• S.

    Falzeder:

    14. 3. 1935

    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

     

    Lieber Meister Arnold

     

    Ungeduldig liess ich mir sofort das Geschichtsbuch von Auerbach kommen und fand mich in einer Erwartung enttäuscht und in einem Urteil bestärkt.  Meine revolutionären Neuheiten werden von A. nicht geahnt.  Weder das Aegyptertum Mosis, noch die Ableitung seiner Religion vom aegypt. Monotheismus, noch die Verschmelzung seiner Person mit der eines midimitischen [?] Priesters, der 100-150 J nach ihm in Kades [?] die Jahwereligion aufnahm.  Noch die Einsicht, dass die wunderbare Rettung aus dem Schilfmeer wie der Zug zum Sinai Phantasien sind, und dass Moses den Namen Jahwe nicht gekannt hat.  Kurz, sein Moses ist nicht mein Moses; er hat die Tradition nicht durchbrochen, um die von ihr unterdrückte Vorgeschichte freizulegen.

     

    Dies die Enttäuschung.  Bestärkt wurde mein Urteil über die Schwächen meiner historischen Konstruktion, die mich von der Veröffentlichung der Arbeit mit Recht abgehalten hat.  Der Rest ist wirklich Schweigen,.

     

    Spannungsvoll u lustlos laufen die Zeiten zwischen Kommunismus u Faschismus in unserem armseligen Oesterreich weiter.  Wenn ich nach Haifa komme, bringe ich den Moses gewiss mit für Sie.  Vorläufig beschäftigt uns ein näheres Ziel, die Übersiedlung nach Grinzing.  Wir werden unser schönes Haus voraussichtlich nicht wieder bekommen.

     

    Meine Frau ist wol, meine Schwägerin ist in Meran, meine Tochter u Pflegerin fleissig.

     

    Sie schreiben sehr gut lesbar, auch ohne Ihre Augen, denen meine besten Wünsche gelten.

     

    Herzlich Ihr

    Freud