S.
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Die Grundzüge der Symptombildung sind längst studiert
und in hoffentlich unanfechtbarer Weise ausgesprochen wor-
den. Das Symptom sei Anzeichen und Ersatz einer unter-
bliebenen Triebbefriedigung, ein Erfolg des Verdrängungs-
vorganges. Die Verdrängung geht vom Ich aus, das, even-
tuell im Auftrage des Über‑Ichs, eine im Es angeregte Trieb-
besetzung nicht mitmachen will. Das Ich erreicht durch die
Verdrängung, daß die Vorstellung, welche der Träger der
unliebsamen Regung war, vom Bewußtwerden abgehalten
wird. Die Analyse weist oftmals nach, daß sie als unbewußte
Formation erhalten geblieben ist. So weit wäre es klar, aber
bald beginnen die unerledigten Schwierigkeiten.Unsere bisherigen Beschreibungen des Vorganges bei der
Verdrängung haben den Erfolg der Abhaltung vom Bewußt-
sein nachdrücklich betont, aber in anderen Punkten Zweifel
offen gelassen. Es entsteht die Frage, was ist das Schicksal
der im Es aktivierten Triebregung, die auf Befriedigung ab-
zielt? Die Antwort war eine indirekte, sie lautete, durch den
Vorgang der Verdrängung werde die zu erwartende Befriedi-
gungslust in Unlust verwandelt, und dann stand man vor
dem Problem, wie Unlust das Ergebnis einer Triebbefriedi-
gung sein könne. Wir hoffen, den Sachverhalt zu klären,S.
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wenn wir die bestimmte Aussage machen, der im Es beab-
sichtigte Erregungsablauf komme infolge der Verdrängung
überhaupt nicht zustande, es gelinge dem Ich, ihn zu
inhibieren oder abzulenken. Dann entfällt das Rätsel der
„Affektverwandlung“ bei der Verdrängung. Wir haben aber
damit dem Ich das Zugeständnis gemacht, daß es einen so
weitgehenden Einfluß auf die Vorgänge im Es äußern kann,
und sollen verstehen lernen, auf welchem Wege ihm diese
überraschende Machtentfaltung möglich wird.Ich glaube, dieser Einfluß fällt dem Ich zu infolge seiner
innigen Beziehungen zum Wahrnehmungssystem, die ja sein
Wesen ausmachen und der Grund seiner Differenzierung vom
Es geworden sind. Die Funktion dieses Systems, das wir
W-Bw genannt haben, ist mit dem Phänomen des Bewußt-
seins verbunden; es empfängt Erregungen nicht nur von außen,
sondern auch von innen her, und mittels der Lust-Unlust-
empfindungen, die es von daher erreichen, versucht es, alle
Abläufe des seelischen Geschehens im Sinne des Lustprinzips
zu lenken. Wir stellen uns das Ich so gerne als ohnmächtig
gegen das Es vor, aber wenn es sich gegen einen Triebvor-
gang im Es sträubt, so braucht es bloß ein Unlustsignal
zu geben, um seine Absicht durch die Hilfe der beinahe all-
mächtigen Instanz des Lustprinzips zu erreichen. Wenn wir
diese Situation fiir einen Augenblick isoliert betrachten,
können wir sie durch ein Beispiel aus einer anderen Sphäre
illustrieren. In einem Staate wehre sich eine gewisse Clique
gegen eine Maßregel, deren Beschluß den Neigungen der
Masse entsprechen würde. Diese Minderzahl bemichtigt sich
dann der Presse, bearbeitet durch sie die souveråne „öffent-
liche Meinung“ und setzt es so durch, daß der geplante
Beschluß unterbleibr.An die eine Beantwortung knüpfen weitere Fragestellungen
an. Woher rührt die Energie, die zur Erzeugung des UnlustsignalsS.
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verwendet wird? Hier weist uns die Idee den Weg,
daß die Abwehr eines unerwünschten Vorganges im Inneren
nach dem Muster der Abwehr gegen einen äußeren Reiz
geschehen dürfte, daß das Ich den gleichen Weg der Ver-
teidigung gegen die innere wie gegen die äußere Gefahr ein-
schlägt. Bei äußerer Gefahr unternimmt das organische
Wesen einen Fluchtversuch, es zieht zunächst die Besetzung
von der Wahrnehmung des Gefährlichen ab; später erkennt
es als das wirksamere Mittel, solche Muskelaktionen vorzu-
nehmen, daß die Wahrnehmung der Gefahr, auch wenn man
sie nicht verweigert, unmöglich wird, also sich dem
Wirkungsbereich der Gefahr zu entziehen. Einem solchen
Fluchtversuch gleichwertig ist auch die Verdrängung. Das
Ich zieht die (vorbewußte) Besetzung von der zu verdrän-
genden Triebrepräsentanz ab und verwendet sie für die
Unlust‑ (Angst‑) Entbindung. Das Problem, wie bei der Ver-
drängung die Angst entsteht, mag kein einfaches sein; immer-
hin hat man das Recht, an der Idee festzuhalten, daß das
Ich die eigentliche Angststätte ist, und die frühere Auffassung
zurückzuweisen, die Besetzungsenergie der verdrängten Regung
werde automatisch in Angst verwandelt. Wenn ich mich
früher einmal so geäußert habe, so gab ich eine phänomeno-
logische Beschreibung, nicht eine metapsychologische Dar-
stellung.Aus dem Gesagten leitet sich die neue Frage ab, wie es
ökonomisch möglich ist, daß ein bloßer Abziehungs- und
Abfuhrvorgang wie beim Rückzug der vorbewuften Ich-
besetzung Unlust oder Angst erzeugen könne, die nach
unseren. Voraussetzungen nur Folge gesteigerter Besetzung
sein kann. Ich antworte, diese Verursachung soll nicht ökono-
misch erklärt werden, die Angst wird bei der Verdrängung
nicht neu erzeugt, sondern als Affektzustand nach einem vor-
handenen Erinnerungsbild reproduziert. Mit der weiterenS.
