Über den Traum1901-001/1911
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    III. Eine junge, aber schon seit Jahren verheiratete Dame erfährt, dass
    eine ihr fast gleichalterige Bekannte, Frl. Elise L., sich verlobt
    hat. Dieser Anlass erregt nachstehenden Traum: Sie sitzt mit
    ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts ist
    ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr
    Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber nur
    schlechte Sitze bekommen, drei für 1 fl. 50 kr., und die
    konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch
    kein Unglück gewesen.

    Hier wird uns die Herkunft der Zahlen aus dem Material
    der Traumgedanken und die Verwandlungen, die sie erfahren haben,
    interessieren. Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem indiffe-
    renten Anlass des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne
    die Summe von 150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt,
    sie los zu werden, indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir
    wollen anmerken, dass 150 fl. 100 mal mehr sind als 1 fl. 50 kr.
    Für die drei, die bei den Theaterbillets steht, findet sich nur die
    eine Anknüpfung, dass die Braut Elise L. genau drei Monate jünger
    ist als die Träumerin. Die Situation im Traume ist die Wieder-
    gabe einer kleinen Begebenheit, mit der sie von ihrem Manne oft
    geneckt worden ist. Sie hatte sich einmal so sehr beeilt, vor-
    zeitig Karten zu einer Theatervorstellung zu nehmen, und als sie
    dann ins Theater kam, war eine Seite des Parketts fast
    unbesetzt.
    Sie hätte es also nicht nötig gehabt, sich so sehr
    zu beeilen
    . — Übersehen wir endlich nicht die Absurdität
    des Traumes, dass zwei Personen drei Karten fürs Theater nehmen
    sollen!

    Nun die Traumgedanken: Ein Unsinn war es doch, so früh
    zu heiraten; ich hätte es nicht nötig gehabt, mich so zu
    beeilen
    . An dem Beispiel der Elise L. sehe ich, dass ich immer
    noch einen Mann bekommen hätte, und zwar einen hundertmal
    besseren (Mann, Schatz), wenn ich nur gewartet hätte. Drei solche
    Männer hätte ich mir für das Geld (die Mitgift) kaufen können!

    VIII.

    Nachdem wir in den vorstehenden Darlegungen die Traumarbeit
    kennen gelernt haben, werden wir wohl geneigt sein, sie für einen ganz
    besonderen psychischen Vorgang zu erklären, dessengleichen es nach
    unserer Kenntnis sonst nicht gibt. Es ist gleichsam auf die Traum-
    arbeit das Befremden übergegangen, welches sonst ihr Produkt, der
    Traum, bei uns zu erwecken pflegte. In Wirklichkeit ist die Traumarbeit

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    nur der zuerst erkannte unter einer ganzen Reihe von psychischen
    Prozessen, auf welche die Entstehung der hysterischen Symptome, der
    Angst-, Zwangs- und Wahnideen zurückzuführen ist. Verdichtung und
    vor allem Verschiebung sind niemals fehlende Charaktere auch dieser
    anderen Prozesse. Die Umarbeitung auf's Anschauliche bleibt hingegen
    der Traumarbeit eigentümlich. Wenn diese Aufklärung den Traum in
    eine Reihe mit den Bildungen psychischer Erkrankung bringt, so
    wird es uns um so wichtiger werden, die wesentlichen Bedingungen
    solcher Vorgänge wie der Traumbildung zu erfahren. Wir werden
    wahrscheinlich verwundert sein zu hören, dass weder Schlafzustand noch
    Krankheit zu diesen unentbehrlichen Bedingungen gehören. Eine ganze
    Anzahl von Phänomenen des Alltagslebens Gesunder, das Vergessen,
    Versprechen, Vergreifen, und eine gewisse Klasse von Irrtümern danken
    einem analogen psychischen Mechanismus wie der Traum und die
    anderen Glieder der Reihe ihre Entstehung.

