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    XI) NACHTRÄGE

    Im Laufe dieser Erörterungen sind verschiedene Themen
    berührt worden, die vorzeitig verlassen werden mußten und
    die jetzt gesammelt werden sollen, um den Anteil Aufmerk-
    samkeit zu erhalten, auf den sie Anspruch haben.

    A

    Modifikationen früher geäußerter Ansichten

    a) Widerstand und Gegenbesetzung

    Es ist ein wichtiges Stück der Theorie der Verdrängung,
    daß sie nicht einen einmaligen Vorgang darstellt, sondern
    einen dauernden Aufwand erfordert. Wenn dieser entfiele,
    würde der verdrängte Trieb, der kontinuierlich Zuflüsse aus
    seinen Quellen erhält, ein nächstes Mal denselben Weg ein-
    schlagen, von dem er abgedrängt wurde, die Verdrängung
    würde um ihren Erfolg gebracht oder sie müßte unbestimmt
    oft wiederholt werden. So folgt aus der kontinuierlichen
    Natur des Triebes die Anforderung an das Ich, seine Abwehr-
    aktion durch einen Daueraufwand zu versichern. Diese
    Aktion zum Schutz der Verdrängung ist es, die wir bei der
    therapeutischen Bemühung als Widerstand verspüren.
    Widerstand setzt das voraus, was ich als Gegenbe-
    setzung bezeichnet habe. Eine solche Gegenbesetzung wird
    bei der Zwangsneurose greifbar. Sie erscheint hier als Ich-
    veränderung, als Reaktionsbildung im Ich, durch Verstärkung
    jener Einstellung, welche der zu verdrängenden Triebrichtung
    gegensätzlich ist (Mitleid, Gewissenhaftigkeit, Reinlichkeit).
    Diese Reaktionsbildungen der Zwangsneurose sind durchweg
    Übertreibungen normaler, im Verlauf der Latenzzeit entwickelter 

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    wickelterCharakterzüge. Es ist weit schwieriger, die Gegen-
    besetzung bei der Hysterie aufzuweisen, wo sie nach der
    theoretischen Erwartung ebenso unentbehrlich ist. Auch hier
    ist ein gewisses Maß von Ichveränderung durch Reaktions-
    bildung unverkennbar und wird in manchen Verhältnissen
    so auffällig, daß es sich der Aufmerksamkeit als das Haupt-
    symptom des Zustandes aufdrängt. In solcher Weise wird
    z. B. der Ambivalenzkonflikt der Hysterie gelöst, der Haß
    gegen eine geliebte Person wird durch ein Übermaß von
    Zärtlichkeit für sie und Ängstlichkeit um sie niedergehalten.
    Man muß aber als Unterschiede gegen die Zwangsneurose
    hervorheben, daß solche Reaktionsbildungen nicht die allge-
    meine Natur von Charakterzügen zeigen, sondern sich auf
    ganz spezielle Relationen einschränken. Die Hysterika z. B.,
    die ihre im Grunde gehaßten Kinder mit exzessiver Zärtlich-
    keit behandelt, wird darum nicht im ganzen liebesbereiter als
    andere Frauen, nicht einmal zärtlicher für andere Kinder.
    Die Reaktionsbildung der Hysterie hält an einem bestimmten
    Objekt zähe fest und erhebt sich nicht zu einer allgemeinen
    Disposition des Ichs. Für die Zwangsneurose ist gerade diese
    Verallgemeinerung, die Lockerung der Objektbeziehungen,
    die Erleichterung der Verschiebung in der Objektwahl charak-
    teristisch.

    Eine andere Art der Gegenbesetzung scheint der Eigenart
    der Hysterie gemäß zu sein. Die verdrängte Triebregung
    kann von zwei Seiten her aktiviert (neu besetzt) werden,
    erstens von innen her durch eine Verstärkung des Triebes aus
    seinen Erregungsquellen, zweitens von außen her
    durch die Wahrnehmung eines Objekts, das dem Trieb er-
    wünscht wäre. Die hysterische Gegenbesetzung ist nun vor-
    zugsweise nach außen gegen gefährliche Wahrnehmung ge
    richtet, sie nimmt die Form einer besonderen Wachsamkeit
    an, die durch Icheinschränkungen Situationen vermeidet, in

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    denen die Wahrnehmung auftreten müßte, und die es zu-
    standebringt, dieser Wahrnehmung die Aufmerksamkeit zu 
    entziehen, wenn sie doch aufgetaucht ist. Französische Auto-
    ren (Laforgue) haben kürzlich diese Leistung der 
    Hysterie durch den besonderen Namen „Skotomisation“ 
    ausgezeichnet. Noch auffälliger als bei Hysterie ist diese 
    Technik der Gegenbesetzung bei den Phobien, deren Interesse 
    sich darauf konzentriert, sich immer weiter von der Möglich-
    keit der gefürchteten Wahrnehmung zu entfernen. Der Gegen-
    satz in der Richtung der Gegenbesetzung zwischen Hysterie 
    und Phobien einerseits und Zwangsneurose anderseits scheint 
    bedeutsam, wenn er auch kein absoluter ist. Er legt uns nahe 
    anzunehmen, daß zwischen der Verdrängung und der äußeren 
    Gegenbesetzung, wie zwischen der Regression und der inneren 
    Gegenbesetzung (Ichveränderung durch Reaktionsbildung) ein 
    inniger Zusammenhang besteht. Die Abwehr der gefähr-
    lichen Wahrnehmung ist übrigens eine allgemeine Aufgabe 
    der Neurosen. Verschiedene Gebote und Verbote der Zwangs-
    neurose sollen der gleichen Absicht dienen.

