• S.

    [50]

    V

    Wir wollten die Symptombildung und den sekundären Kampf
    des Ichs gegen das Symptom studieren, aber wir haben offenbar
    mit der Wahl der Phobien keinen glücklichen Griff getan. Die
    Angst, welche im Bild dieser Affektionen vorherrscht, erscheint
    uns nun als eine den Sachverhalt verhüllende Komplikation. Es
    gibt reichlich Neurosen, bei denen sich nichts von Angst zeigt.
    Die echte Konversionshysterie ist von solcher Art, deren schwerste
    Symptome ohne Beimengung von Angst gefunden werden. Schon
    diese Tatsache müßte uns warnen, die Beziehungen zwischen Angst
    und Symptombildung nicht allzu fest zu knüpfen. Den Konversions-
    hysterien stehen die Phobien sonst so nahe, daß ich mich für
    berechtigt gehalten habe, ihnen diese als „Angsthysterie“ anzu-
    reihen. Aber niemand hat noch die Bedingung angeben können,
    die darüber entscheidet, ob ein Fall die Form einer Konversions-
    hysterie oder einer Phobie annimmt, niemand also die Bedingung
    der Angstentwicklung bei der Hysterie ergründet.

    Die häufigsten Symptome der Konversionshysterie, eine moto-
    rische Lähmung, Kontraktur oder unwillkürliche Aktion oder Ent-
    ladung, ein Schmerz, eine Halluzination, sind entweder permanent
    festgehaltene oder intermittierende Besetzungsvorgänge, was der
    Erklärung neue Schwierigkeiten bereitet. Man weiß eigentlich nicht
    viel über solche Symptome zu sagen. Durch die Analyse kann
    man erfahren, welchen gestörten Erregungsablauf sie ersetzen. Zumeist 

  • S.

    51

    ergibt sich, daß sie selbst einen Anteil an diesem haben, so
    als ob sich die gesamte Energie desselben auf dies eine Stück
    konzentriert hätte. Der Schmerz war in der Situation, in welcher
    die Verdrängung vorfiel, vorhanden; die Halluzination war damals
    Wahrnehmung, die motorische Lähmung ist die Abwehr einer
    Aktion, die in jener Situation hätte ausgeführt werden sollen, aber
    gehemmt wurde, die Kontraktur gewöhnlich eine Verschiebung
    für eine damals intendierte Muskelinnervation an anderer Stelle,
    der Krampfanfall Ausdruck eines Affektausbruches, der sich der
    normalen Kontrolle des Ichs entzogen hat. In ganz auffälligem
    Maße wechselnd ist die Unlustempfindung, die das Auftreten der
    Symptome begleitet. Bei den permanenten, auf die Motilität ver-
    schobenen Symptomen, wie Lähmungen und Kontrakturen, fehlt
    sie meistens gänzlich, das Ich verhält sich gegen sie wie unbeteiligt;
    bei den intermittierenden und den Symptomen der sensorischen
    Sphäre werden in der Regel deutliche Unlustempfindungen ver-
    spürt, die sich im Falle des Schmerzsymptoms zu exzessiver Höhe
    steigern können. Es ist sehr schwer, in dieser Mannigfaltigkeit
    das Moment herauszufinden, das solche Differenzen ermöglicht und
    sie doch einheitlich erklären läßt. Auch vom Kampf des Ichs gegen
    das einmal gebildete Symptom ist bei der Konversionshysterie wenig
    zu merken. Nur wenn die Schmerzempfindlichkeit einer Körper-
    stelle zum Symptom geworden ist, wird diese in den Stand gesetzt,
    eine Doppelrolle zu spielen. Das Schmerzsymptom tritt ebenso sicher
    auf, wenn diese Stelle von außen berührt wird, wie wenn die von
    ihr vertretene pathogene Situation von innen her assoziativ aktiviert
    wird, und das Ich ergreift Vorsichtsmaßregeln, um die Erweckung
    des Symptoms durch äußere Wahrnehmung hintanzuhalten. Woher
    die besondere Undurchsichtigkeit der Symptombildung bei der Kon-
    versionshysterie rührt, können wir nicht erraten, aber sie gibt uns
    ein Motiv, das unfruchtbare Gebiet bald zu verlassen.

    Wir wenden uns zur Zwangsneurose in der Erwartung, hier
    mehr über die Symptombildung zu erfahren. Die Symptome der

  • S.

