• S.

    [91]

    X

    Die Angst ist die Reaktion auf die Gefahr. Man kann doch die
    Idee nicht abweisen, daß es mit dem Wesen der Gefahr zu-
    sammenhängt, wenn sich der Angstaffekt eine Ausnahmsstellung
    in der seelischen Ökonomie erzwingen kann. Aber die Gefahren
    sind allgemein menschliche, für alle Individuen die nämlichen; was
    wir brauchen und nicht zur Verfügung haben, ist ein Moment,
    das uns die Auslese der Individuen verständlich macht, die den
    Angstaffekt trotz seiner Besonderheit dem normalen seelischen
    Betrieb unterwerfen können, oder das bestimmt, wer an dieser
    Aufgabe scheitern muß. Ich sehe zwei Versuche vor mir, ein
    solches Moment aufzudecken; es ist begreiflich, daß jeder solche
    Versuch eine sympathische Aufnahme erwarten darf, da er einem
    quälenden Bedürfnis Abhilfe verspricht. Die beiden Versuche er-
    gänzen einander, indem sie das Problem an entgegengesetzten
    Enden angreifen. Der erste ist vor mehr als zehn Jahren von
    Alfred Adler unternommen worden; er behauptet, auf seinen
    innersten Kern reduziert, daß diejenigen Menschen an der Be-
    wältigung der durch die Gefahr gestellten Aufgabe scheitern, denen
    die Minderwertigkeit ihrer Organe zu große Schwierigkeiten be-
    reitet. Bestünde der Satz Simplex sigillum veri zurecht, so müßte
    man eine solche Lösung wie eine Erlösung begrüßen. Aber im Ge-
    genteile, die Kritik des abgelaufenen Jahrzehnts hat die volle Un-
    zulänglichkeit dieser Erklärung, die sich überdies über den ganzen

  • S.

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    Reichtum der von der Psychoanalyse aufgedeckten Tatbestände
    hinaussetzt, beweisend dargetan.

    Den zweiten Versuch hat Otto Rank 1923 in seinem Buch
    „Das Trauma der Geburt“ unternommen. Es wäre unbillig, ihn
    dem Versuch von Adler in einem andere Punkte als dem einen
    hier betonten gleichzustellen, denn er bleibt auf dem Boden der
    Psychoanalyse, deren Gedankengänge er fortsetzt und ist als eine
    legitime Bemühung zur Lösung der analytischen Probleme an-
    zuerkennen. In der gegebenen Relation zwischen Individuum und
    Gefahr lenkt Rank von der Organschwäche des Individuums ab
    und auf die veränderliche Intensität der Gefahr hin. Der Geburts-
    vorgang ist die erste Gefahrsituation, der von ihm produzierte
    ökonomische Aufruhr wird das Vorbild der Angstreaktion; wir
    haben vorhin die Entwicklungslinie verfolgt, welche diese erste
    Gefahrsituation und Angstbedingung mit allen späteren verbindet,
    indem sie alle in gewissem Sinne eine Trennung von der Mutter
    bedeuten, zuerst nur in biologischer Hinsicht, dann im Sinn eines
    direkten Objektverlustes und später eines durch indirekte Wege
    vermittelten. Die Aufdeckung dieses großen Zusammenhanges ist
    ein unbestrittenes Verdienst der Rankschen Konstruktion. Nun
    trifft das Trauma der Geburt die einzelnen Individuen in ver-
    schiedener Intensität, mit der Stärke des Traumas variiert die
    Heftigkeit der Angstreaktion, und es soll nach Rank von dieser
    Anfangsgröße der Angstentwicklung abhängen, ob das Individuum
    jemals ihre Beherrschung erlangen kann, ob es neurotisch wird
    oder normal.

    Die Einzelkritik der Rankschen Aufstellungen ist nicht unsere
    Aufgabe, bloß deren Prüfung, ob sie zur Lösung unseres Problems
    brauchbar sind. Die Formel Ranks, Neurotiker werde der, dem es
    wegen der Stärke des Geburtstraumas niemals gelinge, dieses völlig
    abzureagieren, ist theoretisch höchst anfechtbar. Man weiß nicht
    recht, was mit dem Abreagieren des Traumas gemeint ist. Versteht 

  • S.

