• S.

    57

    VIII Verliebtheit und Hypnose.

    Der Sprachgebrauch bleibt selbst in seinen
    Launen irgend einer Wirklichkeit treu.
    So nennt er zwar sehr mannigfaltige Ge-
    fühlsbeziehungen, "Liebe", die auch wir
    theoretisch als Liebe zusammenfassen,
    zweifelt aber dann wieder ob diese
    Liebe die eigentliche richtige, wahre sei,
    und deutet so auf eine ganze Stufenleiter
    von Möglichkeiten innerhalb der Liebes-
    phänomene hin. Es wird uns auch nicht schwer,
    dieselbe in der Beobachtung aufzufinden.

       In einer Reihe von Fällen ist die
    Verliebtheit nichts anderes als Objektbesetz-
    ung von Seiten der Sexualtriebe zum
    Zweck der direkten Sexualbefriedigung,
    die auch mit der Erreichung dieses Zieles
    erlischt; das ist das was man die gemeine,
    sinnliche Liebe heißt. Aber wie bekannt
    bleibt die libidinöse Situation selten
    so einfach. Die Sicherheit, mit der man
    auf das Wiedererwachen des eben
    erloschenen Bedürfnisses rechnen konnte,
    muß wohl das nächste Motiv gewesen
    sein, dem Sexualobjekt eine dauernde
    Besetzung zuzuwenden es auch in
    den begierdefreien Zwischenzeiten
    zu "lieben."

    Aus der sehr merkwürdigen Entwicklungs-
    geschichte des menschlichen Liebeslebens
    kommt ein zweites Moment hinzu.
    Das Kind hatte in der ersten meist 5 Jahren
    meist schon abgeschlossenen Phase in
    einem Elternteil ein erstes Liebesob-
    jekt gefunden, auf welches sich alle seine
    Befriedigung heischenden Sexualtriebe
    vereinigt hatten. Die dann eintretende
    Verdrängung erzwang den Verzicht
    auf die meisten dieser kindlichen
    Sexualziele und hinterläßt eine tief-
    greifende Modifikation des Ver-
        hältnisses zu den Eltern; das

  • S.

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    Kind blieb fernerhin an die Eltern
    gebunden, aber mit Gefühls Trieben die
    man zielgehemmte nennen muß. Die
    Gefühle die es von nun an für diese
    geliebten Personen empfindet werden
    als "zärtliche" bezeichnet. Es ist bekannt
    daß im Unbewußten die früheren "sinn-
    lichen" Strebungen mehr oder minder
    stark erhalten bleiben so daß die
    ursprüngliche Vollströmung in gewissem
    Sinne weiterbesteht. *)


    *) S. Sexualtheorie l. c. orig

       Mit der Pubertät setzen bekanntlich
    neue sehr intensive Strebungen nach den
    direkten Sexualzielen ein. In ungünstigen
    Fällen bleiben sie als sinnliche
    Strömung von den fortdauernden
    "zärtlichen" Gefühlsrichtungen geschieden.
    Man hat dann das Bild vor sich dessen
    beide Ansichten von gewissen Richtungen
    der Literatur so gerne idealisiert werden.
    Der Mann zeigt schwärmerische Neigungen
    zu hochgeachteten Frauen die ihn aber
    zum Liebesverkehr nicht reizen und
    ist nur potent gegen andere Frauen,
    die er nicht "liebt", geringschätzt oder
    selbst verachtet. Häufiger indes gelingt
    dem Heranwachsenden ein gewisses
    Maß von Synthese der unsinnlichen,
    himmlichen und der sinnlichen, irdischen
    Liebe, und ist sein Verhältnis
    zum Sexualobjekt durch das Zusammen-
    wirken von ungehemmten mit zielge-
    hemmten Trieben gekennzeichnet.
    Nach dem Beitrag der zielgehemmten Zärt-
    lichkeitsstriebe kann man die Höhe der
    Verliebtheit im Gegensatz zum
    bloß sinnlichen Begehren bemessen.

