• S.

    [39]

    IV

    Der erste Fall, den wir betrachten, sei der einer infantilen
    hysterischen Tierphobie, also z. B. der gewiß in allen Hauptzügen
    typische Fall der Pferdephobie des „Kleinen Hans“.1 Schon der
    erste Blick läßt uns erkennen, daß die Verhältnisse eines realen
    Falles von neurotischer Erkrankung weit komplizierter sind als
    unsere Erwartung, solange wir mit Abstraktionen arbeiten, sich
    vorstellt. Es gehört einige Arbeit dazu, sich zu orientieren, welches
    die verdrängte Regung, was ihr Symptomersatz ist, wo das Motiv
    der Verdrängung kenntlich wird.

    Der kleine Hans weigert sich, auf die Straße zu gehen, weil
    er Angst vor dem Pferd hat. Dies ist der Rohstoff. Was ist nun
    daran das Symptom: die Angstentwicklung, die Wahl des Angst-
    objekts, oder der Verzicht auf die freie Beweglichkeit, oder mehreres
    davon zugleich? Wo ist die Befriedigung, die er sich versagt?
    Warum muß er sich diese versagen?

    Es liegt nahe zu antworten, an dem Falle sei nicht so viel
    rätselhaft. Die unverständliche Angst vor dem Pferd ist das Sym-
    ptom, die Unfähigkeit, auf die Straße zu gehen, ist eine Hemmungs-
    erscheinung, eine Einschränkung, die sich das Ich auferlegt, um
    nicht das Angstsymptom zu wecken. Man sieht ohneweiters die
    Richtigkeit der Erklärung des letzten Punktes ein und wird nun

    1)Siehe: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. [Bd. VIII dieser Gesamt-
    ausgabe.]

  • S.

    40

    diese Hemmung bei der weiteren Diskussion außer Betracht lassen.
    Aber die erste flüchtige Bekanntschaft mit dem Falle lehrt uns
    nicht einmal den wirklichen Ausdruck des vermeintlichen Symptoms
    kennen. Es handelt sich, wie wir bei genauerem Verhör erfahren,
    gar nicht um eine unbestimmte Angst vor dem Pferd, sondern um
    die bestimmte ängstliche Erwartung: das Pferd werde ihn beißen.
    Allerdings sucht sich dieser Inhalt dem Bewußtsein zu entziehen
    und sich durch die unbestimmte Phobie, in der nur noch die
    Angst und ihr Objekt vorkommen, zu ersetzen. Ist nun etwa dieser
    Inhalt der Kern des Symptoms?

    Wir kommen keinen Schritt weiter, solange wir nicht die
    ganze psychische Situation des Kleinen in Betracht ziehen, wie sie
    uns während der analytischen Arbeit enthüllt wird. Er befindet
    sich in der eifersüchtigen und feindseligen Ödipus‑Einstellung zu 
    seinem Vater, den er doch, soweit die Mutter nicht als Ursache
    der Entzweiung in Betracht kommt, herzlich liebt. Also ein
    Ambivalenzkonflikt, gut begründete Liebe und nicht minder be-
    rechtigter Haß, beide auf dieselbe Person gerichtet. Seine Phobie
    muß ein Versuch zur Lösung dieses Konflikts sein. Solche Ambi-
    valenzkonflikte sind sehr häufig, wir kennen einen anderen typi-
    schen Ausgang derselben. Bei diesem wird die eine der beiden
    miteinander ringenden Regungen, in der Regel die zärtliche, enorm
    verstärkt, die andere verschwindet. Nur das Übermaß und das
    Zwangsmäßige der Zärtlichkeit verrät uns, daß diese Einstellung
    nicht die einzig vorhandene ist, daß sie ständig auf der Hut ist,
    ihr Gegenteil in Unterdrückung zu halten, und läßt uns einen
    Herhang konstruieren, den wir als Verdrängung durch Reaktionsbildung 
    (im Ich) beschreiben. Fälle wie der kleine Hans zeigen
    nichts von solcher Reaktionsbildung; es gibt offenbar verschiedene
    Wege, die aus einem Ambivalenzkonflikt herausführen.

    Etwas anderes haben wir unterdes mit Sicherheit erkannt. Die
    Triebregung, die der Verdrängung unterliegt, ist ein feindseliger
    Impuls gegen den Vater. Die Analyse lieferte uns den Beweis

  • S.

