Über den Traum1901-001/1911
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    Natur, eine Loslösung der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit.
    Andere Denker gehen nicht so weit, halten aber daran fest, dass die
    Träume wesentlich seelischen Anregungen entspringen und Äusserungen
    seelischer Kräfte darstellen, die tagsüber an ihrer freien Entfaltung
    behindert sind (der Traumphantasie — Scherner, Volkelt). Eine
    Fähigkeit zur Überleistung wenigstens auf gewissen Gebieten (Gedächtnis)
    wird dem Traumleben von einer grossen Anzahl von Beobachtern
    zugesprochen.

    Im scharfen Gegensatz hierzu vertritt die Mehrzahl ärztlicher
    Autoren eine Auffassung, welche dem Traum kaum noch den Wert
    eines psychischen Phänomens belässt. Die Erreger des Traumes sind
    nach ihnen ausschliesslich die Sinnes- und Leibreize, die entweder von
    aussen den Schläfer treffen oder zufällig in seinen inneren Organen rege
    werden. Das Geträumte hat nicht mehr Anspruch auf Sinn und Be-
    deutung als etwa die Tonfolge, welche die zehn Finger eines der Musik
    ganz unkundigen Menschen hervorrufen, wenn sie über die Tasten des
    Instrumentes hinlaufen. Der Traum ist geradezu als „ein körperlicher,
    in allen Fällen unnützer, in vielen Fällen krankhafter Vorgang“ zu kenn-
    zeichnen (Binz). Alle Eigentümlichkeiten des Traumlebens erklären sich
    aus der zusammenhangslosen, durch physiologische Reize erzwungenen
    Arbeit einzelner Organe oder Zellgruppen des sonst in Schlaf versenkten
    Gehirns.

    Wenig beeinflusst durch dieses Urteil der Wissenschaft und un-
    bekümmert um die Quellen des Traumes scheint die Volksmeinung an
    dem Glauben festzuhalten, dass der Traum denn doch einen Sinn habe,
    der sich auf die Verkündigung der Zukunft bezieht, und der durch
    irgend ein Verfahren der Deutung aus seinem oft verworrenen und
    rätselhaften Inhalt gewonnen werden könne. Die in Anwendung ge-
    brachten Deutungsmethoden bestehen darin, dass man den erinnerten
    Trauminhalt durch einen anderen ersetzt, entweder Stück für Stück
    nach einem feststehenden Schlüssel, oder das Ganze des Traumes
    durch ein anderes Ganzes, zu dem es in der Beziehung eines Symbols
    steht. Ernsthafte Männer lächeln über diese Bemühungen. „Träume
    sind Schäume.“

    II.

    Zu meiner grossen Überraschung entdeckte ich eines Tages,
    dass nicht die ärztliche, sondern die laienhafte, halb noch im Aber-
    glauben befangene Auffassung des Traumes der Wahrheit nahe kommt.
    Ich gelangte nämlich zu neuen Aufschlüssen über den Traum, indem ich
    eine neue Methode der psychologischen Untersuchung auf ihn anwendete,
    die mir bei der Lösung der Phobien, Zwangsideen, Wahnideen u. dgl.

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    hervorragend gute Dienste geleistet hatte, und die seither unter dem
    Namen „Psychoanalyse“ bei einer ganzen Schule von Forschern Auf-
    nahme gefunden hat. Die mannigfaltigen Analogien des Traumlebens
    mit den verschiedenartigsten Zuständen psychischer Krankheit im Wachen
    sind ja von zahlreichen ärztlichen Forschern mit Recht bemerkt worden.
    Es erschien also von vorne herein hoffnungsvoll, ein Untersuchungs-
    verfahren, welches sich bei den psychopathischen Gebilden bewährt hatte,
    auch zur Aufklärung des Traumes heranzuziehen. Die Angst- und
    Zwangsideen stehen dem normalen Bewusstsein in ähnlicher Weise fremd
    gegenüber wie die Träume dem Wachbewusstsein; ihre Herkunft ist dem
    Bewusstsein ebenso unbekannt wie die der Träume. Bei diesen psycho-
    pathischen Bildungen wurde man durch ein praktisches Interesse getrieben,
    ihre Herkunft und Entstehungsweise zu ergründen, denn die Erfahrung
    hatte gezeigt, dass eine solche Aufdeckung der dem Bewusstsein ver-
    hüllten Gedankenwege, durch welche die krankhaften Ideen mit dem
    übrigen psychischen Inhalt zusammenhängen, einer Lösung dieser
    Symptome gleichkommt, die Bewältigung der bisher unhemmbaren Idee
    zur Folge hat. Aus der Psychotherapie stammte also das Verfahren,
    dessen ich mich für die Auflösung der Träume bediente.