    Wir haben uns früher einmal klargemacht, daß der Wider-
    stand, den wir in der Analyse zu überwinden haben, vom 
    Ich geleistet wird, das an seinen Gegenbesetzungen festhält. 
    Das Ich hat es schwer, seine Aufmerksamkeit Wahrnehmun-
    gen und Vorstellungen zuzuwenden, deren Vermeidung es 
    sich bisher zur Vorschrift gemacht hatte, oder Regungen als 
    die seinigen anzuerkennen, die den vollsten Gegensatz zu den '
    ihm als eigen vertrauten bilden. Unsere Bekämpfung des 
    Widerstandes in der Analyse gründet sich auf eine solche 
    Auffassung desselben. Wir machen den Widerstand bewußt, 
    wo er, wie so häufig, infolge des Zusammenhanges mit dem 
    Verdrängten selbst unbewußt ist; wir setzen ihm logische Argu-
    mente entgegen, wenn oder nachdem er bewußt geworden 
    ist, versprechen dem Ich Nutzen und Prämien, wenn es auf

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    den Widerstand verzichtet. An dem Widerstand des Ichs ist
    also nichts zu bezweifeln oder zu berichtigen. Dagegen fragt
    es sich, ob er allein den Sachverhalt deckt, der uns in der
    Analyse entgegentritt. Wir machen die Erfahrung, daß das
    Ich noch immer Schwierigkeiten findet, die Verdrängungen
    rückgängig zu machen, auch nachdem es den Vorsatz gefaßt
    hat, seine Widerstände aufzugeben, und haben die Phase
    anstrengender Bemühung, die nach solchem löblichen Vorsatz
    folgt, als die des „Durcharbeitens“ bezeichnet. Es liegt nun
    nahe, das dynamische Moment anzuerkennen, das ein solches
    Durcharbeiten notwendig und verständlich macht. Es kann
    kaum anders sein, als daß nach Aufhebung des Ichwider-
    standes noch die Macht des Wiederholungszwanges, die An-
    ziehung der unbewußten Vorbilder auf den verdrängten
    Triebvorgang, zu überwinden ist, und es ist nichts dagegen
    zu sagen, wenn man dies Moment als den Widerstand
    des Unbewußten bezeichnen will. Lassen wir uns solche
    Korrekturen nicht verdrießen; sie sind erwünscht, wenn sie
    unser Verständnis um ein Stück fördern, und keine Schande,
    wenn sie das frühere nicht widerlegen, sondern bereichern,
    eventuell eine Allgemeinheit einschränken, eine zu enge Auf-
    fassung erweitern.

    Es ist nicht anzunehmen, daß wir durch diese Korrektur
    eine vollständige Übersicht über die Arten der uns in der
    Analyse begegnenden Widerstände gewonnen haben. Bei
    weiterer Vertiefung merken wir vielmehr, daß wir fünf Arten
    des Widerstandes zu bekämpfen haben, die von drei Seiten
    herstammen, nämlich vom Ich, vom Es und vom Über‑Ich,
    wobei sich das Ich als die Quelle von drei in ihrer Dynamik
    unterschiedenen Formen erweist. Der erste dieser drei Ich-
    widerstände ist der von vorhin behandelte Verdrängungswiderstand, 
    über den am wenigsten Neues zu sagen
    ist. Von ihm sondert sich der Übertragungswiderstand,

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    der von der gleichen Natur ist, aber in der Analyse andere
    und weit deutlichere Erscheinungen macht, da es ihm gelungen
    ist, eine Beziehung zur analytischen Situation oder zur Person
    des Analytikers herzustellen und somit eine Verdrängung, die
    bloß erinnert werden sollte, wieder wie frisch zu beleben. Auch
    ein Ichwiderstand, aber ganz anderer Natur, ist jener, der
    vom Krankheitsgewinn ausgeht und sich auf die Ein-
    beziehung des Symptoms ins Ich gründet. Er entspricht dem
    Sträuben gegen den Verzicht auf eine Befriedigung oder
    Erleichterung. Die vierte Art des Widerstandes – den des Es
    – haben wir eben für die Notwendigkeit des Durcharbeitens
    verantwortlich gemacht. Der fünfte Widerstand, der des
    Über‑Ichs, der zuletzt erkannte, dunkelste, aber nicht
    immer schwächste, scheint dem Schuldbewußtsein oder Straf-
    bedürfnis zu entstammen; er widersetzt sich jedem Erfolg
    und demnach auch der Genesung durch die Analyse.

    b) Angst aus Umwandlung von Libido

    Die in diesem Aufsatz vertretene Auffassung der Angst
    entfernt sich ein Stück weit von jener, die mir bisher berech-
    tigt schien. Früher betrachtete ich die Angst als eine allge-
    meine Reaktion des Ichs unter den Bedingungen der Unlust,
    suchte ihr Auftreten jedesmal zu rechtfertigen und nahm an,
    gestützt auf die Untersuchung der Aktualneurosen, daß
    Libido (sexuelle Erregung), die vom Ich abgelehnt oder nicht
    verwendet wird, eine direkte Abfuhr in der Form der Angst
    findet. Man kann es nicht übersehen, daß diese verschiedenen
    Bestimmungen nicht gut zusammengehen, zum mindesten nicht
    notwendig aus einander folgen. Überdies ergab sich der An-
    schein einer besonders innigen Beziehung von Angst und
    Libido, die wiederum mit dem Allgemeincharakter der Angst
    als Unlustreaktion nicht harmonierte.

