• S.

    [28]

    II

    Die Grundzüge der Symptombildung sind längst studiert und in
    hoffentlich unanfechtbarer Weise ausgesprochen worden. Das Symptom
    sei Anzeichen und Ersatz einer unterbliebenen Triebbefriedigung,
    ein Erfolg des Verdrängungsvorganges. Die Verdrängung geht vom
    Ich aus, das, eventuell im Auftrage des Über‑Ichs, eine im Es
    angeregte Triebbesetzung nicht mitmachen will. Das Ich erreicht
    durch die Verdrängung, daß die Vorstellung, welche der Träger
    der unliebsamen Regung war, vom Bewußtwerden abgehalten wird.
    Die Analyse weist oftmals nach, daß sie als unbewußte Formation
    erhalten geblieben ist. So weit wäre es klar, aber bald beginnen
    die unerledigten Schwierigkeiten.

    Unsere bisherigen Beschreibungen des Vorganges bei der Ver-
    drängung haben den Erfolg der Abhaltung vom Bewußtsein nach-
    drücklich betont, aber in anderen Punkten Zweifel offen gelassen.
    Es entsteht die Frage, was ist das Schicksal der im Es aktivierten
    Triebregung, die auf Befriedigung abzielt? Die Antwort war eine
    indirekte, sie lautete, durch den Vorgang der Verdrängung werde
    die zu erwartende Befriedigungslust in Unlust verwandelt, und
    dann stand man vor dem Problem, wie Unlust das Ergebnis einer
    Triebbefriedigung sein könne. Wir hoffen, den Sachverhalt zu
    klären, wenn wir die bestimmte Aussage machen, der im Es be-
    absichtigte Erregungsablauf komme infolge der Verdrängung über-
    haupt nicht zustande, es gelinge dem Ich, ihn zu inhibieren oder

  • S.

    29

    abzulenken. Dann entfällt das Rätsel der „Affektverwandlung“
    bei der Verdrängung. Wir haben aber damit dem Ich das Zu-
    geständnis gemacht, daß es einen so weitgehenden Einfluß auf
    die Vorgänge im Es äußern kann, und sollen verstehen lernen,
    auf welchem Wege ihm diese überraschende Machtentfaltung
    möglich wird.

    Ich glaube, dieser Einfluß fällt dem Ich zu infolge seiner innigen
    Beziehungen zum Wahrnehmungssystem, die ja sein Wesen aus-
    machen und der Grund seiner Differenzierung vom Es geworden
    sind. Die Funktion dieses Systems, das wir W‑Bw genannt haben,
    ist mit dem Phänomen des Bewußtsein verbunden; es empfängt
    Erregungen nicht nur von außen, sondern auch von innen her
    und mittels der Lust‑Unlustempfindungen, die es von daher er-
    reichen, versucht es, alle Abläufe des seelischen Geschehens im
    Sinne des Lustprinzips zu lenken. Wir stellen uns das Ich so
    gerne als ohnmächtig gegen das Es vor, aber wenn es sich gegen
    einen Triebvorgang im Es sträubt, so braucht es bloß ein Un-
    lustsignal zu geben, um seine Absicht durch die Hilfe der bei-
    nahe allmächtigen Instanz des Lustprinzips zu erreichen. Wenn
    wir diese Situation für einen Augenblick isoliert betrachten, können
    wir sie durch ein Beispiel aus einer anderen Sphäre illustrieren.
    In einem Staate wehre sich eine gewisse Clique gegen eine Maß-
    regel, deren Beschluß den Neigungen der Masse entsprechen würde.
    Diese Minderzahl bemächtigt sich dann der Presse, bearbeitet durch
    sie die souveräne „öffentliche Meinung“ und setzt es so durch,
    daß der geplante Beschluß unterbleibt.

    An die eine Beantwortung knüpfen weitere Fragestellungen an.
    Woher rührt die Energie, die zur Erzeugung des Unlustsignals
    verwendet wird? Hier weist uns die Idee den Weg, daß die Ab-
    wehr eines unerwünschten Vorganges im Inneren nach dem Muster
    der Abwehr gegen einen äußeren Reiz geschehen dürfte, daß das
    Ich den gleichen Weg der Verteidigung gegen die innere wie
    gegen die äußere Gefahr einschlägt. Bei äußerer Gefahr unternimmt

  • S.

