S.

[Briefkopf Wien] Semmering

31. 7. 26

Lieber Max

Dieser Brief soll Sie in Ihrem neugewählten – für mich überraschenden – Sommeraufenthalt begrüßen.

Ein Schreiben von Sachs aus Pallanza bringt mich in Verlegenheit. Wir hatten doch beschlossen, die ‚Imago‘ aufzulassen. Nun erbietet er sich, sie fortzuführen unter der Bedingung, daß man Storfer aus der Redaktion herausweist. Ich habe wenig Zutrauen zu Sachs’ gewissenhafter Pflichterfüllung, mag seine neuerliche Entwicklung zum Kino und zu brutalen persönlichen Feindseligkeiten nicht und möchte nicht seinetwegen Storfer brüskieren, der gegenwärtig in seinen Leistungen noch unersetzlich ist. Ich weiß also nicht, was ich Sachs antworten soll, und unterbreite die Sache Ihrer Entscheidung. Hoffentlich ist Ihnen die ganze Aufgabe, mit den persönlichen Eigentümlichkeiten der hohen Herrschaften zu arbeiten, weniger widerlich als mir, oder Sie haben auch mehr Glück damit.

Neu angekommen ist heute die czechische Übersetzung der ‚Sexualtheorie‘. Die ‚Laienanalyse‘ ist halb gesetzt, ich kann Ihnen also noch nichts Vollständiges schicken. Die Prinzessin geht am 7. August, ich werde auch dann zwei Arbeitsstunden haben.

Dr. L. Lévy war vor einigen Tagen hier und hat versichert, daß ich den ungarischen Beitrag zum Fond1 im September erhalten werde. Er ist Ferenczis Arzt und besorgt, daß seine Gesundheit den Strapazen des Aufenthalts in Amerika nicht gewachsen sein wird. Ferenczi selbst will die letzte Augustwoche bei uns zubringen.

Die sehr inhaltreiche und schöne Arbeit von Alexander2 lasse ich heute an den Verlag befördern. Von Reich3 in Wien habe ich ein Manuskript (‚Bedeutung der Genitalität‘),4 dem ich den Druck nicht versagen möchte, wenn der Autor es nur verkürzt. Ich möchte wissen, ob unsere materielle Lage die Unternehmung gestattet.

Mein Herz hat sich völlig in das einem inneren Organ gebührende Schweigen zurückgezogen. Meine Mundbeschwerden werden als unerwünschte Folgen der letzten Bestrahlungen aufgefaßt. Wenn das richtig ist, so habe ich Aussicht auf Besserung nach einigen weiteren Wochen. Die anderen befinden sich wohl, das Wetter ist niederträchtig.

Lassen Sie mich wissen, wie es Mirra und Ihnen in dem Kurort ergeht, dessen Indikation mir nicht sehr klar ist.

Herzlichst Ihr

Freud