Über den Traum1901-001/1911
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    deutung, die ihn in den Zusammenhang eines eben auf seine Erfüllung
    lauernden verdrängten Wunsches einfügt, ihn so seiner Realität beraubt
    und wie ein Stück des psychischen Materials behandelt. So träumt
    Jemand, er habe ein Lustspiel geschrieben, das eine bestimmte Grund-
    idee verkörpert, es werde im Theater aufgeführt, der erste Akt sei
    vorüber und finde rasenden Beifall. Es wird fürchterlich geklatscht . . .
    Es muss hier dem Träumer gelungen sein, seinen Schlaf über die
    Störung hinaus zu verlängern, denn als er erwachte, hörte er das
    Geräusch nicht mehr, urteilte aber mit gutem Recht, es müsste ein
    Teppich oder Betten geklopft worden sein. — Die Träume, die sich
    unmittelbar vor dem Wecken durch ein lautes Geräusch einstellen,
    haben alle noch den Versuch gemacht, den erwarteten Weckreiz durch
    eine andere Erklärung abzuleugnen und den Schlaf noch um ein
    Weilchen zu verlängern.

    XII.

    Wer an dem Gesichtspunkte der Zensur als dem Hauptmotiv
    der Traumentstellung festhält, der wird nicht befremdet sein aus den
    Ergebnissen der Traumdeutung zu erfahren, dass die meisten Träume
    der Erwachsenen durch die Analyse auf erotische Wünsche zurück-
    geführt werden. Diese Behauptung zielt nicht auf die Träume von un-
    verhüllt sexuellem Inhalt, die wohl allen Träumern aus eigenem Er-
    leben bekannt sind und gewöhnlich allein als „sexuelle Träume“ be-
    schrieben werden. Solche Träume bieten noch immer des Befremdenden
    genug durch die Auswahl der Personen, die sie zu Sexualobjekten
    machen, durch die Wegräumung aller Schranken, an denen der
    Träumer im wachen Leben seine geschlechtlichen Bedürfnisse Halt
    machen lässt, durch viele sonderbare an das sogenannt Perverse
    mahnende Einzelheiten. Die Analyse zeigt aber, dass sehr viele andere
    Träume, die in ihrem manifesten Inhalt nichts Erotisches erkennen
    lassen, durch die Deutungsarbeit als sexuelle Wunscherfüllungen entlarvt
    werden, und dass anderseits sehr viele von der Denkarbeit des Wachens
    als „Tagesreste“ erübrigte Gedanken zu ihrer Darstellung im Traum
    nur durch die Zuhilfenahme verdrängter erotischer Wünsche gelangen.

    Zur Aufklärung dieses theoretisch nicht postulierten Sachverhaltes
    sei darauf hingewiesen, dass keine andere Gruppe von Trieben eine so
    weitgehende Unterdrückung durch die Anforderungen der Erziehung
    zur Kultur erfahren hat wie gerade die sexuellen, dass aber auch die
    sexuellen Triebe sich bei den meisten Menschen der Beherrschung
    durch die höchsten Seeleninstanzen am ehesten zu entziehen verstehen.
    Seitdem wir die in ihren Äusserungen oft so unscheinbare, regelmäßig

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    übersehene und missverstandene infantile Sexualität kennen gelernt
    haben, sind wir berechtigt zu sagen, dass fast jeder Kulturmensch die
    infantile Gestaltung des Sexuallebens in irgend einem Punkte festge-
    halten hat, und begreifen so, dass die verdrängten infantilen Sexual-
    wünsche die häufigsten und stärksten Triebkräfte für die Bildung der
    Träume ergeben1).

