S.
[Briefkopf Wien] 1. Okt. 22
Lieber Max
Nach den schönen und überreichen Tagen in Berlin berichte ich Ihnen von zwei schweren Tagen innerer Organisation, nach denen morgen die volle Arbeit aufgenommen wird. Zehn Leute sind da und sollen sich in 8½ Stunden täglich teilen.1 Leider ist nicht ein einziger weggeblieben. Frau und Schwägerin fand ich schon zu Hause, das Kind ist bei seinen Pflegeeltern sehr behaglich untergebracht.2 Mein Bruder3 läßt sich für die russischen Couverts bedanken und die von Ihnen gewünschte Marke beilegen.
Der Brief muß sehr kurz oder sehr lang werden. Das letztere verbietet aber die späte Stunde nach ermüdenden Familienkonferenzen.
Lassen Sie mich nur sagen, obenan steht die Freude über die echte Herzlichkeit, mit der Mirra uns aufgenommen hat.
Rank sehe ich Mittwoch, es wird den Epilog zum Kongreß geben. Ich bin bis auf meinen abscheulichen Katarrh sehr wohl und hoffe leistungsfähig zu sein.
Die Teuerung in Wien ist wirklich überwältigend, fast ist die halbe Million die Recheneinheit. Politisch wiegt man sich in derzeit noch unerfüllten Hoffnungen. Ein Hausbesitzerstrike mit Drohung von Gas- und Wassersperre ist die letzte Sensation.
Ich grüße Sie herzlich, auch Frau Lou,4 und würde mich freuen, daß Sie unserera ledig sind, würde ich nicht vermuten, daß unsere Stellen bereits wiederb besetzt sind. Nun geben Sie uns noch Nachricht vor der ersehnten Reise
Ihr Freud
Meine Frau läßt Mirra für all ihre Liebe noch besonders danken.
a Korrigiert aus: unser.
b Nachträglich eingefügt.