    41

    hiefür, während sie der Herkunft der Idee des beißenden Pferdes
    nachspürte. Hans hat ein Pferd fallen gesehen, einen Spielkameraden
    fallen und sich verletzen, mit dem er „Pferdl“ gespielt hatte. Sie
    hat uns das Recht gegeben, bei Hans eine Wunschregung zu kon-
    struieren, die gelautet hat, der Vater möge hinfallen, sich beschä-
    digen wie das Pferd und der Kamerad. Beziehungen zu einer
    beobachteten Abreise lassen vermuten, daß der Wunsch nach der
    Beseitigung des Vaters auch minder zaghaften Ausdruck gefunden
    hat. Ein solcher Wunsch ist aber gleichwertig mit der Absicht,
    ihn selbst zu beseitigen, mit der mörderischen Regung des 
    Ödipus‑Komplexes.

    Von dieser verdrängten Triebregung führt bis jetzt kein Weg
    zu dem Ersatz für sie, den wir in der Pferdephobie vermuten.
    Vereinfachen wir nun die psychische Situation des kleinen Hans,
    indem wir das infantile Moment und die Ambivalenz wegräumen;
    er sei etwa ein jüngerer Diener in einem Haushalt, der in die
    Herrin verliebt ist und sich gewisser Gunstbezeugungen von ihrer
    Seite erfreue. Erhalten bleibt, daß er den stärkeren Hausherrn haßt
    und ihn beseitigt wissen möchte; dann ist es die natürlichste Folge
    dieser Situation, daß er die Rache dieses Herrn fürchtet, daß sich
    bei ihm ein Zustand von Angst vor diesem einstellt – ganz ähnlich
    wie die Phobie des kleinen Hans vor dem Pferd. Das heißt, wir
    können die Angst dieser Phobie nicht als Symptom bezeichnen;
    wenn der kleine Hans, der in seine Mutter verliebt ist, Angst vor
    dem Vater zeigen würde, hätten wir kein Recht, ihm eine Neurose,
    eine Phobie, zuzuschreiben. Wir hätten eine durchaus begreifliche
    affektive Reaktion vor uns. Was diese zur Neurose macht, ist einzig
    und allein ein anderer Zug, die Ersetzung des Vaters durch das
    Pferd. Diese Verschiebung stellt also das her, was auf den Namen
    eines Symptoms Anspruch hat. Sie ist jener andere Mechanismus,
    der die Erledigung des Ambivalenzkonflikts ohne die Hilfe der
    Reaktionsbildung gestattet. Ermöglicht oder erleichtert wird sie
    durch den Umstand, daß die mitgeborenen Spuren totemistischer

  • S.

    42

    Denkweise in diesem zarten Alter noch leicht zu beleben sind.
    Die Kluft zwischen Mensch und Tier ist noch nicht anerkannt,
    gewiß nicht so überbetont wie später. Der erwachsene, bewunderte,
    aber auch gefürchtete Mann steht noch in einer Reihe mit dem
    großen Tier, das man um so vielerlei beneidet, vor dem man aber
    auch gewarnt worden ist, weil es gefährlich werden kann. Der
    Ambivalenzkonflikt wird also nicht an derselben Person erledigt,
    sondern gleichsam umgangen, indem man einer seiner Regungen
    eine andere Person als Ersatzobjekt unterschiebt.

    Soweit sehen wir ja klar, aber in einem anderen Punkte hat
    uns die Analyse der Phobie des kleinen Hans eine volle Ent-
    täuschung gebracht. Die Entstellung, in der die Symptombildung
    besteht, wird gar nicht an der Repräsentanz (dem Vorstellungs-
    inhalt) der zu verdrängenden Triebregung vorgenommen, sondern
    an einer davon ganz verschiedenen, die nur einer Reaktion auf
    das eigentlich Unliebsame entspricht. Unsere Erwartung fände eher
    Befriedigung, wenn der kleine Hans an Stelle seiner Angst vor
    dem Pferd eine Neigung entwickelt hätte, Pferde zu mißhandeln,
    sie zu schlagen, oder deutlich seinen Wunsch kundgegeben hätte,
    zu sehen, wie sie hinfallen, zu Schaden kommen, eventuell unter
    Zuckungen verenden (das Krawallmachen mit den Beinen). Etwas
    der Art tritt auch wirklich während seiner Analyse auf, aber es
    steht lange nicht voran in der Neurose und – sonderbar – wenn
    er wirklich solche Feindseligkeit, nur gegen das Pferd anstatt gegen
    den Vater gerichtet, als Hauptsymptom entwickelt hätte, würden
    wir gar nicht geurteilt haben, er befinde sich in einer Neurose.
    Etwas ist also da nicht in Ordnung, entweder an unserer Auf-
    fassung der Verdrängung oder in unserer Definition eines Symptoms.
    Eines fällt uns natürlich sofort auf: Wenn der kleine Hans wirk-
    lich ein solches Verhalten gegen Pferde gezeigt hätte, so wäre ja
    der Charakter der anstößigen, aggressiven Triebregung durch die
    Verdrängung gar nicht verändert, nur deren Objekt gewandelt
    worden.