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    das organische Wesen einen Fluchtversuch, es zieht zunächst die
    Besetzung von der Wahrnehmung des Gefährlichen ab; später
    erkennt es als das wirksamere Mittel, solche Muskelaktionen vor-
    zunehmen, daß die Wahrnehmung der Gefahr, auch wenn man
    sie nicht verweigert, unmöglich wird, also sich dem Wirkungs-
    bereich der Gefahr zu entziehen. Einem solchen Fluchtversuch
    gleichwertig ist auch die Verdrängung. Das Ich zieht die (vor-
    bewußte) Besetzung von der zu verdrängenden Triebrepräsentanz
    ab und verwendet sie für die Unlust‑ (Angst‑) Entbindung. Das
    Problem, wie bei der Verdrängung die Angst entsteht, mag kein
    einfaches sein; immerhin hat man das Recht, an der Idee fest-
    zuhalten, daß das Ich die eigentliche Angststätte ist, und die frühere
    Auffassung zurückzuweisen, die Besetzungsenergie der verdrängten
    Regung werde automatisch in Angst verwandelt. Wenn ich mich
    früher einmal so geäußert habe, so gab ich eine phänomenologische
    Beschreibung, nicht eine metapsychologische Darstellung.

    Aus dem Gesagten leitet sich die neue Frage ab, wie es öko-
    nomisch möglich ist, daß ein bloßer Abziehungs‑ und Abfuhr-
    vorgang wie beim Rückzug der vorbewußten Ichbesetzung Unlust
    oder Angst erzeugen könne, die nach unseren Voraussetzungen
    nur Folge gesteigerter Besetzung sein kann. Ich antworte, diese
    Verursachung soll nicht ökonomisch erklärt werden, die Angst
    wird bei der Verdrängung nicht neu erzeugt, sondern als Affekt-
    zustand nach einem vorhandenen Erinnerungsbild reproduziert.
    Mit der weiteren Frage nach der Herkunft dieser Angst – wie
    der Affekte überhaupt – verlassen wir aber den unbestritten
    psychologischen Boden und betreten das Grenzgebiet der Physiologie.
    Die Affektzustände sind dem Seelenleben als Niederschläge uralter
    traumatischer Erlebnisse einverleibt und werden in ähnlichen Situ-
    ationen wie Erinnerungssymbole wachgerufen. Ich meine, ich hatte
    nicht Unrecht, sie den spät und individuell erworbenen hysterischen
    Anfällen gleichzusetzen und als deren Normalvorbilder zu be-
    trachten. Beim Menschen und ihm verwandten Geschöpfen scheint

  • S.

    31

    der Geburtsakt als das erste individuelle Angsterlebnis dem Aus
    druck des Angstaffekts charakteristische Züge geliehen zu haben.
    Wir sollen aber diesen Zusammenhang nicht überschätzen und in
    seiner Anerkennung nicht übersehen, daß ein Affektsymbol für
    die Situation der Gefahr eine biologische Notwendigkeit ist und
    auf jeden Fall geschaffen worden wäre. Ich halte es auch für
    unberechtigt anzunehmen, daß bei jedem Angstausbruch etwas im
    Seelenleben vor sich geht, was einer Reproduktion der Geburts-
    situation gleichkommt. Es ist nicht einmal sicher, ob die hysteri-
    schen Anfälle, die ursprünglich solche traumatische Reproduktionen
    sind, diesen Charakter dauernd bewahren.

    Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß die meisten Ver-
    drängungen, mit denen wir bei der therapeutischen Arbeit zu tun
    bekommen, Fälle von Nachdrängen sind. Sie setzen früher er-
    folgte Urverdrängungen voraus, die auf die neuere Situation
    ihren anziehenden Einfluß ausüben. Von diesen Hintergründen
    und Vorstufen der Verdrängung ist noch viel zu wenig bekannt.
    Man kommt leicht in Gefahr, die Rolle des Über‑Ichs bei der
    Verdrängung zu überschätzen. Man kann es derzeit nicht be-
    urteilen, ob etwa das Auftreten des Über‑Ichs die Abgrenzung
    zwischen Urverdrängung und Nachdrängen schafft. Die ersten –
    sehr intensiven – Angstanbrüche erfolgen jedenfalls vor der Diffe-
    renzierung des Über‑Ichs. Es ist durchaus plausibel, daß quanti-
    tative Momente, wie die übergroße Stärke der Erregung und der
    Durchbruch des Reizschutzes, die nächsten Anlässe der Urverdrän-
    gungen sind.

    Die Erwähnung des Reizschutzes mahnt uns wie ein Stichwort,
    daß die Verdrängungen in zwei verschiedenen Situationen auf-
    treten, nämlich wenn eine unliebsame Triebregung durch eine
    äußere Wahrnehmung wachgerufen wird, und wenn sie ohne
    solche Provokation im Innern auftaucht. Wir werden später auf
    diese Verschiedenheit zurückkommen. Reizschutz gibt es aber nur
    gegen äußere Reize, nicht gegen innere Triebansprüche.