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    Der Einspruch gegen diese Auffassung ging von der Ten-
    denz aus, das Ich zur alleinigen Angststätte zu machen, war
    also eine der Folgen der im „Ich und Es“ versuchten Gliede-
    rung des seelischen Apparates. Der früheren Auffassung lag
    es nahe, die Libido der verdrängten Triebregung als die
    Quelle der Angst zu betrachten; nach der neueren hatte viel-
    mehr das Ich für diese Angst aufzukommen. Also Ich-Angst
    oder Trieb-(Es-)Angst. Da das Ich mit desexualisierter
    Energie arbeitet, wurde in der Neuerung auch der intime
    Zusammenhang von Angst und Libido gelockert. Ich hoffe,
    es ist mir gelungen, wenigstens den Widerspruch klar zu
    machen, die Umrisse der Unsicherheit scharf zu zeichnen.

    Die Ranksche Mahnung, der Angstaffekt sei, wie ich
    selbst zuerst behauptete, eine Folge des Geburtsvorganges und
    eine Wiederholung der damals durchlebten Situation, nötigte
    zu einer neuerlichen Prüfung des Angstproblems. Mit seiner
    eigenen Auffassung der Geburt als Trauma, des Angst-
    zustandes als Abfuhrreaktion darauf, jedes neuerlichen Angst-
    affekts als Versuch, das Trauma immer vollständiger „abzu-
    reagieren“, konnte ich nicht weiter kommen. Es ergab sich
    die Nötigung, von der Angstreaktion auf die Gefahrsituation 
    hinter ihr zurückzugehen. Mit der Einführung
    dieses Moments ergaben sich neue Gesichtspunkte für die
    Betrachtung. Die Geburt wurde das Vorbild für alle späteren
    Gefahrsituationen, die sich unter den neuen Bedingungen der
    veränderten Existenzform und der fortschreitenden psychi-
    schen Entwicklung ergaben. Ihre eigene Bedeutung wurde
    aber auch auf diese vorbildliche Beziehung zur Gefahr ein-
    geschränkt. Die bei der Geburt empfundene Angst wurde
    nun das Vorbild eines Affektzustandes, der die Schicksale
    anderer Affekte teilen mußte. Er reproduzierte sich entweder
    automatisch in Situationen, die seinen Ursprungssituationen
    analog waren, als unzweckmäßige Reaktionsform, nachdem

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    er in der ersten Gefahrsituation zweckmäßig gewesen war.
    Oder das Ich bekam Macht über diesen Affekt und reprodu-
    zierte ihn selbst, bediente sich seiner als Warnung vor der
    Gefahr und als Mittel, das Eingreifen des Lust‑Unlust-
    mechanismus wachzurufen. Die biologische Bedeutung des
    Angstaffekts kam zu ihrem Recht, indem die Angst als die
    allgemeine Reaktion auf die Situation der Gefahr anerkannt
    wurde; die Rolle des Ichs als Angststätte wurde bestätigt,
    indem dem Ich die Funktion eingeräumt wurde, den Angst-
    affekt nach seinen Bedürfnissen zu produzieren. Der Angst
    wurden so im späteren Leben zweierlei Ursprungsweisen
    zugewiesen, die eine ungewollt, automatisch, jedesmal ökono-
    misch gerechtfertigt, wenn sich eine Gefahrsituation analog
    jener der Geburt hergestellt hatte, die andere, vom Ich pro-
    duziert, wenn eine solche Situation nur drohte, um zu ihrer
    Vermeidung aufzufordern. In diesem zweiten Fall unterzog
    sich das Ich der Angst gleichsam wie einer Impfung, um
    durch einen abgeschwächten Krankheitsausbruch einem unge-
    schwächten Anfall zu entgehen. Es stellte sich gleichsam die
    Gefahrsituation lebhaft vor, bei unverkennbarer Tendenz,
    dies peinliche Erleben auf eine Andeutung, ein Signal, zu
    beschränken. Wie sich dabei die verschiedenen Gefahrsitua-
    tionen nacheinander entwickeln und doch genetisch mitein-
    ander verknüpft bleiben, ist bereits im einzelnen dargestellt
    worden. Vielleicht gelingt es uns, ein Stück weiter ins Ver-
    ständnis der Angst einzudringen, wenn wir das Problem des
    Verhältnisses zwischen neurotischer Angst und Realangst
    angreifen.

