• S.

    42

    für die Massen gewinnen könnten würde
    sich dasselbe Resultat auch für diese
    Motivierung wiederholen.
     

    VI.

    Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen

    Wir haben bisher zwei artifizielle
    Massen untersucht und gefunden, daß sie
    von zweierlei Gefühlsbindungen beherrcht
    werden, von denen die eine an den
    Führer — wenigstens für sie — bestimmender
    zu sein scheint als die andere, die
    jeder Massenindividuum an einander.

         Nun gäbe es in der Morphologie der
    Massen noch viel zu beobachten und
    zu untersuchen. Man hätte von der
    Feststellung auszugehen, daß eine bloße
    Menschenmenge noch keine Masse ist, so
    lange sich jene Bindungen in ihr nicht
    hergestellt haben, hätte aber das Zu-
    geständnis zu machen, daß in einer be-
    liebigen Menschenmenge sehr leicht
    die Tendenz zur Bildung einer psycho-
    logischen Masse hervortritt. Man
    müßte den verschiedenartigen mehr oder
    minder beständigen Massen, die spontan
    zu Stande kommen, Aufmerksamkeit
    schenken, die Bedingungen ihres Entstehens
    und ihres Zerfalls studieren. Von
    allem anderen uns der Unterschied zwischen
    Massen, die einen Führer haben und
    führerlose Massen beschäftigen. Ob
    auch die Führer Masse mit Führer
    die ursprünglicherer und vollständigere
    sind oder den anderen der Führer
    nicht durch eine Idee, ein Abstraktum
    ersetzt sein kann, wozu ja schon die
    religiösen Massen mit ihrem unauf-
    zeigbaren Oberhaupt die Über-
    leitung bilden, ob auch eine ge-
    meinsame Tendenz, ein Wunsch, an dem
    eine Vielheit Anteil nehmen kann,

  • S.

    43

    den nämlichen Ersatz leistet dieses Abstrakte
    könnte sich wiederum mehr oder weniger
    vollkommen in der Person eines gleichsam
    sekundären Führers verkörpern und
    aus der Beziehung zwischen Idee und
    Führer ergäben sich interessante Mannig-
    faltigkeiten. der Führer oder die
    führende Idee könnten auch sozusagen
    negativ werden; der Haß gegen eine
    bestimmte Person oder Institution
    könnten ebenso einigend wirken und
    ähnliche Gefühlsbindungen hervorrufen
    wie die positive Anhänglichkeit. Es
    fragte sich dann auch ob der Führer
    für das Wesen der Masse wirklich
    unerläßlich ist u. d. m.

    Aber all diese Fragen die z. T. auch in
    der Literatur der Massenpsychologie
    behandelt werden sein möchten werden
    nicht im Stande sein unser Interesse
    von den psychologischen Grundproblemen
    abzulenken, die uns in der Struktur
    einer Masse geboten werden. Wir
    werden zunächst von einer Überlegung
    gefesselt, die uns auf dem kürzesten
    Wege den Nachweis verspricht, daß
    es Libidobindungen sind, welche eine
    Masse charakterisieren.

    Wir halten uns vor wie sich die Menschen
    im allgemeinen affektiv zu einander
    verhalten. Nach dem berühmten Schopen-
    hauer’schen Gleichnis von den frieren-
    den Stachelschweinen verträgt keiner
    eine allzu intime Annäherung des
    Anderen. *) Nach dem

    *) „Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an
    einem kalten Wintertage recht nahe zusammen,
    um durch die gegenseitige Wärme sich vor
    dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald
    empfanden sie die gegenseitigen Stacheln,
    welches sie dann wieder von einander ent-
    fernte. Wenn nun das Bedürfnis der Er-
    wärmung sie wieder näher zusammenbrachte,
  • S.

    44

    wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß
    sie zwischen beiden Leiden hin und her ge-
    worfen wurden bis sie eine mäßige Ent-
    fernung herausgefunden hatten in der
    sie es am besten aushalten konnten.“
    ( Parerga und Paralipomena, II. Th. XXXI. Gleich-
          nisse und Parabeln )
     


