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HEMMUNG, SYMPTOM
UND ANGST(1926)
I
Unser Sprachgebrauch läßt uns in der Beschreibung patho-
logischer Phänomene Symptome und Hemmungen unter-
scheiden, aber er legt diesem Unterschied nicht viel Wert bei.
Kämen uns nicht Krankheitsfälle vor, von denen wir aus-
sagen müssen, daß sie nur Hemmungen und keine Symptome
zeigen, und wollten wir nicht wissen, was dafür die Bedin-
gung ist, so brächten wir kaum das Interesse auf, die Begriffe
Hemmung und Symptom gegeneinander abzugrenzen.Die beiden sind nicht auf dem nämlichen Boden erwachsen.
Hemmung hat eine besondere Beziehung zur Funktion und
bedeutet nicht notwendig etwas Pathologisches, man kann
auch eine normale Einschränkung einer Funktion eine Hem-
mung derselben nennen. Symptom hingegen heißt soviel wie
Anzeichen eines krankhaften Vorganges. Es kann also auch
eine Hemmung ein Symptom sein. Der Sprachgebrauch ver-
fährt dann so, daß er von Hemmung spricht, wo eine ein-
fache Herabsetzung der Funktion vorliegt, von Symptom,
wo es sich um eine ungewöhnliche Abänderung derselben
oder um eine neue Leistung handelt. In vielen Fällen scheint
es der Willkür überlassen, ob man die positive oder dieS.
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negative Seite des pathologischen Vorgangs betonen, seinen
Erfolg als Symptom oder als Hemmung bezeichnen will. Das
alles ist wirklich nicht interessant und die Fragestellung, von
der wir ausgingen, erweist sich als wenig fruchtbar.Da die Hemmung begrifflich so innig an die Funktion
geknüpft ist, kann man auf die Idee kommen, die verschie-
denen Ichfunktionen daraufhin zu untersuchen, in welchen
Formen sich deren Störung bei den einzelnen neurotischen
Affektionen äußert. Wir wählen für diese vergleichende
Studie: die Sexualfunktion, das Essen, die Lokomotion und
die Berufsarbeit.a) Die Sexualfunktion unterliegt sehr mannigfaltigen
Störungen, von denen die meisten den Charakter einfacher
Hemmungen zeigen. Diese werden als psychische Impotenz
zusammengefaßt. Das Zustandekommen der normalen Sexual-
leistung setzt einen sehr komplizierten Ablauf voraus, die
Störung kann an jeder Stelle desselben eingreifen. Die Haupt-
stationen der Hemmung sind beim Manne: die Abwendung
der Libido zur Einleitung des Vorgangs (psychische Unlust),
das Ausbleiben der physischen Vorbereitung (Erektions-
losigkeit), die Abkürzung des Aktes (Ejaculatio praecox), die
ebensowohl als positives Symptom beschrieben werden kann,
die Aufhaltung desselben vor dem natürlichen Ausgang
(Ejakulationsmangel), das Nichtzustandekommen des psychi-
schen Effekts (der Lustempfindung des Orgasmus). Andere
Störungen erfolgen durch die Verknüpfung der Funktion mit
besonderen Bedingungen, perverser oder fetischistischer Natur.Eine Beziehung der Hemmung zur Angst kann uns nicht
lange entgehen. Manche Hemmungen sind offenbar Verzichte
auf Funktion, weil bei deren Ausübung Angst entwickelt
werden würde. Direkte Angst vor der Sexualfunktion ist
beim Weibe häufig; wir ordnen sie der Hysterie zu, ebenso
das Abwehrsymptom des Ekels, das sich ursprünglich alsS.