    Die früher behauptete direkte Umsetzung der Libido in
    Angst ist unserem Interesse nun weniger bedeutsam geworden.
    Ziehen wir sie doch in Erwägung, so haben wir mehrere
    Fälle zu unterscheiden. Für die Angst, die das Ich als Signal
    provoziert, kommt sie nicht in Betracht; also auch nicht in

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    all den Gefahrsituationen, die das Ich zur Einleitung einer
    Verdrängung bewegen. Die libidinöse Besetzung der ver-
    drängten Triebregung erfährt, wie man es am deutlichsten
    bei der Konversionshysterie sieht, eine andere Verwendung
    als die Umsetzung in und Abfuhr als Angst. Hingegen
    werden wir bei der weiteren Diskussion der Gefahrsituation
    auf jenen Fall der Angstentwicklung stoßen, der wahrschein-
    lich anders zu beurteilen ist.

    c) Verdrängung und Abwehr

    Im Zusammenhange der Erörterungen über das Angst-
    problem habe ich einen Begriff – oder bescheidener aus-
    gedrückt: einen Terminus – wieder aufgenommen, dessen
    ich mich zu Anfang meiner Studien vor dreißig Jahren aus-
    schließend bedient und den ich späterhin fallen gelassen
    hatte. Ich meine den des Abwehrvorganges.7 Ich ersetzte ihn
    in der Folge durch den der Verdrängung, das Verhältnis
    zwischen beiden blieb aber unbestimmt. Ich meine nun, es
    bringt einen sicheren Vorteil, auf den alten Begriff der Ab-
    wehr zurückzugreifen, wenn man dabei festsetzt, daß er die
    allgemeine Bezeichnung für alle die Techniken sein soll,
    deren sich das Ich in seinen eventuell zur Neurose führenden
    Konflikten bedient, während Verdrängung der Name einer
    bestimmten solchen Abwehrmethode bleibt, die uns infolge
    der Richtung unserer Untersuchungen zuerst besser bekannt
    worden ist.

    Auch eine bloß terminologische Neuerung will gerecht-
    fertigt werden, soll der Ausdruck einer neuen Betrachtungs-
    weise oder einer Erweiterung unserer Einsichten sein. Die
    Wiederaufnahme des Begriffes Abwehr und die Einschrän-
    kung des Begriffes der Verdrängung trägt nun einer Tatsache

    7)Siehe: Die Abwehr–Neuropsychosen [Ges. Schriften, Bd. I].

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    Rechnung, die längst bekannt ist, aber durch einige neuere
    Funde an Bedeutung gewonnen hat. Unsere ersten Erfahrun-
    gen über Verdrängung und Symptombildung machten wir
    an der Hysterie; wir sahen, daß der Wahrnehmungsinhalt
    erregender Erlebnisse, der Vorstellungsinhalt pathogener
    Gedankenbildungen, vergessen und von der Reproduktion
    im Gedächtnis ausgeschlossen wird, und haben darum in der
    Abhaltung vom Bewußtsein einen Hauptcharakter der
    hysterischen Verdrängung erkannt. Später haben wir die
    Zwangsneurose studiert und gefunden, daß bei dieser Affek-
    tion die pathogenen Vorfälle nicht vergessen werden. Sie
    bleiben bewußt, werden aber auf eine noch nicht vorstell-
    bare Weise „isoliert“, so daß ungefähr derselbe Erfolg er-
    zielt wird wie durch die hysterische Amnesie. Aber die
    Differenz ist groß genug, um unsere Meinung zu berechtigen,
    der Vorgang, mittels dessen die Zwangsneurose einen Trieb-
    anspruch beseitigt, könne nicht der nämliche sein wie bei
    Hysterie. Weitere Untersuchungen haben uns gelehrt, daß
    bei der Zwangsneurose unter dem Einfluß des Ichsträubens
    eine Regression der Triebbregungen auf eine frühere Libido-
    phase erzielt wird, die zwar eine Verdrängung nicht über-
    flüssig macht, aber offenbar in demselben Sinne wirkt wie
    die Verdrängung. Wir haben ferner gesehen, daß die auch
    bei Hysterie anzunehmende Gegenbesetzung bei der Zwangs-
    neurose als reaktive Ichveränderung eine besonders große
    Rolle beim Ichschutz spielt, wir sind auf ein Verfahren der
    „Isolierung“ aufmerksam worden, dessen Technik wir noch
    nicht angeben können, das sich einen direkten symptomati-
    schen Ausdruck schafft, und auf die magisch zu nennende
    Prozedur des „Ungeschehenmachens“, über deren abweh-
    rende Tendenz kein Zweifel sein kann, die aber mit dem
    Vorgang der „Verdrängung“ keine Ähnlichkeit mehr hat.
    Diese Erfahrungen sind Grund genug, den alten Begriff der

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    Abwehr wieder einzusetzen, der alle diese Vorgänge mit
    gleicher Tendenz – Schutz des Ichs gegen Triebansprüche
    – umfassen kann, und ihm die Verdrängung als einen
    Spezialfall zu subsumieren. Die Bedeutung einer solchen
    Namengebung wird erhöht, wenn man die Möglichkeit er-
    wägt, daß eine Vertiefung unserer Studien eine innige Zu-
    sammengehörigkeit zwischen besonderen Formen der Ab-
    wehr und bestimmten Affektionen ergeben könnte, z. B.
    zwischen Verdrängung und Hysterie. Unsere Erwartung
    richtet sich ferner auf die Möglichkeit einer anderen bedeut-
    samen Abhängigkeit. Es kann leicht sein, daß der seelische
    Apparat vor der scharfen Sonderung von Ich und Es, vor
    der Ausbildung eines Über-Ichs, andere Methoden der Ab-
    wehr übt als nach der Erreichung dieser Organisationsstufen.