    Wenn es dem Traume, welcher erotische Wünsche zum Ausdrucke
    bringt, gelingen kann, in seinem manifesten Inhalt harmlos asexuell zu
    erscheinen, so kann dies nur auf eine Weise möglich werden. Das
    Material von sexuellen Vorstellungen darf nicht als solches dargestellt
    werden, sondern muss im Trauminhalt durch Andeutungen, Anspielungen
    und ähnliche Arten der indirekten Darstellung ersetzt werden, aber zum
    Unterschied von anderen Fällen indirekter Darstellung muss die im
    Traum verwendete der unmittelbaren Verständlichkeit entzogen sein.
    Man hat sich gewöhnt, die Darstellungsmittel, welche diesen Bedingungen
    entsprechen, als Symbole des durch sie Dargestellten zu bezeichnen.
    Ein besonderes Interesse hat sich ihnen zugewendet, seitdem man be-
    merkt hat, dass die Träumer derselben Sprache sich der nämlichen
    Symbole bedienen ja, dass in einzelnen Fällen die Symbolgemeinschaft
    über die Sprachgemeinschaft hinausreicht. Da die Träumer die Be-
    deutung der von ihnen verwendeten Symbole selbst nicht kennen, bleibt
    es zunächst rätselhaft, woher deren Beziehung zu dem durch sie Er-
    setzten und Bezeichneten rührt. Die Tatsache selbst ist aber unzweifel-
    haft und wird für die Technik der Traumdeutung bedeutsam, denn mit
    Hilfe einer Kenntnis der Traumsymbolik ist es möglich, den Sinn ein-
    zelner Elemente des Trauminhaltes, oder einzelner Stücke des Traumes,
    oder mitunter selbst ganzer Träume, zu verstehen ohne den Träumer
    nach seinen Einfällen befragen zu müssen. Wir nähern uns so dem
    populären Ideal einer Traumübersetzung und greifen anderseits auf die
    Deutungstechnik der alten Völker zurück, denen Traumdeutung mit
    Deutung durch Symbolik identisch war.

    Wiewohl die Studien über die Traumsymbole von einem Abschluss
    noch weit entfernt sind, können wir doch eine Reihe von allgemeinen
    Behauptungen und von speziellen Angaben über dieselben mit Sicher-
    heit vertreten. Es gibt Symbole, die fast allgemein eindeutig zu über-
    setzen sind, so bedeuten Kaiser und Kaiserin (König und Königin) die
    Eltern, Zimmer stellen Frauen(zimmer) dar, die Ein- und Ausgänge der-
    selben die Körpereröffnungen. Die grösste Zahl der Traumsymbole dient
    zur Darstellung von Personen, Körperteilen und Verrichtungen, die mit
    erotischem Interesse betont sind, insbesondere können die Genitalien

    1) Vergl. hierzu des Verfassers „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ 1905,
    zweite Auflage 1910.

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    durch eine Anzahl von oft sehr überraschenden Symbolen dargestellt
    werden und finden sich die mannigfaltigsten Gegenstände zur symboli-
    schen Bezeichnung der Genitalien verwendet. Wenn scharfe Waffen,
    lange und starre Objekte wie Baumstämme und Stöcke das männliche
    Genitale; Schränke, Schachteln, Wagen, Öfen den Frauenleib im Traum
    vertreten, so ist uns das Tertium comparationis, das Gemeinsame dieser
    Ersetzungen ohne weiteres verständlich, aber nicht bei allen Symbolen
    wird uns das Erfassen der verbindenden Beziehungen so leicht gemacht.
    Symbole wie das der Stiege und des Steigens für den Sexualverkehr,
    der Cravate für das männliche Glied, des Holzes für den Frauenleib
    fordern unseren Unglauben heraus, so lange wir nicht die Einsicht in
    die Symbolbeziehung auf anderen Wegen gewonnen haben. Eine ganze
    Anzahl der Traumsymbole ist übrigens bisexuell, kann je nach dem
    Zusammenhange auf das männliche oder auf das weibliche Genitale be-
    zogen werden.

    Es gibt Symbole von universeller Verbreitung, die man bei allen
    Träumern eines Sprach- und Bildungskreises antrifft, und andere von
    höchst eingeschränktem, individuellem Vorkommen, die sich ein Ein-
    zelner aus seinem Vorstellungsmaterial gebildet hat. Unter den ersteren
    unterscheidet man solche, deren Anspruch auf Vertretung des Sexuellen
    durch den Sprachgebrauch ohne weiteres gerechtfertigt wird (wie z. B.
    die aus dem Ackerbau stammenden, vgl. Fortpflanzung, Samen), von
    anderen, deren Beziehung zum Sexuellen in die ältesten Zeiten und
    dunkelsten Tiefen unserer Begriffsbildung hinabzureichen scheint. Die
    symbolbildende Kraft ist für beide oben gesonderten Arten von Sym-
    bolen in der Gegenwart nicht erloschen. Man kann beobachten, dass
    neu erfundene Gegenstände (wie des Luftschiff) sofort zu universell ge-
    bräuchlichen Sexualsymbolen erhoben werden.

