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    [34]

    III

    Um zum Problem des Ichs zurückzukehren: Der Anschein des
    Widerspruchs kommt daher, daß wir Abstraktionen zu starr nehmen
    und aus einem komplizierten Sachverhalt bald die eine, bald die
    andere Seite allein herausgreifen. Die Scheidung des Ichs vom Es
    scheint gerechtfertigt, sie wird uns durch bestimmte Verhältnisse
    aufgedrängt. Aber anderseits ist das Ich mit dem Es identisch,
    nur ein besonders differenzierter Anteil desselben. Stellen wir
    dieses Stück in Gedanken dem Ganzen gegenüber, oder hat sich
    ein wirklicher Zwiespalt zwischen den beiden ergeben, so wird
    uns die Schwäche dieses Ichs offenbar. Bleibt das Ich aber mit
    dem Es verbunden, von ihm nicht unterscheidbar, so zeigt sich
    seine Stärke. Ähnlich ist das Verhältnis des Ichs zum Über‑Ich; 
    für viele Situationen fließen uns die beiden zusammen, meistens
    können wir sie nur unterscheiden, wenn sich eine Spannung, ein
    Konflikt zwischen ihnen hergestellt hat. Für den Fall der Ver-
    drängung wird die Tatsache entscheidend, daß das Ich eine Organi-
    sation ist, das Es aber keine; das Ich ist eben der organisierte Anteil
    des Es. Es wäre ganz ungerechtfertigt, wenn man sich vorstellte,
    Ich und Es seien wie zwei verschiedene Heerlager; durch die Ver-
    drängung suche das Ich ein Stück des Es zu unterdrücken, nun
    komme das übrige Es dem Angegriffenen zu Hilfe und messe seine
    Stärke mit der des Ichs. Das mag oft zustande kommen, aber es
    ist gewiß nicht die Eingangssituation der Verdrängung; in der Regel

  • S.

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    bleibt die zu verdrängende Triebregung isoliert. Hat der Akt der
    Verdrängung uns die Stärke des Ichs gezeigt, so legt er doch in
    einem auch Zeugnis ab für dessen Ohnmacht und für die Un-
    beeinflußbarkeit der einzelnen Triebregung des Es. Denn der Vor-
    gang, der durch die Verdrängung zum Symptom geworden ist,
    behauptet nun seine Existenz außerhalb der Ichorganisation und
    unabhängig von ihr. Und nicht er allein, auch alle seine Abkömm-
    linge genießen dasselbe Vorrecht, man möchte sagen: der Extra-
    territorialität, und wo sie mit Anteilen der Ichorganisation assoziativ
    zusammentreffen, wird es fraglich, ob sie diese nicht zu sich herüber-
    ziehen und sich mit diesem Gewinn auf Kosten des Ichs ausbreiten
    werden. Ein uns längst vertrauter Vergleich betrachtet das Symptom
    als einen Fremdkörper, der unaufhörlich Reiz‑ und Reaktions-
    erscheinungen in dem Gewebe unterhält, in das er sich ein-
    gebettet hat. Es kommt zwar vor, daß der Abwehrkampf gegen
    die unliebsame Triebregung durch die Symptombildung abge-
    schlossen wird; soweit wir sehen, ist dies am ehesten bei der
    hysterischen Konversion möglich, aber in der Regel ist der Ver-
    lauf ein anderer; nach dem ersten Akt der Verdrängung folgt ein
    langwieriges oder nie zu beendendes Nachspiel, der Kampf gegen
    die Triebregung findet seine Fortsetzung in dem Kampf gegen
    das Symptom.

    Dieser sekundäre Abwehrkampf zeigt uns zwei Gesichter – mit
    widersprechendem Ausdruck. Einerseits wird das Ich durch seine
    Natur genötigt, etwas zu unternehmen, was wir als Herstellungs‑ oder 
    Versöhnungsversuch beurteilen müssen. Das Ich ist eine Organi-
    sation, es beruht auf dem freien Verkehr und der Möglichkeit gegen-
    seitiger Beeinflussung unter all seinen Bestandteilen, seine desexuali-
    sierte Energie bekundet ihre Herkunft noch in dem Streben nach
    Bindung und Vereinheitlichung, und dieser Zwang zur Synthese
    nimmt immer mehr zu, je kräftiger sich das Ich entwickelt. So
    wird es verständlich, daß das Ich auch versucht, die Fremdheit
    und Isolierung des Symptoms aufzuheben, indem es alle Möglichkeiten 

  • S.

