S.
[59]
VI
Während dieser Kämpfe kann man zwei symptombildende Tätig-
keiten des Ichs beobachten, die ein besonderes Interesse verdienen,
weil sie offenbare Surrogate der Verdrängung sind und darum deren
Tendenz und Technik schön erläutern können. Vielleicht dürfen
wir auch das Hervortreten dieser Hilfs‑ und Ersatztechniken als
einen Beweis dafür auffassen, daß die Durchführung der regel-
rechten Verdrängung auf Schwierigkeiten stößt. Wenn wir erwägen,
daß bei der Zwangsneurose das Ich soviel mehr Schauplatz der Sym-
ptombildung ist als bei der Hysterie, daß dieses Ich zähe an seiner
Beziehung zur Realität und zum Bewußtsein festhält und dabei
alle seine intellektuellen Mittel aufbietet, ja, daß die Denktätigkeit
übersetzt, erotisiert, erscheint, werden uns solche Variationen der
Verdrängung vielleicht näher gebracht.Die beiden angedeuteten Techniken sind das Ungeschehenmachen
und das Isolieren. Die erstere hat ein großes Anwen-
dungsgebiet und reicht weit zurück. Sie ist sozusagen negative
Magie, sie will durch motorische Symbolik nicht die Folgen eines
Ereignisses (Eindruckes, Erlebnisses), sondern dieses selbst „weg-
blasen“. Mit der Wahl dieses letzten Ausdruckes ist darauf hin-
gewiesen, welche Rolle diese Technik nicht nur in der Neurose,
sondern auch in den Zauberhandlungen, Volksgebräuchen und im
religiösen Zeremoniell spielt. In der Zwangsneurose begegnet man
dem Ungeschehenmachen zuerst bei den zweizeiligen Symptomen,S.
60
wo der zweite Akt den ersten aufhebt, so, als ob nichts geschehen
wäre, wo in Wirklichkeit beides geschehen ist. Das zwangsneuro-
tische Zeremoniell hat in der Absicht des Ungeschehenmachens
seine zweite Wurzel. Die erste ist die Verhütung, die Vorsicht, damit
etwas Bestimmtes nicht geschehe, sich nicht wiederhole. Der Unter-
schied ist leicht zu fassen; die Vorsichtsmaßregeln sind rationell,
die „Aufhebungen“ durch Ungeschehenmachen irrationell, magi-
scher Natur. Natürlich muß man vermuten, daß diese zweite Wurzel
die ältere, aus der animistischen Einstellung zur Umwelt stammende
ist. Seine Abschattung zum Normalen findet das Streben zum Un-
geschehenmachen in dem Entschluß ein Ereignis als „non arrivé“
zu behandeln, aber dann unternimmt man nichts dagegen, kümmert
sich weder um das Ereignis noch um seine Folgen, während man
in der Neurose die Vergangenheit selbst aufzuheben, motorisch zu
verdrängen sucht. Dieselbe Tendenz kann auch die Erklärung des
in der Neurose so häufigen Zwanges zur Wiederholung geben,
bei dessen Ausführung sich dann mancherlei einander widerstreitende
Absichten zusammenfinden. Was nicht in solcher Weise geschehen
ist, wie es dem Wunsch gemäß hätte geschehen sollen, wird durch
die Wiederholung in anderer Weise ungeschehen gemacht, wozu
nun alle die Motive hinzutreten, bei diesen Wiederholungen zu
verweilen. Im weiteren Verlauf der Neurose enthüllt sich oft die
Tendenz, ein traumatisches Erlebnis ungeschehen zu machen, als
ein symptombildendes Motiv von erstem Range. Wir erhalten so
unerwarteten Einblick in eine neue, motorische Technik der Ab-
wehr oder, wie wir hier mit geringerer Ungenauigkeit sagen können,
der Verdrängung.Die andere der neu zu beschreibenden Techniken ist das der
Zwangsneurose eigentümlich zukommende Isolieren. Es bezieht
sich gleichfalls auf die motorische Sphäre, besteht darin, daß nach
einem unliebsamen Ereignis, ebenso nach einer im Sinne der Neurose
bedeutsamen eigenen Tätigkeit, eine Pause eingeschoben wird, in der
sich nichts mehr ereignen darf, keine Wahrnehmung gemacht undS.
61
keine Aktion ausgeführt wird. Dies zunächst sonderbare Verhalten
verrät uns bald seine Beziehung zur Verdrängung. Wir wissen, bei
Hysterie ist es möglich, einen traumatischen Eindruck der Amnesie
verfallen zu lassen; bei der Zwangsneurose ist dies oft nicht ge-
lungen, das Erlebnis ist nicht vergessen, aber es ist von seinem
Affekt entblößt und seine assoziativen Beziehungen sind unterdrückt
oder unterbrochen, so daß es wie isoliert dasteht und auch nicht im
Verlaufe der Denktätigkeit reproduziert wird. Der Effekt dieser Iso-
lierung ist dann der nämliche wie bei der Verdrängung mit Amnesie.
