S.
43
Die Traumsymbolik erweist sich als unentbehrlich auch für das
Verständnis der sog. „typischen“ Träume der Menschen und der „wieder-
kehrenden“ Träume des Einzelnen. Wenn die Würdigung der symbo-
lischen Ausdrucksweise des Traumes in dieser kurzen Darstellung so
unvollständig ausgefallen ist, so rechtfertigt sich diese Vernachlässigung
durch den Hinweis auf eine Einsicht, die zu dem Wichtigsten gehört,
was wir über diesen Gegenstand aussagen können. Die Traumsymbolik
führt weit über den Traum hinaus; sie gehört nicht dem Traume zu
eigen an, sondern beherrscht in gleicher Weise die Darstellung in den
Märchen, Mythen und Sagen, in den Witzen und im Folklore. Sie ge-
stattet uns die innigen Beziehungen des Traumes zu diesen Produktionen
zu verfolgen; wir müssen uns aber sagen, dass sie nicht von der Traum-
arbeit hergestellt wird, sondern eine Eigentümlichkeit — wahrscheinlich
unseres unbewussten Denkens ist, welches der Traumarbeit das Material
zur Verdichtung, Verschiebung und Dramatisierung liefert1).XIII.
Ich erhebe weder den Anspruch, hier auf alle Traumprobleme
Licht geworfen, noch die hier erörterten überzeugend erledigt zu haben.
Wer sich für den ganzen Umfang der Traumliteratur interessiert, der
sei auf das Buch von Sante de Sanctis: I sogni, Torino 1899 ver-
wiesen; wer die eingehendere Begründung der von mir vorgetragenen
Auffassung des Traumes sucht, der wende sich an meine Schrift: Die
Traumdeutung, Leipzig und Wien 19002). Ich werde nur noch
darauf hinweisen, in welcher Richtung die Fortsetzung meiner Dar-
legungen über die Traumarbeit zu verfolgen ist.Wenn ich als die Aufgabe einer Traumdeutung die Ersetzung des
Traumes durch die latenten Traumgedanken, also die Auflösung dessen,
was die Traumarbeit gesponnen hat, hinstelle, so werfe ich einerseits
eine Reihe von neuen psychologischen Problemen auf, die sich auf den
Mechanismus dieser Traumarbeit selbst wie auf die Natur und die Be-
dingungen der sog. Verdrängung beziehen; anderseits behaupte ich
die Existenz der Traumgedanken, als eines sehr reichhaltigen Materiales
psychischer Bildungen von höchster Ordnung und mit allen Kennzeichen1) Weiteres über die Traumsymbolik findet man ausser in den alten Schriften
zur Traumdeutung (Artemidorus von Daldis, Scherner, Das Leben des
Traumes 1861) in der „Traumdeutung“ des Verfassers, in den mythologischen
Arbeiten der psychoanalytischen Schule, und vor allem in den Arbeiten von
W. Stekel („Die Sprache des Traumes" 1911).2) 1911 in dritter Auflage erschienen.
S.
44
normaler intellektueller Leistung versehen, welches Material sich doch
dem Bewusstsein entzieht, bis es ihm durch den Trauminhalt entstellte
Kunde gegeben hat. Solche Gedanken bin ich genötigt bei Jedermann
als vorhanden anzunehmen, da ja fast alle Menschen, auch die nor-
malsten, des Träumens fähig sind. An das Unbewusste der Traum-
gedanken, an dessen Verhältnis zum Bewusstsein und zur Verdrängung
knüpfen die weiteren, für die Psychologie bedeutsamen Fragen an,
deren Erledigung wohl aufzuschieben ist, bis die Analyse die Entstehung
anderer psychopathischer Bildungen, wie der hysterischen Symptome
und der Zwangsideen, klargelegt hat.
You are here
Über den Traum1901-001/1911