    Die Psychoanalyse hinterläßt daß fast jedes intime Gefühls-
    verhältnis zwischen zwei Personen von
    längerer Dauer — Ehebeziehung, Freund-
    schaft, Eltern- und Kindschaft*) — einen
    Bodensatz von ablehnenden, feindseligen
    Gefühlen der erst durch Verdrängung
    beseitigt werden muß. Unverhüllter
    ist es wenn jeder Kompagnon mit seinem
    Gesellschafter hadert, jeder Untergebene
    gegen seinen Vorgesetzten murrt.
    Dasselbe geschieht dann wenn die Menschen
    zu größeren Einheiten zusammentreten;
    jedesmal wenn sich zwei Familien durch
    eine Eheschließung verbinden, hält sich
    jede von ihnen für die bessere oder
    vornehmere auf Kosten der anderen.
    Von je zwei benachbarten Städten wird
    jede zur mißgünstigen Konkurrentin
    der anderen, jedes Kantönli sieht
    geringschätzig auf das andere herab.
    Nächstverwandte Völkersstämme stoßen
    einander ab, der Süddeutsche mag den
    Norddeutschen nicht leiden, der Eng-
    länder sagt dem Schotten alles Böse nach,
    der Spanier verachtet den Portu-
    giesen. Daß bei größeren Differenzen
    sich eine schwer zu überwindende
    Abneigung ergibt, des Galliers
    gegen den Germanen, des Ariers

     

    *) Vielleicht mit einziger Ausnahme der
    Beziehung zwischen Mutter u. Sohn die
    auf Narzißmus gegründet durch spätere
          Rivalität nicht gestört und durch einen
    Ansatz zur sexuellen Objektwahl ver-
    stärkt wird.
  • S.

    45

    gegen den Semiten, des Weißen gegen
    den Farbigen, hat aufgehört uns zu ver-
    wundern.

    Wenn sich die Feindseligkeit gegen sonst
    geliebte Personen richtet bezeichnen
    wir es als Gefühlsambivalenz und erklären
    uns diesen Fall in wahrscheinlich allzu
    rationeller Weise durch die vielfachen
    Anlässe zu Interessenkonflikten die
    sich gerade in so intimen Beziehungen
    ergeben. In den unverhüllt hervor-
    tretenden Abneigungen und Abstoßungen
    gegen nahestehende Fremde können
    wir den Ausdruck eines Selbstliebe
    eines Narzißmus erkennen, der seine
    Selbstbehauptung anstrebt und sich so be-
    nimmt als ob das Vorkommen einer
    Abweichung von seinen individuellen
    Ausbildungen eine Kritik derselben
    und eine Aufforderung sie umzugestalten
    mit sich brachte. Warum sich eine
    solche Empfindlichkeit gerade auf diese
    Einzelheiten geworfen haben sollte,
    wissen wir nicht; es ist
    ist aber unverkennbar, daß sich in
    diesem ganzen Verhalten der
    Menschen eine Haßbereitschaft eine
    Aggressivität kundgibt deren Her-
    kunft unbekannt ist und der man
    einen elementaren Charakter
    zusprechen möchte.*)

     


    *) In einer kürzlich (1920) veröffentlichten
    Schrift „Jenseits des Lustprinzips“ habe
    ich versucht, die Polarität von Lieben
    und Hassen mit einem angenommenen
    Gegensatz von Lebens- und Todestrieben
    zu verknüpfen und die Sexualtriebe
    als die reinsten Vertreter der
    ersteren, der Lebenstriebe, hinzu-
    stellen.

     

               Aber all diese Intoleranz
    schwindet, zeitweilig oder auch dauernd
    durch die Massenbildung und in

  • S.

    46

    der Masse. Solange die Massenbildung
    anhält oder soweit sie reicht benehmen
    sich die Individuen als wären sie
    gleichförmig, dulden sie die Eigenart
    des anderen, stellen sich ihm gleich
    und verspüren kein Gefühl der
    Abstoßung gegen ihn. Eine solche Ein-
    schränkung des Narzißmus kann nach
    unseren theoretischen Anschauungen
    nur durch ein Moment erzeugt
    werden, durch libidinöse Bindungen
    an anderen Personen. Die Selbstliebe
    findet nur an der Liebe fremder
    und an der Liebe zu Objekten eine Schranke.*)

     


    *) J. Zur Einführung des Narzißmus 1914
       Samlg. kl. Schriften zur Neurosenlehre
       vierte Folge 1918.