Diese Technik wird also in den Isolierungen der Zwangsneurose
reproduziert, aber dabei auch in magischer Absicht motorisch ver-
stärkt. Was so auseinandergehalten wird, ist gerade das, was assoziativ
zusammengehört, die motorische Isolierung soll eine Garantie für die
Unterbrechung des Zusammenhanges im Denken geben. Einen Vor-
wand für dies Verfahren der Neurose gibt der normale Vorgang der
Konzentration. Was uns bedeutsam als Eindruck, als Aufgabe er-
scheint, soll nicht durch die gleichzeitigen Ansprüche anderer Denk-
verrichtungen oder Tätigkeiten gestört werden. Aber schon im
Normalen wird die Konzentration dazu verwendet, nicht nur das
Gleichgültige, nicht Dazugehörige, sondern vor allem das unpassende
Gegensätzliche fernzuhalten. Als das Störendste wird empfunden, was
ursprünglich zusammengehört hat und durch den Fortschritt der
Entwicklung auseinandergerissen wurde, z. B. die Äußerungen der
Ambivalenz des Vaterkomplexes in der Beziehung zu Gott oder die
Regungen der Exkretionsorgane in den Liebeserregungen. So hat das
Ich normalerweise eine große Isolierungsarbeit bei der Lenkung des
Gedankenablaufes zu leisten, und wir wissen, in der Ausübung der
analytischen Technik müssen wir das Ich dazu erziehen, auf diese
sonst durchaus gerechtfertigte Funktion zeitweilig zu verzichten.Wir haben alle die Erfahrung gemacht, daß es dem Zwangs-
neurotiker besonders schwer wird, die psychoanalytische Grundregel
zu befolgen. Wahrscheinlich infolge der hohen Konfliktspannung
zwischen seinem Über‑Ich und seinem Es ist sein Ich wachsamer,S.
62
dessen Isolierungen schärfer. Es hat während seiner Denkarbeit
zuviel abzuwehren, die Einmengung unbewußter Phantasien, die
Äußerung der ambivalenten Strebungen. Es darf sich nicht gehen
lassen, befindet sich fortwährend in Kampfbereitschaft. Diesen Zwang
zur Konzentration und Isolierung unterstützt es dann durch die
magischen Isolierungsaktionen, die als Symptome so auffällig und
praktisch so bedeutsam werden, an sich natürlich nutzlos sind und
den Charakter des Zeremoniells haben.Indem es aber Assoziationen, Verbindung in Gedanken, zu ver-
hindern sucht, befolgt es eines der ältesten und fundamentalsten
Gebote der Zwangsneurose, das Tabu der Berührung. Wenn man
sich die Frage vorlegt, warum die Vermeidung von Berührung,
Kontakt, Ansteckung in der Neurose eine so große Rolle spielt
und zum Inhalt so komplizierter Systeme gemacht wird, so findet
man die Antwort, daß die Berührung, der körperliche Kontakt,
das nächste Ziel sowohl der aggressiven wie der zärtlichen Objekt-
besetzung ist. Der Eros will die Berührung, denn er strebt nach
Vereinigung, Aufhebung der Raumgrenzen zwischen Ich und ge-
liebtem Objekt. Aber auch die Destruktion, die vor der Erfindung
der Fernwaffe nur aus der Nähe erfolgen konnte, muß die körper-
liche Berührung, das Handanlegen voraussetzen. Eine Frau be-
rühren ist im Sprachgebrauch ein Euphemismus für ihre Benützung
als Sexualobjekt geworden. Das Glied nicht berühren ist der Wortlaut
des Verbotes der autoerotischen Befriedigung. Da die Zwangsneurose
zu Anfang die erotische Berührung, dann nach der Regression die
als Aggression maskierte Berührung verfolgte, ist nichts anderes für
sie in so hohem Grade verpönt worden, nichts so geeignet, zum
Mittelpunkt eines Verbotssystems zu werden. Die Isolierung ist
aber Aufhebung der Kontaktmöglichkeit, Mittel, ein Ding jeder Be-
rührung zu entziehen, und wenn der Neurotiker auch einen Ein-
druck oder eine Tätigkeit durch eine Pause isoliert, gibt er uns
symbolisch zu verstehen, daß er die Gedanken an sie nicht in
assoziative Berührung mit anderen kommen lassen will.S.
63
So weit reichen unsere Untersuchungen über die Symptom-
bildung. Es verlohnt sich kaum, sie zu resumieren, sie sind ergebnis-
arm und unvollständig geblieben, haben auch wenig gebracht, was
nicht schon früher bekannt gewesen wäre. Die Symptombildung
bei anderen Affektionen als bei den Phobien, der Konversions-
hysterie und der Zwangsneurose in Betracht zu ziehen, wäre aus-
sichtslos; es ist zu wenig darüber bekannt. Aber auch schon aus der
Zusammenstellung dieser drei Neurosen erhebt sich ein schwer-
wiegendes, nicht mehr aufzuschiebendes Problem. Für alle drei ist
die Zerstörung des Ödipus‑Komplexes der Ausgang, in allen, nehmen
wir an, die Kastrationsangst der Motor des Ichsträubens. Aber nur
in den Phobien kommt solche Angst zum Vorschein, wird sie ein-
gestanden. Was ist bei den zwei anderen Formen aus ihr geworden,
wie hat das Ich sich solche Angst erspart? Das Problem verschärft
sich noch, wenn wir an die vorhin erwähnte Möglichkeit denken,
daß die Angst durch eine Art Vergärung aus der im Ablauf ge-
störten Libidobesetzung selbst hervorgeht, und weiters: steht es
fest, daß die Kastrationsangst der einzige Motor der Verdrängung
(oder Abwehr) ist? Wenn man an die Neurosen der Frauen denkt,
muß man das bezweifeln, denn so sicher sich der Kastrations-
komplex bei ihnen konstatieren läßt, von einer Kastrationsangst im
richtigen Sinne kann man bei bereits vollzogener Kastration doch
nicht sprechen.
You are here
Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1928