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nachträgliche Reaktion auf den passiv erlebten Sexualakt
einstellt, später bei der Vorstellung desselben auftritt. Auch
eine große Anzahl von Zwangshandlungen erweisen sich als
Vorsichten und Versicherungen gegen sexuelles Erleben, sind
also phobischer Natur.Man kommt da im Verständnis nicht sehr weit; man merkt
nur, daß sehr verschiedene Verfahren verwendet werden, um
die Funktion zu stören: 1) die bloße Abwendung der Libido,
die am ehesten zu ergeben scheint, was wir eine reine Hemmung
heißen, 2) die Verschlechterung in der Ausführung der
Funktion, 3) die Erschwerung derselben durch besondere
Bedingungen und ihre Modifikation durch Ablenkung auf
andere Ziele, 4) ihre Vorbeugung durch Sicherungsmaßregeln,
5) ihre Unterbrechung durch Angstentwicklung, sowie sich
ihr Ansatz nicht mehr verhindern läßt, endlich 6) eine nach-
trägliche Reaktion, die dagegen protestiert und das Ge-
schehene rückgängig machen will, wenn die Funktion doch
durchgeführt wurde.b) Die häufigste Störung der Nahrungsfunktion ist die Eß-
unlust durch Abziehung der Libido. Auch Steigerungen der
Eßlust sind nicht selten; ein Eßzwang motiviert sich durch
Angst vor dem Verhungern, ist wenig untersucht. Als hyste-
rische Abwehr des Essens kennen wir das Symptom des
Erbrechens. Die Nahrungsverweigerung infolge von Angst
gehört psychotischen Zuständen an (Vergiftungswahn).c) Die Lokomotion wird bei manchen neurotischen Zu-
ständen durch Gehunlust und Gehschwäche gehemmt, die
hysterische Behinderung bedient sich der motorischen Läh-
mung des Bewegungsapparates oder schafft eine spezialisierte
Aufhebung dieser einen Funktion desselben (Abasie). Beson-
ders charakteristisch sind die Erschwerungen der Lokomotion
durch Einschaltung bestimmter Bedingungen, bei deren Nicht-
erfüllung Angst auftritt (Phobie).S.
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d) Die Arbeitshemmung, die so oft als isoliertes Symptom
Gegenstand der Behandlung wird, zeigt uns verminderte
Lust oder schlechtere Ausführung oder Reaktionserscheinun-
gen wie Müdigkeit (Schwindel, Erbrechen), wenn die Fort-
setzung der Arbeit erzwungen wird. Die Hysterie erzwingt
die Einstellung der Arbeit durch Erzeugung von Organ-
und Funktionslähmungen, deren Bestand mit der Ausführung
der Arbeit unvereinbar ist. Die Zwangsneurose stört die
Arbeit durch fortgesetzte Ablenkung und durch den Zeit-
verlust bei eingeschobenen Verweilungen und Wieder-
holungen.Wir könnten diese Übersicht noch auf andere Funktionen
ausdehnen, aber wir dürfen nicht erwarten, dabei mehr zu
erreichen. Wir kämen nicht über die Oberfläche der Er-
scheinungen hinaus. Entschließen wir uns darum zu einer
Auffassung, die dem Begriff der Hemmung nicht mehr viel
Rätselhaftes beläßt. Die Hemmung ist der Ausdruck einer
Funktionseinschränkung des Ichs, die selbst
sehr verschiedene Ursachen haben kann. Manche der Mecha-
nismen dieses Verzichts auf Funktion und eine allgemeine
Tendenz desselben sind uns wohlbekannt.An den spezialisierten Hemmungen ist die Tendenz leichter
zu erkennen. Wenn das Klavierspielen, Schreiben und selbst
das Gehen neurotischen Hemmungen unterliegen, so zeigt
uns die Analyse den Grund hiefür in einer überstarken
Erotisierung der bei diesen Funktionen in Anspruch genom-
menen Organe, der Finger und der Füße. Wir haben ganz
allgemein die Einsicht gewonnen, daß die Ichfunktion eines
Organes geschädigt wird, wenn seine Erogenität, seine
sexuelle Bedeutung, zunimmt. Es benimmt sich dann, wenn
man den einigermaßen skurrilen Vergleich wagen darf, wie
eine Köchin, die nicht mehr am Herd arbeiten will, weil der
Herr des Hauses Liebesbeziehungen zu ihr angeknüpft hat.S.
