S.

Falzeder:

31. 5. 1936

PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

 

Lieber Meister Arnold

 

"Wahrlich, die Zärtlichkeit dieser Welt ist gemenget mit Grausamkeit".  Seit zwei Wochen fülle ich jede halbe Stunde aus mit dem Fertigmachen von Bedankungen, wie die als Muster beigelegte, einige Worte oder Sätze nach der Unterschrift - gekünstelt und gezwungen das Meiste, und erst heute, am ersten Tag des lieblichen Festes komme ich dazu, Ihnen einen Brief zu schreiben, geschreckt durch die Drohung, dass Sie mein Biograph werden wollen.  Sie, der soviel Schöneres und Wichtigeres zu thun hat, der Könige einsetzen kann und die gewaltthätige Thorheit der Menschen von einer hohen Warte her überschauen.  Nein, ich liebe Sie viel zu sehr, um solches zu gestatten.  Wer Biograph wird, verpflichtet sich zur Lüge, zur Verheimlichung, Heuchelei, Schönfärberei und selbst zu Verhehlung seines Unverständnisses, denn die biographische Wahrheit ist nicht zu haben, und wenn man sie hätte, wäre sie nicht zu brauchen.

 

Die Wahrheit ist nicht gangbar.  Die Menschen verdienen sie nicht, und übrigens hat unser Prinz Hamlet nicht Recht, wenn er fragt, ob jemand dem Auspeitschen entgehen könnte, wenn er nach Verdienst behandelt würde?

 

Der Besuch von Thomas Mann, die Adresse, die er mir überbrachte, der öffentliche Vortrag, den er zur Feier hielt, waren erfreuliche und eindrucksvolle Dinge.  Auch die Wiener Kollegen haben mich gefeiert und dabei durch allerlei Anzeichen verraten, wie schwer es ihnen ankommt.  Der Unterrichtsminister hat förmlich-höflich gratulirt und dann wurde den Zeitungen bei Strafe der Konfiskation verboten, diesen Akt der Teilnahme im Inland bekannt zu machen.  Auch zalreiche Artikel in in- und ausländischen Journalen haben Ablehnung und Hass deutlich genug ausgedrückt.  So konnte man mit Befriedigung feststellen, dass die Aufrichtigkeit noch nicht ganz aus der Welt geschwunden ist.

 

Für mich bedeutete das Datum natürlich keine Epoche; ich bin derselbe wie vorher.  Unter den nicht sehr zalreich geschenkten Antiken erfreut mich Ihr sehr merkwürdiger Siegelring.  Und nun warte ich in herzlichem Gedenken Ihrer weiteren Nachrichten.

 

Ihr Freud