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[Briefkopf Wien] 8. 3.a 20

Lieber Herr Doktor

Mit Interesse alles gelesen, was Sie über unser jüngstes Kind, die Poliklinik, mitteilen. (Ich hoffe, Abrahams uns versprochene Ankündigung für die ‚Zeitschrift‘1 kommt zurecht.) Das Elend der Zeiten macht, daß ich ihrb nicht einmal ein Patengeschenk in die Wiege legen kann. Ihr Wunsch nach psychoanalytischer Literatur für ihren Bücherkasten war mir also sehr erwünscht. Leider auch hier, ich bin so ausgeschenkt, daß ich nur wenig schicken kann.2 ‚Traumdeutung‘, ‚Alltagsleben‘, kleine ‚Vorlesungen‘ und ein des Einbands bedürftiges Exemplar der ‚Einführung‘ sind zunächst alles. Aber fünf meiner Bücher stehen vor Neuauflagen, die ‚Sammlung‘ I und II, ‚Witz‘, ‚Sexualtheorie‘ und die kleinen ‚Vorlesungen‘. Sobald diese kommen, werden sie auch ihren Weg zur Poliklinik finden. Derzeit sind sie nicht einmal zu kaufen. ‚Witz‘ und ‚Sexualtheorie‘ muß ich freilich erst für die neue Auflage zurichten, was bei neunstündiger Arbeit einige Zeit brauchen wird. Außerdem habe ich von allen vorhandenen Sonderabdrücken je zwei Exemplare zusammengesucht, was sich praktisch mit dem 3. und 4. Band der ‚Sammlung‘ deckt. Von ‚Zeitschrift‘ und ‚Imago‘ habe ich nur einzelne Nummern überzählig, keine vollen Jahrgänge mehr. Ich werde nachsehen, ob diese Literatur bei dem (jetzt auf der Leipziger Messe abwesenden) Gauner Heller noch erschwinglich ist. –

Für Ihre Sorge um Ernsts Gesundheit danke ich Ihnen sehr. Ich wünsche, daß Ihnen alle Absichten so voll gelingen mögen wie diese, sich uns allen teuer und unentbehrlich zu machen.

Übrigens habe ich mich jetzt mit Mark gedeckt, so daß ich diesen Teil meiner Schuld leicht abtragen könnte, wenn es einen sicheren Weg der Übertragung gäbe. Man ist noch auf Schritt und Tritt durch die Devisenzentrale geknebelt (unserem Staat ist wahrscheinlich doch nicht zu helfen). Ihr Ring ist bereit und wird vom nächsten Reisenden mitgenommen werden. Wahrscheinlich also von meiner Frau, die noch im März nach Hamburg fahren will. Oder von Oli, dem der Müßiggang hier nicht recht wohl tut. –

Zwischendurch arbeite ich noch Massenpsychologie und Todestriebe,3 woraus wahrscheinlich ein Inhalt für den noch ganz schleierhaften Sommer werden wird.

Ich grüße Sie und Ihre liebe Frau herzlich und hoffe auf häufige gute Nachrichten von Ihnen.

Ihr getreuer

Freud

 

a MS: 2. Daß hier ein Verschreiben vorliegt, geht aus den Bezügen zum voranstehenden Brief hervor; auch der offenbar zugehörige Briefumschlag trägt das Datum 9. III.

b Nachträglich eingefügt.