dringt in das Verständnis
    |   der Patient denke an die Situation aus
    |   dem Fenster des Behandlungszimmers
    |   an die Tapete der Wand, oder an
    |   die Gaslampe, die er vor sich sieht.
    |   Man weiß dann sofort
    |   dass er sich in die Übertragung
    |   begeben hat von noch unbewussten
    |   Gedanken, die Anspruch genommen
    |   und sie sich auf den Arzt beziehen
    |   und sieht die Stockung in den Einfällen
    |   des Patienten schwinden, sobald
    |   man ihm diese Aufklärung gegeben
    |   hat.

  • S.

    80

    Ferenczi hat richtig herausgefunden
    dass sich der Hypnotisand mit dem
    Hypnotiseur identifiziert oft zur Einleitung
    der Hypnose gegeben wird an die Stelle
    des Eltern setzt. Er meinte, zwei
    Arten der Hypnose unterscheiden
    zu sollen, eine schmeichlerisch begüt-
    igende, die er der Mutter, und eine
    drohende, die er dem Vater zuschrieb.x)


    | x) Ferenczi, Introjektion und Übertragung.
    |   Jahrbuch der Psychoanalyse I, 1909. boy


    nun bedeutet das Gebot zu schlafen auch
    nichts anderes als die Aufforderung
    alles Interesse von der Welt abzu-
    ziehen und auf die Person des Hypnot-
    iseurs zu konzentriren, es wird auch
    vom Subjekt so verstanden, denn
    das in dieser Abziehung des Interesses
    von der Außenwelt liegt die psycho-
    logische Charakteristik des Schlafes
    und beruht die Verwandtschaft
    des Schlafes mit dem hypnotischen
    Zustand.
    Durch seine Maßnahmen weckt also der
    Hypnotiseur beim Subjekt ein Stück
    der dessen archaischen Erbschaft, die
    auch den Eltern entgegenkam und
    im Verhältnis zum Vater auch in-
    dividuell Wiederbelebung erfuhr, die
    Vorstellung von einer übermächtigen
    und gefährlichen Persönlichkeit, gegen
    die man sich nur passiv-masochistisch
    einstellen konnte, an die man seinen
    Willen verlieren musste und mit
    der allein zu sein, ihr unter die
    Augen zu treten, ein bedenkliches
    Wagnis schien. Nur so etwa können
    wir uns das Verhältnis eines Ein-
    zelnen der Urhorde zum Urvater
    vorstellen. Wie wir aus anderen
    Reaktionen wissen, hat der Ein-
    zelne ein variables Maß von