    B 
    Ergänzung zur Angst

    Der Angstaffekt zeigt einige Züge, deren Untersuchung
    weitere Aufklärung verspricht. Die Angst hat eine unver-
    kennbare Beziehung zur Erwartung; sie ist Angst vor
    etwas. Es haftet ihr ein Charakter von Unbestimmtheit 
    und Objektlosigkeit an; der korrekte Sprach-
    gebrauch ändert selbst ihren Namen, wenn sie ein Objekt
    gefunden hat, und ersetzt ihn dann durch Furcht. Die
    Angst hat ferner außer ihrer Beziehung zur Gefahr eine
    andere zur Neurose, um deren Aufklärung wir uns seit lan-
    gem bemühen. Es entsteht die Frage, warum nicht alle
    Angstreaktionen neurotisch sind, warum wir so viele als
    normal anerkennen; endlich verlangt der Unterschied von
    Realangst und neurotischer Angst nach gründlicher Würdi-
    gung.

    Gehen wir von der letzteren Aufgabe aus. Unser Fortschritt 

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    bestand. in dem Rückgreifen von der Reaktion der
    Angst auf die Situation der Gefahr. Nehmen wir dieselbe
    Veränderung an dem Problem der Realangst vor, so wird
    uns dessen Lösung leicht. Realgefahr ist eine Gefahr, die wir
    kennen, Realangst die Angst vor einer solchen bekannten
    Gefahr. Die neurotische Angst ist Angst vor einer Gefahr,
    die wir nicht kennen. Die neurotische Gefahr muß also erst
    gesucht werden; die Analyse hat uns gelehrt, sie ist eine
    Triebgefahr. Indem wir diese dem Ich unbekannte Gefahr
    zum Bewußtsein bringen, verwischen wir den Unterschied
    zwischen Realangst und neurotischer Angst, können wir die
    letztere wie die erstere behandeln.

    In der Realgefahr entwickeln wir zwei Reaktionen, die
    affektive, den Angstausbruch, und die Schutzhandlung. Vor-
    aussichtlich wird bei der Triebgefahr dasselbe geschehen. Wir
    kennen den Fall des zweckmäßigen Zusammenwirkens beider
    Reaktionen, indem die eine das Signal für das Einsetzen der
    anderen gibt, aber auch den unzweckmifligen Fall, den der
    Angstlähmung, daß die eine sich auf Kosten der anderen
    ausbreitet.

    Es gibt Fälle, in denen sich die Charaktere von Realangst
    und neurotischer Angst vermengt zeigen. Die Gefahr ist be-
    kannt und real, aber die Angst vor ihr übermäßig groß,
    gröfer als sie nach unserem Urteil sein dürfte. In diesem
    Mehr verrät sich das neurotische Element. Aber diese Fälle
    bringen nichts prinzipiell Neues. Die Analyse zeigt, daß an
    die bekannte Realgefahr eine unerkannte Triebgefahr ge-
    knüpft ist.

    Wir kommen weiter, wenn wir uns auch mit der Zurück-
    führung der Angst auf die Gefahr nicht begnügen. Was ist
    der Kern, die Bedeutung der Gefahrsituation? Offenbar die
    Einschätzung unserer Stärke im Vergleich zu ihrer Größe,
    das Zugeständnis unserer Hilflosigkeit gegen sie, der materiellen 

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    Hilflosigkeit im Falle der Realgefahr, der psychischen
    Hilflosigkeit im Falle der Triebgefahr. Unser Urteil wird
    dabei von wirklich gemachten Erfahrungen geleitet werden;
    ob es sich in seiner Schätzung irrt, ist für den Erfolg gleich-
    giltig. Heißen wir eine solche erlebte Situation von Hilf-
    losigkeit eine traumatische; wir haben dann guten
    Grund, die traumatische Situation von der Gefahrsituation 
    zu trennen.

    Es ist nun ein wichtiger Fortschritt in unserer Selbst-
    bewahrung, wenn eine solche traumatische Situation von
    Hilflosigkeit nicht abgewartet, sondern vorhergesehen, er-
    wartet, wird. Die Situation, in der die Bedingung für solche
    Erwartung enthalten ist, heiße die Gefahrsituation, in ihr
    wird das Angstsignal gegeben. Dies will besagen ich erwarte,
    daß sich eine Situation von Hilflosigkeit ergeben wird, oder
    die gegenwärtige Situation erinnert mich an eines der früher
    erfahrenen traumatischen Erlebnisse. Daher antizipiere ich
    dieses Trauma, will mich benehmen, als ob es schon da wäre,
    solange noch Zeit ist, es abzuwenden. Die Angst ist also
    einerseits Erwartung des Traumas, anderseits eine gemilderte
    Wiederholung desselben. Die beiden Charaktere, die uns an
    der Angst aufgefallen sind, haben also verschiedenen Ur-
    sprung. Ihre Beziehung zur Erwartung gehört zur Gefahr-
    situation, ihre Unbestimmtheit und Objektlosigkeit zur
    traumatischen Situation der Hilflosigkeit, die in der Gefahr-
    Situation antizipiert wird.

