Die bestehenden Faksimile werden in Kürze automatisch aus einem neu hochgeladenen PDF ersetzt

  • S.

    240

    VI

    Während dieser Kämpfe kann man zwei symptombildende
    Tätigkeiten des Ichs beobachten, die ein besonderes Interesse

  • S.

    241

    verdienen, weil sie offenbare Surrogate der Verdrängung sind
    und darum deren Tendenz und Technik schön erläutern
    können. Vielleicht dürfen wir auch das Hervortreten dieser
    Hilfs‑ und Ersatztechniken als einen Beweis dafür auffassen,
    daß die Durchführung der regelrechten Verdrängung auf
    Schwierigkeiten stößt. Wenn wir erwägen, daß bei der
    Zwangsneurose das Ich soviel mehr Schauplatz der Symptom-
    bildung ist als bei der Hysterie, daß dieses Ich zähe an
    seiner Beziehung zur Realität und zum Bewußtsein festhält
    und dabei alle seine intellektuellen Mittel aufbietet, ja, daß
    die Denktätigkeit überbesetzt, erotisiert, erscheint, werden
    uns solche Variationen der Verdrängung vielleicht näher
    gebracht.

    Die beiden angedeuteten Techniken sind das Ungeschehenmachen 
    und das Isolieren. Die erstere hat ein
    großes Anwendungsgebiet und reicht weit zurück. Sie ist
    sozusagen negative Magie, sie will durch motorische Symbo-
    lik nicht die Folgen eines Ereignisses (Eindruckes, Erleb-
    nisses), sondern dieses selbst „wegblasen“. Mit der Wahl
    dieses letzten Ausdruckes ist darauf hingewiesen, welche
    Rolle diese Technik nicht nur in der Neurose, sondern auch
    in den Zauberhandlungen, Volksgebräuchen und im religiösen
    Zeremoniell spielt. In der Zwangsneurose begegnet man dem
    Ungeschehenmachen zuerst bei den zweizeitigen Symptomen,
    wo der zweite Akt den ersten aufhebt, so, als ob nichts ge-
    schehen wäre, wo in Wirklichkeit beides geschehen ist. Das
    zwangsneurotische Zeremoniell hat in der Absicht des Unge-
    schehenmachens seine zweite Wurzel. Die erste ist die Ver-
    hütung, die Vorsicht, damit etwas Bestimmtes nicht geschehe,
    sich nicht wiederhole. Der Unterschied ist leicht zu fassen;
    die Vorsichtsregeln sind rationell, die „Aufhebungen“
    durch Ungeschehenmachen irrationell, magischer Natur.
    Natürlich muß man vermuten, daß diese zweite Wurzel die

  • S.

    242

    ältere, aus der animistischen Einstellung zur Umwelt stam-
    mende ist. Seine Abschattung zum Normalen findet das
    Streben zum Ungeschehenmachen in dem Entschluß ein Er-
    eignis als „non arrivé“ zu behandeln, aber dann unternimmt
    man nichts dagegen, kümmert sich weder um das Ereignis
    noch um seine Folgen, während man in der Neurose die Ver-
    gangenheit selbst aufzuheben, motorisch zu verdrängen sucht.
    Dieselbe Tendenz kann auch die Erklärung des in der Neu-
    rose so häufigen Zwanges zur Wiederholung geben, bei
    dessen Ausführung sich dann mancherlei einander wider-
    streitende Absichten zusammenfinden. Was nicht in solcher
    Weise geschehen ist, wie es dem Wunsch gemäß hätte gesche-
    hen sollen, wird durch die Wiederholung in anderer Weise
    ungeschehen gemacht, wozu nun alle die Motive hinzutreten,
    bei diesen Wiederholungen zu verweilen. Im weiteren Verlauf
    der Neurose enthüllt sich oft die Tendenz, ein traumatisches
    Erlebnis ungeschehen zu machen, als ein symptombildendes
    Motiv von erstem Range. Wir erhalten so unerwarteten Ein-
    blick in eine neue, motorische Technik der Abwehr oder,
    wie wir hier mit geringerer Ungenauigkeit sagen können, der
    Verdrängung.

