S.
[39]
IV
Der erste Fall, den wir betrachten, sei der einer infantilen
hysterischen Tierphobie, also z. B. der gewiß in allen Hauptzügen
typische Fall der Pferdephobie des „Kleinen Hans“.1 Schon der
erste Blick läßt uns erkennen, daß die Verhältnisse eines realen
Falles von neurotischer Erkrankung weit komplizierter sind als
unsere Erwartung, solange wir mit Abstraktionen arbeiten, sich
vorstellt. Es gehört einige Arbeit dazu, sich zu orientieren, welches
die verdrängte Regung, was ihr Symptomersatz ist, wo das Motiv
der Verdrängung kenntlich wird.Der kleine Hans weigert sich, auf die Straße zu gehen, weil
er Angst vor dem Pferd hat. Dies ist der Rohstoff. Was ist nun
daran das Symptom: die Angstentwicklung, die Wahl des Angst-
objekts, oder der Verzicht auf die freie Beweglichkeit, oder mehreres
davon zugleich? Wo ist die Befriedigung, die er sich versagt?
Warum muß er sich diese versagen?Es liegt nahe zu antworten, an dem Falle sei nicht so viel
rätselhaft. Die unverständliche Angst vor dem Pferd ist das Sym-
ptom, die Unfähigkeit, auf die Straße zu gehen, ist eine Hemmungs-
erscheinung, eine Einschränkung, die sich das Ich auferlegt, um
nicht das Angstsymptom zu wecken. Man sieht ohneweiters die
Richtigkeit der Erklärung des letzten Punktes ein und wird nun1)Siehe: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. [Bd. VIII dieser Gesamt-
ausgabe.]S.
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diese Hemmung bei der weiteren Diskussion außer Betracht lassen.
Aber die erste flüchtige Bekanntschaft mit dem Falle lehrt uns
nicht einmal den wirklichen Ausdruck des vermeintlichen Symptoms
kennen. Es handelt sich, wie wir bei genauerem Verhör erfahren,
gar nicht um eine unbestimmte Angst vor dem Pferd, sondern um
die bestimmte ängstliche Erwartung: das Pferd werde ihn beißen.
Allerdings sucht sich dieser Inhalt dem Bewußtsein zu entziehen
und sich durch die unbestimmte Phobie, in der nur noch die
Angst und ihr Objekt vorkommen, zu ersetzen. Ist nun etwa dieser
Inhalt der Kern des Symptoms?Wir kommen keinen Schritt weiter, solange wir nicht die
ganze psychische Situation des Kleinen in Betracht ziehen, wie sie
uns während der analytischen Arbeit enthüllt wird. Er befindet
sich in der eifersüchtigen und feindseligen Ödipus‑Einstellung zu
seinem Vater, den er doch, soweit die Mutter nicht als Ursache
der Entzweiung in Betracht kommt, herzlich liebt. Also ein
Ambivalenzkonflikt, gut begründete Liebe und nicht minder be-
rechtigter Haß, beide auf dieselbe Person gerichtet. Seine Phobie
muß ein Versuch zur Lösung dieses Konflikts sein. Solche Ambi-
valenzkonflikte sind sehr häufig, wir kennen einen anderen typi-
schen Ausgang derselben. Bei diesem wird die eine der beiden
miteinander ringenden Regungen, in der Regel die zärtliche, enorm
verstärkt, die andere verschwindet. Nur das Übermaß und das
Zwangsmäßige der Zärtlichkeit verrät uns, daß diese Einstellung
nicht die einzig vorhandene ist, daß sie ständig auf der Hut ist,
ihr Gegenteil in Unterdrückung zu halten, und läßt uns einen
Herhang konstruieren, den wir als Verdrängung durch Reaktionsbildung
(im Ich) beschreiben. Fälle wie der kleine Hans zeigen
nichts von solcher Reaktionsbildung; es gibt offenbar verschiedene
Wege, die aus einem Ambivalenzkonflikt herausführen.Etwas anderes haben wir unterdes mit Sicherheit erkannt. Die
Triebregung, die der Verdrängung unterliegt, ist ein feindseliger
Impuls gegen den Vater. Die Analyse lieferte uns den BeweisS.
