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    I

    Unser Sprachgebrauch läßt uns in der Beschreibung pathologi-
    scher Phänomene Symptome und Hemmungen unterscheiden, aber
    er legt diesem Unterschied nicht viel Wert bei. Kämen uns nicht
    Krankheitsfälle vor, von denen wir aussagen müssen, daß sie nur
    Hemmungen und keine Symptome zeigen, und wollten wir nicht
    wissen, was dafür die Bedingung ist, so brächten wir kaum das
    Interesse auf, die Begriffe Hemmung und Symptom gegeneinander
    abzugrenzen.

    Die beiden sind nicht auf dem nämlichen Boden erwachsen.
    Hemmung hat eine besondere Beziehung zur Funktion und be-
    deutet nicht notwendig etwas Pathologisches, man kann auch eine
    normale Einschränkung einer Funktion eine Hemmung derselben
    nennen. Symptom hingegen heißt soviel wie Anzeichen eines
    krankhaften Vorganges. Es kann also auch eine Hemmung ein
    Symptom sein. Der Sprachgebrauch verfährt dann so, daß er von
    Hemmung spricht, wo eine einfache Herabsetzung der Funktion
    vorliegt, von Symptom, wo es sich um eine ungewöhnliche Ab-
    änderung derselben oder um eine neue Leistung handelt. In vielen
    Fällen scheint es der Willkür überlassen, ob man die positive oder
    die negative Seite des pathologischen Vorgangs betonen, seinen
    Erfolg als Symptom oder als Hemmung bezeichnen will. Das alles
    ist wirklich nicht interessant und die Fragestellung, von der wir
    ausgingen, erweist sich als wenig fruchtbar.

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    Da die Hemmung begrifflich so innig an die Funktion geknüpft
    ist, kann man auf die Idee kommen, die verschiedenen Ichfunktionen
    daraufhin zu untersuchen, in welchen Formen sich deren Störung
    bei den einzelnen neurotischen Affektionen äußert. Wir wählen für
    diese vergleichende Studie: die Sexualfunktion, das Essen, die Loko-
    motion und die Berufsarbeit.

    a) Die Sexualfunktion unterliegt sehr mannigfaltigen Störungen,
    von denen die meisten den Charakter einfacher Hemmungen zeigen.
    Diese werden als psychische Impotenz zusammengefaßt. Das Zu-
    standekommen der normalen Sexualleistung setzt einen sehr kom-
    plizierten Ablauf voraus, die Störung kann an jeder Stelle desselben
    eingreifen. Die Hauptstationen der Hemmung sind beim Manne:
    die Abwendung der Libido zur Einleitung des Vorgangs (psychische
    Unlust), das Ausbleiben der physischen Vorbereitung (Erektions-
    losigkeit), die Abkürzung des Aktes (Ejaculatio praecox), die eben-
    sowohl als positives Symptom beschrieben werden kann, die Auf-
    haltung desselben vor dem natürlichen Ausgang (Ejakulations-
    mangel), das Nichtzustandekommen des psychischen Effekts (der
    Lustempfindung des Orgasmus). Andere Störungen erfolgen durch
    die Verknüpfung der Funktion mit besonderen Bedingungen, per-
    verser oder fetischistischer Natur.

    Eine Beziehung der Hemmung zur Angst kann uns nicht lange
    entgehen. Manche Hemmungen sind offenbar Verzichte auf Funk-
    tion, weil bei deren Ausübung Angst entwickelt werden würde.
    Direkte Angst vor der Sexualfunktion ist beim Weibe häufig; wir
    ordnen sie der Hysterie zu, ebenso das Abwehrsymptom des Ekels,
    das sich ursprünglich als nachträgliche Reaktion auf den passiv
    erlebten Sexualakt einstellt, später bei der Vorstellung desselben
    auftritt. Auch eine große Anzahl von Zwangshandlungen erweisen
    sich als Vorsichten und Versicherungen gegen sexuelles Erleben,
    sind also phobischer Natur.

    Man kommt da im Verständnis nicht sehr weit; man merkt
    nur, daß sehr verschiedene Verfahren verwendet werden, um die

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    Funktion zu stören: 1) die bloße Abwendung der Libido, die am
    ehesten zu ergeben scheint, was wir eine reine Hemmung heißen,
    2) die Verschlechterung in der Ausführung der Funktion, 3) die
    Erschwerung derselben durch besondere Bedingungen und ihre
    Modifikation durch Ablenkung auf andere Ziele, 4) ihre Vorbeugung
    durch Sicherungsmaßregeln, 5) ihre Unterbrechung durch Angst-
    entwicklung, sowie sich ihr Ansatz nicht mehr verhindern läßt,
    endlich 6) eine nachträgliche Reaktion, die dagegen protestiert und
    das Geschehene rückgängig machen will, wenn die Funktion doch
    durchgeführt wurde.

    b) Die häufigste Störung der Nahrungsfunktion ist die Eßunlust
    durch Abziehung der Libido. Auch Steigerungen der Eßlust sind
    nicht selten; ein Eßzwang motiviert sich durch Angst vor dem
    Verhungern, ist wenig untersucht. Als hysterische Abwehr des
    Essens kennen wir das Symptom des Erbrechens. Die Nahrungs-
    verweigerung infolge von Angst gehört psychotischen Zuständen
    an (Vergiftungswahn).