  • S.

    43

    Es ist ganz sicher, daß es Fälle von Verdrängung gibt, die nicht
    mehr leisten als dies; bei der Genese der Phobie des kleinen
    Hans ist aber mehr geschehen. Um wieviel mehr, erraten wir aus
    einem anderen Stück Analyse.

    Wir haben bereits gehört, daß der kleine Hans als den Inhalt
    seiner Phobie die Vorstellung angab, vom Pferd gebissen zu werden.
    Nun haben wir später Einblick in die Genese eines anderen Falles
    von Tierphobie bekommen, in der der Wolf das Angsttier war,
    aber gleichfalls die Bedeutung eines Vaterersatzes hatte.1 Im Anschluß
    an einen Traum, den die Analyse durchsichtig machen konnte, ent-
    wickelte sich bei diesem Knaben die Angst, vom Wolf gefressen zu
    werden, wie eines der sieben Geißlein im Märchen. Daß der Vater
    des kleinen Hans nachweisbar „Pferdl“ mit ihm gespielt hatte, war
    gewiß bestimmend für die Wahl des Angsttieres geworden; ebenso ließ
    sich wenigstens sehr wahrscheinlich machen, daß der Vater meines
    erst im dritten Jahrzehnt analysierten Russen in den Spielen mit dem
    Kleinen den Wolf gemimt und scherzend mit dem Auffressen gedroht
    hatte. Seither habe ich als dritten Fall einen jungen Amerikaner
    gefunden, bei dem sich zwar keine Tierphobie ausbildete, der aber
    gerade durch diesen Ausfall die anderen Fälle verstehen hilft. Seine
    sexuelle Erregung hatte sich an einer phantastischen Kindergeschichte
    entzündet, die man ihm vorlas, von einem arabischen Häuptling, der
    einer aus eßbarer Substanz bestehenden Person (dem Gingerbreadman),
    nachjagt, um ihn zu verzehren. Mit diesem eßbaren Menschen identi-
    fizierte er sich selbst, der Häuptling war als Vaterersatz leicht kennt-
    lich und diese Phantasie wurde die erste Unterlage seiner autoeroti-
    schen Betätigung. Die Vorstellung, vom Vater gefressen zu werden,
    ist aber typisches uraltes Kindergut; die Analogien aus der Mytho-
    logie (Kronos) und dem Tierleben sind allgemein bekannt.

    Trotz solcher Erleichterungen ist dieser Vorstellungsinhalt uns
    so fremdartig, daß wir ihn dem Kinde nur ungläubig zugestehen

    1)Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. [Bd. VIII dieser Gesamtausgabe.]

  • S.

