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S.
Falzeder:
XIX Strassergasse 47
PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19
15. 7. 1934
Lieber Meister Arnold
Also ein neues Stück haben Sie in der Eile fertig gemacht, eine Episode aus dem Leben dieses grossartigen Lumpen Napoleon, der, an seine Pubertätsphantasien fixirt, von unerhörtem Glück begünstigt, durch keinerlei Bindungen ausser an seine Familie gehemmt, wie ein Nachtwandler durch die Welt geflattert ist, um endlich im Grössenwahn zu zerschellen. Es war kaum je ein Genie, dem alle Spur des Vornehmen so fremd war, ein so klassischer Anti-Gentleman, aber er hatte grossartiges Format. Neugierig, wie er bei Ihnen aussieht.
Meine Kenntnisse über Nietzsche überschätzen Sie sehr. Ich weiss Ihnen auch darum nicht zu sagen, was Sie brauchen könnten. Vor dem N. Problem stehen für mich zwei Wächter, die mir den Eingang verwehren. Erstens, man kann einen Menschen nicht durchleuchten, wenn man seine Sexualkonstitution nicht kennt, und die N's ist völlig rätselhaft. Es geht selbst die Sage, er sei passiv homosexual [-uell?] gewesen u habe sich die Lues in einem italien. Männerbordell geholt. Ob es wahr ist? Zweitens, er hatte eine schwere Krankheit u nach langen Vorboten brach die Paralyse bei ihm aus. Konflikte hat ein jeder; wenn einer eine Paralyse hat, treten die Konflikte in der Aetiologie weit zurück. Ob es dem Dichter erlaubt sein soll, die groben Tatsachen der Pathologie umzuphantasiren? Ich weiss es nicht. Dichter pflegen nicht lenksam zu sein.
Die Ereignisse in Deutschl erinnern mich auf dem Wege des Kontrastes an ein Erlebnis aus dem Sommer 1920. Es war der erste Kongress ausserhalb unseres Kerkers, im Haag. Wie liebenswürdig unsere holländischen Kollegen gegen die verhungerten und verluderten Mitteleuropaeer waren, thut noch heute wol zu erinnern. Am Ende des Kongresses gaben sie uns ein Diner von echt holländischer Üppigkeit, für das wir nicht zalen durften; aber wir hatten es auch verlernt zu essen. Als die Hors d'oeuvres gereicht wurden, schmeckten sie uns allen und dann waren wir fertig; mehr konnten wir nicht nehmen.
Und nun der Gegensatz! Nach den Nachrichten vom 30 Juni hatte ich nur die eine Empfindung: Was, nach der Vorspeise soll ich vom Tisch aufstehen! Und dann kommt nichts nach! Ich bin noch hungrig.
- Mein Sohn hat seine Haupthilfskraft im Verlag durch Erkrankung an Kinderlähmung verloren und wir[d] den beabsichtigen Ausflug nach Palaestina nicht machen können. Aber wenn Sie nach Wien kommen, auch noch mit einem Romanmanuskr beladen, werden Sie willkommen sein
Ihrem Freud
PS. Gruss an die Damen.
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S.
Strassergasse 47
Wien 1190
Österreich
C44F10