• S.

    Falzeder:

    13. 2. 1935

    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

     

    Lieber Meister Arnold

     

    Es ist richtig, ich habe Brief und Schöpfungsgedicht erhalten und nicht beantwortet.  Warum eigentlich nicht?  Der Brief hatte mich doch sehr erfreut.  Vielleicht grade darum.  Die Frühlingsschilderung machte mich traurig, neidisch.  Es steckte noch soviel Genussfähigkeit in mir, also Unzufriedenheit mit der notgedrungenen Resignation.  Es ist grimmiger Winter in Wien, ich bin seit Monaten nicht ausgegangen.  Ich finde mich auch schwer in die Rolle des für die Menschheit leidenden Heros, die Ihre Freundschaft mir offerirt.  Meine Stimmung ist schlecht, mir gefällt sehr wenig, meine Selbstkritik hat sich sehr verschärft.  Senile Depression würde ich an einem Anderen diagnostiziren.  Ich sehe eine Wolke von Unheil die Welt überziehen, selbst meine kleine eigene Welt.  Ich muss mich mahnen, der einzig schönen Tatsache zu gedenken, dass meine Tochter Anna gegenwärtig so gute analytische Funde macht und in - wie alle sagen - meisterhaften Vorträgen darüber berichtet.  Eine Mahnung also nicht zu glauben, dass mit meinem Tod die Welt untergehen wird.

     

    Den Doktortitel gebe ich Ihnen also nicht mehr, dafür Ihrem Hausherrn?

     

    Meinem eigenen Moses ist nicht zu helfen.  Wenn Sie einmal wieder nach Wien kommen, dürfen Sie gern das zur Ruhe gelegte Mnskr lesen, um mein Urteil zu bestätigen.

     

    Ihr Schöpfungsgedicht lasse ich zu Ihnen zurückgehen, da es nur in dem einen Exemplar vorhanden ist.  Es scheint mir zuviel Ehre für den rohen Vulkan- und Wüstengott, der mir im Laufe der Mosesstudien besonders unsympathisch u meinem jüdischen Bewusstsein fremd geworden ist.  In meinem Text findet sich die Behauptung, dass Held Moses den Namen Jahve nie gehört hat, dass das Volk Israel nie am Sinai-Horeb war, dass sie nie durch's Rote Meer gezogen sind usw.

     

    Überraschender Weise ist der Dr Ludwig Bauer, über den ich mich bei Ihnen beklagt hatte, verstorben.  Nicht, dass es mir nahe gieng.  Es war nicht allein der journalistische Misbrauch, den er sich erlaubt hatte, mehr noch die Gemeinheit, die er in seiner Verteidigung an den Tag lebte [sic].  Es war eine schmerzhafte Enttäuschung, eine mehr.

     

    Nun leben Sie mir recht wol, geben Sie Nachricht von sich Ihrem

     

    getreuen Freud

     

    u achten Sie sorgsam auf die zwei lieben Augen.