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    man es wörtlich, so kommt man zu dem unhaltbaren Schluß,
    daß der Neurotiker sich um so mehr der Gesundheit nähert, je
    häufiger und intensiver er den Angstaffekt reproduziert. Wegen
    dieses Widerspruches mit der Wirklichkeit hatte ich ja seinerzeit
    die Theorie des Abreagierens aufgegeben, die in der Katharsis eine
    so große Rolle spielte. Die Betonung der wechselnden Stärke des
    Geburtstraumas läßt keinen Raum für den berechtigten ätio-
    logischen Anspruch der hereditären Konstitution. Sie ist ja ein
    organisches Moment, welches sich gegen die Konstitution wie eine
    Zufälligkeit verhält und selbst von vielen, zufällig zu nennenden
    Einflüssen, z. B. von der rechtzeitigen Hilfeleistung bei der Geburt
    abhängig ist. Die Ranksche Lehre hat konstitutionelle wie phylo-
    genetische Faktoren überhaupt außer Betracht gelassen. Will man
    aber für die Bedeutung der Konstitution Raum schaffen, etwa
    durch die Modifikation, es käme vielmehr darauf an, wie ausgiebig
    das Individuum auf die variable Intensität des Geburtstraumas
    reagiere, so hat man der Theorie ihre Bedeutung geraubt und den
    neu eingeführten Faktor auf eine Nebenrolle eingeschränkt. Die
    Entscheidung über den Ausgang in Neurose liegt dann doch auf
    einem anderen, wiederum auf einem unbekannten Gebiet.

    Die Tatsache, daß der Mensch den Geburtsvorgang mit den
    anderen Säugetieren gemein hat, während ihm eine besondere Dis-
    position zur Neurose als Vorrecht vor den Tieren zukommt, wird
    kaum günstig für die Ranksche Lehre stimmen. Der Hauptein-
    wand bleibt aber, daß sie in der Luft schwebt, anstatt sich auf
    gesicherte Beobachtung zu stützen. Es gibt keine guten Unter-
    suchungen darüber, ob schwere und protrahierte Geburt in unver-
    kennbarer Weise mit Entwicklung von Neurose zusammentreffen,
    ja, ob so geborene Kinder nur die Phänomene der frühinfantilen
    Ängstlichkeit länger oder stärker zeigen als andere. Macht man
    geltend, daß präzipitierte und für die Mutter leichte Geburten
    für das Kind möglicherweise die Bedeutung von schweren Traumen
    haben, so bleibt doch die Forderung aufrecht, daß Geburten, die

  • S.

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    zur Asphyxie führen, die behaupteten Folgen mit Sicherheit er-
    kennen lassen müßten. Es scheint ein Vorteil der Rankschen
    Ätiologie, daß sie ein Moment voranstellt, das der Nachprüfung
    am Material der Erfahrung zugänglich ist; solange man eine solche
    Prüfung nicht wirklich vorgenommen hat, ist es unmöglich, ihren
    Wert zu beurteilen.

    Dagegen kann ich mich der Meinung nicht anschließen, daß
    die Ranksche Lehre der bisher in der Psychoanalyse anerkannten
    ätiologischen Bedeutung der Sexualtriebe widerspricht; denn sie
    bezieht sich nur auf das Verhältnis des Individuums zur Gefahr-
    situation und läßt die gute Auskunft offen, daß, wer die anfäng-
    lichen Gefahren nicht bewältigen konnte, auch in den später auf-
    tauchenden Situationen sexueller Gefahr versagen muß und da-
    durch in die Neurose gedrängt wird.

    Ich glaube also nicht, daß der Ranksche Versuch uns die
    Antwort auf die Frage nach der Begründung der Neurose gebracht
    hat, und ich meine, es läßt sich noch nicht entscheiden, einen
    wie großen Beitrag zur Lösung der Frage er doch enthält. Wenn
    die Untersuchungen über den Einfluß schwerer Geburt auf die
    Disposition zu Neurosen negativ ausfallen, ist dieser Beitrag gering
    einzuschätzen. Es ist sehr zu besorgen, daß das Bedürfnis nach
    einer greifbaren und einheitlichen „letzten Ursache“ der Ner-
    vosität immer unbefriedigt bleiben wird. Der ideale Fall, nach
    dem sich der Mediziner wahrscheinlich noch heute sehnt, wäre
    der des Bazillus, der sich isolieren und reinzüchten läßt, und dessen
    Impfung bei jedem Individuum die nämliche Affektion hervor-
    ruft. Oder etwas weniger phantastisch: die Darstellung von che-
    mischen Stoffen, deren Verabreichung bestimmte Neurosen pro-
    duziert und aufhebt. Aber die Wahrscheinlichkeit spricht nicht
    für solche Lösungen des Problems.