    c) Die Lokomotion wird bei manchen neurotischen Zuständen
    durch Gehunlust und Gehschwäche gehemmt, die hysterische Be-
    hinderung bedient sich der motorischen Lähmung des Bewegungs-
    apparates oder schafft eine spezialisierte Aufhebung dieser einen
    Funktion desselben (Abasie). Besonders charakteristisch sind die
    Erschwerungen der Lokomotion durch Einschaltung bestimmter
    Bedingungen, bei deren Nichterfüllung Angst auftritt (Phobie).

    d) Die Arbeitshemmung, die so oft als isoliertes Symptom
    Gegenstand der Behandlung wird, zeigt uns verminderte Lust oder
    schlechtere Ausführung oder Reaktionserscheinungen wie Müdigkeit
    (Schwindel, Erbrechen), wenn die Fortsetzung der Arbeit erzwungen
    wird. Die Hysterie erzwingt die Einstellung der Arbeit durch Er-
    zeugung von Organ‑ und Funktionslähmungen, deren Bestand mit
    der Ausführung der Arbeit unvereinbar ist. Die Zwangsneurose
    stört die Arbeit durch fortgesetzte Ablenkung und durch den Zeit-
    verlust bei eingeschobenen Verweilungen und Wiederholungen.

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    Wir könnten diese Übersicht noch auf andere Funktionen aus-
    dehnen, aber wir dürfen nicht erwarten, dabei mehr zu erreichen.
    Wir kämen nicht über die Oberfläche der Erscheinungen hinaus,
    Entschließen wir uns darum zu einer Auffassung, die dem Begriff
    der Hemmung nicht mehr viel Rätselhaftes beläßt. Die Hemmung
    ist der Ausdruck einer Funktionseinschränkung des Ichs, die
    selbst sehr verschiedene Ursachen haben kann. Manche der Mecha-
    nismen dieses Verzichts auf Funktion und eine allgemeine Tendenz
    desselben sind uns wohlbekannt.

    An den spezialisierten Hemmungen ist die Tendenz leichter zu
    erkennen. Wenn das Klavierspielen, Schreiben und selbst das Gehen
    neurotischen Hemmungen unterliegen, so zeigt uns die Analyse
    den Grund hiefür in einer überstarken Erotisierung der bei diesen
    Funktionen in Anspruch genommenen Organe, der Finger und der
    Füße. Wir haben ganz allgemein die Einsicht gewonnen, daß die
    Ichfunktion eines Organes geschädigt wird, wenn seine Erogeneität,
    seine sexuelle Bedeutung, zunimmt. Es benimmt sich dann, wenn
    man den einigermaßen skurrilen Vergleich wagen darf, wie eine
    Köchin, die nicht mehr am Herd arbeiten will, weil der Herr
    des Hauses Liebesbeziehungen zu ihr angeknüpft hat. Wenn das
    Schreiben, das darin besteht, aus einem Rohr Flüssigkeit auf ein
    Stück weißes Papier fließen zu lassen, die symbolische Bedeutung
    des Koitus angenommen hat, oder wenn das Gehen zum symboli-
    schen Ersatz des Stampfens auf dem Leib der Mutter Erde ge-
    worden ist, dann wird beides, Schreiben und Gehen, unterlassen,
    weil es so ist, als ob man die verbotene sexuelle Handlung aus-
    führen würde. Das Ich verzichtet auf diese ihm zustehenden
    Funktionen, um nicht eine neuerliche Verdrängung vornehmen
    zu müssen, um einem Konflikt mit dem Es auszuweichen.

    Andere Hemmungen erfolgen offenbar im Dienste der Selbst-
    bestrafung, wie nicht selten die der beruflichen Tätigkeiten. Das
    Ich darf diese Dinge nicht tun, weil sie ihm Nutzen und Erfolg
    bringen wirden, was das gestrenge Über‑Ich versagt hat. Dann

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    verzichtet das Ich auch auf diese Leistungen, um nicht in 
    Konflikt mit dem Über‑Ich zu geraten.

    Die allgemeineren Hemmungen des Ichs folgen einem anderen,
    einfachen, Mechanismus. Wenn das Ich durch eine psychische Auf-
    gabe von besonderer Schwere in Anspruch genommen ist, wie
    z. B. durch eine Trauer, eine großartige Affektunterdrückung,
    durch die Nötigung, beständig aufsteigende sexuelle Phantasien
    niederzuhalten, dann verarmt es so sehr an der ihm verfügbaren
    Energie, daß es seinen Aufwand an vielen Stellen zugleich ein-
    schränken muß, wie ein Spekulant, der seine Gelder in seinen
    Unternehmungen immobilisiert hat. Ein lehrreiches Beispiel einer
    solchen intensiven Allgemeinhemmung von kurzer Dauer konnte
    ich an einem Zwangskranken beobachten, der in eine lähmende
    Müdigkeit von ein‑ bis mehrtägiger Dauer bei Anlässen verfiel,
    die offenbar einen Wutausbruch hätten herbeiführen sollen. Von
    hier aus muß auch ein Weg zum Verständnis der Allgemein-
    hemmung zu finden sein, durch die sich die Depressionszustände
    und der schwerste derselben, die Melancholie, kennzeichnen.

    Man kann also abschließend über die Hemmungen sagen, sie
    seien Einschränkungen der Ichfunktionen, entweder aus Vorsicht
    oder infolge von Energieverarmung. Es ist nun leicht zu erkennen,
    worin sich die Hemmung vom Symptom unterscheidet. Das
    Symptom kann nicht mehr als ein Vorgang in oder am Ich
    beschrieben werden.