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S.
Falzeder:
23. 9. 1934
PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19
Lieber Meister Arnold
Meister indeed! Meine Tochter Anna liest jetzt die "Erziehung vor Verdun" u kommt immer wieder zu mir, ihren Empfindungen Ausdruck zu geben. Wir tauschen dann unsere Bemerkungen aus. Sie wissen, ich bilde mir ein, meine Warnung hätte Sie abgehalten, nach Berlin zurück zu gehen, und ich bin noch immer stolz darauf. Und jetzt ist es erst recht sicher, dass Sie nie in die Nähe einer deutschen Grenze kommen dürfen. Es wäre schade um Sie!
Es ist wie eine lang ersehnte Befreiung. Endlich die Wahrheit, die grimmige endgiltige Wahrheit, die man doch nicht entbehren kann. Man versteht das Deutschland von heute nicht, wenn man um "Verdun" (u wofür es steht) nicht weiss. Die Ernüchterung ist allerdings eine nachträgliche, gewiss auch bei Ihnen. Daher der offenkundige Anachronismus, dass auf die Erziehung vor Verdun das Idyll des Grischa folgt, in dem von dem Erstorbensein aller Illusionen noch so wenig zu merken ist. Dies entspricht der Tatsache, dass Sie nach der Rückkehr aus dem Krieg sich in Berlin niedergelassen und ein Häuschen gebaut haben. Heute sagt man sich, hätte ich aus meinen Erfahrungen vor Verdun die richtigen Schlüsse gezogen, so hätte ich wissen müssen, dass man unter dem Volk nicht leben kann. Wir dachen alle, es sei der Krieg und nicht die Menschen, aber die anderen Völker haben auch Krieg gehabt u sich doch anders benommen. Wir wollten es damals nicht glauben, aber es ist wahr gewesen, was die Anderen von den Boches erzält haben.
Die Causa, an der sich die Erziehung des Helden vollendet, ist nicht so unzweideutig wie im Grischa; es ist vielleicht eine Schwäche des Buchs. Aber in der Charakteristik der zalreichen Personen weist sich Ihre gradezu unwahrscheinliche Meisterschaft. Eine Person wie den Ltt Progsink [?] hinstellen, wie macht man das? Mit welchen Mitteln zaubert man eine Schwester Kläre in's Leben? Wie kommen Sie zu der immerhin liebenswürdigen Zeichnung des vogelgesichtigen Kronprinzen? Es wäre interessant, Ihnen einmal die "Tagesreste" abzufragen, die in diese Dichtung eingegangen sind. Aber Wien darf nicht deutsch werden, ehe Sie mich besuchen.
Mit den herzlichsten Grüssen und dem Ausdruck bereitwilligster Bewunderung
Ihr alter Freud
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S.
Strassergasse 47
Wien 1190
Österreich
C44F10