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Frage nach der Herkunft dieser Angst – wie der Affekte
überhaupt – verlassen wir aber den unbestritten psycho
logischen Boden und betreten das Grenzgebiet der Physio
logie. Die Affektzustände sind dem Seelenleben als Nieder
schläge uralter traumatischer Erlebnisse einverleibt und wer
den in ähnlichen Situationen wie Erinnerungssymbole wach
gerufen. Ich meine, ich hatte nicht Unrecht, sie den spät und
individuell erworbenen hysterischen Anfällen gleichzusetzen
und als deren Normalvorbilder zu betrachten. Beim Menschen
und ihm verwandten Geschöpfen scheint der Geburtsakt als
das erste individuelle Angsterlebnis dem Ausdruck des Angst
affekts charakteristische Züge geliehen zu haben. Wir sollen
aber diesen Zusammenhang nicht überschätzen und in seiner
Anerkennung nicht übersehen, daß ein Affektsymbol für die
Situation der Gefahr eine biologische Notwendigkeit ist und
auf jeden Fall geschaffen worden wäre. Ich halte es auch für
unberechtigt anzunehmen, daß bei jedem Angstausbruch etwas
im Seelenleben vor sich geht, was einer Reproduktion der
Geburtssituation gleichkommt. Es ist nicht einmal sicher, ob
die hysterischen Anfälle, die ursprünglich solche traumatische
Reproduktionen sind, diesen Charakter dauernd bewahren.Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß die meisten
Verdrängungen, mit denen wir bei der therapeutischen Arbeit
zu tun bekommen, Fälle von Nachdrängen sind. Sie setzen
früher erfolgte Urverdrängungen voraus, die auf die
neuere Situation ihren anziehenden Einfluß ausüben. Von
diesen Hintergründen und Vorstufen der Verdrängung ist
noch viel zu wenig bekannt. Man kommt leicht in Gefahr,
die Rolle des Über–Ichs bei der Verdrängung zu über
schätzen. Man kann es derzeit nicht beurteilen, ob etwa das
Auftreten des ÜberIchs die Abgrenzung zwischen Urver-
drängung und Nachdrängen schafft. Die ersten – sehr
intensiven – Angstausbrüche erfolgen jedenfalls vor derS.
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Differenzierung des Über‑Ichs. Es ist durchaus plausibel, daß
quantitative Momente, wie die übergroße Stärke der Erregung
und der Durchbruch des Reizschutzes, die nächsten Anlässe
der Urverdrängungen sind.Die Erwähnung des Reizschutzes mahnt uns wie ein Stich-
wort, daß die Verdrängungen in zwei verschiedenen Situa-
tionen auftreten, nämlich wenn eine unliebsame Triebregung
durch eine äußere Wahrnehmung wachgerufen wird, und
wenn sie ohne solche Provokation im Innern auftaucht. Wir
werden später auf diese Verschiedenheit zurückkommen.
Reizschutz gibt es aber nur gegen äußere Reize, nicht gegen
innere Triebansprüche.Solange wir den Fluchtversuch des Ichs studieren, bleiben
wir der Symptombildung ferne. Das Symptom entsteht aus
der durch die Verdrängung beeinträchtigten Triebregung.
Wenn das Ich durch die Inanspruchnahme des Unlustsignals
seine Absicht erreicht, die Triebregung völlig zu unterdrücken,
erfahren wir nichts darüber, wie das geschieht. Wir lernen
nur aus den Fällen, die als mehr oder minder mißglückte
Verdrängungen zu bezeichnen sind.Dann stellt es sich im allgemeinen so dar, daß die Trieb-
regung zwar trotz der Verdrängung einen Ersatz gefunden
hat, aber einen stark verkümmerten, verschobenen, gehemm-
ten. Er ist auch als Befriedigung nicht mehr kenntlich. Wenn
er vollzogen wird, kommt keine Lustempfindung zustande,
dafür hat dieser Vollzug den Charakter des Zwanges ange-
nommen. Aber bei dieser Erniedrigung des Befriedigungsab-
laufes zum Symptom zeigt die Verdrängung ihre Macht
noch in einem anderen Punkte. Der Ersatzvorgang wird
womöglich von der Abfuhr durch die Motilität ferngehalten;
auch wo dies nicht gelingt, muß er sich in der Veränderung
des eigenen Körpers erschöpfen und darf nicht auf die Außen-
welt übergreifen; es wird ihm verwehrt, sich in HandlungS.