    Nach der Entwicklung der Reihe: Angst – Gefahr – 
    Hilflosigkeit (Trauma) kónnen wir zusammenfassen: Die
    Gefahrsituation ist die erkannte, erinnerte, erwartete Situa-
    tion der Hilflosigkeit. Die Angst ist die ursprüngliche Reak-
    tion auf die Hilflosigkeit im Trauma, die dann später in der
    Gefahrsituation als Hilfssignal reproduziert wird. Das Ich,
    welches das Trauma passiv erlebt hat, wiederholt nun aktiv

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    eine abgeschwächte Reproduktion desselben, in der Hoff-
    nung, deren Ablauf selbsttätig leiten zu können. Wir
    wissen, das Kind benimmt sich ebenso gegen alle ihm pein-
    lichen Eindrücke, indem es sie im Spiel reproduziert; durch
    diese Art, von der Passivität zur Aktivität überzeugen,
    sucht es seine Lebenseindrücke psychisch zu bewältigen.
    Wenn dies der Sinn eines „Abreagierens“ des Traumas sein
    soll, so kann man nichts mehr dagegen einwenden. Das Ent-
    scheidende ist aber die erste Verschiebung der Angstreaktion
    von ihrem Ursprung in der Situation der Hilflosigkeit auf
    deren Erwartung, die Gefahrsituation. Dann folgen die
    weiteren Verschiebungen von der Gefahr auf die Bedingung
    der Gefahr, den Objektverlust und dessen schon erwähnte
    Modifikationen.

    Die „Verwöhnung“ des kleinen Kindes hat die un-
    erwünschte Folge, daß die Gefahr des Objektverlustes – das
    Objekt als Schutz gegen alle Situationen der Hilflosigkeit
    – gegen alle anderen Gefahren übersteigert wird. Sie begün-
    stigt also die Zurückhaltung in der Kindheit, der die mo-
    torische wie die psychische Hilflosigkeit eigen sind.

    Wir haben bisher keinen Anlaß gehabt, die Realangst
    anders zu betrachten als die neurotische Angst. Wir kennen
    den Unterschied; die Realgefahr droht von einem äußeren
    Objekt, die neurotische von einem Triebanspruch. Insoferne
    dieser Triebanspruch etwas Reales ist, kann auch die neuro-
    tische Angst als real begründet anerkannt werden. Wir haben
    verstanden, daß der Anschein einer besonders intimen Be-
    ziehung zwischen Angst und Neurose sich auf die Tatsache
    zurückführt, daß das Ich sich mit Hilfe der Angstreaktion
    der Triebgefahr ebenso erwehrt wie der äußeren Realgefahr,
    daß aber diese Richtung der Abwehrtätigkeit infolge einer
    Unvollkommenheit des seelischen Apparats in die Neurose
    ausläuft. Wir haben auch die Überzeugung gewonnen, daß

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    der Triebanspruch oft nur darum zur (inneren) Gefahr wird,
    weil seine Befriedigung eine äußere Gefahr herbeiführen
    würde, also weil diese innere Gefahr eine äußere repräsen-
    tiert.

    Andererseits muß auch die äußere (Real‑) Gefahr eine Ver-
    innerlichung gefunden haben, wenn sie für das Ich bedeut-
    sam werden soll; sie muß in ihrer Beziehung zu einer erleb-
    ten Situation von Hilflosigkeit erkannt werden.8 Eine in-
    stinktive Erkenntnis von außen drohender Gefahren scheint
    dem Menschen nicht oder nur in sehr bescheidenem Ausmaß
    mitgegeben worden zu sein. Kleine Kinder tun unaufhörlich
    Dinge, die sie in Lebensgefahr bringen, und können gerade
    darum das schützende Objekt nicht entbehren. In der Be-
    ziehung zur traumatischen Situation, gegen die man hilflos
    ist, treffen äußere und innere Gefahr, Realgefahr und Trieb-
    anspruch zusammen. Mag das Ich in dem einen Falle einen
    Schmerz, der nicht aufhören will, erleben, im anderen Falle
    eine Bedürfnisstauung, die keine Befriedigung finden kann,
    die ökonomische Situation ist für beide Fälle die nämliche
    und die motorische Hilflosigkeit findet in der psychischen
    Hilflosigkeit ihren Ausdruck.

    Die rätselhaften Phobien der frühen Kinderzeit verdie-
    nen an dieser Stelle nochmalige Erwähnung. Die einen von
    ihnen – Alleinsein, Dunkelheit, fremde Personen – konn-
    ten wir als Reaktionen auf die Gefahr des Objektverlusts

    8)Es mag oft genug vorkommen, daß in einer Gefahrsituation,
    die als solche richtig geschätzt wird, zur Realangst ein Stück
    Triebangst hinzukommt. Der Triebanspruch, vor dessen Befrie-
    digung das Ich zurückschreckt, wäre dann der masochistische, der
    gegen die eigene Person gewendete Destruktionstrieb. Vielleicht
    erklärt diese Zutat den Fall, daß die Angstreaktion übermäßig
    und unzweckmäßig, lähmend, ausfällt. Die Höhenphobien (Fenster,
    Turm, Abgrund) könnten diese Herkunft haben; ihre geheime
    feminine Bedeutung steht dem Masochismus nahe.