  • S.

    32

    Solange wir den Fluchtversuch des Ichs studieren, bleiben wir
    der Symptombildung ferne. Das Symptom entsteht aus der durch
    die Verdrängung beeinträchtigten Triebregung. Wenn das Ich durch
    die Inanspruchnahme des Unlustsignals seine Absicht erreicht, die
    Triebregung völlig zu unterdrücken, erfahren wir nichts darüber,
    wie das geschieht. Wir lernen nur aus den Fällen, die als mehr
    oder minder mißglückte Verdrängungen zu bezeichnen sind.

    Dann stellt es sich im allgemeinen so dar, daß die Triebregung
    zwar trotz der Verdrängung einen Ersatz gefunden hat, aber einen
    stark verkümmerten, verschobenen, gehemmten. Er ist auch als Be-
    friedigung nicht mehr kenntlich. Wenn er vollzogen wird, kommt
    keine Lustempfindung zustande, dafür hat dieser Vollzug den Charakter
    des Zwanges angenommen. Aber bei dieser Erniedrigung des Be-
    friedigungsablaufes zum Symptom zeigt die Verdrängung ihre Macht
    noch in einem anderen Punkte. Der Ersatzvorgang wird womöglich
    von der Abfuhr durch die Motilität ferngehalten; auch wo dies
    nicht gelingt, muß er sich in der Veränderung des eigenen Körpers
    erschöpfen und darf nicht auf die Außenwelt übergreifen; es wird
    ihm verwehrt, sich in Handlung umzusetzen. Wir verstehen, bei
    der Verdrängung arbeitet das Ich unter dem Einfluß der äußeren
    Realität und schließt darum den Erfolg des Ersatzvorganges von
    dieser Realität ab.

    Das Ich beherrscht den Zugang zum Bewußtsein wie den Über-
    gang zur Handlung gegen die Außenwelt; in der Verdrängung be-
    tätigt es seine Macht nach beiden Richtungen. Die Triebrepräsentanz
    bekommt die eine, die Triebregung selbst die andere Seite seiner
    Kraftäußerung zu spüren. Da ist es denn am Platze, sich zu fragen,
    wie diese Anerkennung der Mächtigkeit des Ichs mit der Beschreibung
    zusammenkommt, die wir in der Studie „Das Ich und das Es“
    von der Stellung desselben Ichs entworfen haben. Wir haben dort
    die Abhängigkeit des Ichs vom Es wie vom Über‑Ich geschildert,
    seine Ohnmacht und Angstbereitschaft gegen beide, seine mühsam
    aufrecht erhaltene Überheblichkeit entlarvt. Dieses Urteil hat seither

  • S.

    33

    einen starken Widerhall in der psychoanalytischen Literatur gefunden.
    Zahlreiche Stimmen betonen eindringlich die Schwäche des Ichs
    gegen das Es, des Rationellen gegen das Dämonische in uns, und
    schicken sich an, diesen Satz zu einem Grundpfeiler einer psycho-
    analytischen „Weltanschauung“ zu machen. Sollte nicht die Ein-
    sicht in die Wirkungsweise der Verdrängung gerade den Analytiker
    von so extremer Parteinahme zurückhalten?

    Ich bin überhaupt nicht für die Fabrikation von Weltanschauungen.
    Die überlasse man den Philosophen, die eingestandenermaßen die
    Lebensreise ohne einen solchen Baedeker, der über alles Auskunft
    gibt, nicht ausführbar finden. Nehmen wir demütig die Verachtung
    auf uns, mit der die Philosophen vom Standpunkt ihrer höheren
    Bedürftigkeit auf uns herabschauen. Da auch wir unseren narziß-
    tischen Stolz nicht verleugnen können, wollen wir unseren Trost
    in der Erwägung suchen, daß alle diese „Lebensführer“ rasch ver-
    alten, daß es gerade unsere kurzsichtig beschränkte Kleinarbeit ist,
    welche deren Neuauflagen notwendig macht, und daß selbst die
    modernsten dieser Baedeker Versuche sind, den alten, so bequemen
    und so vollständigen Katechismus zu ersetzen. Wir wissen genau,
    wie wenig Licht die Wissenschaft bisher über die Rätsel dieser
    Welt verbreiten konnte; alles Poltern der Philosophen kann daran
    nichts ändern, nur geduldige Fortsetzung der Arbeit, die alles der
    einen Forderung nach Gewißheit unterordnet, kann langsam Wandel
    schaffen. Wenn der Wanderer in der Dunkelheit singt, verleugnet
    er seine Ängstlichkeit, aber er sieht darum um nichts heller.