S.
[Briefkopf Wien] 3. 4. 19281
Lieber Max
Der Schweizer Brief, den ich beilege, veranlaßt mich, Ihnen so bald wieder zu schreiben. (Ich habe ihn nicht erhalten, bin nicht böse darüber.) Ich sehe soviel, daß die Angelegenheit recht ernsthaft ist, ohne grade dringend zu sein. Man steht vor einer Entwicklung, die sich nicht leicht aufhalten läßt. Vielleicht führt sie zu dem Ziel, das Ferenczi zuerst aufgezeigt hat, daß die IPV außer den gemischten Gruppen auch rein ärztliche, dann aber auch reine Laiengruppen anerkennen wird.a Das Argument der Schweizer, daß auch in Amerika zwei Gruppen bestehen,2 hätte nur Geltung, wenn es sich um die Koexistenz einer Züricher oder Genfer Gruppe mit einer allgemein schweizerischen handelte. Von den uns bekannten Sonderbestrebungen Oberholzers, die noch in seinem Rundbrief eingestanden wurden3 und die unser Mißtrauen so gut begründen, sprechen die Neu-Schweizerb natürlich nicht; was aber kaum zu unserer Beruhigung beitragen kann.
Unzweifelhaft war meine Schrift über die Laienanalyse ein Schlag ins Wasser. Ich habe mich bemüht, ein analytisches Gemeingefühl zu wecken, das sich dem ärztlichen Standesbewußtsein entgegenstellen sollte, aber es hat keinen Erfolg gehabt. Die Folgen werden nicht ausbleiben und ungünstige sein; mich werden sie wahrscheinlich nicht mehr stören. Es stand mir auch im Wege, daß ich dabei sozusagen ein Feldherr ohne Armee war. Von den allzuwenigen Laien, die ich anführen wollte, ist Rank zum Hochstaplertum abgefallen, Reik macht sich, obwohl er gut weiterarbeitet, persönlich mißliebig, und Pfister streift doch bei all seiner Wärme und Güte hart an das Lächerliche. Es bleiben nur die Pädagogen übrig, aus denen etwas werden kann, wenn sie sich organisieren.
Das allgemeinste Mißfallen habe ich mir, wie sich herausstellt, auch durch die ‚Zukunft einer Illusion‘ zugezogen. Es grollt nur so um mich herum in allerlei dumpfen Anspielungen. Vor einigen Tagen erhielt ich auch ein Büchlein von Binswanger, ‚Wandlungen in der Auffassung und Deutung des Traumes‘, Berlin J. Springer.4 Es ist sehr gut, mit allen Eigenheiten des uns bekannten Autors, seiner kühlen Korrektheit, seinen Verbeugungen vor der offiziellen Psychologie und Philosophie usw. Das letzte Wort (auch buchstäblich genommen) ist: Gott. Also dazu Räuber und Mörder! Ich konnte mich nicht enthalten, ihm zu schreiben, ich nähme an, sein Gott sei ein philosophisch destillierter, und weiter: Ich sei selbst sehr mäßig, fast abstinent gewesen, doch hätte ich einen guten Respekt für tüchtige Trinker wie z. B. G. Keller und Böcklin. Nur Personen, die es fertig bringen, sich an alkoholfreien Getränken einen Rausch zu holen, erschienen mir etwas komisch! Aber man ändert nichts mit solchen Späßen. Es ist nicht schön.
Mit herzlichem Gruß für Sie beide
Ihr Freud
a Im MS eher Doppelpunkt.
b Gestrichen: jetzt.