• S.

    Falzeder:

    20. 1. 1936

    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

     

    Lieber Meister Arnold

     

    Eben Ihre Auskunft erhalten, freue mich, dass Sie der Sache soviel Interesse schenken.  Es ist also so, dass die Behauptungen Ihres "Dichters" nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, sondern an einigen Stellen die feste Erde berühren.  Es giebt Luxor, es giebt Rockefeller Subventionen u sogar einen Prof. Smith.  Aber ein Punkt, der mir erst später eingefallen ist und alle Erwartungen entwertet hat, ist folgender: Wenn ein solches Verzeichnis der Schüler des Sonnentempels von ON [?] in Amarna gefunden wurde, so kann es unmöglich auf einem Tontäfelchen in Keilschrift stehen.  Es müsste ein Papyrus mit Hieroglyphen sein.  Der Keilschrift bediente man sich nur [in] Korrespondenz mit dem Ausland.  Also wenig Hoffnung, meinen Moses durch diesen Anruf aus dem Schlaf zu wecken, der seine Bestimmung ist.  Einer meiner jungen Freunde hier, ein Dr Ernst Kris, rühmlich bekannter Kunsthistoriker und Beamter am Museum, hat übrigens seinerseits auf den ihm zugänglichen Wegen Nachforschungen eingeleitet.

     

    Soviel über den Moses, die eine der Versuchungen, Sie nach Wien zu locken.  Eine andere wäre das Versprechen, Ihnen auch meine letzte Arbeit vorzulesen, die leider in die Öffentlichkeit hinaus muss.  Ich bin sehr geplagt worden, etwas Geschriebenes zum 70st Geburtstag (9 Jan) von Romain Rolland beizutragen u habe endlich nachgegeben.  Ich brachte eine kleine Analyse eines "Entfremdungsgefühls" zustande, das mich 1904 auf der Akropolis von Athen überfiel.  Etwas recht intimes, was kaum mit R. R. zu thun hat (ausser dass er genau so alt ist wie mein Bruder, mit dem ich damals nach Athen gereist war).  Aber kombinieren Sie die beiden Sprichwörter vom Schelm, der mehr giebt, und vom schönen Mädchen, das nicht mehr giebt, als sie haben und sie kennen meinen Fall.

     

    Als Folge einer kürzlichen "kleinen" Operation im Mund kann ich jetzt weder kauen noch ordentlich sprechen.  Ich kann abwarten, bis es besser wird.

     

    Herzlich wie immer

    Ihr Freud