       Im Rahmen dieser Verliebtheit
    ist uns von Anfang an das Phänomen
    der Sexualüberschätzung aufgefallen,

  • S.

    59

    die Tatsache, daß das geliebte Objekt eine
    gewisse Freiheit von der Kritik ge-
    nießt, daß alle seine Eigenschaften höher
    eingeschätzt werden als die ungeliebter
    Personen oder als zu einer Zeit, da es
    nicht geliebt wurde. Bei einigermaßen
    wirksamer Verdrängung oder Zurück-
    setzung der sinnlichen Strebungen
    kommt die Täuschung zu Stande daß
    das Objekt seiner seelischen Vorzüge
    wegen auch sinnlich geliebt wird, während
    umgekehrt erst das sinnliche Wohlgefallen
    ihm diese Vorzüge verliehen haben
    mag.

       Das Bestreben welches hier das Urteil fälscht
    ist der der Idealisierung. Damit ist uns aber
    die Orientierung erleichtert; wir erkennen,
    daß das Objekt so behandelt wird
    wie das eigene Ich, daß also in der
    Verliebtheit (narcissistisches Libido auf)
    ein größeres Maß narcissistischer Libido auf
    das Objekt überfließt. Bei manchen Formen der Liebeswahl wird
    es selbst augenfällig, daß das Objekt
    dazu dient ein eigenes, nicht erreichtes
    Ichideal zu ersetzen. Man liebt es
    wegen der Vollkommenheiten die man
    fürs eigene Ich angestrebt hat und die
    man sich nun auf diesem Umweg zur
    Befriedigung seines Narzissismus ver-
    schaffen möchte.

       Nehmen Sexualüberschätzung und Verliebt-
    heit noch weiter zu, so wird die Deutung
    des Bildes immer unverkennbarer.
    Die auf direkte Sexualbefriedigung drän-
    genden Strebungen können nun ganz
    zurückgedrängt werden, wie es zB. regel-
    mäßig bei der schwärmerischen Liebe
    des Jünglings geschieht; das Ich wird immer
    anspruchsloser, bescheidener, das Objekt
    immer großartiger, wertvoller; es gelangt

  • S.

    60

    schließlich in den Besitz der gesammten
    Selbstliebe des Ichs, so daß dessen Selbst-
    aufopferung eine natürliche Konsequenz
    wird. Das Objekt hat das Ich sozusagen
    aufgezehrt. Züge von Demut, Einschränkung
    des Narzißmus, Selbstschädigung sind in
    jedem Falle von Verliebtheit vor-
    handen; im extremen Falle werden sie
    nur gesteigert und durch das Zurücktreten
    der sinnlichen Ansprüche bleiben sie
    alleinherrschend.

    Dies ist besonders leicht bei unglücklicher, un-
    erfüllbarer Liebe der Fall, da bei
    jeder sinnlichen Befriedigung doch die
    Sexualüberschätzung immer wieder eine
    Herabsetzung erfährt. Gleichzeitig mit
    dieser Hingabe des Ichs an das Objekt,
    die sich von der sublimierten Hingabe
    an eine abstrakte Idee schon nicht
    mehr unterscheidet, versagen die dem
    Ichideal zugeschriebenen Funktionen.
    Es schweigt die Kritik, die von
    ihm ausgeht; alles was
    das Objekt thut und fordert ist recht
    und untadelhaft. Das Gewissen findet
    keine Anwendung auf alles, was zu
    Gunsten des Objekts geschieht. In der
    Liebesverblendung wird man zum
    Verbrecher ohne Reue. Die ganze Situation
    läßt sich restlos in einer Formel
    zusammenfassen: Das Objekt hat sich
    an die Stelle des Ichideals gesetzt.


    Der Unterschied der Identifizierung von
    der Verliebtheit in ihren höchsten Aus-
    bildungen, die man Faszination, Verklavtheit
    Hörigkeit heißt, ist dann leicht zu beschreiben.
    Im ersteren Falle hat sich das Ich um die
    Eigenschaften des zu Objekts bereichert
    es hat dasselbe nach Ferenczi's Ausdruck

  • S.