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    verstehen; für andere – kleine Tiere, Gewitter u. dgl. –
    bietet sich vielleicht die Auskunft, sie seien die verkümmer-
    ten Reste einer kongenitalen Vorbereitung auf die Real-
    gefahren, die bei anderen Tieren so deutlich ausgebildet ist.
    Für den Menschen zweckmäßig ist allein der Anteil dieser
    archaischen Erbschaft, der sich auf den Objektverlust bezieht.
    Wenn solche Kinderphobien sich fixieren, stärker werden und
    bis in späte Lebensjahre anhalten, weist die Analyse nach,
    daß ihr Inhalt sich mit Triebansprüchen in Verbindung ge-
    setzt hat, zur Vertretung auch innerer Gefahren geworden ist.

    C 
    Angst, Schmerz und Trauer

    Zur Psychologie der Gefühlsvorgänge liegt so wenig vor,
    daß die nachstehenden schüchternen Bemerkungen auf die
    nachsichtigste Beurteilung Anspruch erheben dürfen. An fol-
    gender Stelle erhebt sich für uns das Problem. Wir mußten
    sagen, die Angst werde zur Reaktion auf die Gefahr des
    Objektverlusts. Nun kennen wir bereits eine solche Reaktion
    auf den Objektverlust, es ist die Trauer. Also wann kommt
    es zur einen, wann zur anderen? An der Trauer, mit der
    wir uns bereits früher beschäftigt haben,9 blieb ein Zug
    völlig unverstanden, ihre besondere Schmerzlichkeit. Daß die
    Trennung vom Objekt schmerzlich ist, erscheint uns trotz-
    dem selbstverständlich. Also kompliziert sich das Problem
    weiter: Wann macht die Trennung vom Objekt Angst,
    wann Trauer und wann vielleicht nur Schmerz?

    Sagen wir es gleich, es ist keine Aussicht vorhanden, Ant-
    worten auf diese Fragen zu geben. Wir werden uns dabei
    bescheiden, einige Abgrenzungen und einige Andeutungen zu
    finden.

    9)Siehe: Trauer und Melancholie [Ges. Schriften, Bd. V].

  • S.

    296

    Unser Ausgangspunkt sei wiederum die eine Situation, die
    wir zu verstehen glauben, die des Säuglings, der anstatt
    seiner Mutter eine fremde Person erblickt. Er zeigt dann die
    Angst, die wir auf die Gefahr des Objektverlustes gedeutet
    haben. Aber sie ist wohl komplizierter und verdient eine
    eingehendere Diskussion. An der Angst des Säuglings ist
    zwar kein Zweifel, aber Gesichtsausdruck und die Reaktion
    des Weinens lassen annehmen, daß er außerdem noch
    Schmerz empfindet. Es scheint, daß bei ihm einiges zusam-
    menfließt, was später gesondert werden wird. Er kann das
    zeitweilige Vermissen und den dauernden Verlust noch nicht
    unterscheiden; wenn er die Mutter das eine Mal nicht zu
    Gesicht bekommen hat, benimmt er sich so, als ob er sie nie
    wieder sehen sollte, und es bedarf wiederholter tröstlicher
    Erfahrungen, bis er gelernt hat, daß auf ein solches Ver-
    schwinden der Mutter ihr Wiedererscheinen zu folgen pflegt.
    Die Mutter reift diese für ihn so wichtige Erkenntnis, indem
    sie das bekannte Spiel mit ihm aufführt, sich vor ihm das
    Gesicht zu verdecken und zu seiner Freude wieder zu ent-
    hüllen. Er kann dann sozusagen Sehnsucht empfinden, die
    nicht von Verzweiflung begleitet ist.

    Die Situation, in der er die Mutter vermißt, ist infolge
    seines Mißverständnisses für ihn keine Gefahrsituation, son-
    dern eine traumatische, oder richtiger, sie ist eine trauma-
    tische, wenn er in diesem Moment ein Bedürfnis verspürt,
    das die Mutter befriedigen soll; sie wandelt sich zur Gefahr-
    situation, wenn dies Bedürfnis nicht aktuell ist. Die erste
    Angstbedingung, die das Ich selbst einführt, ist also die des
    Wahrnehmungsverlustes, die der des Objektverlustes gleich-
    gestellt wird. Ein Liebesverlust kommt noch nicht in Be-
    tracht. Später lehrt die Erfahrung, daß das Objekt vorhan-
    den bleiben, aber auf das Kind böse geworden sein kann,
    und nun wird der Verlust der Liebe von seiten des Ob-

  • S.

    297

    jekts zur neuen, weit beständigeren Gefahr und Angst-
    bedingung. 

    Die traumatische Situation des Vermissens der Mutter
    weicht in einem entscheidenden Punkte von der traumati-
    schen Situation der Geburt ab. Damals war kein Objekt vor-
    handen, das vermißt werden konnte. Die Angst blieb die
    einzige Reaktion, die zustande kam. Seither haben wieder-
    holte Befriedigungssituationen das Objekt der Mutter ge-
    schaffen, das nun im Falle des Bedürfnisses eine intensive,
    „sehnsüchtig“ zu nennende Besetzung erfährt. Auf diese
    Neuerung ist die Reaktion des Schmerzes zu beziehen. Der
    Schmerz ist also die eigentliche Reaktion auf den Objekt-
    verlust, die Angst die auf die Gefahr, welche dieser Verlust
    mit sich bringt, in weiterer Verschiebung auf die Gefahr des
    Objektverlustes selbst.