    Die andere der neu zu beschreibenden Techniken ist das
    der Zwangsneurose eigentümlich zukommende Isolieren.
    Es bezieht sich gleichfalls auf die motorische Sphäre, besteht
    darin, daß nach einem unliebsamen Ereignis, ebenso nach
    einer im Sinne der Neurose bedeutsamen eigenen Tätigkeit,
    eine Pause eingeschoben wird, in der sich nichts mehr ereignen
    darf, keine Wahrnehmung gemacht und keine Aktion ausge-
    führt wird. Dies zunächst sonderbare Verhalten verrät uns
    bald seine Beziehung zur Verdrängung. Wir wissen, bei
    Hysterie ist es möglich, einen traumatischen Eindruck der
    Amnesie verfallen zu lassen; bei der Zwangsneurose ist dies
    oft nicht gelungen, das Erlebnis ist nicht vergessen, aber es

  • S.

    243

    ist von seinem Affekt entblößt und seine assoziativen Bezie-
    hungen sind unterdrückt oder unterbrochen, so daß es wie
    isoliert dasteht und auch nicht im Verlaufe der Denktätigkeit
    reproduziert wird. Der Effekt dieser Isolierung ist dann der
    nämlich wie bei der Verdrängung mit Amnesie. Diese
    Technik wird also in den Isolierungen der Zwangsneurose
    reproduziert, aber dabei auch in magischer Absicht moto-
    risch verstärkt. Was so auseinandergehalten wird, ist gerade
    das, was assoziativ zusammengehört, die motorische Isolierung
    soll eine Garantie für die Unterbrechung des Zusammen-
    hanges im Denken geben. Einen Vorwand für dies Verfahren
    der Neurose gibt der normale Vorgang der Konzentration.
    Was uns bedeutsam als Eindruck, als Aufgabe erscheint, soll
    nicht durch die gleichzeitigen Ansprüche anderer Denkver-
    richtungen oder Tätigkeiten gestört werden. Aber schon im
    Normalen wird die Konzentration dazu verwendet, nicht nur
    das Gleichgültige, nicht Dazugehörige, sondern vor allem das
    unpassende Gegensätzliche fernzuhalten. Als das Störendste
    wird empfunden, was ursprünglich zusammengehört hat und
    durch den Fortschritt der Entwicklung auseinandergerissen
    wurde, z. B. die Äußerungen der Ambivalenz des Vaterkom-
    plexes in der Beziehung zu Gott oder die Regungen der Ex-
    kretionsorgane in den Liebeserregungen. So hat das Ich
    normalerweise eine große Isolierungsarbeit bei der Lenkung
    des Gedankenablaufes zu leisten, und wir wissen, in der Aus-
    übung der analytischen Technik müssen wir das Ich dazu
    erziehen, auf diese sonst durchaus gerechtfertigte Funktion
    zeitweilig zu verzichten.

    Wir haben alle die Erfahrung gemacht, daß es dem
    Zwangsneurotiker besonders schwer wird, die psychoanaly-
    tische Grundregel zu befolgen. Wahrscheinlich infolge der
    hohen Konfliktspannung zwischen seinem Über‑Ich und
    seinem Es ist sein Ich wachsamer, dessen Isolierungen

  • S.

    244

    schärfer. Es hat während seiner Denkarbeit zuviel abzu-
    wehren, die Einmengung unbewußter Phantasien, die Äuße-
    rung der ambivalenten Strebungen. Es darf sich nicht gehen
    lassen, befindet sich fortwährend in Kampfbereitschaft.
    Diesen Zwang zur Konzentration und Isolierung unterstützt
    es dann durch die magischen Isolierungsaktionen, die als
    Symptome so auffällig und praktisch so bedeutsam werden,
    an sich natürlich nutzlos sind und den Charakter des Zere-
    moniells haben.