    Dieses Verfahren ist leicht zu beschreiben, wenngleich seine Aus-
    führung Unterweisung und Übung erfordern dürfte. Wenn man es bei
    einem Anderen, etwa einem Kranken mit einer Angstvorstellung, in An-
    wendung zu bringen hat, so fordert man ihn auf, seine Aufmerksamkeit
    auf die betreffende Idee zu richten, aber nicht, wie er schon so oft getan,
    über sie nachzudenken, sondern alles ohne Ausnahme sich klar zu
    machen und dem Arzt mitzuteilen, was ihm zu ihr einfällt. Die
    dann etwa auftretende Behauptung, dass die Aufmerksamkeit nichts
    erfassen könne, schiebt man durch eine energische Versicherung, ein
    solches Ausbleiben eines Vorstellungsinhaltes sei ganz unmöglich, zur
    Seite. Tatsächlich ergeben sich sehr bald zahlreiche Einfälle, an die
    sich weitere knüpfen, die aber regelmäßig von dem Urteil des Selbst-
    beobachters eingeleitet werden, sie seien unsinnig oder unwichtig, gehören
    nicht hierher, seien ihm nur zufällig und ausser Zusammenhang mit dem
    gegebenen Thema eingefallen. Man merkt sofort, dass es diese Kritik
    ist, welche all diese Einfälle von der Mitteilung, ja bereits vom Bewusst-
    werden, ausgeschlossen hat. Kann man die betreffende Person dazu
    bewegen, auf solche Kritik gegen ihre Einfälle zu verzichten und die
    Gedankenreihen, die sich bei festgehaltener Aufmerksamkeit ergeben,
    weiter zu spinnen, so gewinnt man ein psychisches Material, welches
    alsbald deutlich an die zum Thema genommene krankhafte Idee anknüpft,
    deren Verknüpfungen mit anderen Ideen blosslegt, und in weiterer Ver-
    folgung gestattet, die krankhafte Idee durch eine neue zu ersetzen, die
    sich in verständlicher Weise in den seelischen Zusammenhang einfügt.

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    Es ist hier nicht der Ort, die Voraussetzungen, auf denen dieser
    Versuch ruht, und die Folgerungen, die sich aus seinem regelmäßigen
    Gelingen ableiten, ausführlich zu behandeln. Es mag also die Aussage
    genügen, dass wir bei jeder krankhaften Idee ein zur Lösung derselben
    hinreichendes Material erhalten, wenn wir unsere Aufmerksamkeit gerade
    den „ungewollten“, den „unser Nachdenken störenden“, den
    sonst von der Kritik als wertloser Abfall beseitigten Assoziationen zu-
    wenden. Übt man das Verfahren an sich selbst, so unterstützt man
    sich bei der Untersuchung am besten durch sofortiges Niederschreiben
    seiner anfänglich unverständlichen Einfälle.

