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    [85]

    IX

    Was jetzt erübrigt, ist die Behandlung der Beziehungen zwischen
    Symptombildung und Angstentwicklung.

    Zwei Meinungen darüber scheinen weit verbreitet zu sein. Die
    eine nennt die Angst selbst ein Symptom der Neurose, die andere
    glaubt an ein weit innigeres Verhältnis zwischen beiden. Ihr zu-
    folge würde alle Symptombildung nur unternommen werden, um
    der Angst zu entgehen; die Symptome binden die psychische Energie,
    die sonst als Angst abgeführt würde, so daß die Angst das Grund-
    phänomen und Hauptproblem der Neurose wäre.

    Die zumindest partielle Berechtigung der zweiten Behauptung
    läßt sich durch schlagende Beispiele erweisen. Wenn man einen
    Agoraphoben, den man auf die Straße begleitet hat, dort sich selbst
    überläßt, produziert er einen Angstanfall; wenn man einen Zwangs-
    neurotiker daran hindern läßt, sich nach einer Berührung die Hände
    zu waschen, wird er die Beute einer fast unerträglichen Angst. Es
    ist also klar, die Bedingung des Begleitetwerdens und die Zwangs-
    handlung des Waschens hatten die Absicht und auch den Erfolg,
    solche Angstanbrüche zu verhüten. In diesem Sinne kann auch
    jede Hemmung, die sich das Ich auferlegt, Symptom genannt werden.

    Da wir die Angstentwicklung auf die Gefahrsituation zurück-
    geführt haben, werden wir es vorziehen zu sagen, die Symptome
    werden geschaffen, um das Ich der Gefahrsituation zu entziehen.
    Wird die Symptombildung verhindert, so tritt die Gefahr wirklich

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    ein, d. h. es stellt sich jene der Geburt analoge Situation her, in
    der sich das Ich hilflos gegen den stetig wachsenden Triebanspruch
    findet, also die erste und ursprünglichste der Angstbedingungen.
    Für unsere Anschauung erweisen sich die Beziehungen zwischen
    Angst und Symptom weniger eng als angenommen wurde, die
    Folge davon, daß wir zwischen beide das Moment der Gefahr-
    situation eingeschoben haben. Wir können auch ergänzend sagen,
    die Angstentwicklung leite die Symptombildung ein, ja sie sei eine
    notwendige Voraussetzung derselben, denn wenn das Ich nicht durch
    die Angstentwicklung die Lust‑UnlustvInstanz wachrütteln würde,
    bekäme es nicht die Macht, den im Es vorbereiteten, gefahr-
    drohenden Vorgang aufzuhalten. Dabei ist die Tendenz unver-
    kennbar, sich auf ein Mindestmaß von Angstentwicklung zu be-
    schränken, die Angst nur als Signal zu verwenden, denn sonst
    bekäme man die Unlust, die durch den Triebvorgang droht, nur
    an anderer Stelle zu spüren, was kein Erfolg nach der Absicht
    des Lustprinzips wäre, sich aber doch bei den Neurosen häufig
    genug ereignet.

    Die Symptombildung hat also den wirklichen Erfolg, die Gefahr-
    situation aufzuheben. Sie hat zwei Seiten; die eine, die uns ver-
    borgen bleibt, stellt im Es jene Abänderung her, mittels deren
    das Ich der Gefahr entzogen wird, die andere uns zugewendete
    zeigt, was sie an Stelle des beeinflußten Triebvorganges geschaffen
    hat, die Ersatzbildung.

    Wir sollten uns aber korrekter ausdrücken, dem Abwehrvor-
    gang zuschreiben, was wir eben von der Symptombildung aus-
    gesagt haben, und den Namen Symptombildung selbst als synonym
    mit Ersatzbildung gebrauchen. Es scheint dann klar, daß der Ab-
    wehrvorgang analog der Flucht ist, durch die sich das Ich einer
    von außen drohenden Gefahr entzieht, daß er eben einen Flucht-
    versuch vor einer Triebgefahr darstellt. Die Bedenken gegen diesen
    Vergleich werden uns zu weiterer Klärung verhelfen. Erstens läßt
    sich einwenden, daß der Objektverlust (der Verlust der Liebe von

  • S.