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hiefür, während sie der Herkunft der Idee des beißenden Pferdes
nachspürte. Hans hat ein Pferd fallen gesehen, einen Spielkameraden
fallen und sich verletzen, mit dem er „Pferdl“ gespielt hatte. Sie
hat uns das Recht gegeben, bei Hans eine Wunschregung zu kon-
struieren, die gelautet hat, der Vater möge hinfallen, sich beschä-
digen wie das Pferd und der Kamerad. Beziehungen zu einer
beobachteten Abreise lassen vermuten, daß der Wunsch nach der
Beseitigung des Vaters auch minder zaghaften Ausdruck gefunden
hat. Ein solcher Wunsch ist aber gleichwertig mit der Absicht,
ihn selbst zu beseitigen, mit der mörderischen Regung des
Ödipus‑Komplexes.Von dieser verdrängten Triebregung führt bis jetzt kein Weg
zu dem Ersatz für sie, den wir in der Pferdephobie vermuten.
Vereinfachen wir nun die psychische Situation des kleinen Hans,
indem wir das infantile Moment und die Ambivalenz wegräumen;
er sei etwa ein jüngerer Diener in einem Haushalt, der in die
Herrin verliebt ist und sich gewisser Gunstbezeugungen von ihrer
Seite erfreue. Erhalten bleibt, daß er den stärkeren Hausherrn haßt
und ihn beseitigt wissen möchte; dann ist es die natürlichste Folge
dieser Situation, daß er die Rache dieses Herrn fürchtet, daß sich
bei ihm ein Zustand von Angst vor diesem einstellt – ganz ähnlich
wie die Phobie des kleinen Hans vor dem Pferd. Das heißt, wir
können die Angst dieser Phobie nicht als Symptom bezeichnen;
wenn der kleine Hans, der in seine Mutter verliebt ist, Angst vor
dem Vater zeigen würde, hätten wir kein Recht, ihm eine Neurose,
eine Phobie, zuzuschreiben. Wir hätten eine durchaus begreifliche
affektive Reaktion vor uns. Was diese zur Neurose macht, ist einzig
und allein ein anderer Zug, die Ersetzung des Vaters durch das
Pferd. Diese Verschiebung stellt also das her, was auf den Namen
eines Symptoms Anspruch hat. Sie ist jener andere Mechanismus,
der die Erledigung des Ambivalenzkonflikts ohne die Hilfe der
Reaktionsbildung gestattet. Ermöglicht oder erleichtert wird sie
durch den Umstand, daß die mitgeborenen Spuren totemistischerS.
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Denkweise in diesem zarten Alter noch leicht zu beleben sind.
Die Kluft zwischen Mensch und Tier ist noch nicht anerkannt,
gewiß nicht so überbetont wie später. Der erwachsene, bewunderte,
aber auch gefürchtete Mann steht noch in einer Reihe mit dem
großen Tier, das man um so vielerlei beneidet, vor dem man aber
auch gewarnt worden ist, weil es gefährlich werden kann. Der
Ambivalenzkonflikt wird also nicht an derselben Person erledigt,
sondern gleichsam umgangen, indem man einer seiner Regungen
eine andere Person als Ersatzobjekt unterschiebt.Soweit sehen wir ja klar, aber in einem anderen Punkte hat
uns die Analyse der Phobie des kleinen Hans eine volle Ent-
täuschung gebracht. Die Entstellung, in der die Symptombildung
besteht, wird gar nicht an der Repräsentanz (dem Vorstellungs-
inhalt) der zu verdrängenden Triebregung vorgenommen, sondern
an einer davon ganz verschiedenen, die nur einer Reaktion auf
das eigentlich Unliebsame entspricht. Unsere Erwartung fände eher
Befriedigung, wenn der kleine Hans an Stelle seiner Angst vor
dem Pferd eine Neigung entwickelt hätte, Pferde zu mißhandeln,
sie zu schlagen, oder deutlich seinen Wunsch kundgegeben hätte,
zu sehen, wie sie hinfallen, zu Schaden kommen, eventuell unter
Zuckungen verenden (das Krawallmachen mit den Beinen). Etwas
der Art tritt auch wirklich während seiner Analyse auf, aber es
steht lange nicht voran in der Neurose und – sonderbar – wenn
er wirklich solche Feindseligkeit, nur gegen das Pferd anstatt gegen
den Vater gerichtet, als Hauptsymptom entwickelt hätte, würden
wir gar nicht geurteilt haben, er befinde sich in einer Neurose.