    Ich will nun zeigen, wohin es führt, wenn ich diese Methode der
    Untersuchung auf den Traum anwende. Es müsste jedes Traumbeispiel
    sich in gleicher Weise dazu eignen; aus gewissen Motiven wähle ich
    aber einen eigenen Traum, der mir in der Erinnerung undeutlich und
    sinnlos erscheint, und der sich durch seine Kürze empfehlen kann. Viel-
    leicht wird gerade der Traum der letzten Nacht diesen Ansprüchen
    genügen. Sein unmittelbar nach dem Erwachen fixierter Inhalt lautet
    folgendermaßen:

    „Eine Gesellschaft, Tisch oder Table d’hôte. . . . Es
    wird Spinat gegessen. . . . Frau E. L, sitzt neben mir,
    wendet sich ganz mir zu und legt vertraulich die Hand
    auf mein Knie. Ich entferne die Hand abwehrend. Sie
    sagt dann: Sie haben aber immer so schöne Augen ge-
    habt. . . . Ich sehe dann undeutlich etwas wie zwei Augen
    als Zeichnung oder wie den Kontur eines Brillenglases. . . .
    “

    Dies ist der ganze Traum oder wenigstens alles, was ich von ihm
    erinnere. Er erscheint mir dunkel und sinnlos, vor allem aber be-
    fremdlich. Frau E. L. ist eine Person, zu der ich kaum je freund-
    schaftliche Beziehungen gepflogen, meines Wissens herzlichere nie
    gewünscht habe. Ich habe sie lange Zeit nicht gesehen und glaube
    nicht, dass in den letzten Tagen von ihr die Rede war. Irgendwelche
    Affekte haben den Traumvorgang nicht begleitet.

    Nachdenken über diesen Traum bringt ihn meinem Verständnis
    nicht näher. Ich werde aber jetzt absichts- und kritiklos die Einfälle
    verzeichnen, die sich meiner Selbstbeobachtung ergeben. Ich bemerke
    bald, dass es dabei vorteilhaft ist, den Traum in seine Elemente zu
    zerlegen und zu jedem dieser Bruchstücke die anknüpfenden Einfälle
    aufzusuchen.

    Gesellschaft, Tisch oder Table d’hôte. Daran knüpft sich
    sofort die Erinnerung an das kleine Erlebnis, welches den gestrigen
    Abend beschloss. Ich war von einer kleinen Gesellschaft weggegangen
    in Begleitung eines Freundes, der sich erbot, einen Wagen zu
    nehmen und mich nach Hause zu führen. „Ich ziehe einen Wagen mit

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    Taxameter vor“, sagte er, „das beschäftigt Einen so angenehm; man hat
    immer etwas, worauf man schauen kann.“ Als wir im Wagen sassen
    und der Kutscher die Scheibe einstellte, so dass die ersten 60 Heller
    sichtbar wurden, setzte ich den Scherz fort. „Wir sind kaum ein-
    gestiegen und schulden ihm schon 60 Heller. Mich erinnert der Taxa-
    meterwagen immer an die Table d’hôte. Er macht mich geizig und
    eigensüchtig, indem er mich unausgesetzt an meine Schuld mahnt. Es
    kommt mir vor, dass diese zu schnell wächst, und ich fürchte mich zu
    kurz zu kommen, gerade wie ich mich auch an der Table d’hôte
    der komischen Besorgnis, ich bekomme zu wenig, müsse auf meinen
    Vorteil bedacht sein, nicht erwehren kann.“ In entfernterem Zu-
    sammenhange hiermit zitierte ich:

    „Ihr führt in’s Leben uns hinein,
    Ihr lasst den Armen schuldig werden.“

    Ein zweiter Einfall zur Table d’hôte: Vor einigen Wochen habe ich
    mich an einer Gasthaustafel in einem Tiroler Höhenkurort heftig
    über meine liebe Frau geärgert, die mir nicht reserviert genug gegen
    einige Nachbarn war, mit denen ich durchaus keinen Verkehr anknüpfen
    wollte. Ich bat sie, sich mehr mit mir als mit den Fremden zu be-
    schäftigen. Das ist ja auch, als ob ich an der Table d’hôte zu
    kurz gekommen wäre
    . Jetzt fällt mir auch der Gegensatz auf
    zwischen dem Benehmen meiner Frau an jener Tafel und dem der
    Frau E. L. im Traum, „die sich ganz mir zuwendet“.