    Die Psychoanalyse führt zu weniger einfachen, minder befrie-
    digenden Auskünften. Ich habe hier nur längst Bekanntes zu
    wiederholen, nichts Neues hinzuzufügen. Wenn es dem Ich 

  • S.

    95

    gelungen ist, sich einer gefährlichen Triebregung zu erwehren, z. B. 
    durch den Vorgang der Verdrängung, so hat es diesen Teil des Es
    zwar gehemmt und geschädigt, aber ihm gleichzeitig auch ein Stück
    Unabhängigkeit gegeben und auf ein Stück seiner eigenen Sou-
    veränität verzichtet. Das folgt aus der Natur der Verdrängung,
    die im Grunde ein Fluchtversuch ist. Das Verdrängte ist nun
    „vogelfrei“, ausgeschlossen aus der großen Organisation des Ichs,
    nur den Gesetzen unterworfen, die im Bereich des Unbewußten
    herrschen. Ändert sich nun die Gefahrsituation, so daß das Ich kein
    Motiv zur Abwehr einer neuerlichen, der verdrängten analogen
    Triebregung hat, so werden die Folgen der Icheinschränkung
    manifest. Der neuerliche Triebablauf vollzieht sich unter dem
    Einfluß des Automatismus, – ich zöge vor zu sagen: des Wieder-
    holungszwanges – er wandelt dieselben Wege wie der früher
    verdrängte, als ob die überwundene Gefahrsituation noch bestünde.
    Das fixierende Moment an der Verdrängung ist also der Wieder-
    holungszwang des unbewußten Es, der normalerweise nur durch
    die frei bewegliche Funktion des Ichs aufgehoben wird. Nun mag
    es dem Ich mitunter gelingen, die Schranken der Verdrängung,
    die es selbst aufgerichtet, wieder einzureißen, seinen Einfluß auf
    die Triebregung wiederzugewinnen und den neuerlichen Trieb-
    ablauf im Sinne der veränderten Gefahrsituation zu lenken. Tat-
    sache ist, daß es ihm so oft mißlingt, und daß es seine Ver-
    drängungen nicht rückgängig machen kann. Quantitative Rela-
    tionen mögen für den Ausgang dieses Kampfes maßgebend sein. In
    manchen Fällen haben wir den Eindruck, daß die Entscheidung eine
    zwangsläufige ist, die regressive Anziehung der verdrängten Regung
    und die Stärke der Verdrängung sind so groß, daß die neuerliche
    Regung nur dem Wiederholungszwange folgen kann. In anderen
    Fällen nehmen wir den Beitrag eines anderen Kräftespiels wahr,
    die Anziehung des verdrängten Vorbilds wird verstärkt durch die
    Abstoßung von seiten der realen Schwierigkeiten, die sich einem
    anderen Ablauf der neuerlichen Triebregung entgegensetzen.

  • S.

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    Daß dies der Hergang der Fixierung an die Verdrängung und
    der Erhaltung der nicht mehr aktuellen Gefahrsituation ist, findet
    seinen Erweis in der an sich bescheidenen, aber theoretisch kaum
    überschätzbaren Tatsache der analytischen Therapie. Wenn wir
    dem Ich in der Analyse die Hilfe leisten, die es in den Stand
    setzen kann, seine Verdrängungen aufzuheben, bekommt es seine
    Macht über das verdrängte Es wieder und kann die Triebregungen
    so ablaufen lassen, als ob die alten Gefahrsituationen nicht mehr
    bestünden. Was wir so erreichen, steht in gutem Einklang mit
    dem sonstigen Machtbereich unserer ärztlichen Leistung. In der
    Regel muß sich ja unsere Therapie damit begnügen, rascher,
    verlässlicher, mit weniger Aufwand den guten Ausgang herbeizu-
    führen, der sich unter günstigen Verhältnissen spontan ergeben
    hätte.