    61

    "introjiziert", im zweiten Fall ist es verarmt,
    hat sich dem Objekt hingegeben, das Objekt
    an die Stelle seines wichtigsten Bestanda-
    teils gesetzt. Indes merkt man bei näherer
    Erwägung bald, daß eine solche Darstellung
    Gegensätze vortäuscht, die nicht bestehen.
    Es handelt sich ökonomisch nicht um Ver-
    armung oder Bereicherung; man kann
    auch die extreme Verliebtheit so be-
    schreiben, daß sich das Ich das Objekt
    introjiziert habe. Die Einsicht trifft eine
    andere Unterscheidung: echt das Wes-
    entliche. Im Falle der Identifizierung
    ist das Objekt verloren gegangen
    oder aufgegeben worden; es wird dann
    im Ich wieder aufgerichtet, das Ich ver-
    ändert sich partiell nach dem Vorbilde
    des verlorenen Objekts. Im anderen
    Falle ist das Objekt erhalten geblieben
    und wird als solches von Seiten und
    auf Kosten des Ichs überbesetzt. Aber
    auch hiergegen erhebt sich ein Bedenken.
    Steht es denn fest, daß die Identifizierung
    das Aufgeben der Objektbesetzung
    voraussetzt? Kann es nicht Identifizierung
    bei erhaltenem Objekt geben?
    Und ehe wir uns in die Diskussion
    dieser heiklen Frage einlassen kann
    uns bereits die Einsicht aufdämmern,
    daß eine andere Alternative
    das Wesen dieser Sachverhalts in
    sich faßt, ob nämlich das Objekt an
    der Stelle des Ichs oder des Ichideals
    gesetzt wird.

    Von der Verliebtheit ist offenbar
    kein weiter Schritt zur Hypnose.
    Die Übereinstimmungen beider sind augen-
    fällig, dieselbe demütige Unterwerfung,
    Gefügigkeit, Kritiklosigkeit gegen den
    Hypnotiseur wie gegen das geliebte
    Objekt. Dieselbe Aufsaugung der ei-
    genen Initiative; kein Zweifel, der

  • S.

    62

    Hypnotiseur ist an die Stelle des Ichideals
    getreten. Alle Verhältnisse sind in
    der Hypnose nur noch deutlicher und
    gesteigerter so daß es zweckmäßiger
    wird die Verliebtheit durch die
    Hypnose zu erläutern als umgekehrt.
    Der Hypnotiseur ist das einzige Objekt;
    kein anderes wird neben ihm be-
    achtet, daß das Ich traumhaft erlebt
    was er fordert und behauptet mahnt
    uns daran, daß wir unterlassen
    haben, unter den Funktionen des
    Ichideals auch die Ausübung der
    Realitätsprüfung zu erwähnen.*) Kein


    *) S. Metapsychologische Ergänzung zur Traum-
    lehre. Samlg. kl. Schrifte z. Neurosenlehre
    vierte Folge 1918.

    Wunder, daß das Ich eine Wahrnehm-
    ung für real hält wenn die mit
    der Aufgabe der Realitätsprüfung
    betraute psychische Instanz sich für
    diese Realität einsetzt. Die völlige
    Abwesenheit von Strebungen mit
    ungehemmten Sexualzielen trägt zur
    extremen Reinheit der Erscheinungen
    weiteres bei. Die hypnotische Bezieh-
    ung ist eine uneingeschränkte verliebte
    Hingabe bei Ausschluß sexueller
    Befriedigung, während eine solche bei
    der Ich- Verliebtheit doch nur
    zeitweilig zurückgeschoben wird und als
    späteres Zielmöglichkeit im Hinter-
    grunde verbleibt.

    Andererseits können wir aber auch
    sagen, die hypnotische Beziehung ist
    sich — wenn dieser Ausdruck ge-
    stattet ist — eine Massenbildung zu
    zweit. Die Hypnose ist kein guter
    Vergleichsobjekt mit der Massenbil-
    dung, weil sie vielmehr mit dieser

  • S.