    Der Kern des Problems liegt in der Verschiebung, der weitaus
    auffälligsten unter den Einzelleistungen der Traumarbeit. Die wesent-
    liche Bedingung der Verschiebung lernt man bei eingehender Vertiefung
    in den Gegenstand als eine rein psychologische kennen; sie ist von der
    Art einer Motivierung. Man gerät auf ihre Spur, wenn man Er-
    fahrungen würdigt, denen man bei der Analyse von Träumen nicht
    entgehen kann. Ich habe bei der Analyse des Traumbeispiels auf
    Seite 4 in der Mitteilung der Traumgedanken abbrechen müssen, weil
    sich unter ihnen, wie ich eingestand, solche fanden, die ich gerne vor
    Fremden geheim halte und ohne schwere Verletzung wichtiger Rück-
    sichten nicht mitteilen kann. Ich fügte hinzu, es brächte gar keinen
    Nutzen, wenn ich anstatt dieses Traumes einen anderen zur Mitteilung
    seiner Analyse auswählte; bei jedem Traum, dessen Inhalt dunkel oder
    verworren ist, würde ich auf Traumgedanken stossen, die Geheimhaltung
    erfordern. Wenn ich aber für mich selbst die Analyse fortsetze, ohne
    Rücksicht auf die anderen, für die ja ein so persönliches Erlebnis wie
    mein Traum gar nicht bestimmt sein kann, so lange ich endlich bei Ge-
    danken an, die mich überraschen, die ich in mir nicht gekannt habe,
    die mir aber nicht nur fremdartig, sondern auch unangenehm
    sind, und die ich darum energisch bestreiten möchte, während die durch
    die Analyse laufende Gedankenverkettung sie mir unerbittlich aufdrängt.
    Ich kann diesem ganz allgemeinen Sachverhalt gar nicht anders Rechnung
    tragen als durch die Annahme, diese Gedanken seien wirklich in meinem
    Seelenleben vorhanden und im Besitz einer gewissen psychischen Inten-
    sität oder Energie gewesen, hätten sich aber in einer eigentümlichen
    psychologischen Situation befunden, der zufolge sie mir nicht bewusst
    werden
    konnten. Ich heisse diesen besonderen Zustand den der Ver-
    drängung
    . Ich kann dann nicht umhin, zwischen der Dunkelheit des

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    Trauminhaltes und dem Verdrängungszustand, der Bewusstseins-
    unfähigkeit
    , einiger der Traumgedanken eine kausale Beziehung
    gelten zu lassen und zu schliessen, dass der Traum dunkel sein müsse,
    damit er die verpönten Traumgedanken nicht verrate.
    Ich komme so zum Begriffe der Traumentstellung, welche das
    Werk der Traumarbeit ist, und der Verstellung, der Absicht zu
    verbergen, dient.

    Ich will an dem zur Analyse ausgesuchten Traumbeispiel die Probe
    machen und mich fragen, welches denn der Gedanke ist, der sich in
    diesem Traum entstellt zur Geltung bringt, während er unentstellt
    meinen schärfsten Widerspruch herausfordern würde. Ich erinnere
    mich, dass die kostenlose Wagenfahrt mich an die letzten kostspieligen
    Wagenfahrten mit einer Person meiner Familie gemahnt hat, dass sich
    als die Deutung des Traumes ergab: Ich möchte einmal Liebe kennen
    lernen, die mich nichts kostet, und dass ich kurze Zeit vor dem Traum
    eine grössere Geldausgabe für eben diese Person zu leisten hatte. In
    diesem Zusammenhang kann ich mich des Gedankens nicht entwehren,
    dass es mir um diese Ausgabe leid tut. Erst wenn ich diese
    Regung anerkenne, bekommt es einen Sinn, dass ich mir im Traum Liebe
    wünsche, die mir keine Ausgabe nötig macht. Und doch kann ich mir
    ehrlich sagen, dass ich bei der Entschliessung, jene Summe aufzuwenden,
    nicht einen Augenblick geschwankt habe. Das Bedauern darüber, die
    Gegenströmung, ist mir nicht bewusst worden. Aus welchen Gründen
    nicht, dies ist allerdings eine andere, weitab führende Frage, deren mir
    bekannte Beantwortung in einen anderen Zusammenhang gehört.

