S.
[Briefkopf Wien] 3.a 1. 1928
Lieber Max
Der beiliegende Brief1 bringt immerhin eine gute Nachricht, das Jahr zu beginnen. Ich habe unsere neuen Kollegen natürlich angewiesen, sich an unseren Präsidenten zu wenden.
So wie Sie das Erlebnis mit Dr. [U.] beschreiben, kann es leicht gewesen sein und würde ein ausgezeichnetes Beispiel von Übertragung abgeben. Seine Erinnerung hat es ins Mystische verzerrt und unbrauchbar gemacht. Sie sehen wieder, wie schwer es hält, einwandfreie Belege für unsere Telepathie zu bekommen. [U.] hat große Fortschritte gemacht, arbeitet wieder und stockt natürlich darum in der Analyse. Seine mystischen Neigungen sind natürlich nicht besiegt, sie ziehen sich vor der Analyse nur auf noch unzugängliche Gebiete zurück.
Storfer war heute bei mir mit einem Sack voll Projekten und Neuigkeiten, die zur Zeit auch Sie erreichen werden. Er sieht jetzt sehr rosig.
Wir frieren wieder garstig. Meine Mutter quält sich und die Schwester2, hält aber noch gut zusammen. Die Natur hat auch mit den Alten kein Mitleid. Ich habe wieder keinen Grund zur Klage, abgesehen davon, daß Pichler mich mit zwei unfertigen Prothesen verlassen hat, um 14 Tage lang Schnee- und Eissport zu treiben. Sein Assistent kann nichts Rechtes.
Zum neuen Jahr habe ich eine neue Vitrine aufgestellt, in der die Vasen schön zur Geltung kommen. Dafür wurde der Schreibtisch geopfert, und alle Freundesphotographien mußten ins ehemalige Wartezimmer, in dem kein Fremder mehr wartet. Wenn Sie sich also im Januar suchen, seien Sie vorbereitet, und tragen Sie den Nöten des Sammlers, der leider noch immer Analytiker sein muß, Rechnung.
Mit herzlichen Wünschen für Ihre mir unbestimmte Pariser Zeit Ihr
Freud
a Korrigiert aus: 2.