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    seiten des Objekts) und die Kastrationsdrohung ebensowohl Ge-
    fahren sind, die von außen drohen, wie etwa ein reißendes Tier,
    also nicht Triebgefahren. Aber es ist doch nicht derselbe Fall. Der
    Wolf würde uns wahrscheinlich anfallen, gleichgültig, wie wir uns
    gegen ihn benehmen; die geliebte Person würde uns aber nicht
    ihre Liebe entziehen, die Kastration uns nicht angedroht werden,
    wenn wir nicht bestimmte Gefühle und Absichten in unserem
    Inneren nähren würden. So werden diese Triebregungen zu Be-
    dingungen der äußeren Gefahr und damit selbst gefährlich, wir
    können jetzt die äußere Gefahr durch Maßregeln gegen innere
    Gefahren bekämpfen. Bei den Tierphobien scheint die Gefahr noch
    durchaus als eine äußerliche empfunden zu werden, wie sie auch
    im Symptom eine äußerliche Verschiebung erfährt. Bei der Zwangs-
    neurose ist sie weit mehr verinnerlicht, der Anteil der Angst vor
    dem Über‑Ich, der soziale Angst ist, repräsentiert noch den inner-
    lichen Ersatz einer äußeren Gefahr, der andere Anteil, die Ge-
    wissensangst, ist durchaus endopsychisch.

    Ein zweiter Einwand sagt, beim Fluchtversuch vor einer drohenden
    äußeren Gefahr tun wir ja nichts anderes, als daß wir die Raum-
    distanz zwischen uns und dem Drohenden vergrößern. Wir setzen
    uns ja nicht gegen die Gefahr zur Wehr, suchen nichts an ihr
    selbst zu ändern, wie in dem anderen Falle, daß wir mit einem
    Knüttel auf den Wolf losgehen oder mit einem Gewehr auf ihn
    schießen. Der Abwehrvorgang scheint aber mehr zu tun, als einem
    Fluchtversuch entspricht. Er greift ja in den drohenden Trieb-
    ablauf ein, unterdrückt ihn irgendwie, lenkt ihn von seinem Ziel
    ab, macht ihn dadurch ungefährlich. Dieser Einwand scheint
    unabweisbar, wir müssen ihm Rechnung tragen. Wir meinen, es
    wird wohl so sein, daß es Abwehrvorgänge gibt, die man mit
    gutem Recht einem Fluchtversuch vergleichen kann, während sich
    das Ich bei anderen weit aktiver zur Wehre setzt, energische
    Gegenaktionen vornimmt. Wenn der Vergleich der Abwehr mit
    der Flucht nicht überhaupt durch den Umstand gestört wird, daß

  • S.

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    das Ich und der Trieb im Es ja Teile derselben Organisation sind,
    nicht getrennte Existenzen, wie der Wolf und das Kind, so daß
    jede Art Verhaltens des Ichs auch abändernd auf den Triebvorgang
    einwirken muß.

    Durch das Studium der Angstbedingungen haben wir das Ver-
    halten des Ichs bei der Abwehr sozusagen in rationeller Ver-
    klärung erblicken müssen. Jede Gefahrsituation entspricht einer
    gewissen Lebenszeit oder Entwicklungsphase des seelischen Apparats
    und erscheint für diese berechtigt. Das frühkindliche Wesen ist
    wirklich nicht dafür ausgerüstet, große Erregungssummen, die von
    außen oder innen anlangen, psychisch zu bewältigen. Zu einer
    gewissen Lebenszeit ist es wirklich das wichtigste Interesse, daß
    die Personen, von denen man abhängt, ihre zärtliche Sorge nicht
    zurückziehen. Wenn der Knabe den mächtigen Vater als Rivalen
    bei der Mutter empfindet, seiner aggressiven Neigungen gegen ihn
    und seiner sexuellen Absichten auf die Mutter inne wird, hat er
    ein Recht dazu, sich vor ihm zu fürchten, und die Angst vor
    seiner Strafe kann durch phylogenetische Verstärkung sich als
    Kastrationsangst äußern. Mit dem Eintritt in soziale Beziehungen
    wird die Angst vor dem Über‑Ich, das Gewissen, zur Notwendig-
    keit, der Wegfall dieses Moments die Quelle von schweren Kon-
    flikten und Gefahren usw. Aber gerade daran knüpft sich ein neues
    Problem.

    Versuchen wir es, den Angstaffekt für eine Weile durch einen
    anderen, z. B. den Schmerzaffekt, zu ersetzen. Wir halten es für durch-
    aus normal, daß das Mädchen von vier Jahren schmerzlich weint, wenn
    ihm eine Puppe zerbricht, mit sechs Jahren, wenn ihm die Lehrerin
    einen Verweis gibt, mit sechzehn Jahren, wenn der Geliebte sich
    nicht um sie bekümmert, mit fünfundzwanzig Jahren vielleicht, wenn
    sie ein Kind begräbt. Jede dieser Schmerzbedingungen hat ihre
    Zeit und erlischt mit deren Ablauf; die letzten, definitiven, erhalten
    sich dann durchs Leben. Es würde uns aber auffallen, wenn dies
    Mädchen als Frau und Mutter über die Beschädigung einer Nippsache 

  • S.