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    ausnützt, es irgendwie an sich zu binden und durch solche
    Bande seiner Organisation einzuverleiben. Wir wissen, daß ein solches
    Bestreben bereits den Akt der Symptombildung beeinflußt. Ein klassi-
    sches Beispiel dafür sind jene hysterischen Symptome, die uns als
    Kompromiß zwischen Befriedigungs‑ und Strafbedürfnis durchsichtig
    geworden sind. Als Erfüllungen einer Forderung des Über‑Ichs haben
    solche Symptome von vornherein Anteil am Ich, während sie ander-
    seits Positionen des Verdrängten und Einbruchsstellen desselben in
    die Ichorganisation bedeuten; sie sind sozusagen Grenzstationen mit
    gemischter Besetzung. Ob alle primären hysterischen Symptome so
    gebaut sind, verdiente eine sorgfältige Untersuchung. Im weiteren
    Verlaufe benimmt sich das Ich so, als ob es von der Erwägung
    geleitet würde: das Symptom ist einmal da und kann nicht be-
    seitigt werden; nun heißt es, sich mit dieser Situation befreunden
    und den größtmöglichen Vorteil aus ihr ziehen. Es findet eine
    Anpassung an das ichfremde Stück der Innenwelt statt, das durch
    das Symptom repräsentiert wird, wie sie das Ich sonst normaler-
    weise gegen die reale Außenwelt zustande bringt. An Anlässen
    hiezu fehlt es nie. Die Existenz des Symptoms mag eine gewisse
    Behinderung der Leistung mit sich bringen, mit der man eine
    Anforderung des Über‑Ichs beschwichtigen oder einen Anspruch
    der Außenwelt zurückweisen kann. So wird das Symptom allmählich
    mit der Vertretung wichtiger Interessen betraut, es erhält einen
    Wert für die Selbstbehauptung, verwächst immer inniger mit dem
    Ich, wird ihm immer unentbehrlicher. Nur in ganz seltenen Fällen
    kann der Prozeß der Einheilung eines Fremdkörpers etwas ähn-
    liches wiederholen. Man kann die Bedeutung dieser sekundären
    Anpassung an das Symptom auch übertreiben, indem man aussagt,
    das Ich habe sich das Symptom überhaupt nur angeschafft, um
    dessen Vorteile zu genießen. Das ist dann so richtig oder so falsch,
    wie wenn man die Ansicht vertritt, der Kriegsverletzte habe sich
    das Bein nur abschießen lassen, um dann arbeitsfrei von seiner
    Invalidenrente zu leben.

  • S.

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    Andere Symptomgestaltungen, die der Zwangsneurose und der
    Paranoia, bekommen einen hohen Wert für das Ich, nicht weil
    sie ihm Vorteile, sondern weil sie ihm eine sonst entbehrte narziß-
    tische Befriedigung bringen. Die Systembildungen der Zwangs-
    neurotiker schmeicheln ihrer Eigenliebe durch die Vorspiegelung,
    sie seien als besonders reinliche oder gewissenhafte Menschen besser
    als andere; die Wahnbildungen der Paranoia eröffnen dem Scharf-
    sinn und der Phantasie dieser Kranken ein Feld zur Betätigung,
    das ihnen nicht leicht ersetzt werden kann. Aus all den erwähnten
    Beziehungen resultiert, was uns als der (sekundäre) Krankheitsgewinn 
    der Neurose bekannt ist. Er kommt dem Bestreben des
    Ichs, sich das Symptom einzuverleiben, zu Hilfe und verstärkt die
    Fixierung des letzteren. Wenn wir dann den Versuch machen, dem
    Ich in seinem Kampf gegen das Symptom analytischen Beistand
    zu leisten, finden wir diese versöhnlichen Bindungen zwischen Ich
    und Symptom auf der Seite der Widerstände wirksam. Es wird
    uns nicht leicht gemacht, sie zu lösen. Die beiden Verfahren, die
    das Ich gegen das Symptom anwendet, stehen wirklich in Wider-
    spruch zueinander.

    Das andere Verfahren hat weniger freundlichen Charakter, es
    setzt die Richtung der Verdrängung fort. Aber es scheint, daß wir
    das Ich nicht mit dem Vorwurf der Inkonsequenz belasten dürfen.
    Das Ich ist friedfertig und möchte sich das Symptom einverleiben,
    es in sein Ensemble aufnehmen. Die Störung geht vom Symptom
    aus, das als richtiger Ersatz und Abkömmling der verdrängten
    Regung deren Rolle weiterspielt, deren Befriedigungsanspruch
    immer wieder erneuert und so das Ich nötigt, wiederum das
    Unlustsignal zu geben und sich zur Wehre zu setzen.

    Der sekundäre Abwehrkampf gegen das Symptom ist vielgestaltig,
    spielt sich auf verschiedenen Schauplätzen ab und bedient sich
    mannigfaltiger Mittel. Wir werden nicht viel über ihn aussagen
    können, wenn wir nicht die einzelnen Fälle der Symptombildung
    zum Gegenstand der Untersuchung nehmen. Dabei werden wir

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    Anlaß finden, auf das Problem der Angst einzugehen, das wir
    längst wie im Hintergrunde lauernd verspüren. Es empfiehlt sich,
    von den Symptomen, welche die hysterische Neurose schafft, aus-
    zugehen; auf die Voraussetzungen der Symptombildung bei der
    Zwangsneurose, Paranoia und anderen Neurosen sind wir noch
    nicht vorbereitet.