• S.

    Falzeder.

    14. X. 1935

    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

     

    Lieber Meister Arnold

     

    Es ist doch schön, dass man einem starken Mann mit einigen Worten eine so grosse Freude bereiten kann.  Und dabei handelt es sich gar nicht um ein freundliches Geschenk, sondern um den Versuch zur Abtragung einer Schuld.  Ausser mir, meiner Tochter und meinem Sohn, gibt es noch eine Person in meiner nächsten Nàhe, die ihr Werk geniesst und ich möchte sagen, unter ihm stöhnt.  Es ist mein Leibarzt Dr Max Schur, ein sehr tüchtiger Doktor, so tief empört über die Vorgänge in Deutschland, dass er keine deutschen Medikamente mehr verschreibt.  Ich muss ihm immer wieder von Ihnen erzälen.  Es darf Ihnen recht gleichgiltig sein, wie viel oder wie wenig sich Palaestina im jetzigen Erwerbsrummel um Sie kümmert.  Sie werden nicht vergessen werden.

     

    Den neuen Heinrich Mann habe ich sofort bestellt.  Ich konnte mich sonst seiner wüsten Phantastik nicht recht erfreuen, stand eher im Lager des Bruders Thomas.

     

    Gestern hatte ich den Besuch der jungen amerikanischen Dichters Thornton Wilder, des Autors jenes reizenden Buches The bridge of San Luis Rey.  Er ist Prof der vergleichenden Literaturgeschichte in Chicago.  Kannte die Novellen um Claudia u den Grischa.

     

    Überflüssig zu sagen, wie sehr Ihre Andeutungen über die Einsetzung eines Königs meine Erwartungen gereizt haben.  Ich hoffe, Sie werden diesmal eine Sauce von grimmem [sic] Humor über das grosse Gethue ausgiessen.  Wenn ich Ihre Absicht richtig errate.

     

    Die jetzigen Zeiten sind sehr merkwürdig.  Die Engländer meinen es offenbar im Ernst und Mussolini kann kaum den Rückweg finden.  Im Vordergrund wird um eine Institution gestritten, von der man sich einen erziehlichen Einfluss für die Zukunft erwarten durfte.  Im Hintergrunde wirkt der nüchterne Interessenkonflikt, der genau so ist wie in früheren Zeiten.  Die Gefahr liegt beim Tertius gaudens.  Und eine bange Ahnung sagt uns, dass wir, dh die armen oesterr. Juden einen Teil der Zeche bezalen werden.  Es ist traurig, dass wir das Weltgeschehen nur vom Judenstandpunkt beurteilen, aber wie könnten wir anders?

     

    In wenigen Tagen ziehen wir in die Stadtwohnung.  Es war eine herrliche Herbstzeit; mein Befinden eher günstiger.  Krieg oder Kriegsspannung kann alle unsere analytische Arbeit in Wien ersticken.

     

    Ihr Brief ist in den Händen meiner Tochter.

     

    Mit herzlichsten Grüssen

    Ihr Freud