• S.

    Falzeder:

    5 März 1939

    PROF. SIGM. FREUD        20 MARESFIELD GARDENS

    LONDON N.W. 3

    TEL: HAMPSTEAD 2002.

     

    Lieber Meister Arnold

     

    Im Besitz Ihres Briefes vom 27/2, der die Daten Ihrer Reise nach N York (3-26 April, ob schon endgiltig?) mitteilt.  Ich meine, Sie haben Recht, Amerika anstatt England zu wälen.  England ist zwar in den meisten Hinsichten besser.  Aber man fügt sich hier sehr schwer ein, und von meiner Nähe können Sie ohnedies für längere Zeit nichts haben.  Amerika scheint mir ein Anti-paradies, aber es hat soviel Raum u Möglichkeiten, und am Ende gehört man dazu.  Einstein hat unlängst einem Besucher gesagt, dass ihm Amerika anfänglich wie eine Karikatur von einem Land vorgekommen ist, aber jetzt fühle er sich ganz behaglich.

     

    Was Sie für trostreiche Aufklärungen in meinem "Unbehagen" entdeckt haben wollen, kann ich nicht leicht erraten.  Dieses Buch ist mir heute sehr fremd geworden.  Ich warte nur noch auf den Moses, der noch im März erscheinen soll, und dann brauche ich mich ja bis zur nächsten Wiedergeburt für kein Buch von mir mehr zu interessiren.

     

    Ich hatte unangenehme Wochen, nicht nur Kranksein und Schmerzen, sondern auch völlige Unentschiedenheit über die nächsten Massnahmen.  Operation und Radiumbehandlung (in Paris) wurden endlich verworfen, man hat sich für Röntgenbestrahlung von aussen entschlossen -, die von morgen an eingerichtet werden soll.  (Es ist kein Zweifel mehr, dass es sich um einen neuen Vorstoss meines lieben alten Carcinoms handelt, mit dem ich seit jetzt 16 Jahren die Existenz teile.  Wer damals [sic] der Stärkere sein würd [sic], kann man natürlich nicht vorher sagen.)

     

    Auch Ihren Entwurf zu einem Salomon-Roman habe ich erhalten.  Ich verhehle Ihnen nicht, dass ich mich mit Ihrer Verwertung der Märchenmotive nicht befreunden kann.  Auch schon in der Geschichte von den Leberwürsten hat mich die Inkongruenz gestört.  Möchte Ihnen gern begründen, worin der Anstoss liegt, aber ich bin zu schwächlich dazu.  Die Analyse einer Naziseele müsste Ihnen besser gelingen.

     

    Mehr Nachricht, wenn ich Ihrer Adresse sicher bin.

     

    Herzlich Ihr

    Freud