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    weinen würde. So benehmen sich aber die Neurotiker. In
    ihrem seelischen Apparat sind längst alle Instanzen zur Reiz-
    bewältigung innerhalb weiter Grenzen ausgebildet, sie sind er-
    wachsen genug, um die meisten ihrer Bedürfnisse selbst zu be-
    friedigen, sie wissen längst, daß die Kastration nicht mehr als
    Strafe geübt wird, und doch benehmen sie sich, als bestünden die
    alten Gefahrsituationen noch, sie halten an allen früheren Angst-
    bedingungen fest.

    Die Antwort hierauf wird etwas weitläufig ausfallen. Sie wird
    vor allem den Tatbestand zu sichten haben. In einer großen An-
    zahl von Fällen werden die alten Angstbedingungen wirklich fallen
    gelassen, nachdem sie bereits neurotische Reaktionen erzeugt haben.
    Die Phobien der kleinsten Kinder vor Alleinsein, Dunkelheit und
    vor Fremden, die beinahe normal zu nennen sind, vergehen zu
    meist in etwas späteren Jahren, sie „wachsen sich aus“, wie man
    von manchen anderen Kindheitsstörungen sagt. Die so häufigen
    Tierphobien haben das gleiche Schicksal, viele der Konversions-
    hysterien der Kinderjahre finden später keine Fortsetzung. Zeremo-
    niell in der Latenzzeit ist ein ungemein häufiges Vorkommnis,
    nur ein sehr geringer Prozentsatz dieser Fälle entwickelt sich später
    zur vollen Zwangsneurose. Die Kinderneurosen sind überhaupt ‑
    soweit unsere Erfahrungen an den höheren Kulturanforderungen
    unterworfenen Stadtkindern weißer Rasse reichen  regelmäßige
    Episoden der Entwicklung, wenngleich ihnen noch immer zu wenig
    Aufmerksamkeit geschenkt wird. Man vermißt die Zeichen der
    Kindheitsneurose auch nicht bei einem erwachsenen Neurotiker,
    während lange nicht alle Kinder, die sie zeigen, auch später
    Neurotiker werden. Es müssen also im Verlaufe der Reifung Angst-
    bedingungen aufgegeben worden sein und Gefahrsituationen ihre
    Bedeutung verloren haben. Dazu kommt, daß einige dieser Gefahr-
    situationen sich dadurch in späte Zeiten hinüberretten, daß sie ihre
    Angstbedingung zeitgemäß modifizieren. So erhält sich z. B. die
    Kastrationsangst unter der Maske der Syphiliphobie, nachdem man

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    erfahren hat, daß zwar die Kastration nicht mehr als Strafe für
    das Gewährenlassen der sexuellen Gelüste üblich ist, aber daß
    dafür der Triebfreiheit schwere Erkrankungen drohen. Andere der
    Angstbedingungen sind überhaupt nicht zum Untergang bestimmt,
    sondern sollen den Menschen durchs Leben begleiten, wie die
    der Angst vor dem Über‑Ich. Der Neurotiker unterscheidet sich
    dann vor den Normalen dadurch, daß er die Reaktionen auf diese
    Gefahren übermäßig erhöht. Gegen die Wiederkehr der ursprüng-
    lichen traumatischen Angstsituation bietet endlich auch das Er-
    wachsensein keinen zureichenden Schutz; es dürfte für jedermann
    eine Grenze geben, über die hinaus sein seelischer Apparat in der
    Bewältigung der Erledigung heischenden Erregungsmengen versagt.

    Diese kleinen Berichtigungen können unmöglich die Bestimmung
    haben, an der Tatsache zu rütteln, die hier erörtert wird, der
    Tatsache, daß so viele Menschen in ihrem Verhalten zur Gefahr
    infantil bleiben und verjährte Angstbedingungen nicht überwinden;
    dies bestreiten, hieße die Tatsache der Neurose leugnen, denn
    solche Personen heißt man eben Neurotiker. Wie ist das aber
    möglich? Warum sind nicht alle Neurosen Episoden der Entwick-
    lung, die mit Erreichung der nächsten Phase abgeschlossen werden?
    Woher das Dauermoment in diesen Reaktionen auf die Gefahr?
    Woher der Vorzug, den der Angstaffekt vor allen anderen Affekten
    zu genießen scheint, daß er allein Reaktionen hervorruft, die sich
    als abnorm von den anderen sondern und sich als unzweckmäßig
    dem Strom des Lebens entgegenstellen? Mit anderen Worten, wir
    finden uns unversehens wieder vor der so oft gestellten Vexier-
    frage, woher kommt die Neurose, was ist ihr letztes, das ihr
    besondere Motiv? Nach jahrzehntelangen analytischen Bemühungen
    erhebt sich dies Problem vor uns, unangetastet, wie zu Anfang.