    Die bisherigen Erwägungen lehren uns, es sind quantitative
    Relationen, nicht direkt aufzuzeigen, nur auf dem Wege des Rück-
    schlusses faßbar, die darüber entscheiden, ob die alten Gefahr-
    situationen festgehalten werden, ob die Verdrängungen des Ichs
    erhalten bleiben, ob die Kinderneurosen ihre Fortsetzung finden
    oder nicht. Von den Faktoren, die an der Verursachung der Neu-
    rosen beteiligt sind, die die Bedingungen geschaffen haben, unter
    denen sich die psychischen Kräfte miteinander messen, heben sich
    für unser Verständnis drei hervor, ein biologischer, ein phylo-
    genetischer und ein rein psychologischer. Der biologische ist die
    lang hingezogene Hilflosigkeit und Abhängigkeit des kleinen
    Menschenkindes. Die Intrauterinexistenz des Menschen erscheint
    gegen die der meisten Tiere relativ verkürzt; es wird unfertiger
    als diese in die Welt geschickt. Dadurch wird der Einfluß der
    realen Außenwelt verstärkt, die Differenzierung des Ichs vom Es
    frühzeitig gefördert, die Gefahren der Außenwelt in ihrer Be-
    deutung erhöht und der Wert des Objekts, das allein gegen diese
    Gefahren schützen und das verlorene Intrauterinleben ersetzen
    kann, enorm gesteigert. Dies biologische Moment stellt also die

  • S.

    97

    ersten Gefahrsituationen her und schafft das Bedürfnis, geliebt zu
    werden, das den Menschen nicht mehr verlassen wird.

    Der zweite, phylogenetische, Faktor ist von uns nur erschlossen
    worden; eine sehr merkwürdige Tatsache der Libidoentwicklung
    hat uns zu seiner Annahme gedrängt. Wir finden, daß das Sexual-
    leben des Menschen sich nicht wie das der meisten ihm nahe-
    stehenden Tiere vom Anfang bis zur Reifung stetig weiter ent-
    wickelt, sondern daß es nach einer ersten Frühblüte bis zum
    fünften Jahr eine energische Unterbrechung erfährt, worauf es
    dann mit der Pubertät von neuem anhebt und an die infantilen
    Ansätze anknüpft. Wir meinen, es müßte in den Schicksalen der
    Menschenart etwas Wichtiges vorgefallen sein, was diese Unter-
    brechung der Sexualentwicklung als historischen Niederschlag
    hinterlassen hat. Die pathogene Bedeutung dieses Moments ergibt
    sich daraus, daß die meisten Triebansprüche dieser kindlichen
    Sexualität vom Ich als Gefahren behandelt und abgewehrt werden,
    so daß die späteren sexuellen Regungen der Pubertät, die ich-
    gerecht sein sollten, in Gefahr sind, der Anziehung der infan-
    tilen Vorbilder zu unterliegen und ihnen in die Verdrängung zu
    folgen. Hier stoßen wir auf die direkteste Ätiologie der Neurosen.
    Es ist merkwürdig, daß der frühe Kontakt mit den Ansprüchen
    der Sexualität auf das Ich ähnlich wirkt, wie die vorzeitige Be-
    rührung mit der Außenwelt.

    Der dritte oder psychologische Faktor ist in einer Unvoll-
    kommenheit unseres seelischen Apparates zu finden, die gerade
    mit seiner Differenzierung in ein Ich und ein Es zusammenhängt,
    also in letzter Linie auch auf den Einfluß der Außenwelt zurück-
    geht. Durch die Rücksicht auf die Gefahren der Realität wird
    das Ich genötigt, sich gegen gewisse Triebregungen des Es zur
    Wehre zu setzen, sie als Gefahren zu behandeln. Das Ich kann
    sich aber gegen innere Triebgefahren nicht in so wirksamer Weise
    schützen wie gegen ein Stück der ihm fremden Realität. Mit dem
    Es selbst innig verbunden, kann es die Triebgefahr nur abwehren,

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    indem es seine eigene Organisation einschränkt und sich die Sym-
    ptombildung als Ersatz für seine Beeinträchtigung des Triebes ge-
    fallen läßt. Erneuert sich dann der Andrang des abgewiesenen
    Triebes, so ergeben sich für das Ich alle die Schwierigkeiten, die
    wir als das neurotische Leiden kennen.

    Weiter muß ich glauben, ist unsere Einsicht in das Wesen und
    die Verursachung der Neurosen vorläufig nicht gekommen.