Etwas ist also da nicht in Ordnung, entweder an unserer Auf-
fassung der Verdrängung oder in unserer Definition eines Symptoms.
Eines fällt uns natürlich sofort auf: Wenn der kleine Hans wirk-
lich ein solches Verhalten gegen Pferde gezeigt hätte, so wäre ja
der Charakter der anstößigen, aggressiven Triebregung durch die
Verdrängung gar nicht verändert, nur deren Objekt gewandelt
worden.S.
43
Es ist ganz sicher, daß es Fälle von Verdrängung gibt, die nicht
mehr leisten als dies; bei der Genese der Phobie des kleinen
Hans ist aber mehr geschehen. Um wieviel mehr, erraten wir aus
einem anderen Stück Analyse.Wir haben bereits gehört, daß der kleine Hans als den Inhalt
seiner Phobie die Vorstellung angab, vom Pferd gebissen zu werden.
Nun haben wir später Einblick in die Genese eines anderen Falles
von Tierphobie bekommen, in der der Wolf das Angsttier war,
aber gleichfalls die Bedeutung eines Vaterersatzes hatte.1 Im Anschluß
an einen Traum, den die Analyse durchsichtig machen konnte, ent-
wickelte sich bei diesem Knaben die Angst, vom Wolf gefressen zu
werden, wie eines der sieben Geißlein im Märchen. Daß der Vater
des kleinen Hans nachweisbar „Pferdl“ mit ihm gespielt hatte, war
gewiß bestimmend für die Wahl des Angsttieres geworden; ebenso ließ
sich wenigstens sehr wahrscheinlich machen, daß der Vater meines
erst im dritten Jahrzehnt analysierten Russen in den Spielen mit dem
Kleinen den Wolf gemimt und scherzend mit dem Auffressen gedroht
hatte. Seither habe ich als dritten Fall einen jungen Amerikaner
gefunden, bei dem sich zwar keine Tierphobie ausbildete, der aber
gerade durch diesen Ausfall die anderen Fälle verstehen hilft. Seine
sexuelle Erregung hatte sich an einer phantastischen Kindergeschichte
entzündet, die man ihm vorlas, von einem arabischen Häuptling, der
einer aus eßbarer Substanz bestehenden Person (dem Gingerbreadman),
nachjagt, um ihn zu verzehren. Mit diesem eßbaren Menschen identi-
fizierte er sich selbst, der Häuptling war als Vaterersatz leicht kennt-
lich und diese Phantasie wurde die erste Unterlage seiner autoeroti-
schen Betätigung. Die Vorstellung, vom Vater gefressen zu werden,
ist aber typisches uraltes Kindergut; die Analogien aus der Mytho-
logie (Kronos) und dem Tierleben sind allgemein bekannt.Trotz solcher Erleichterungen ist dieser Vorstellungsinhalt uns
so fremdartig, daß wir ihn dem Kinde nur ungläubig zugestehen1)Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. [Bd. VIII dieser Gesamtausgabe.]
S.