    44

    können. Wir wissen auch nicht, ob er wirklich das bedeutet, was er
    auszusagen scheint, und verstehen nicht, wie er Gegenstand einer
    Phobie werden kann. Die analytische Erfahrung gibt uns allerdings
    die erforderlichen Auskünfte. Sie lehrt uns, daß die Vorstellung, vom
    Vater gefressen zu werden, der regressiv erniedrigte Ausdruck für
    eine passive zärtliche Regung ist, die vom Vater als Objekt im Sinne
    der Genitalerotik geliebt zu werden begehrt. Die Verfolgung der
    Geschichte des Falles läßt keinen Zweifel an der Richtigkeit dieser
    Deutung aufkommen. Die genitale Regung verrät freilich nichts mehr
    von ihrer zärtlichen Absicht, wenn sie in der Sprache der über-
    wundenen Übergangsphase von der oralen zur sadistischen Libido-
    organisation ausgedrückt wird. Handelt es sich übrigens nur um eine
    Ersetzung der Repräsentanz durch einen regressiven Ausdruck oder
    um eine wirkliche regressive Erniedrigung der genitalgerichteten
    Regung im Es? Das scheint gar nicht so leicht zu entscheiden. Die
    Krankengeschichte des russischen „Wolfsmannes“ spricht ganz ent-
    schieden für die letztere ernstere Möglichkeit, denn er benimmt sich
    von dem entscheidenden Traum an „schlimm“, quälerisch, sadistisch
    und entwickelt bald darauf eine richtige Zwangsneurose. Jedenfalls
    gewinnen wir die Einsicht, daß die Verdrängung nicht das einzige
    Mittel ist, das dem Ich zur Abwehr einer unliebsamen Triebregung
    zu Gebote steht. Wenn es ihm gelingt, den Trieb zur Regression zu
    bringen, so hat es ihn im Grunde energischer beeinträchtigt, als durch
    die Verdrängung möglich wäre. Allerdings läßt es manchmal der
    zuerst erzwungenen Regression die Verdrängung folgen.

    Der Sachverhalt beim Wolfsmann und der etwas einfachere beim
    kleinen Hans regen noch mancherlei andere Überlegungen an, aber
    zwei unerwartete Einsichten gewinnen wir schon jetzt. Kein Zweifel,
    die bei diesen Phobien verdrängte Triebregung ist eine feindselige
    gegen den Vater. Man kann sagen, sie wird verdrängt durch den Prozeß
    der Verwandlung ins Gegenteil; an Stelle der Aggression gegen den
    Vater tritt die Aggression – die Rache – des Vaters gegen die eigene
    Person. Da eine solche Aggression ohnedies in der sadistischen Libidophase 

  • S.

    45

    wurzelt, bedarf sie nur noch einer gewissen Erniedrigung zur
    oralen Stufe, die bei Hans durch das Gebissenwerden angedeutet, beim
    Russen aber im Gefressenwerden grell ausgeführt ist. Aber außerdem
    läßt ja die Analyse über jeden Zweifel gesichert feststellen, daß gleich-
    zeitig noch eine andere Triebregung der Verdrängung erlegen ist,
    die gegensinnige einer zärtlichen passiven Regung für den Vater, die
    bereits das Niveau der genitalen (phallischen) Libidoorganisation er-
    reicht hatte. Die letztere scheint sogar die für das Endergebnis des
    Verdrängungsvorganges bedeutsamere zu sein, sie erfährt die weiter-
    gehende Regression, sie erhält den bestimmenden Einfluß auf den
    Inhalt der Phobie. Wo wir also nur einer Triebverdrängung nach-
    gespürt haben, müssen wir das Zusammentreffen von zwei solchen
    Vorgängen anerkennen; die beiden betroffenen Triebregungen –
    sadistische Aggression gegen den Vater und zärtlich passive Ein-
    stellung zu ihm – bilden ein Gegensatzpaar, ja noch mehr: wenn
    wir die Geschichte des kleinen Hans richtig würdigen, erkennen wir,
    daß durch die Bildung seiner Phobie auch die zärtliche Objekt-
    besetzung der Mutter aufgehoben worden ist, wovon der Inhalt der
    Phobie nichts verrät. Es handelt sich bei Hans – beim Russen ist
    das weit weniger deutlich – um einen Verdrängungsvorgang, der
    fast alle Komponenten des Ödipus‑Komplexes betrifft, die feind-
    liche wie die zärtliche Regung gegen den Vater und die zärtliche
    für die Mutter.

    Das sind unerwünschte Komplikationen für uns, die wir nur ein-
    fache Fälle von Symptombildung infolge von Verdrängung studieren
    wollten und uns in dieser Absicht an die frühesten und anscheinend
    durchsichtigsten Neurosen der Kindheit gewendet hatten. Anstatt
    einer einzigen Verdrängung fanden wir eine Häufung von solchen
    vor und überdies bekamen wir es mit der Regression zu tun. Viel-
    leicht haben wir die Verwirrung dadurch gesteigert, daß wir die
    beiden verfügbaren Analysen von Tierphobien – die des kleinen
    Hans und des Wolfsmannes – durchaus auf denselben Leisten schlagen
    wollten. Nun fallen uns gewisse Unterschiede der beiden auf. Nur

  • S.