    Indem es aber Assoziationen, Verbindung in Gedanken, zu
    verhindern sucht, befolgt es eines der ältesten und fundamen-
    talsten Gebote der Zwangsneurose, das Tabu der Berührung. 
    Wenn man sich die Frage vorlegt, warum die Ver-
    meidung von Berührung, Kontakt, Ansteckung in der Neu-
    rose eine so große Rolle spielt und zum Inhalt so komplizierter
    Systeme gemacht wird, so findet man die Antwort, daß die
    Berührung, der körperliche Kontakt, das nächste Ziel sowohl
    der aggressiven wie der zärtlichen Objektbesetzung ist. Der
    Eros will die Berührung, denn er strebt nach Vereinigung,
    Aufhebung der Raumgrenzen zwischen Ich und geliebtem
    Objekt. Aber auch die Destruktion, die vor der Erfindung
    der Fernwaffe nur aus der Nähe erfolgen konnte, muß die
    körperliche Berührung, das Handanlegen voraussetzen. Eine
    Frau berühren ist im Sprachgebrauch ein Euphemismus für
    ihre Benützung als Sexualobjekt geworden. Das Glied nicht
    berühren ist der Wortlaut des Verbotes der autoerotischen
    Befriedigung. Da die Zwangsneurose zu Anfang die erotische
    Berührung, dann nach der Regression die als Aggression
    maskierte Berührung verfolgte, ist nichts anderes für sie in so
    hohem Grade verpönt worden, nichts so geeignet, zum Mittel-
    punkt eines Verbotssystems zu werden. Die Isolierung ist
    aber Aufhebung der Kontaktmöglichkeit, Mittel, ein Ding
    jeder Berührung zu entziehen, und wenn der Neurotiker auch

  • S.

    245

    einen Eindruck oder eine Tätigkeit durch eine Pause isoliert,
    gibt er uns symbolisch zu verstehen, daß er die Gedanken an
    sie nicht in assoziative Berührung mit anderen kommen
    lassen will.

    So weit reichen unsere Untersuchungen über die Symptom-
    bildung. Es verlohnt sich kaum, sie zu resumieren, sie sind
    ergebnisarm und unvollständig geblieben, haben auch wenig
    gebracht, was nicht schon früher bekannt gewesen wäre. Die
    Symptombildung bei anderen Affektionen als bei den Pho-
    bien, der Konversionshysterie und der Zwangsneurose in
    Betracht zu ziehen, wäre aussichtslos; es ist zu wenig darüber
    bekannt. Aber auch schon aus der Zusammenstellung dieser
    drei Neurosen erhebt sich ein schwerwiegendes, nicht mehr
    aufzuschiebendes Problem. Für alle drei ist die Zerstörung
    des Ödipus‑Komplexes der Ausgang, in allen, nehmen wir an,
    die Kastrationsangst der Motor des Ichsträubens. Aber nur in
    den Phobien kommt solche Angst zum Vorschein, wird sie
    eingestanden. Was ist bei den zwei anderen Formen aus ihr
    geworden, wie hat das Ich sich solche Angst erspart? Das
    Problem verschärft sich noch, wenn wir an die vorhin er-
    wähnte Möglichkeit denken, daß die Angst durch eine Art
    Vergärung aus der im Ablauf gestörten Libidobesetzung
    selbst hervorgeht, und weiters: steht es fest, daß die Kastra-
    tionsangst der einzige Motor der Verdrängung (oder Abwehr)
    ist? Wenn man an die Neurosen der Frauen denkt, muß man
    das bezweifeln, denn so sicher sich der Kastrationskomplex
    bei ihnen konstatieren läßt, von einer Kastrationsangst im
    richtigen Sinne kann man bei bereits vollzogener Kastration
    doch nicht sprechen.

    VII

    Kehren wir zu den infantilen Tierphobien zurück, wir ver-
    stehen diese Fälle doch besser als alle anderen. Das Ich muß