    Weiter: Ich merke jetzt, dass der Traumvorgang die Reproduk-
    tion einer kleinen Szene ist, die sich ganz ähnlich so zwischen meiner
    Frau und mir zur Zeit meiner geheimen Werbung zugetragen hat. Die
    Liebkosung unter dem Tischtuch war die Antwort auf einen ernsthaft
    werbenden Brief. Im Traum ist aber meine Frau durch die mir fremde
    E. L. ersetzt.

    Frau E. L. ist die Tochter eines Mannes, dem ich Geld ge-
    schuldet habe! Ich kann nicht umhin zu bemerken, dass sich da ein
    ungeahnter Zusammenhang zwischen den Stücken des Trauminhaltes und
    meinen Einfällen enthüllt. Folgt man der Associationskette, die von
    einem Element des Trauminhaltes ausgeht, so wird man bald zu einem
    anderen Element desselben zurückgeführt. Meine Einfälle zum Traume
    stellen Verbindungen her, die im Traume selbst nicht ersichtlich sind.

    Pflegt man nicht, wenn Jemand erwartet, dass Andere für seinen
    Vorteil sorgen sollen, ohne eigenen Vorteil dabei zu finden, diesen
    Weltunkundigen höhnisch zu fragen: Glauben sie denn, dass dies oder
    jenes um Ihrer schönen Augen willen geschehen wird? Dann
    bedeutet ja die Rede der Frau E. L. im Traume: „Sie haben immer
    so schöne Augen gehabt“ nichts Anderes als: Ihnen haben die Leute
    immer alles zu Liebe getan; Sie haben alles umsonst gehabt. Das

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    Gegenteil ist natürlich wahr: Ich habe alles, was mir andere etwa
    Gutes erwiesen, teuer bezahlt. Es muss mir doch einen Eindruck
    gemacht haben, dass ich gestern den Wagen umsonst gehabt habe,
    in dem mich mein Freund nach Hause geführt hat.

    Allerdings der Freund, bei dem wir gestern zu Gaste waren, hat
    mich oft zu seinem Schuldner gemacht. Ich habe erst unlängst
    eine Gelegenheit, es ihm zu vergelten, ungenützt vorübergehen lassen. Er
    hat ein einziges Geschenk von mir, eine antike Schale, auf der ringsum
    Augen gemalt sind, ein sog. Occhiale zur Abwehr des Malocchio.
    Er ist übrigens Augenarzt. Ich hatte ihn an demselben Abend nach
    der Patientin gefragt, die ich zur Brillenbestimmung in eine Ordi-
    nation empfohlen hatte.

    Wie ich bemerke, sind nun fast sämtliche Stücke des Traum-
    inhaltes in den neuen Zusammenhang gebracht. Ich könnte aber kon-
    sequenter Weise noch fragen, warum im Traume gerade Spinat auf-
    getischt wird? Weil Spinat an eine kleine Szene erinnert, die kürzlich
    an unserem Familientische vorfiel, als ein Kind — gerade jenes, dem
    man die schönen Augen wirklich nachrühmen kann — sich weigerte,
    Spinat zu essen. Ich selbst benahm mich als Kind ebenso; Spinat
    war mir lange Zeit ein Abscheu, bis sich mein Geschmack später
    änderte und dieses Gemüse zur Lieblingsspeise erhob. Die Erwähnung
    dieses Gerichts stellt so eine Annäherung her zwischen meiner Jugend
    und der meines Kindes. „Sei froh, dass du Spinat hast,“ hatte die
    Mutter dem kleinen Feinschmecker zugerufen. „Es gibt Kinder, die
    mit Spinat sehr zufrieden wären.“ Ich werde so an die Pflichten der
    Eltern gegen ihre Kinder erinnert. Die Goethe'schen Worte:

    „Ihr führt in’s Leben uns hinein,
    Ihr lasst den Armen schuldig werden“

    zeigen in diesem Zusammenhange einen neuen Sinn.