    Es wäre übrigens irrtümlich zu erwarten, eine noch gründlichere
    Kenntnis der Traumsymbolik (der „Sprache des Traumes“) könnte uns
    von der Befragung des Träumers nach seinen Einfällen zum Traume
    unabhängig machen und uns gänzlich zur Technik der antiken Traum-
    deutung zurückführen. Abgesehen von den individuellen Symbolen und
    den Schwankungen im Gebrauch der universellen weiss man nie, ob
    ein Element des Trauminhaltes symbolisch oder im eigentlichen Sinne
    zu deuten ist, und weiss man mit Sicherheit, dass nicht aller Inhalt
    des Traumes symbolisch zu deuten ist. Die Kenntnis der Traumsym-
    bolik wird uns immer nur die Übersetzung einzelner Bestandteile des
    Trauminhaltes vermitteln und wird die Anwendung der früher gegebenen
    technischen Regeln nicht überflüssig machen. Sie wird aber als das wert-
    vollste Hilfsmittel zur Deutung gerade dort eintreten, wo die Einfälle
    des Träumers versagen oder ungenügend werden.

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    Die Traumsymbolik erweist sich als unentbehrlich auch für das
    Verständnis der sog. „typischen“ Träume der Menschen und der „wieder-
    kehrenden“ Träume des Einzelnen. Wenn die Würdigung der symbo-
    lischen Ausdrucksweise des Traumes in dieser kurzen Darstellung so
    unvollständig ausgefallen ist, so rechtfertigt sich diese Vernachlässigung
    durch den Hinweis auf eine Einsicht, die zu dem Wichtigsten gehört,
    was wir über diesen Gegenstand aussagen können. Die Traumsymbolik
    führt weit über den Traum hinaus; sie gehört nicht dem Traume zu
    eigen an, sondern beherrscht in gleicher Weise die Darstellung in den
    Märchen, Mythen und Sagen, in den Witzen und im Folklore. Sie ge-
    stattet uns die innigen Beziehungen des Traumes zu diesen Produktionen
    zu verfolgen; wir müssen uns aber sagen, dass sie nicht von der Traum-
    arbeit hergestellt wird, sondern eine Eigentümlichkeit — wahrscheinlich
    unseres unbewussten Denkens ist, welches der Traumarbeit das Material
    zur Verdichtung, Verschiebung und Dramatisierung liefert1).

    XIII.

    Ich erhebe weder den Anspruch, hier auf alle Traumprobleme
    Licht geworfen, noch die hier erörterten überzeugend erledigt zu haben.
    Wer sich für den ganzen Umfang der Traumliteratur interessiert, der
    sei auf das Buch von Sante de Sanctis: I sogni, Torino 1899 ver-
    wiesen; wer die eingehendere Begründung der von mir vorgetragenen
    Auffassung des Traumes sucht, der wende sich an meine Schrift: Die
    Traumdeutung
    , Leipzig und Wien 19002). Ich werde nur noch
    darauf hinweisen, in welcher Richtung die Fortsetzung meiner Dar-
    legungen über die Traumarbeit zu verfolgen ist.

    Wenn ich als die Aufgabe einer Traumdeutung die Ersetzung des
    Traumes durch die latenten Traumgedanken, also die Auflösung dessen,
    was die Traumarbeit gesponnen hat, hinstelle, so werfe ich einerseits
    eine Reihe von neuen psychologischen Problemen auf, die sich auf den
    Mechanismus dieser Traumarbeit selbst wie auf die Natur und die Be-
    dingungen der sog. Verdrängung beziehen; anderseits behaupte ich
    die Existenz der Traumgedanken, als eines sehr reichhaltigen Materiales
    psychischer Bildungen von höchster Ordnung und mit allen Kennzeichen

    1) Weiteres über die Traumsymbolik findet man ausser in den alten Schriften
    zur Traumdeutung (Artemidorus von Daldis, Scherner, Das Leben des
    Traumes 1861) in der „Traumdeutung“ des Verfassers, in den mythologischen
    Arbeiten der psychoanalytischen Schule, und vor allem in den Arbeiten von
    W. Stekel („Die Sprache des Traumes" 1911).

    2) 1911 in dritter Auflage erschienen.