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Wenn das Schreiben, das darin besteht, aus einem Rohr
Flüssigkeit auf ein Stück weißes Papier fließen zu lassen, die
symbolische Bedeutung des Koitus angenommen hat, oder
wenn das Gehen zum symbolischen Ersatz des Stampfens auf
dem Leib der Mutter Erde geworden ist, dann wird beides,
Schreiben und Gehen, unterlassen, weil es so ist, als ob man
die verbotene sexuelle Handlung ausführen würde. Das Ich
verzichtet auf diese ihm zustehenden Funktionen, um nicht
eine neuerliche Verdrängung vornehmen zu müssen, um
einem Konflikt mit dem Es auszuweichen.Andere Hemmungen erfolgen offenbar im Dienste der
Selbstbestrafung, wie nicht selten die der beruflichen Tätig-
keiten. Das Ich darf diese Dinge nicht tun, weil sie ihm Nutzen
und Erfolg bringen würden, was das gestrenge Über‑Ich ver-
sagt hat. Dann verzichtet das Ich auch auf diese Leistungen,
um nicht in Konflikt mit dem Über‑Ich zu
geraten.Die allgemeineren Hemmungen des Ichs folgen einem
anderen, einfachen, Mechanismus. Wenn das Ich durch eine
psychische Aufgabe von besonderer Schwere in Anspruch
genommen ist, wie z. B. durch eine Trauer, eine großartige
Affektunterdrückung, durch die Nötigung, beständig auf-
steigende sexuelle Phantasien niederzuhalten, dann verarmt
es so sehr an der ihm verfügbaren Energie, daß es seinen
Aufwand an vielen Stellen zugleich einschränken muß, wie
ein Spekulant, der seine Gelder in seinen Unternehmungen
immobilisiert hat. Ein lehrreiches Beispiel einer solchen inten-
siven Allgemeinhemmung von kurzer Dauer konnte ich an
einem Zwangskranken beobachten, der in eine lähmende
Müdigkeit von ein‑ bis mehrtägiger Dauer bei Anlässen ver-
fiel, die offenbar einen Wutausbruch hätten herbeiführen
sollen. Von hier aus muß auch ein Weg zum Verständnis der
Allgemeinhemmung zu finden sein, durch die sich die DepressionszuständeS.
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und der schwerste derselben, die Melancholie,
kennzeichnen.Man kann also abschließend über die Hemmungen sagen,
sie seien Einschränkungen der Ichfunktionen, entweder aus
Vorsicht oder infolge von Energieverarmung. Es ist nun
leicht zu erkennen, worin sich die Hemmung vom Symptom
unterscheidet. Das Symptom kann nicht mehr als ein Vor-
gang in oder am Ich beschrieben werden.II
Die Grundzüge der Symptombildung sind längst studiert
und in hoffentlich unanfechtbarer Weise ausgesprochen wor-
den. Das Symptom sei Anzeichen und Ersatz einer unter-
bliebenen Triebbefriedigung, ein Erfolg des Verdrängungs-
vorganges. Die Verdrängung geht vom Ich aus, das, even-
tuell im Auftrage des Über‑Ichs, eine im Es angeregte Trieb-
besetzung nicht mitmachen will. Das Ich erreicht durch die
Verdrängung, daß die Vorstellung, welche der Träger der
unliebsamen Regung war, vom Bewußtwerden abgehalten
wird. Die Analyse weist oftmals nach, daß sie als unbewußte
Formation erhalten geblieben ist. So weit wäre es klar, aber
bald beginnen die unerledigten Schwierigkeiten.Unsere bisherigen Beschreibungen des Vorganges bei der
Verdrängung haben den Erfolg der Abhaltung vom Bewußt-
sein nachdrücklich betont, aber in anderen Punkten Zweifel
offen gelassen. Es entsteht die Frage, was ist das Schicksal
der im Es aktivierten Triebregung, die auf Befriedigung ab-
zielt? Die Antwort war eine indirekte, sie lautete, durch den
Vorgang der Verdrängung werde die zu erwartende Befriedi-
gungslust in Unlust verwandelt, und dann stand man vor
dem Problem, wie Unlust das Ergebnis einer Triebbefriedi-
gung sein könne. Wir hoffen, den Sachverhalt zu klären,
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Hemmung, Angst und Symptom1926-001/1931