    Ich werde hier Halt machen, um die bisherigen Ergebnisse der
    Traumanalyse zu überblicken. Indem ich den Assoziationen folgte, welche
    sich an die einzelnen, aus ihrem Zusammenhang gerissenen Elemente
    des Traumes anknüpften, bin ich zu einer Reihe von Gedanken und Er-
    innerungen gelangt, in denen ich wertvolle Äusserungen meines Seelen-
    lebens erkennen muss. Dieses durch die Analyse des Traumes gefundene
    Material steht in einer innigen Beziehung zum Trauminhalt, doch ist
    diese Beziehung von der Art, dass ich das neu Gefundene niemals aus
    dem Trauminhalt hätte erschliessen können. Der Traum war affektlos,
    unzusammenhängend und unverständlich; während ich die Gedanken
    hinter dem Traume entwickele, verspüre ich intensive und gut begründete
    Affektregungen; die Gedanken selbst fügen sich ausgezeichnet zu logisch
    verbundenen Ketten zusammen, in denen gewisse Vorstellungen als zen-
    trale wiederholt vorkommen. Solche im Traum selbst nicht vertretene

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    Vorstellungen sind in unserem Beispiel die Gegensätze von eigen-
    nützig
    — uneigennützig, die Elemente schuldig sein und um-
    sonst tun
    . Ich könnte in dem Gewebe, welches sich der Analyse
    enthüllt, die Fäden fester anziehen und würde dann zeigen können, dass
    sie zu einem einzigen Knoten zusammenlaufen, aber Rücksichten nicht
    wissenschaftlicher, sondern privater Natur hindern mich, diese Arbeit
    öffentlich zu tun. Ich müsste zu vielerlei verraten, was besser mein
    Geheimnis bleibt, nachdem ich auf dem Wege zu dieser Lösung mir
    allerlei klar gemacht, was ich mir selbst ungern eingestehe. Warum
    ich aber nicht lieber einen anderen Traum wähle, dessen Analyse sich
    zur Mitteilung besser eignet, so dass ich eine bessere Überzeugung
    für den Sinn und Zusammenhang des durch Analyse aufgefundenen
    Materials erwecken kann? Die Antwort lautet, weil jeder Traum, mit
    dem ich mich beschäftigen will, zu denselben schwer mitteilbaren Dingen
    führen und mich in die gleiche Nötigung zur Diskretion versetzen wird.
    Ebensowenig würde ich diese Schwierigkeit vermeiden, wenn ich den Traum
    eines Anderen zur Analyse brächte, es sei denn, dass die Verhältnisse
    gestatteten, ohne Schaden für den mir Vertrauenden alle Verschleierungen
    fallen zu lassen.

    Die Auffassung, die sich mir schon jetzt aufdrängt, geht dahin,
    dass der Traum eine Art Ersatz ist für jene affektvollen und sinn-
    reichen Gedankengänge, zu denen ich nach vollendeter Analyse gelangt
    bin. Ich kenne den Prozess noch nicht, welcher aus diesen Gedanken
    den Traum hat entstehen lassen, aber ich sehe ein, dass es Unrecht ist,
    diesen als einen rein körperlichen, psychisch bedeutungslosen Vorgang
    hinzustellen, der durch die isolierte Tätigkeit einzelner, aus dem Schlaf
    geweckter Hirnzellgruppen entstanden ist.

    Zweierlei merke ich noch an: dass der Trauminhalt sehr viel
    kürzer ist als die Gedanken, für deren Ersatz ich ihn erkläre, und dass
    die Analyse eine unwichtige Begebenheit des Abends vor dem Träumen
    als den Traumerreger aufgedeckt hat.