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können. Wir wissen auch nicht, ob er wirklich das bedeutet, was er
auszusagen scheint, und verstehen nicht, wie er Gegenstand einer
Phobie werden kann. Die analytische Erfahrung gibt uns allerdings
die erforderlichen Auskünfte. Sie lehrt uns, daß die Vorstellung, vom
Vater gefressen zu werden, der regressiv erniedrigte Ausdruck für
eine passive zärtliche Regung ist, die vom Vater als Objekt im Sinne
der Genitalerotik geliebt zu werden begehrt. Die Verfolgung der
Geschichte des Falles läßt keinen Zweifel an der Richtigkeit dieser
Deutung aufkommen. Die genitale Regung verrät freilich nichts mehr
von ihrer zärtlichen Absicht, wenn sie in der Sprache der über-
wundenen Übergangsphase von der oralen zur sadistischen Libido-
organisation ausgedrückt wird. Handelt es sich übrigens nur um eine
Ersetzung der Repräsentanz durch einen regressiven Ausdruck oder
um eine wirkliche regressive Erniedrigung der genitalgerichteten
Regung im Es? Das scheint gar nicht so leicht zu entscheiden. Die
Krankengeschichte des russischen „Wolfsmannes“ spricht ganz ent-
schieden für die letztere ernstere Möglichkeit, denn er benimmt sich
von dem entscheidenden Traum an „schlimm“, quälerisch, sadistisch
und entwickelt bald darauf eine richtige Zwangsneurose. Jedenfalls
gewinnen wir die Einsicht, daß die Verdrängung nicht das einzige
Mittel ist, das dem Ich zur Abwehr einer unliebsamen Triebregung
zu Gebote steht. Wenn es ihm gelingt, den Trieb zur Regression zu
bringen, so hat es ihn im Grunde energischer beeinträchtigt, als durch
die Verdrängung möglich wäre. Allerdings läßt es manchmal der
zuerst erzwungenen Regression die Verdrängung folgen.Der Sachverhalt beim Wolfsmann und der etwas einfachere beim
kleinen Hans regen noch mancherlei andere Überlegungen an, aber
zwei unerwartete Einsichten gewinnen wir schon jetzt. Kein Zweifel,
die bei diesen Phobien verdrängte Triebregung ist eine feindselige
gegen den Vater. Man kann sagen, sie wird verdrängt durch den Prozeß
der Verwandlung ins Gegenteil; an Stelle der Aggression gegen den
Vater tritt die Aggression – die Rache – des Vaters gegen die eigene
Person. Da eine solche Aggression ohnedies in der sadistischen LibidophaseS.
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wurzelt, bedarf sie nur noch einer gewissen Erniedrigung zur
oralen Stufe, die bei Hans durch das Gebissenwerden angedeutet, beim
Russen aber im Gefressenwerden grell ausgeführt ist. Aber außerdem
läßt ja die Analyse über jeden Zweifel gesichert feststellen, daß gleich-
zeitig noch eine andere Triebregung der Verdrängung erlegen ist,
die gegensinnige einer zärtlichen passiven Regung für den Vater, die
bereits das Niveau der genitalen (phallischen) Libidoorganisation er-
reicht hatte. Die letztere scheint sogar die für das Endergebnis des
Verdrängungsvorganges bedeutsamere zu sein, sie erfährt die weiter-
gehende Regression, sie erhält den bestimmenden Einfluß auf den
Inhalt der Phobie. Wo wir also nur einer Triebverdrängung nach-
gespürt haben, müssen wir das Zusammentreffen von zwei solchen
Vorgängen anerkennen; die beiden betroffenen Triebregungen –
sadistische Aggression gegen den Vater und zärtlich passive Ein-
stellung zu ihm – bilden ein Gegensatzpaar, ja noch mehr: wenn
wir die Geschichte des kleinen Hans richtig würdigen, erkennen wir,
daß durch die Bildung seiner Phobie auch die zärtliche Objekt-
besetzung der Mutter aufgehoben worden ist, wovon der Inhalt der
Phobie nichts verrät. Es handelt sich bei Hans – beim Russen ist
das weit weniger deutlich – um einen Verdrängungsvorgang, der
fast alle Komponenten des Ödipus‑Komplexes betrifft, die feind-
liche wie die zärtliche Regung gegen den Vater und die zärtliche
für die Mutter.Das sind unerwünschte Komplikationen für uns, die wir nur ein-
fache Fälle von Symptombildung infolge von Verdrängung studieren
wollten und uns in dieser Absicht an die frühesten und anscheinend
durchsichtigsten Neurosen der Kindheit gewendet hatten. Anstatt
einer einzigen Verdrängung fanden wir eine Häufung von solchen
vor und überdies bekamen wir es mit der Regression zu tun. Viel-
leicht haben wir die Verwirrung dadurch gesteigert, daß wir die
beiden verfügbaren Analysen von Tierphobien – die des kleinen
Hans und des Wolfsmannes – durchaus auf denselben Leisten schlagen
wollten. Nun fallen uns gewisse Unterschiede der beiden auf. NurS.