    63

    identisch ist. Sie isoliert uns aus dem Komplexi-
    erten Gefüge der Masse ein Element
    das Verhalten des Massenindividuums
    zum Führer. Durch diese Einschränkung
    der Zahl scheidet sich die Hypnose von
    der Massenbildung wie durch den Weg-
    fall der direkten sexuellen Strebungen
    von der Verliebtheit. Sie hält inso-
    ferne die Mitte zwischen beiden.

    Es ist interessant zu sehen, daß gerade die
    zielgehemmten Sexualstrebungen so dauer-
    hafte Bindungen der Menschen an ein-
    ander erzielen. Dies versteht sich aber
    leicht aus der Tatsache, daß sie einer
    vollen Befriedigung nicht fähig sind,
    während ungehemmte Sexualstrebungen
    jedesmal durch den Abfluß bei der Erreichung des
    Sexualziels eine außerordentliche Herab-
    setzung erfahren. Die sinnliche Liebe ist
    dazu bestimmt in der Befriedigung
    zu erlöschen; um dauerhaft zu be-
    stehen, muß sie von Anfang an mit rein
    zärtlichen d. h. zielgehemmten Kom-
    ponenten vermengt sein oder eine solche Umsetzung
    erfahren.

    Die Hypnose würde uns das Rätsel der
    libidinösen Konstitution einer Masse
    glatt lösen, wenn sie selbst nicht noch
    Züge enthielte, die sich der bisherigen
    Aufklärung — als Verliebt-
    heit bei Ausschluß direkt sexueller Streb-
    ungen — entziehen. Es ist noch vieles an ihr
    als unaufgeklärt, als mystisch anzuerkennen.
    Sie enthält einen Zusatz von Lähmung
    aus dem Verhältnis eines Ohnmächtigen, Hilf-
    losen zu einem Übermächtigen, Furcht-
    baren, was etwa zur Schreckhypnose
    der Thiere überleitet. Die Art wie
    sie erzeugt wird, ihre Beziehung zum

  • S.

    64

    Schlaf sind nicht durchsichtig, und das rätselhafte
    Auswahl von Personen die sich für sie
    eignen während andere sie gänzlich ab-
    lehnen weist auf ein noch unbekanntes
    Moment hin, welches in ihr verwirk-
    licht wird und das sie allein erst die
    Reinheit der libidoaufstellungen
    in ihr ermöglicht. Beachtenswert ist auch
    daß häufig das moralische Gewissen der
    hypnotisierten Person sich selbst bei voller
    suggestiver Fügsamkeit resistent
    zeigen kann. Aber das mag daher
    kommen, daß bei der Hypnose, wie
    sie zumeist geübt wird alle Wissen
    erhalten geblieben sein kann es handle
    sich nur um ein Spiel eine unwahre
     Suggestion Schein Situation.
        Aber im eigentlichen Situation.

    Durch die bisherigen Erörterungen
    sind wir aber voll darauf vorbereitet
    die Formel für die libidinöse Konstit-
    ution einer Masse anzugeben. Wenig-
    stens einer solchen Masse, wie wir sie
    bisher betrachtet haben, die also einen
    Führer hat und nicht durch allzuviel
    Organisation sekundär die Eigenschaften
    eines Individuums erwerben konnte.
    Eine solche primäre Masse ist eine Anzahl
    von Individuen, die ein und dasselbe
    Objekt an die Stelle ihres Ichideals
    gesetzt haben und infolgedessen in
    ihrem Ich mit einander identifiziert
    sind. Dies Verhältnis läßt
    eine graphische Darstellung zu.

    Ichideal   Ich   Objekt

     
    . . . . . . . . . . . . . .
     
    . . . . . . . . . . . . . . . . Objekt
           \
            x
           /
    Objekt
       <—————— ——————> 
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
       <—————— ——————> 
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .