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ironisch: „Natürlich, er ist ein Verrückter, ein Narr, und ihr seid die
Genies, die es besser verstehen. Sollte es nicht doch umgekehrt
sein?“ — Diese Umkehrung ist nun ausgiebig im Trauminhalt ver-
treten, indem Goethe den jungen Mann angegriffen hat, was absurd
ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch heute den grossen
Goethe angreifen könnte.Ich möchte behaupten, dass kein Traum von anderen als egoistischen
Regungen eingegeben wird. Das Ich im Traum steht wirklich nicht
bloss für meinen Freund, sondern auch für mich selbst. Ich identifiziere
mich mit ihm, weil das Schicksal seiner Entdeckung mir vorbildlich
für die Aufnahme meiner eigenen Funde erscheint. Wenn ich mit
meiner Theorie hervortreten werde, welche in der Ätiologie psychoneu-
rotischer Störungen die Sexualität hervorhebt (siehe die Anspielung auf
den 18jährigen Kranken „Natur, Natur“), werde ich die nämliche
Kritik wiederfinden und bringe ihr schon jetzt den gleichen Spott
entgegen.Wenn ich die Traumgedanken weiter verfolge, finde ich immer
nur Spott und Hohn als das Korrelat der Absurditäten des
Traumes. Der Fund eines geborstenen Schafschädels auf dem Lido
zu Venedig hat Goethe bekanntlich die Idee zur sog. Wirbeltheorie
des Schädels eingegeben. — Mein Freund rühmt sich als Student einen
Sturm zur Beseitigung eines alten Professors entfesselt zu haben, der einst
wohlverdient (unter anderem auch um diesen Teil der vergleichenden
Anatomie) nun durch Altersschwachsinn zum Lehren unfähig ge-
worden war. Die von ihm veranstaltete Agitation half so dem Übel-
stande ab, dass an den deutschen Universitäten dem akademischen
Wirken eine Altersgrenze nicht gezogen ist. — Alter schützt
nämlich vor Torheit nicht. — Im hiesigen Krankenhause hatte
ich die Ehre, Jahre hindurch unter einem Primarius zu dienen, der
längst fossil, seit Dezennien notorisch schwachsinnig, sein ver-
antwortungsvolles Amt weiterführen durfte. Eine Charakteristik nach
dem Funde am Lido drängt sich mir hier auf. — Auf diesen Mann
bezüglich fertigten einst junge Kollegen im Spital eine Übertragung
des damals beliebten Gassenhauers: Das hat kein Goethe g’schrieben,
das hat kein Schiller g’dicht usw. . . .VII.
Wir sind mit der Würdigung der Traumarbeit noch nicht zu Ende
gekommen. Wir sehen uns genötigt, ihr ausser der Verdichtung, Ver-
schiebung und anschaulichen Zurichtung des psychischen Materials noch
eine andere Tätigkeit zuzuschreiben, deren Beitrag allerdings nicht anS.
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allen Träumen zu erkennen ist. Ich werde von diesem Stück der Traum-
arbeit nicht ausführlich handeln, will also nur anführen, dass man sich
von seinem Wesen am ehesten eine Vorstellung verschafft, wenn man
sich zu der — wahrscheinlich unzutreffenden — Annahme entschliesst,
dass es auf den bereits vorgebildeten Trauminhalt erst
nachträglich einwirke. Seine Leistung besteht dann darin, die
Traumbestandteile so anzuordnen, dass sie sich ungefähr zu einem
Zusammenhang, zu einer Traumkomposition, zusammenfügen. Der Traum
erhält so eine Art Façade, die seinen Inhalt freilich nicht an allen Stellen
deckt; er erfährt dabei eine erste vorläufige Deutung, die durch Ein-
schiebsel und leise Abänderungen unterstützt wird. Allerdings macht
sich diese Bearbeitung des Trauminhaltes nur möglich, indem sie alle
fünf gerade sein lässt, sie liefert auch weiter nichts als ein eklatantes
Missverständnis der Traumgedanken, und wenn wir die Analyse des
Traumes in Angriff nehmen, müssen wir uns zuerst von diesem Deutungs-
versuche frei machen.An diesem Stücke der Traumarbeit ist die Motivierung ganz be-
sonders durchsichtig. Es ist die Rücksicht auf Verständlichkeit,
welche diese letzte Überarbeitung des Traumes veranlasst; hierdurch
ist aber auch die Herkunft dieser Tätigkeit verraten. Sie benimmt sich
gegen den ihr vorliegenden Trauminhalt wie unsere normale psychische
Tätigkeit überhaupt gegen einen beliebigen ihr dargebotenen Wahr-
nehmungsinhalt. Sie erfasst ihn unter Verwendung gewisser Erwartungs-
vorstellungen, ordnet ihn schon bei der Wahrnehmung unter der Vor-
aussetzung seiner Verständlichkeit, läuft dabei Gefahr, ihn zu fälschen,
und verfällt in der Tat, wenn er sich an nichts Bekanntes anreihen
lässt, zunächst in die seltsamsten Missverständnisse. Es ist bekannt,
dass wir nicht im Stande sind, eine Reihe von fremdartigen Zeichen
anzusehen oder ein Gefolge von unbekannten Worten anzuhören, ohne
zunächst deren Wahrnehmung nach der Rücksicht auf Verständ-
lichkeit, nach der Anlehnung an etwas uns Bekanntes, zu verfälschen.Träume, welche diese Bearbeitung von Seiten einer dem wachen
Denken völlig analogen psychischen Tätigkeit erfahren haben, kann
man gut komponierte heissen. Bei anderen Träumen hat diese Tätig-
keit völlig versagt; es ist nicht einmal der Versuch gemacht worden,
Ordnung und Deutung herzustellen, und indem wir uns nach dem Er-
wachen mit diesem letzten Stück der Traumarbeit identisch fühlen,
urteilen wir, der Traum sei „ganz verworren“. Für unsere Analyse
aber hat der Traum, der einem ordnungslosen Haufen unzusammen-
hängender Bruchstücke gleicht, ebensoviel Wert wie der schön geglättete
und mit einer Oberfläche versehene. Wir ersparen uns im ersteren Falle
etwa die Mühe, die Überarbeitung des Trauminhaltes wieder zu zerstören.Man würde aber irre gehen, wenn man in diesen Traumfaçaden
nichts anderes sehen wollte als solche eigentlich missverständliche undS.
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ziemlich willkürliche Bearbeitungen des Trauminhaltes durch die bewusste
Instanz unseres Seelenlebens. Zur Herstellung der Traumfaçade werden
nicht selten Wunschphantasien verwendet, die sich in den Traumgedanken
vorgebildet finden, und die von derselben Art sind wie die uns aus dem
wachen Leben bekannten, mit Recht so genannten „Tagträume.“ Die
Wunschphantasien, welche die Analyse in den nächtlichen Träumen auf-
deckt, erweisen sich oft als Wiederholungen und Umarbeitungen infantiler
Szenen; die Traumfaçade zeigt uns so in manchen Träumen unmittelbar
den durch Vermengung mit anderem Material entstellten eigentlichen
Kern des Traumes.Andere als die vier erwähnten Tätigkeiten sind bei der Traumarbeit
nicht zu entdecken. Halten wir an der Begriffbestimmung fest, dass
„Traumarbeit“ die Überführung der Traumgedanken in den Trauminhalt
bezeichnet, so müssen wir uns sagen, die Traumarbeit sei nicht schöpferisch,
sie entwickle keine ihr eigentümliche Phantasie, sie urteilt nicht, schliesst
nicht, sie leistet überhaupt nichts anderes als das Material zu verdichten,
verschieben und auf Anschaulichkeit umzuarbeiten. wozu noch das
inkonstante letzte Stückchen deutender Bearbeitung hinzukommt. Man
findet zwar mancherlei im Trauminhalt, was man als das Ergebnis einer
anderen und höheren intellektuellen Leistung auffassen möchte, aber die
Analyse weist jedesmal überzeugend nach, dass diese intellektuellen
Operationen bereits in den Traumgedanken vorgefallen
und vom Trauminhalt nur übernommen worden sind. Eine
Schlussfolgerung im Traum ist nichts anderes als die Wiederholung
eines Schlusses in den Traumgedanken; sie erscheint unanstössig, wenn
sie ohne Veränderung in den Traum übergegangen ist; sie wird unsinnig,
wenn sie durch die Traumarbeit etwa auf ein anderes Material verschoben
wurde. Eine Rechnung im Trauminhalt bedeutet nichts anderes, als
dass sich unter den Traumgedanken eine Berechnung findet; während
diese jedesmal richtig ist, kann die Traumrechnung durch Verdichtung
ihrer Faktoren und durch Verschiebung der nämlichen Operationsweise
auf anderes Material das tollste Ergebnis liefern. Nicht einmal die
Reden, die sich im Trauminhalt vorfinden, sind neu komponiert; sie
erweisen sich als zusammengestückelt aus Reden, die als gehaltene oder
als gehörte und gelesene in den Traumgedanken erneuert wurden, deren
Wortlaut sie auf's Getreueste kopieren, während sie deren Veranlassung
ganz bei Seite lassen und ihren Sinn aufs Gewaltsamste verändern.Es ist vielleicht nicht überflüssig, die letzten Behauptungen durch
Beispiele zu unterstützen.
I. Ein harmlos klingender, gut komponierter Traum einer Patientin:Sie geht auf den Markt mit ihrer Köchin, die
den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt ihr, nachdem
sie etwas verlangt hat: Das ist nicht mehr zu haben, undS.
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will ihr etwas anderes geben mit der Bemerkung: Das
ist auch gut. Sie lehnt ab und geht zur Gemüsefrau.
Die will ihr ein eigentümliches Gemüse verkaufen,
was in Bündeln zusammengebunden ist, aber schwarz
von Farbe. Sie sagt: Das kenne ich nicht, das nehme ich
nicht.Die Rede: das ist nicht mehr zu haben — stammt aus der Be-
handlung. Ich selbst hatte der Patientin einige Tage vorher wörtlich
erklärt, dass die ältesten Kindererinnerungen nicht mehr als
solche zu haben sind, sondern sich durch Übertragungen und
Träume ersetzen. Ich bin also der Fleischhauer.Die zweite Rede: Das kenne ich nicht — ist in einem ganz
anderen Zusammenhange vorgefallen. Tags vorher hatte sie selbst
ihrer Köchin, die übrigens auch im Traume erscheint, tadelnd zu-
gerufen: Benehmen sie sich anständig; das kenne ich
nicht, d. h. wohl, ein solches Benehmen anerkenne ich nicht, lasse
ich nicht zu. Der harmlosere Teil dieser Rede gelangte durch eine
Verschiebung in den Trauminhalt; in den Traumgedanken spielte
nur der andere Teil der Rede eine Rolle, denn hier hat die Traum-
arbeit bis zur vollen Unkenntlichkeit und bis zur äussersten Harm-
losigkeit eine Phantasiesituation verändert, in welcher ich mich
gegen die Dame in einer gewissen Weise unanständig
benehme. Diese in der Phantasie erwartete Situation ist aber
selbst nur die Neuauflage einer einmal wirklich erlebten.II. Ein scheinbar ganz bedeutungsloser Traum, in dem Zahlen vor-
kommen. Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter
nimmt ihr 3fl. 65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber:
Was tust Du? Es kostet ja nur 21 Kreuzer.Die Träumerin war eine Fremde, die ihr Kind in einem
Wiener Erziehungsinstitute untergebracht hatte, und die meine Be-
handlung fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in Wien blieb.
Am Tage vor dem Traume hatte ihr die Institutsvorsteherin nahe
gelegt, ihr das Kind noch ein weiteres Jahr zu überlassen. In
diesem Falle hätte sie auch die Behandlung um ein Jahr verlängert.
Die Zahlen im Traum kommen zur Bedeutung, wenn man sich er-
innert, dass Zeit Geld ist. Time is money. Ein Jahr ist gleich
365 Tagen, in Kreuzern ausgedrückt 365 Kreuzer oder 3 fl. 65 kr
Die 21 Kreuzer entsprechen den drei Wochen, die damals vom
Traumtage bis zum Schulschluss und damit bis zum Ende der Kur
ausständig waren. Es waren offenbar Geldrücksichten, welche die
Dame bewogen hatten, den Vorschlag der Vorsteherin abzulehnen,
und welche für die Kleinheit der Summe im Traum verantwortlich
sind.S.
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III. Eine junge, aber schon seit Jahren verheiratete Dame erfährt, dass
eine ihr fast gleichalterige Bekannte, Frl. Elise L., sich verlobt
hat. Dieser Anlass erregt nachstehenden Traum: Sie sitzt mit
ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts ist
ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr
Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber nur
schlechte Sitze bekommen, drei für 1 fl. 50 kr., und die
konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch
kein Unglück gewesen.Hier wird uns die Herkunft der Zahlen aus dem Material
der Traumgedanken und die Verwandlungen, die sie erfahren haben,
interessieren. Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem indiffe-
renten Anlass des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne
die Summe von 150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt,
sie los zu werden, indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir
wollen anmerken, dass 150 fl. 100 mal mehr sind als 1 fl. 50 kr.
Für die drei, die bei den Theaterbillets steht, findet sich nur die
eine Anknüpfung, dass die Braut Elise L. genau drei Monate jünger
ist als die Träumerin. Die Situation im Traume ist die Wieder-
gabe einer kleinen Begebenheit, mit der sie von ihrem Manne oft
geneckt worden ist. Sie hatte sich einmal so sehr beeilt, vor-
zeitig Karten zu einer Theatervorstellung zu nehmen, und als sie
dann ins Theater kam, war eine Seite des Parketts fast
unbesetzt. Sie hätte es also nicht nötig gehabt, sich so sehr
zu beeilen. — Übersehen wir endlich nicht die Absurdität
des Traumes, dass zwei Personen drei Karten fürs Theater nehmen
sollen!Nun die Traumgedanken: Ein Unsinn war es doch, so früh
zu heiraten; ich hätte es nicht nötig gehabt, mich so zu
beeilen. An dem Beispiel der Elise L. sehe ich, dass ich immer
noch einen Mann bekommen hätte, und zwar einen hundertmal
besseren (Mann, Schatz), wenn ich nur gewartet hätte. Drei solche
Männer hätte ich mir für das Geld (die Mitgift) kaufen können!VIII.
Nachdem wir in den vorstehenden Darlegungen die Traumarbeit
kennen gelernt haben, werden wir wohl geneigt sein, sie für einen ganz
besonderen psychischen Vorgang zu erklären, dessengleichen es nach
unserer Kenntnis sonst nicht gibt. Es ist gleichsam auf die Traum-
arbeit das Befremden übergegangen, welches sonst ihr Produkt, der
Traum, bei uns zu erwecken pflegte. In Wirklichkeit ist die Traumarbeit
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Über den Traum1901-001/1911