    Auch vom Schmerz wissen wir sehr wenig. Den einzig
    sicheren Inhalt gibt die Tatsache, daß der Schmerz – zu-
    nächst und in der Regel – entsteht, wenn ein an der Peri-
    pherie angreifender Reiz die Vorrichtungen des Reizschutzes
    durchbricht und nun wie ein kontinuierlicher Triebreiz
    wirkt, gegen den die sonst wirksamen Muskelaktionen, welche
    die gereizte Stelle dem Reiz entziehen, ohnmächtig bleiben.
    Wenn der Schmerz nicht von einer Hautstelle, sondern von
    einem inneren Organ ausgeht, so ändert das nichts an der
    Situation; es ist nur ein Stück der inneren Peripherie an die
    Stelle der äußeren getreten. Das Kind hat offenbar Gelegen-
    heit, solche Schmerzerlebnisse zu machen, die unabhängig
    von seinen Bedürfniserlebnissen sind. Diese Entstehungsbedin-
    gung des Schmerzes scheint aber sehr wenig Ähnlichkeit mit
    einem Objektverlust zu haben, auch ist das für den Schmerz
    wesentliche Moment der peripherischen Reizung in der Sehn-
    suchtssituation des Kindes völlig entfallen. Und doch kann
    es nicht sinnlos sein, daß die Sprache den Begriff des inneren, 

  • S.

    298

    des seelischen Schmerzes geschaffen hat und die Empfin-
    dungen des Objektverlusts durchaus dem körperlichen
    Schmerz gleichstellt.

    Beim körperlichen Schmerz entsteht eine hohe, narzißtisch
    zu nennende Besetzung der schmerzenden Körperstelle, die
    immer mehr zunimmt und sozusagen entleerend auf das Ich
    wirkt. Es ist bekannt, daß wir, bei Schmerzen in inneren
    Organen, räumliche und andere Vorstellungen von solchen
    Körperteilen bekommen, die sonst im bewußten Vorstellen
    gar nicht vertreten sind. Auch die merkwürdige Tatsache,
    daß die intensivsten Körperschmerzen bei psychischer Ab-
    lenkung durch ein andersartiges Interesse nicht zustande
    kommen (man darf hier nicht sagen: unbewußt bleiben),
    findet in der Tatsache der Konzentration der Besetzung auf
    die psychische Repräsentanz der schmerzenden Körperstelle
    ihre Erklärung. Nun scheint in diesem Punkt die Analogie
    zu liegen, die die Übertragung der Schmerzempfindung auf
    das seelische Gebiet gestattet hat. Die intensive, infolge ihrer
    Unstillbarkeit stets anwachsende Sehnsuchtsbesetzung des
    vermißten (verlorenen) Objekts schafft dieselben ökonomi-
    schen Bedingungen wie die Schmerzbesetzung der verletzten
    Körperstelle und macht es möglich, von der peripherischen
    Bedingtheit des Körperschmerzes abzusehen! Der Übergang
    vom Körperschmerz zum Seelenschmerz entspricht dem
    Wandel von narzißtischer zur Objektbesetzung. Die vom
    Bedürfnis hochbesetzte Objektvorstellung spielt die Rolle der
    von dem Reizzuwachs besetzten Körperstelle. Die Kontinui-
    tät und Unhemmbarkeit des Besetzungsvorganges bringen den
    gleichen Zustand der psychischen Hilflosigkeit hervor. Wenn
    die dann entstehende Unlustempfindung den spezifischen,
    nicht näher zu beschreibenden Charakter des Schmerzes trägt,
    anstatt sich in der Reaktionsform der Angst zu äußern, so
    liegt es nahe, dafür ein Moment verantwortlich zu machen,

  • S.

    299

    das sonst von der Erklärung noch zu wenig in Anspruch
    genommen wurde, das hohe Niveau der Besetzungs-
    und Bindungsverhältnisse, auf dem sich diese zur Unlustempfin-
    dung führenden Vorgänge vollziehen.

    Wir kennen noch eine andere Gefühlsreaktion auf den
    Objektverlust, die Trauer. Ihre Erklärung bereitet aber keine
    Schwierigkeiten mehr. Die Trauer entsteht unter dem Einfluß
    der Realitätsprüfung, die kategorisch verlangt, daß man sich
    von dem Objekt trennen müsse, weil es nicht mehr besteht.
    Sie hat nun die Arbeit zu leisten, diesen Rückzug vom Ob-
    jekt in all den Situationen durchzuführen, in denen das Ob-
    jekt Gegenstand hoher Besetzung war. Der schmerzliche
    Charakter dieser Trennung fügt sich dann der eben gegebe-
    nen Erklärung durch die hohe und unerfüllbare Sehnsuchts-
    besetzung des Objekts während der Reproduktion der Situa-
    tionen, in denen die Bindung an das Objekt gelöst werden
    soll.