    52

    Zwangsneurose sind im allgemeinen von zweierlei Art und ent-
    gegengesetzter Tendenz. Es sind entweder Verbote, Vorsichtsmaß-
    regeln, Bußen, also negativer Natur, oder im Gegenteil Ersatz-
    befriedigungen, sehr häufig in symbolischer Verkleidung. Von diesen
    zwei Gruppen ist die negative, abwehrende, strafende, die ältere;
    mit der Dauer des Krankseins nehmen aber die aller Abwehr spotten-
    den Befriedigungen überhand. Es ist ein Triumph der Symptom-
    bildung, wenn es gelingt, das Verbot mit der Befriedigung zu
    verquicken, so daß das ursprünglich abwehrende Gebot oder Verbot
    auch die Bedeutung einer Befriedigung bekommt, wozu oft sehr
    künstliche Verbindungswege in Anspruch genommen werden. In
    dieser Leistung zeigt sich die Neigung zur Synthese, die wir dem
    Ich bereits zuerkannt haben. In extremen Fällen bringt es der
    Kranke zustande, daß die meisten seiner Symptome zu ihrer ur-
    sprünglichen Bedeutung auch die des direkten Gegensatzes erworben
    haben, ein Zeugnis für die Macht der Ambivalenz, die, wir wissen
    nicht warum, in der Zwangsneurose eine so große Rolle spielt.
    Im rohesten Fall ist das Symptom zweizeitig, d. h. auf die Handlung,
    die eine gewisse Vorschrift ausführt, folgt unmittelbar eine zweite,
    die sie aufhebt oder rückgängig macht, wenngleich sie noch nicht
    wagt, ihr Gegenteil auszuführen.

    Zwei Eindrücke ergeben sich sofort aus dieser flüchtigen Über-
    schau der Zwangssymptome. Der erste, daß hier ein fortgesetzter
    Kampf gegen das Verdrängte unterhalten wird, der sich immer
    mehr zu Ungunsten der verdrängenden Kräfte wendet, und zweitens,
    daß Ich und Über‑Ich hier einen besonders großen Anteil an der
    Symptombildung nehmen.

    Die Zwangsneurose ist wohl das interessanteste und dankbarste
    Objekt der analytischen Untersuchung, aber noch immer als Problem
    unbezwungen. Wollen wir in ihr Wesen tiefer eindringen, so müssen
    wir eingestehen, daß unsichere Annahmen und unbewiesene Ver-
    mutungen noch nicht entbehrt werden können. Die Ausgangs-
    situation der Zwangsneurose ist wohl keine andere als die der

  • S.

    53

    Hysterie, die notwendige Abwehr der libidinösen Ansprüche des
    Ödipus‑Komplexes. Auch scheint sich bei jeder Zwangsneurose eine
    unterste Schicht sehr früh gebildeter hysterischer Symptome zu
    finden. Dann aber wird die weitere Gestaltung durch einen kon-
    stitutionellen Faktor entscheidend verändert. Die genitale Organi-
    sation der Libido erweist sich als schwächlich und zu wenig resistent.
    Wenn das Ich sein Abwehrstreben beginnt, so erzielt es als ersten
    Erfolg, daß die Genitalorganisation (der phallischen Phase) ganz
    oder teilweise auf die frühere sadistisch‑anale Stufe zurückgeworfen
    wird. Diese Tatsache der Regression bleibt für alles folgende
    bestimmend.

    Man kann noch eine andere Möglichkeit in Erwägung ziehen.
    Vielleicht ist die Regression nicht die Folge eines konstitutionellen,
    sondern eines zeitlichen Faktors. Sie wird nicht darum ermöglicht
    werden, weil die Genitalorganisation der Libido zu schwächlich
    geraten, sondern weil das Sträuben des Ichs zu frühzeitig, noch
    während der Blüte der sadistischen Phase eingesetzt hat. Einer
    sicheren Entscheidung getraue ich mich auch in diesem Punkte
    nicht, aber die analytische Beobachtung begünstigt diese Annahme
    nicht. Sie zeigt eher, daß bei der Wendung zur Zwangsneurose
    die phallische Stufe bereits erreicht ist. Auch ist das Lebensalter
    für den Ausbruch dieser Neurose ein späteres als das der Hysterie
    (die zweite Kindheitsperiode, nach dem Termin der Latenzzeit),
    und in einem Fall von sehr später Entwicklung dieser Affektion,
    den ich studieren konnte, ergab es sich klar, daß eine reale Ent-
    wertung des bis dahin intakten Genitallebens die Bedingung für die
    Regression und die Entstehung der Zwangsneurose schuf.1

