S.
[Briefkopf Wien] 30. IX. 26.a
Lieber Max,
Beiliegenden Brief habe ich als Antwort auf das Ihnen bekannte Schreiben von Marcuse bekommen.1 Er behauptet, von Moll2 gehört zu haben, daß er jene Äußerungen gegen die Pressevertreter nicht gemacht hat, legt mir nahe, mich nochmals zu erkundigen, und bittet jedenfalls, die Absage direkt an den Präsidenten des Kongresses – das ist ja wohl Moll selbst – zu richten. Ich lege die Angelegenheit in Ihre Hand, weil ich von hier aus nichts tun kann. Sie werden leichter als ich die Überzeugung bekommen können, daß Moll wirklich das gesagt hat, was berichtet wurde. Ich traue ihm ohne weiteres zu, daß er auch lügen kann. Wenn Sie keine Zweifel mehr in der Sache sehen, dann bitte ich Sie, als mein Bevollmächtigter, vielleicht auch gleichzeitig für die anderen, Jones und Müller-Braunschweig,3 die Verständigung an den Bösewicht gelangen zu lassen. Ich mache mir kein Gewissen daraus, Ihnen diese Aufgabe zuzuschieben, weil ich annehme, es kann Ihnen nicht unangenehm sein, Moll einen Brief zu schreiben, über den er sich ärgert.
Müller-Braunschweig hat in derselben Sache bei mir angefragt, ob ich wünsche, daß auch er sich vom Programm zurückziehen solle. Noch ehe ich ihm antworten konnte, traf der Brief von Marcuse ein. Nun erübrigt sich wohl eine besondere Antwort an ihn, und ich darf annehmen, daß die Angelegenheit zwischen Ihnen besprochen werden wird.
Wir sind gestern nachmittag, gerade während des Wetterwechsels, in Wien angekommen, gewöhnen uns schwer an die Dunkelheit in unsern schönen Räumen, sind aber schon in Ordnung und hoffen, Luft, Licht und Aussicht vom Semmering bald vergessen zu haben. Das erste, was ich in Wien vorfand, war das Büchlein von Delgado,4 liebenswürdig geschrieben und tatsächlich von dem ganzen Raffinement der heutigen Kultur erfüllt. Morgen beginnen wir die Arbeit. Es waren sehr schöne Wochen draußen, und Ihr Besuch hat einen würdigen Abschluß gemacht.
Ich grüße Sie und Mirra herzlich
Ihr Freud
a Masch.; Einschreiben.