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vom kleinen Hans kann man mit Bestimmtheit aussagen, daß er
durch seine Phobie die beiden Hauptregungen des Ödipus‑Komplexes,
die aggressive gegen den Vater und die überzärtliche gegen die
Mutter, erledigt; die zärtliche für den Vater ist gewiß auch vor-
handen, sie spielt ihre Rolle bei der Verdrängung ihres Gegensatzes,
aber es ist weder nachweisbar, daß sie stark genug war, um eine
Verdrängung zu provozieren, noch daß sie nachher aufgehoben ist.
Hans scheint eben ein normaler Junge mit sogenanntem „positiven“
Ödipus‑Komplex gewesen zu sein. Möglich, daß die Momente, die
wir vermissen, auch bei ihm mittätig waren, aber wir können sie
nicht aufzeigen, das Material selbst unserer eingehendsten Analysen
ist eben lückenhaft, unsere Dokumentierung unvollständig. Beim
Russen ist der Defekt an anderer Stelle; seine Beziehung zum
weiblichen Objekt ist durch eine frühzeitige Verführung gestört
worden, die passive, feminine Seite ist bei ihm stark ausgebildet
und die Analyse seines Wolfstraumes enthüllt wenig von beab-
sichtigter Aggression gegen den Vater, erbringt dafür die unzwei-
deutigsten Beweise, daß die Verdrängung die passive, zärtliche Ein-
stellung zum Vater betrifft. Auch hier mögen die anderen Faktoren
beteiligt gewesen sein, sie treten aber nicht vor. Wenn trotz dieser
Unterschiede der beiden Fälle, die sich nahezu einer Gegensätz-
lichkeit nähern, der Enderfolg der Phobie nahezu der nämliche
ist, so muß uns die Erklärung dafür von anderer Seite kommen;
sie kommt von dem zweiten Ergebnis unserer kleinen vergleichenden
Untersuchung. Wir glauben den Motor der Verdrängung in beiden
Fällen zu kennen und sehen seine Rolle durch den Verlauf bestätigt,
den die Entwicklung der zwei Kinder nimmt. Er ist in beiden
Fällen der nämliche, die Angst vor einer drohenden Kastration.
Aus Kastrationsangst gibt der kleine Hans die Aggression gegen
den Vater auf; seine Angst, das Pferd werde ihn beißen, kann
zwanglos vervollständigt werden, das Pferd werde ihm das Genitale
abbeißen, ihn kastrieren. Aber aus Kastrationsangst verzichtet auch
der kleine Russe auf den Wunsch, vom Vater als Sexualobjekt geliebtS.
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zu werden, denn er hat verstanden, eine solche Beziehung hätte
zur Voraussetzung, daß er sein Genitale aufopfert, das, was ihn
vom Weib unterscheidet. Beide Gestaltungen des Ödipus‑Komplexes,
die normale, aktive, wie die invertierte, scheitern ja am Kastrations-
komplex. Die Angstidee des Russen, vom Wolf gefressen zu werden,
enthält zwar keine Andeutung der Kastration, sie hat sich durch
orale Regression zu weit von der phallischen Phase entfernt, aber
die Analyse seines Traumes macht jeden anderen Beweis überflüssig.
Es ist auch ein voller Triumph der Verdrängung, daß im Wort-
laut der Phobie nichts mehr auf die Kastration hindeutet.Hier nun das unerwartete Ergebnis: In beiden Fällen ist der
Motor der Verdrängung die Kastrationsangst; die Angstinhalte, vom
Pferd gebissen und vom Wolf gefressen zu werden, sind Ent-
stellungsersatz für den Inhalt, vom Vater kastriert zu werden.
Dieser Inhalt ist es eigentlich, der die Verdrängung an sich
erfahren hat. Beim Russen war er Ausdruck eines Wunsches, der
gegen die Auflehnung der Männlichkeit nicht bestehen konnte,
bei Hans Ausdruck einer Reaktion, welche die Aggression in ihr
Gegenteil umwandelte. Aber der Angstaffekt der Phobie, der ihr
Wesen ausmacht, stammt nicht aus dem Verdrängungsvorgang,
nicht aus den libidinösen Besetzungen der verdrängten Regungen,
sondern aus dem Verdrängenden selbst; die Angst der Tierphobie
ist die unverwandelte Kastrationsangst, also eine Realangst, Angst
vor einer wirklich drohenden oder als real beurteilten Gefahr.