    Die metapsychologische Erklärung der Regression suche ich in
    einer „Triebentmischung“, in der Absonderung der erotischen Kom-
    ponenten, die mit Beginn der genitalen Phase zu den destruktiven
    Besetzungen der sadistischen Phase hinzugetreten waren.

    1)Siehe: Die Disposition zur Zwangsneurose. [Bd. V dieser Gesamtausgabe.]

  • S.

    54

    Die Erzwingung der Regression bedeutet den ersten Erfolg des
    Ichs im Abwehrkampf gegen den Anspruch der Libido. Wir unter-
    scheiden hier zweckmäßig die allgemeinere Tendenz der „Abwehr“
    von der „Verdrängung“, die nur einer der Mechanismen ist, deren
    sich die Abwehr bedient. Vielleicht noch klarer als bei normalen
    und hysterischen Fällen erkennt man bei der Zwangsneurose als
    den Motor der Abwehr den Kastrationskomplex, als das Abgewehrte
    die Strebungen des Ödipus‑Komplexes. Wir befinden uns nun zu
    Beginn der Latenzzeit, die durch den Untergang des Ödipus‑Komplexes, 
    die Schöpfung oder Konsolidierung des Über‑Ichs und
    die Aufrichtung der ethischen und ästhetischen Schranken im Ich
    gekennzeichnet ist. Diese Vorgänge gehen bei der Zwangsneurose
    über das normale Maß hinaus; zur Zerstörung des Ödipus‑Komplexes
    tritt die regressive Erniedrigung der Libido hinzu, das Über‑Ich
    wird besonders strenge und lieblos, das Ich entwickelt im Gehorsam
    gegen das Über‑Ich hohe Reaktionsbildungen von Gewissenhaftigkeit,
    Mitleid, Reinlichkeit. Mit unerbittlicher, darum nicht immer erfolg-
    reicher Strenge wird die Versuchung zur Fortsetzung der früh-
    infantilen Onanie verpönt, die sich nun an regressive (sadistisch‑anale) 
    Vorstellungen anlehnt, aber doch den unbezwungenen Anteil
    der phallischen Organisation repräsentiert. Es liegt ein innerer 
    Widerspruch darin, daß gerade im Interesse der Erhaltung der
    Männlichkeit (Kastrationsangst) jede Betätigung dieser Männlichkeit
    verhindert wird, aber auch dieser Widerspruch wird bei der Zwangs-
    neurose nur übertrieben, er haftet bereits an der normalen Art
    der Beseitigung des Ödipus‑Komplexes. Wie jedes Übermaß den
    Keim zu seiner Selbstaufhebung in sich trägt, wird sich auch an der
    Zwangsneurose bewähren, indem gerade die unterdrückte Onanie
    sich in der Form der Zwangshandlungen eine immer weitergehende
    Annäherung an die Befriedigung erzwingt.

    Die Reaktionsbildungen im Ich der Zwangsneurotiker, die wir
    als Übertreibungen der normalen Charakterbildung erkennen, dürfen
    wir als einen neuen Mechanismus der Abwehr neben die Regression

  • S.

    55

    und die Verdrängung hinstellen. Sie scheinen bei der Hysterie
    zu fehlen oder weit schwächer zu sein. Rückschauend gewinnen
    wir so eine Vermutung, wodurch der Abwehrvorgang der Hysterie
    ausgezeichnet ist. Es scheint, daß er sich auf die Verdrängung
    einschränkt, indem das Ich sich von der unliebsamen Triebregung
    abwendet, sie dem Ablauf im Unbewußten überläßt und an ihren
    Schicksalen keinen weiteren Anteil nimmt. So ganz ausschließend
    richtig kann das zwar nicht sein, denn wir kennen ja den Fall,
    daß das hysterische Symptom gleichzeitig die Erfüllung einer Straf-
    anforderung des Über‑Ichs bedeutet, aber es mag einen allgemeinen
    Charakter im Verhalten des Ichs bei der Hysterie beschreiben.