    Ich werde einen so weit reichenden Schluss natürlich nicht ziehen,
    wenn mir erst eine einzige Traumanalyse vorliegt. Wenn mir aber die
    Erfahrung gezeigt hat, dass ich durch kritiklose Verfolgung der Asso-
    ziationen von jedem Traum aus zu einer solchen Kette von Gedanken
    gelangen kann, unter deren Elementen die Traumbestandteile wieder-
    kehren, und die unter sich korrekt und sinnreich verknüpft sind, so
    wird die geringe Erwartung, dass die das erstemal bemerkten Zu-
    sammenhänge sich als Zufall herausstellen könnten, wohl aufgegeben
    werden. Ich halte mich dann für berechtigt, die neue Einsicht durch
    Namengebung zu fixieren. Den Traum, wie er mir in der Erinnerung
    vorliegt, stelle ich dem durch Analyse gefundenen zugehörigen Material
    gegenüber, nenne den ersteren den manifesten Trauminhalt, das

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    letztere — zunächst ohne weitere Scheidung — den latenten Traum-
    inhalt
    . Ich stehe dann vor zwei neuen, bisher nicht formulierten Pro-
    blemen: 1. welches der psychische Vorgang ist, der den latenten Traum-
    inhalt in den mir aus der Erinnerung bekannten, manifesten, übergeführt
    hat; 2. welches das Motiv oder die Motive sind, die solche Übersetzung
    erfordert haben. Den Vorgang der Verwandlung vom latenten zum
    manifesten Trauminhalt werde ich die Traumarbeit nennen. Das
    Gegenstück zu dieser Arbeit, welches die entgegengesetzte Umwandlung
    leistet, kenne ich bereits als Analysenarbeit. Die anderen Traum-
    probleme, die Fragen nach den Traumerregern, nach der Herkunft des
    Traummateriales, nach dem etwaigen Sinn des Traumes und Funktion
    des Träumens, und nach den Gründen des Traumvergessens werde ich
    nicht am manifesten, sondern am neugewonnenen latenten Trauminhalt
    erörtern. Da ich alle widersprechenden wie alle unrichtigen Angaben
    über das Traumleben in der Literatur auf die Unkenntnis des erst
    durch Analyse zu enthüllenden latenten Trauminhaltes zurückführe,
    werde ich eine Verwechslung des manifesten Traumes mit den
    latenten Traumgedanken fortan auf’s Sorgfältigste zu vermeiden
    suchen.

    III.

    Die Verwandlung der latenten Traumgedanken in den manifesten
    Trauminhalt verdient unsere volle Aufmerksamkeit als das zuerst bekannt
    gewordene Beispiel von Umsetzung eines psychischen Materials aus der
    einen Ausdrucksweise in eine andere, aus einer Ausdrucksweise, die uns
    ohne weiteres verständlich ist, in eine andere, zu deren Verständnis
    wir erst durch Anleitung und Bemühung vordringen können, obwohl
    auch sie als Leistung unserer Seelentätigkeit anerkannt werden muss.
    Mit Rücksicht auf das Verhältnis von latentem zu manifestem Traum-
    inhalt lassen sich die Träume in drei Kategorien bringen. Wir können
    erstens solche Träume unterscheiden, die sinnvoll und gleichzeitig
    verständlich sind, d. h. eine Einreihung in unser seelisches Leben
    ohne weiteren Anstoss zulassen. Solcher Träume gibt es viele; sie sind
    meist kurz und erscheinen uns im allgemeinen wenig bemerkenswert,
    weil alles Erstaunen oder Befremden Erregende ihnen abgeht. Ihr
    Vorkommen ist übrigens ein starkes Argument gegen die Lehre, welche
    den Traum durch isolierte Tätigkeit einzelner Hirnzellgruppen ent-
    stehen lässt: es fehlen ihnen alle Kennzeichen herabgesetzter oder zer-
    stückelter psychischer Tätigkeit, und doch erheben wir gegen ihren
    Charakter als Träume niemals einen Einspruch und verwechseln sie
    nicht mit den Produkten des Wachens. Eine zweite Gruppe bilden
    jene Träume, die zwar in sich zusammenhängend sind und einen klaren