     

    Man wird sofort die Frage aufwerfen
    ob nicht die Interessengemeinschaft an
    und für sich und ohne jeden libidin-
    ösen Beitrag zur Duldung des anderen
    und zur Rücksichtnahme auf ihn führen
    muß. Man wird diesem Einwand mit
    dem Bescheid begegnen, daß auch
    auf solche Weise eine bleibende
    Einschränkung des Narzißmus
    doch nicht zu Stande kommt da
    diese Toleranz nicht länger anhält
    als der unmittelbare Vorteil den
    man aus der Mitarbeit der anderen
    zieht. Allein der praktische Wert dieser
    Streitfrage ist geringer als man
    meinen sollte denn die Erfah-
    rung hat gezeigt daß sich im Falle
    der Miter Mitarbeit regelmäßig
    libidinöse Bindungen zwischen den
    Kameraden herstellen, welche die
    Beziehung zwischen ihnen über das
    Vorteilhafte hinaus verlängern
    und fixieren. Es geschieht in den sozialen
    Beziehungen der Menschen dasselbe,

  • S.

    47

    was der psychoanalytischen Forschung in
    der Entwicklungsbewegung der individuellen
    Libido bekannt geworden ist. Die Libido
    lehnt sich an die Befriedigung der
    großen Lebensbedürfnisse an und
    wählt die daran beteiligten Personen
    zu ihren ersten Objekten. Und wie
    beim Einzelnen so hat auch in der Ent-
    wicklung der ganzen Menschheit nur
    die Liebe als Kulturfaktor im
    Sinne einer Wendung vom Egoismus
    zum Altruismus gewirkt. Und zwar
    sowohl die geschlechtliche Liebe zum
    Weibe mit all den aus ihr fließenden
    Nötigungen das zu verschonen was
    dem Weibe lieb war als auch die
    desensualisierte, h sublimierte homose-
    xuelle Liebe zum anderen Manne,
    die sich aus der gemeinsamen Arbeit
    ergab.

         Wenn also in der Masse Einschränk-
    ungen des narzißtischen Egoismus
    auftreten die außerhalb derselben
    nicht wirksam bestehen so ist dies ein zwingendes
    Anzeichen dafür, daß das Wesen der
    Massenbildung in neuartigen libid-
    inösen Bindungen der Massenmitglieder
    an einander besteht.

    Nun wird aber unser Interesse dringend
    fragen welcher Art diese Bindungen
    in der Masse sind. In der psychoana-
    lytischen Neurosenlehre haben wir uns
    bisher fast ausschließlich mit der
    Bindung an solcher Liebestriebe an ihre
    Objekte beschäftigt die noch direkte
    Sexualziele verfolgen. Um solche
    Sexualziele kann es sich in der Masse
    offenbar nicht handeln. Wir haben
    es hier mit Liebestrieben zu thun,
    die ohne darum minder energisch
    zu wirken doch von ihren ursprüng-
    lichen Zielen abgelenkt sind.

  • S.

    48

    Nun haben wir bereits im Rahmen
    der gewöhnlichen sexuellen Objektbe-
    setzung Erscheinungen bemerkt die
    einer Ablenkung des Triebes von
    seinem Sexualziel entsprechen. Wir
    haben sie als Grade von Verliebt-
    heit beschrieben und erkannt, daß
    hier die Treue gewisse Beeinträchtig-
    ung des Ich mit sich bringen. Diesen
    Erscheinungen der Verliebtheit wer-
    den wir nun eingehendere Aufmerk-
    samkeit zuwenden in der begründeten
    Erwartung an ihnen Verhältnisse zu
    finden die sich auf die Bindungen
    in den Massen übertragen lassen.
    Außerdem möchten wir aber wissen, ob
    diese Art der Objektbesetzung die
    einzige wie wir sie aus dem Geschlechtsleben
    kennen, die einzige Weise der Ge-
    fühlsbindung an eine andere Person
    darstellt oder ob wir noch andere solche
    Mechanismen in Betracht zu ziehen
    haben. Wir erfahren daß es noch andere
    Mechanismen der Gefühlsbindung
    gibt, die sogenannten Identifizie-
    rungen ungenügend bekannte psychi-
    sche Vorgänge, deren Un-
    tersuchung uns noch eine gute Weile
    vom Thema der Massenpsychologie
    fernhalten wird.

    VII Identifizierung

    Die Identifizierung ist der Psychoanalyse als
    früheste Äusserung einer Gefühlsbindung
    an eine andere Person bekannt. Sie spielt
    in der Vorgeschichte des Oedipuskom-
    plexes eine Rolle. Der kleine Knabe
    zeigt ein besonderes Interesse für seinen
    Vater an den Tag, er möchte so werden