    Man kann es einfach als Tatsache hinnehmen, daß sich bei der
    Zwangsneurose ein so strenges Über‑Ich bildet, oder man kann
    daran denken, daß der fundamentale Zug dieser Affektion die Libido-
    regression ist, und versuchen, auch den Charakter des Über‑Ichs
    mit ihr zu verknüpfen. In der Tat kann ja das Über‑Ich, das aus
    dem Es stammt, sich der dort eingetretenen Regression und Trieb-
    entmischung nicht entziehen. Es wäre nicht zu verwundern, wenn
    es seinerseits härter, quälerischer, liebloser würde als bei normaler
    Entwicklung.

    Während der Latenzzeit scheint die Abwehr der Onanieversuchung
    als Hauptaufgabe behandelt zu werden. Dieser Kampf erzeugt eine
    Reihe von Symptomen, die bei den verschiedensten Personen in
    typischer Weise wiederkehren und im allgemeinen den Charakter
    des Zeremoniells tragen. Es ist sehr zu bedauern, daß sie noch
    nicht gesammelt und systematisch analysiert worden sind; als früheste
    Leistungen der Neurose würden sie über den hier verwendeten
    Mechanismus der Symptombildung am ehesten Licht verbreiten.
    Sie zeigen bereits die Züge, welche in einer späteren schweren
    Erkrankung so verhängnisvoll hervortreten werden: die Unter-
    bringung an den Verrichtungen, die später wie automatisch aus-
    geführt werden sollen, am Schlafengehen, Waschen und Ankleiden,
    an der Lokomotion, die Neigung zur Wiederholung und zum Zeitaufwand. 

  • S.

    56

    Warum das so geschieht, ist noch keineswegs verständlich;
    die Sublimierung analerotischer Komponenten spielt dabei eine deut-
    liche Rolle.

    Die Pubertät macht in der Entwicklung der Zwangsneurose einen
    entscheidenden Abschnitt. Die in der Kindheit abgebrochene Genital-
    organisation setzt nun mit großer Kraft wieder ein. Wir wissen
    aber, daß die Sexualentwicklung der Kinderzeit auch für den Neu-
    beginn der Pubertätsjahre die Richtung vorschreibt. Es werden also
    einerseits die aggressiven Regungen der Frühzeit wieder erwachen,
    anderseits muß ein mehr oder minder großer Anteil der neuen
    libidinösen Regungen – in bösen Fällen deren Ganzes – die
    durch die Regression vorgezeichneten Bahnen einschlagen und als
    aggressive und destruktive Absichten auftreten. Infolge dieser Ver-
    kleidung der erotischen Strebungen und der starken Reaktions-
    bildungen im Ich, wird nun der Kampf gegen die Sexualität
    unter ethischer Flagge weitergeführt. Das Ich sträubt sich ver-
    wundert gegen grausame und gewalttätige Zumutungen, die ihm
    vom Es her ins Bewußtsein geschickt werden, und ahnt nicht,
    daß es dabei erotische Wünsche bekämpft, darunter auch solche,
    die sonst seinem Einspruch entgangen wären. Das überstrenge Über‑Ich 
    besteht um so energischer auf der Unterdrückung der Sexualität,
    da sie so abstoßende Formen angenommen hat. So zeigt sich der
    Konflikt bei der Zwangsneurose nach zwei Richtungen verschärft,
    das Abwehrende ist intoleranter, das Abzuwehrende unerträglicher
    geworden; beides durch den Einfluß des einen Moments, der Libido-
    regression. 

    Man könnte einen Widerspruch gegen manche unserer Voraus-
    setzungen darin finden, daß die unliebsame Zwangsvorstellung über-
    haupt bewußt wird. Allein es ist kein Zweifel, daß sie vorher den
    Prozeß der Verdrängung durchgemacht hat. In den meisten Fallen
    ist der eigentliche Wortlaut der aggressiven Triebregung dem Ich
    überhaupt nicht bekannt. Es gehört ein gutes Stück analytischer
    Arbeit dazu, um ihn bewußt zu machen. Was zum Bewußtsein

  • S.