    46

    vom kleinen Hans kann man mit Bestimmtheit aussagen, daß er
    durch seine Phobie die beiden Hauptregungen des Ödipus‑Komplexes,
    die aggressive gegen den Vater und die überzärtliche gegen die
    Mutter, erledigt; die zärtliche für den Vater ist gewiß auch vor-
    handen, sie spielt ihre Rolle bei der Verdrängung ihres Gegensatzes,
    aber es ist weder nachweisbar, daß sie stark genug war, um eine
    Verdrängung zu provozieren, noch daß sie nachher aufgehoben ist.
    Hans scheint eben ein normaler Junge mit sogenanntem „positiven“
    Ödipus‑Komplex gewesen zu sein. Möglich, daß die Momente, die
    wir vermissen, auch bei ihm mittätig waren, aber wir können sie
    nicht aufzeigen, das Material selbst unserer eingehendsten Analysen
    ist eben lückenhaft, unsere Dokumentierung unvollständig. Beim
    Russen ist der Defekt an anderer Stelle; seine Beziehung zum
    weiblichen Objekt ist durch eine frühzeitige Verführung gestört
    worden, die passive, feminine Seite ist bei ihm stark ausgebildet
    und die Analyse seines Wolfstraumes enthüllt wenig von beab-
    sichtigter Aggression gegen den Vater, erbringt dafür die unzwei-
    deutigsten Beweise, daß die Verdrängung die passive, zärtliche Ein-
    stellung zum Vater betrifft. Auch hier mögen die anderen Faktoren
    beteiligt gewesen sein, sie treten aber nicht vor. Wenn trotz dieser
    Unterschiede der beiden Fälle, die sich nahezu einer Gegensätz-
    lichkeit nähern, der Enderfolg der Phobie nahezu der nämliche
    ist, so muß uns die Erklärung dafür von anderer Seite kommen;
    sie kommt von dem zweiten Ergebnis unserer kleinen vergleichenden
    Untersuchung. Wir glauben den Motor der Verdrängung in beiden
    Fällen zu kennen und sehen seine Rolle durch den Verlauf bestätigt,
    den die Entwicklung der zwei Kinder nimmt. Er ist in beiden
    Fällen der nämliche, die Angst vor einer drohenden Kastration.
    Aus Kastrationsangst gibt der kleine Hans die Aggression gegen
    den Vater auf; seine Angst, das Pferd werde ihn beißen, kann
    zwanglos vervollständigt werden, das Pferd werde ihm das Genitale
    abbeißen, ihn kastrieren. Aber aus Kastrationsangst verzichtet auch
    der kleine Russe auf den Wunsch, vom Vater als Sexualobjekt geliebt

  • S.

    47

    zu werden, denn er hat verstanden, eine solche Beziehung hätte
    zur Voraussetzung, daß er sein Genitale aufopfert, das, was ihn
    vom Weib unterscheidet. Beide Gestaltungen des Ödipus‑Komplexes, 
    die normale, aktive, wie die invertierte, scheitern ja am Kastrations-
    komplex. Die Angstidee des Russen, vom Wolf gefressen zu werden,
    enthält zwar keine Andeutung der Kastration, sie hat sich durch
    orale Regression zu weit von der phallischen Phase entfernt, aber
    die Analyse seines Traumes macht jeden anderen Beweis überflüssig.
    Es ist auch ein voller Triumph der Verdrängung, daß im Wort-
    laut der Phobie nichts mehr auf die Kastration hindeutet.

    Hier nun das unerwartete Ergebnis: In beiden Fällen ist der
    Motor der Verdrängung die Kastrationsangst; die Angstinhalte, vom
    Pferd gebissen und vom Wolf gefressen zu werden, sind Ent-
    stellungsersatz für den Inhalt, vom Vater kastriert zu werden.
    Dieser Inhalt ist es eigentlich, der die Verdrängung an sich
    erfahren hat. Beim Russen war er Ausdruck eines Wunsches, der
    gegen die Auflehnung der Männlichkeit nicht bestehen konnte,
    bei Hans Ausdruck einer Reaktion, welche die Aggression in ihr
    Gegenteil umwandelte. Aber der Angstaffekt der Phobie, der ihr
    Wesen ausmacht, stammt nicht aus dem Verdrängungsvorgang,
    nicht aus den libidinösen Besetzungen der verdrängten Regungen,
    sondern aus dem Verdrängenden selbst; die Angst der Tierphobie
    ist die unverwandelte Kastrationsangst, also eine Realangst, Angst
    vor einer wirklich drohenden oder als real beurteilten Gefahr.
    Hier macht die Angst die Verdrängung, nicht, wie ich früher
    gemeint habe, die Verdrängung die Angst.