    Wenn ich nicht einen eigenen Traum, sondern den einer fremden
    Person der Analyse unterziehe, so ist das Ergebnis das nämliche; die
    Motive zur Überzeugung werden aber geändert. Ist es der Traum
    eines Gesunden, so bleibt mir kein anderes Mittel, ihn zur Anerkennung
    der gefundenen verdrängten Ideen zu nötigen, als der Zusammenhang
    der Traumgedanken, und er mag sich immerhin gegen diese Anerkennung
    sträuben. Handelt es sich aber um einen neurotisch Leidenden, etwa
    um einen Hysteriker, so wird die Annahme des verdrängten Gedankens
    für ihn zwingend durch den Zusammenhang dieses letzteren mit seinen
    Krankheitssymptomen und durch die Besserung, die er bei dem Eintausch
    von Symptomen gegen verdrängte Ideen erfährt. Bei der Patientin z. B.,
    von welcher der letzte Traum mit den drei Karten für 1 fl. 50 kr. herrührt,
    muss die Analyse annehmen, dass sie ihren Mann geringschätzt, dass
    sie bedauert, ihn geheiratet zu haben, dass sie ihn gerne gegen einen
    anderen vertauschen möchte. Sie behauptet freilich, dass sie ihren
    Mann liebt, dass ihr Empfindungsleben von dieser Geringschätzung
    (einen 100 mal besseren!) nichts weiss, aber all ihre Symptome führen
    zu derselben Auflösung wie dieser Traum, und nachdem die von ihr

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    verdrängten Erinnerungen an eine gewisse Zeit wieder geweckt worden
    sind, in welcher sie ihren Mann auch bewusst nicht geliebt hat, sind
    diese Symptome gelöst, und ihr Widerstand gegen die Deutung des
    Traumes ist geschwunden.

    IX.

    Nachdem wir uns den Begriff der Verdrängung fixiert und die
    Traumentstellung in Beziehung zu verdrängtem psychischem Material
    gesetzt haben, können wir das Hauptergebnis, welches die Analyse der
    Träume liefert, ganz allgemein aussprechen. Von den verständlichen
    und sinnvollen Träumen haben wir erfahren, dass sie unverhüllte
    Wunscherfüllungen sind, d. h. dass die Traumsituation in ihnen einen
    dem Bewusstsein bekannten, vom Tagesleben erübrigten, des Interesses
    wohl würdigen Wunsch als erfüllt darstellt. Über die dunkeln und
    verworrenen Träume lehrt nun die Analyse etwas ganz Analoges: die
    Traumsituation stellt wiederum einen Wunsch als erfüllt dar, der sich
    regelmäßig aus den Traumgedanken erhebt, aber die Darstellung ist
    eine unkenntliche, erst durch Zurückführung in der Analyse aufzuklärende,
    und der Wunsch ist entweder selbst ein verdrängter, dem Bewusstsein
    fremder, oder er hängt doch innigst mit verdrängten Gedanken zu-
    sammen, wird von solchen getragen. Die Formel für diese Träume
    lautet also: Sie sind verhüllte Erfüllungen von verdrängten
    Wünschen
    . Es ist dabei interessant zu bemerken, dass die Volks-
    meinung recht behält, welche den Traum durchaus die Zukunft ver-
    künden lässt. In Wahrheit ist die Zukunft, die uns der Traum zeigt,
    nicht die, die eintreffen wird, sondern von der wir möchten, dass sie
    so einträfe. Die Volksseele verfährt hier, wie sie es auch sonst gewohnt
    ist: sie glaubt, was sie wünscht.

    Nach ihrem Verhalten gegen die Wunscherfüllung teilen sich die
    Träume in drei Klassen. Erstens solche, die einen unverdrängten
    Wunsch unverhüllt darstellen; dies sind die Träume von infantilem
    Typus, die beim Erwachsenen immer seltener werden. Zweitens die
    Träume, die einen verdrängten Wunsch verhüllt zum Ausdruck
    bringen; wohl die übergrosse Mehrzahl aller unserer Träume, die zum
    Verständnis dann der Analyse bedürfen. Drittens die Träume, die
    zwar einen verdrängten Wunsch darstellen, aber ohne oder in un-
    genügender Verhüllung. Diese letzten Träume sind regelmäßig von
    Angst begleitet, welche den Traum unterbricht. Die Angst ist hier
    der Ersatz für die Traumentstellung; sie ist mir in den Träumen der
    zweiten Klasse durch die Traumarbeit erspart worden. Es lässt sich
    ohne allzugrosse Schwierigkeit nachweisen, dass derjenige Vorstellungs-