    57

    durchdringt, ist in der Regel nur ein entstellter Ersatz, entweder
    von einer verschwommenen, traumhaften Unbestimmtheit, oder un-
    kenntlich gemacht durch eine absurde Verkleidung. Wenn die Ver-
    drängung nicht den Inhalt der aggressiven Triebregung angenagt
    hat, so hat sie doch gewiß den sie begleitenden Affektcharakter
    beseitigt. So erscheint die Aggression dem Ich nicht als ein Impuls,
    sondern, wie die Kranken sagen, als ein bloßer „Gedankeninhalt“,
    der einen kalt lassen sollte. Das Merkwürdigste ist, daß dies doch
    nicht der Fall ist.

    Der bei der Wahrnehmung der Zwangsvorstellung ersparte Affekt
    kommt nämlich an anderer Stelle zum Vorschein. Das Über‑Ich
    benimmt sich so, als hätte keine Verdrängung stattgefunden, als
    wäre ihm die aggressive Regung in ihrem richtigen Wortlaut und
    mit ihrem vollen Affektcharakter bekannt, und behandelt das Ich
    auf Grund dieser Voraussetzung. Das Ich, das sich einerseits schuldlos
    weiß, muß anderseits ein Schuldgefühl verspüren und eine Ver-
    antwortlichkeit tragen, die es sich nicht zu erklären weiß. Das
    Rätsel, das uns hiemit aufgegeben wird, ist aber nicht so groß,
    als es zuerst erscheint. Das Verhalten des Über‑Ichs ist durchaus
    verständlich, der Widerspruch im Ich beweist uns nur, daß es sich
    mittels der Verdrängung gegen das Es verschlossen hat, während
    es den Einflüssen aus dem Über‑Ich voll zugänglich geblieben ist.1
    Der weiteren Frage, warum das Ich sich nicht auch der peinigenden
    Kritik des Über‑Ichs zu entziehen sucht, macht die Nachricht ein
    Ende, daß dies wirklich in einer großen Reihe von Fällen so ge-
    schieht. Es gibt auch Zwangsneurosen ganz ohne Schuldbewußtsein;
    soweit wir es verstehen, hat sich das Ich die Wahrnehmung des-
    selben durch eine neue Reihe von Symptomen, Bußhandlungen, Ein-
    schränkungen zur Selbstbestrafung, erspart. Diese Symptome bedeuten
    aber gleichzeitig Befriedigungen masochistischer Triebregungen, die
    ebenfalls aus der Regression eine Verstärkung bezogen haben.

    1)Vgl. Reik: Geständniszwang und Strafbedürfnis. 1925. S. 51.

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    Die Mannigfaltigkeit in den Erscheinungen der Zwangsneurose
    ist eine so großartige, daß es noch keiner Bemühung gelungen
    ist, eine zusammenhängende Synthese aller ihrer Variationen zu
    geben. Man ist bestrebt, typische Beziehungen herauszuheben und
    dabei immer in Sorge, andere nicht minder wichtige Regelmäßig-
    keiten zu übersehen.

    Die allgemeine Tendenz der Symptombildung bei der Zwangs-
    neurose habe ich bereits beschrieben. Sie geht dahin, der Ersatz-
    befriedigung immer mehr Raum auf Kosten der Versagung zu
    schaffen. Dieselben Symptome, die ursprünglich Einschränkungen
    des Ichs bedeuteten, nehmen dank der Neigung des Ichs zur Syn-
    these später auch die von Befriedigungen an, und es ist unver-
    kennbar, daß die letztere Bedeutung allmählich die wirksamere
    wird. Ein äußerst eingeschränktes Ich, das darauf angewiesen ist,
    seine Befriedigungen in den Symptomen zu suchen, wird das Er-
    gebnis dieses Prozesses, der sich immer mehr dem völligen Fehl-
    schlagen des anfänglichen Abwehrstrebens nähert. Die Verschiebung
    des Kräfteverhältnisses zugunsten der Befriedigung kann zu dem
    gefürchteten Endausgang der Willenslähmung des Ichs führen, das
    für jede Entscheidung beinahe ebenso starke Antriebe von der einen
    wie von der anderen Seite findet. Der überscharfe Konflikt zwischen
    Es und Über‑Ich, der die Affektion von Anfang an beherrscht, kann
    sich so sehr ausbreiten, daß keine der Verrichtungen des zur Ver-
    mittlung unfähigen Ichs der Einbeziehung in diesen Konflikt ent-
    gehen kann.