    Es ist nicht angenehm, daran zu denken, aber es hilft nichts, es
    zu verleugnen, ich habe oftmals den Satz vertreten, durch die Ver-
    drängung werde die Triebrepräsentanz entstellt, verschoben u. dgl.,
    die Libido der Triebregung aber in Angst verwandelt. Die Unter-
    suchung der Phobien, die vor allem berufen sein sollte, diesen
    Satz zu erweisen, bestätigt ihn also nicht, sie scheint ihm viel-
    mehr direkt zu widersprechen. Die Angst der Tierphobien ist die

  • S.

    48

    Kastrationsangst des Ichs, die der weniger gründlich studierten
    Agoraphobie scheint Versuchungsangst zu sein, die ja genetisch mit
    der Kastrationsangst zusammenhängen muß. Die meisten Phobien
    gehen, so weit wir es heute übersehen, auf eine solche Angst des
    Ichs vor den Ansprüchen der Libido zurück. Immer ist dabei die
    Angsteinstellung des Ichs das Primäre und der Antrieb zur Ver-
    drängung. Niemals geht die Angst aus der verdrängten Libido
    hervor. Wenn ich mich früher begnügt hätte zu sagen, nach der
    Verdrängung erscheint an Stelle der zu erwartenden Äußerung
    von Libido ein Maß von Angst, so hätte ich heute nichts zurück-
    zunehmen. Die Beschreibung ist richtig und zwischen der Stärke
    der zu verdrängenden Regung und der Intensität der resultieren-
    den Angst besteht wohl die behauptete Entsprechung. Aber ich
    gestehe, ich glaubte mehr als eine bloße Beschreibung zu geben,
    ich nahm an, daß ich den metapsychologischen Vorgang einer
    direkten Umsetzung der Libido in Angst erkannt hatte; das kann
    ich also heute nicht mehr festhalten. Ich konnte auch früher nicht
    angeben, wie sich eine solche Umwandlung vollzieht.

    Woher schöpfte ich überhaupt die Idee dieser Umsetzung? Zur
    Zeit, als es uns noch sehr ferne lag, zwischen Vorgängen im Ich
    und Vorgängen im Es zu unterscheiden, aus dem Studium der
    Aktualneurosen. Ich fand, daß bestimmte sexuelle Praktiken wie
    Coitus interruptus, frustrane Erregung, erzwungene Abstinenz Angst-
    ausbrüche und eine allgemeine Angstbereitschaft erzeugen, also
    immer, wenn die Sexualerregung in ihrem Ablauf zur Befriedi-
    gung gehemmt, aufgehalten oder abgelenkt wird. Da die Sexual-
    erregung der Ausdruck libidinöser Triebregungen ist, schien es
    nicht gewagt anzunehmen, daß die Libido sich durch die Ein-
    wirkung solcher Störungen in Angst verwandelt. Nun ist diese
    Beobachtung auch heute noch gültig; anderseits ist nicht abzu-
    weisen, daß die Libido der Es‑Vorgänge durch die Anregung der
    Verdrängung eine Störung erfährt; es kann also noch immer richtig
    sein, daß sich bei der Verdrängung Angst aus der Libidobesetzung

  • S.

    49

    der Triebregungen bildet. Aber wie soll man dieses Ergebnis mit
    dem anderen zusammenbringen, daß die Angst der Phobien eine
    Ich‑Angst ist, im Ich entsteht, nicht aus der Verdrängung hervor-
    geht, sondern die Verdrängung hervorruft? Das scheint ein Wider-
    spruch und nicht einfach zu lösen. Die Reduktion der beiden
    Ursprünge der Angst auf einen einzigen läßt sich nicht leicht
    durchsetzen. Man kann es mit der Annahme versuchen, daß das
    Ich in der Situation des gestörten Koitus, der unterbrochenen
    Erregung, der Abstinenz, Gefahren wittert, auf die es mit Angst
    reagiert, aber es ist nichts damit zu machen. Anderseits scheint
    die Analyse der Phobien, die wir vorgenommen haben, eine Be-
    rechtigung nicht zuzulassen. Non liquet!