Hier macht die Angst die Verdrängung, nicht, wie ich früher
gemeint habe, die Verdrängung die Angst.Es ist nicht angenehm, daran zu denken, aber es hilft nichts, es
zu verleugnen, ich habe oftmals den Satz vertreten, durch die Ver-
drängung werde die Triebrepräsentanz entstellt, verschoben u. dgl.,
die Libido der Triebregung aber in Angst verwandelt. Die Unter-
suchung der Phobien, die vor allem berufen sein sollte, diesen
Satz zu erweisen, bestätigt ihn also nicht, sie scheint ihm viel-
mehr direkt zu widersprechen. Die Angst der Tierphobien ist dieS.
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Kastrationsangst des Ichs, die der weniger gründlich studierten
Agoraphobie scheint Versuchungsangst zu sein, die ja genetisch mit
der Kastrationsangst zusammenhängen muß. Die meisten Phobien
gehen, so weit wir es heute übersehen, auf eine solche Angst des
Ichs vor den Ansprüchen der Libido zurück. Immer ist dabei die
Angsteinstellung des Ichs das Primäre und der Antrieb zur Ver-
drängung. Niemals geht die Angst aus der verdrängten Libido
hervor. Wenn ich mich früher begnügt hätte zu sagen, nach der
Verdrängung erscheint an Stelle der zu erwartenden Äußerung
von Libido ein Maß von Angst, so hätte ich heute nichts zurück-
zunehmen. Die Beschreibung ist richtig und zwischen der Stärke
der zu verdrängenden Regung und der Intensität der resultieren-
den Angst besteht wohl die behauptete Entsprechung. Aber ich
gestehe, ich glaubte mehr als eine bloße Beschreibung zu geben,
ich nahm an, daß ich den metapsychologischen Vorgang einer
direkten Umsetzung der Libido in Angst erkannt hatte; das kann
ich also heute nicht mehr festhalten. Ich konnte auch früher nicht
angeben, wie sich eine solche Umwandlung vollzieht.Woher schöpfte ich überhaupt die Idee dieser Umsetzung? Zur
Zeit, als es uns noch sehr ferne lag, zwischen Vorgängen im Ich
und Vorgängen im Es zu unterscheiden, aus dem Studium der
Aktualneurosen. Ich fand, daß bestimmte sexuelle Praktiken wie
Coitus interruptus, frustrane Erregung, erzwungene Abstinenz Angst-
ausbrüche und eine allgemeine Angstbereitschaft erzeugen, also
immer, wenn die Sexualerregung in ihrem Ablauf zur Befriedi-
gung gehemmt, aufgehalten oder abgelenkt wird. Da die Sexual-
erregung der Ausdruck libidinöser Triebregungen ist, schien es
nicht gewagt anzunehmen, daß die Libido sich durch die Ein-
wirkung solcher Störungen in Angst verwandelt. Nun ist diese
Beobachtung auch heute noch gültig; anderseits ist nicht abzu-
weisen, daß die Libido der Es‑Vorgänge durch die Anregung der
Verdrängung eine Störung erfährt; es kann also noch immer richtig
sein, daß sich bei der Verdrängung Angst aus der LibidobesetzungS.
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der Triebregungen bildet. Aber wie soll man dieses Ergebnis mit
dem anderen zusammenbringen, daß die Angst der Phobien eine
Ich‑Angst ist, im Ich entsteht, nicht aus der Verdrängung hervor-
geht, sondern die Verdrängung hervorruft? Das scheint ein Wider-
spruch und nicht einfach zu lösen. Die Reduktion der beiden
Ursprünge der Angst auf einen einzigen läßt sich nicht leicht
durchsetzen. Man kann es mit der Annahme versuchen, daß das
Ich in der Situation des gestörten Koitus, der unterbrochenen
Erregung, der Abstinenz, Gefahren wittert, auf die es mit Angst
reagiert, aber es ist nichts damit zu machen. Anderseits scheint
die Analyse der Phobien, die wir vorgenommen haben, eine Be-
rechtigung nicht zuzulassen. Non liquet!
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Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1928