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umzusetzen. Wir verstehen, bei der Verdrängung arbeitet das
Ich unter dem Einfluß der äußeren Realität und schließt
darum den Erfolg des Ersatzvorganges von dieser Realität ab.Das Ich beherrscht den Zugang zum Bewußtsein wie den
Übergang zur Handlung gegen die Außenwelt; in der Ver-
drängung betätigt es seine Macht nach beiden Richtungen.
Die Triebrepräsentanz bekommt die eine, die Triebregung
selbst die andere Seite seiner Kraftäußerung zu spüren. Da
ist es denn am Platze, sich zu fragen, wie diese Anerkennung
der Mächtigkeit des Ichs mit der Beschreibung zusammen-
kommt, die wir in der Studie „Das Ich und das Es“ von
der Stellung desselben Ichs entworfen haben. Wir haben dort
die Abhängigkeit des Ichs vom Es wie vom Über-Ich geschil-
dert, seine Ohnmacht und Angstbereitschaft gegen beide, seine
mühsam aufrecht erhaltene Überheblichkeit entlarvt. Dieses
Urteil hat seither einen starken Widerhall in der psycho-
analytischen Literatur gefunden. Zahlreiche Stimmen betonen
eindringlich die Schwäche des Ichs gegen das Es, des Ratio-
nellen gegen das Dämonische in uns, und schicken sich an,
diesen Satz zu einem Grundpfeiler einer psychoanalytischen
„Weltanschauung“ zu machen. Sollte nicht die Einsicht in
die Wirkungsweise der Verdrängung gerade den Analytiker
von so extremer Parteinahme zurückhalten?Ich bin überhaupt nicht für die Fabrikation von Welt-
anschauungen. Die überlasse man den Philosophen, die ein-
gestandenermaßen die Lebensreise ohne einen solchen Baede-
ker, der über alles Auskunft gibt, nicht ausführbar finden.
Nehmen wir demütig die Verachtung auf uns, mit der die
Philosophen vom Standpunkt ihrer höheren Bedürftigkeit
auf uns herabschauen. Da auch wir unseren narzißtischen
Stolz nicht verleugnen können, wollen wir unseren Trost in
der Erwägung suchen, daß alle diese „Lebensführer“ rasch
veralten, daß es gerade unsere kurzsichtig beschränkte Klein-S.
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arbeit ist, welche deren Neuauflagen notwendig macht, und
daß selbst die modernsten dieser Baedeker Versuche sind, den
alten, so bequemen und so vollständigen Katechismus zu er-
setzen. Wir wissen genau, wie wenig Licht die Wissenschaft
bisher über das Rätsel dieser Welt verbreiten konnte; alles
Poltern der Philosophen kann daran nichts ändern, nur ge-
duldige Fortsetzung der Arbeit, die alles der einen Forderung
nach Gewißheit unterordnet, kann langsam Wandel schaffen.
Wenn der Wanderer in der Dunkelheit singt, verleugnet er
seine Ängstlichkeit, aber er sieht darum um nichts heller.III
Um zum Problem des Ichs zurückzukehren: Der Anschein
des Widerspruchs kommt daher, daß wir Abstraktionen zu
starr nehmen und aus einem komplizierten Sachverhalt bald
die eine, bald die andere Seite allein herausgreifen. Die Schei-
dung des Ichs vom Es scheint gerechtfertigt, sie wird uns
durch bestimmte Verhältnisse aufgedrängt. Aber anderseits
ist das Ich mit dem Es identisch, nur ein besonders differen-
zierter Anteil desselben. Stellen wir dieses Stück in Gedanken
dem Ganzen gegenüber, oder hat sich ein wirklicher Zwie-
spalt zwischen den beiden ergeben, so wird uns die Schwäche
dieses Ichs offenbar. Bleibt das Ich aber mit dem Es verbun-
den, von ihm nicht unterscheidbar, so zeigt sich seine Stärke.
Ähnlich ist das Verhältnis des Ichs zum Über‑Ich; für viele
Situationen fließen uns die beiden zusammen, meistens kön-
nen wir sie nur unterscheiden, wenn sich eine Spannung, ein
Konflikt zwischen ihnen hergestellt hat. Für den Fall der Ver-
drängung wird die Tatsache entscheidend, daß das Ich eine
Organisation ist, das Es aber keine; das Ich ist eben der orga-
nisierte Anteil des Es. Es wäre ganz ungerechtfertigt, wenn
man sich vorstellte, Ich und Es seien wie zwei verschiedene
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Hemmung, Angst und Symptom1926-001/1931